Bericht zur vDHd2021-Veranstaltung: Zukunftslabor DHd-Abstracts

0 Veröffentlicht von Timo Steyer am

von Peter Andorfer, Anna Busch, Fabian Cremer, Andreas Henrich, Patrick Helling, Harald Lordick, Dennis Mischke, Timo Steyer

Kontext

“Jede Community hat die Abstracts, die sie verdient?” Ausgehend von dieser provokanten Frage widmete sich der vDHd-Workshop “Die DHd-Abstracts im Zukunftslabor” den Potentialen der DHd-Konferenzabstracts und ihrer doppelten Funktion als digitale Publikationen und Datenquelle.

Die DHd-Konferenzabstracts sind das Schaufenster der Aktivitäten der digitalen Geisteswissenschaften im deutschsprachigen Raum und geben einen qualitätsgesicherten Stand der aktuellen Forschung wieder. Damit sind auch Indikatoren für aktuelle Trends in den Digital Humanities. Die Bedeutung der DHd-Abstracts geht daher wesentlich über ihren unmittelbaren Nutzen als Türöffner für die DHd-Jahrestagung und als Grundlage für das Tagungsprogramm hinaus.

Der inhaltliche Wert der Abstracts korrespondiert aber nicht unbedingt mit der Umsetzung der Abstracts als digitale Publikation bzw. als Datenpublikation. So sind die einzelnen Abstracts (noch) nicht als autonome und referenzierbare Publikationen verfügbar. Die Abstracts könnten aber noch mehr: mit qualitätsgesicherten Metadaten, Normdatenanreicherung und offen lizenzierten XML-Daten werden aus den Abstracts die zukünftigen Forschungsdaten, nicht nur für eine Wissenschaftsgeschichte der DH. Die DHd-Abstracts könnten so zum Innovationstreiber der digitalen Konferenzpublikationen werden.

Im Rahmen der vDHd-Veranstaltung wurden die Abstracts hinsichtlich ihrer Entwicklungspotentiale und den damit verbundenen Aufwänden diskutiert. Die Veranstaltung zeigte die vielfältigen Möglichkeiten und notwendigen Aktivitäten auf, die DHd-Abstracts auf ein neues Publikationslevel zu heben: angereichert, ausgezeichnet, disambiguiert, indexierbar, nachhaltig, maschinenlesbar, referenzierbar oder kurz: besser, offener, reputierlicher. Dieser Beitrag fasst die Ergebnisse der Veranstaltung zusammen und gibt einen Ausblick, wie die entwickelten Ideen in konkrete Handlungen umgesetzt werden können.

Impulse

Zu Beginn der Veranstaltung wurde die DHd-Abstracts und ihre Potentiale in sieben Impulsvorträgen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Ziel der Vorträge war es, ein gemeinsames Verständnis des Workshopthemas zu schaffen und gleichzeitig die unterschiedlichen Initiativen, die zu den Abstracts bisher existierten, zusammenzubringen. Die Impulsbeiträge lieferten außerdem einige Erkenntnisse und Hypothesen:

Entwicklung der DHd-Abstracts @Fabian Cremer 2021

– In einer sehr kurzen Geschichte der DHd-Abstracts zeigt Fabian Cremer, dass die DHd-Abstracts zwar kontinuierlich weiterentwickelt wurden, aber seit 2016 jenseits eines zitierfähigen PDF-Derivats nur wenig Innovation geschah. Hier könnte eine community-getriebene Weiterentwicklung den Prozess deutlich beschleunigen.

– Im Rahmen eines Hackathons auf der DHd-Jahrestagung 2019 wurde die dhd-boas-app von Peter Andorfer entwickelt. Die Webapplikation zeigt zum einen durch neue explorative Zugänge die Potentiale der DHd-Abstracts in ihrer Form als angereicherte und normierte Datenpublikation auf. Zum anderen wurden aber auch die Schwachstelle der fehlenden bzw. fehlerhaften Meta- und Normdaten offengelegt.

– Den Aspekt der Normdaten griff Harald Lordick in seinem Impulsvortrag auf und betrachtete die DHd-Abstracts hinsichtlich ihrer Erschließung in der DH(d)-Konferenzbeiträge-Bibliographie. Diese Bibliographie ist gedacht als Recherche-Einstieg für die DH-Community. Für eine intensive Vernetzung einer Konferenzbeträge unterschiedlicher Konferenzbeiträge sollten die DHd-Abstracts stärker mit Normdaten, wie z. B. ORCID- oder GND-Auszeichnungen, angereichert werden.

– In seinem Videobeitrag zeigt Scott B. Weingart den gemeinsam mit Nickoal Eichmann-Kalwara und Matthew Lincoln betreuten Index of Digital Humanities Conferences, der mit seiner strukturierten Erfassung von Konferenzabstracts eine wertvolle internationale Datensammlung darstellt. Für eine Aufnahme der DHd-Abstracts in diese größte Sammlung an DH-Beiträgen bedarf es unterschiedlicher Normierungsprozesse, da u.a. jedes Abstracts als eigenständige Publikation referenzierbar sein muss.

– Aus der Perspektive der Informatik unterfragte Andreas Henrich das Format der DHd-Abstracts. Das Format der Abstract kann als Zwitter beschrieben werden – für reine Abstracts, die Übersicht über eine Konferenz geben sollen, sind die Abstracts zu ausführlich – für long papers sind sie dagegen zu kurz und entsprechen auch nicht den technischen Anforderungen an vollwertige digitale Publikationen. Auch die Sichtbarkeit der Paper ist aus der Perspektive der Informatik nicht ausreichend.

– Der DHd Data Steward Patrick Helling berichtete über die Kurationsmaßnahmen zu den Abstracts vergangener Konferenzen, die nun als individuelle Publikationen mit persistenter Zitierbarkeit via der Zenodo-Community der DHd verfügbar sind. Inzwischen sind die vergangenen Abstracts auch als XML-Dateien in Publikationspaketen via github verfügbar. Damit steht der Community erstmals diese reichhaltige Datensammlung frei zur Verfügung.

– Aktuelle Neuerungen bei den Abstracts im Kontext der DHd2022 konnten Anna Busch und Dennis Mischke vorstellen. So werden die Abstracts in Zukunft auch als individuelle Publikationen mit persistenter Zitierbarkeit innerhalb der Zenodo-Community des DHd-Verbandes verfügbar sein. Für die DHd2022 werden zudem ORCID-Angaben zulässig sein sowie die Zugänglichkeit und die Formate der Abstracts überarbeitet.

Leitfragendiskussion

An den vorgestellten Impulsbeiträgen schloss sich zwei Diskussionsrunden in separaten Gruppen an. Die erste Gruppe betrachtete die DHd-Abstracts in ihren Potentialen als vollwertige Publikationen, die zweite Gruppe diskutierte die DHd-Abstracts als Datenpublikation. Beide Gruppen diskutierten anhand der Leitfragen, welche aktuellen und zukünftigen Anforderungen an die Abstracts gestellt werden. Daraus resultierten konkrete Empfehlungen und Handlungsvorschläge, welche für die Abstracts sowohl kurzfristig wie auch langfristig umgesetzt werden können. Einen Überblick über die diskutierten Punkte liefert das verwendete Board.

Eigener Screenshot des im Workshops eingesetzten Flinga-Boards

Synthese

Aus der Synthese von Impulsvortägen und Leitfragendiskussionen konnten folgende fünf Ergebnisse identifiziert werden:

1. Optimierung der Normdaten
Eine stärkere Berücksichtigung von Normdaten wird zu sauberen Metadaten führen und die Abstracts als Datenpublikation verbessern. Auf dieser Gundlage könnten Auswertungen, z.B. dynamische Visualierungen, zu den beteiligten Autor:innen, ihren Institutionen und den inhaltlichen Kategorien der Beiträge generiert werden. Nimmt man ferner auch bibliographische Angaben in den Blick, könnte aus den Abstracts ein Korpus der Digital Humanities Literatur gewonnen werden. Ein erster Schritt stellt die (verpflichtende) Angabe von ORCID iDs für Autor:innnen dar. Darüber hinaus könnte die Einbettung der GND z. B. für Insitutionen angestrebt werden.

2. Ausweitung der Sichtbarkeit
Eine stärkere Wahrnehmung der Abstracts als Publikation ist nur durch eine bessere, interdisziplinäre und internationale Sichtbarkeit möglich. Durch die Eintragung der Abstracts in die Zenodo-Community des DHd-Verbandes ist es bereits möglich, die Abstracts über DOIs einzeln zu referenzieren. Darüber hinaus sollten die Abstracts aber auch bibliothekarisch erfasst werden und so in den bekannten Verbundssystemen sowie Suchmaschinen wie GoogleScholar recherchierbar sein. Auch ein Nachweis in Online-Bibliographien in Fächern der Informatik und den “traditionellen” Geisteswissenschaften würde die Wahrnehmung deutlich steigern. Eine Zusammenarbeit mit der dblp computer science bibliography, die die Abstracts nachweisen wird, steht hier in Aussicht.

3. Differenzierung
Eine Aufwertung der Abstracts ist verbunden mit der Frage, ob die Bezeichnung Abstracts überhaupt noch zutreffend und der Reputation des Formates dienlich ist. Aufgewerte Abstracts im Sinne von long paper dienen dann nicht mehr als Grundlage für die Orientierung innerhalb des Tagungsprogramms – dafür bedarf es Abstracts der Abstracts. Ungenommen transportiert aber auch nicht jede Einreichung neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder hat innovativen Charakter. Im Format der Workshops wird eher der Umgang mit Tools, die Anwendung von Methoden oder der wissenschaftliche Austausch praktiziert. Poster stellen Ideen und Projekte vor und entsprechen eher dem Charakter eines short paper. Im Gegensatz dazu eignen sich die Abstracts zu den Vorträgen gut für einen Ausbau zu einem long Paper. Es gilt hier also stärker zu differenzieren und auch entsprechende Publikationsstrategien zu entwerfen. In diesem Kontext wäre das Feedback der Community besonders wichtig, da es auch sein kann, dass die Publikation vollwertiger Artikel in renommierten Journals als erstrebenswerter betrachtet wird. Gleichzeitig muss refelktiert werden, ob durch die Aufwertung der Vorträge andere Beitragsformate abgewertet oder benachteiligt werden könnten oder eine unerwünschte Barriere für eine Einreichung geschaffen wird.

4. Openness
Ebenfalls verbunden mit der Aufwertung der Paper ist der Aspekt der Openness, sowie die Position der DH-Community zu Open Science und zu einer transparenten Wissenschaft. Openness betrifft dabei nicht nur die Metadaten und die Abstracts selber, sondern auch die Reviews, der Reviewprozess und die abgelehnten Beiträge – was sollte (oder besser: was kann nicht) als offene Publikation veröffentlicht werden, um den gesamten Prozess transparent zu gestalten. In diesem Zusammenhang soll der Kontakt zur Taskforce gesucht werden, die sich gegenwärtig dem Thema Open Peer Review für die DHd-Jahrestagung annimmt.

5. Redaktion
Für die Umsetzung der genannten Punkten bedarf es redaktioneller Arbeit, die nicht alleine von der Community oder dem jeweiligen Tagungskomittee geleistet werden kann. Vielmehr bedarf es fester Strukturen, wie die Schaffnung des Data Steward eindrücklich gezeigt hat. Denkbar wäre, redaktionelle Anreicherungen einer Arbeitsgruppe zu übertragen, die sich in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Organisator:innen der jeweiligen Jahreskonferenz für die Aufbereitung und Veröffentlichung der DHd-Abstracts am Ende einer DHd-Jahreskonferenz verantwortlich zeigt – im Sinne einer Herausgeberschaft. Die redaktionelle Arbeit umfasst z. B. dabei die Bereitstellung und Pflege kontrollierter Vokabulare für Institutionen, die Pflege des XML-Schema, eine generelle Qualitätskontrolle der Abstracts als Datenpublikation (keine inhaltliche Bewertung), die Publikation der Abstracts sowie die Weiterentwicklung von Hilfsmitteln und seminautomatisierten Worflows für die Autor:innen.

Zukunft

Die aus dem Workshop entstandenen Ideen und Ziele möchten die Organisator:innen durch die Bildung einer festen Arbeitsgruppe bzw. Task Force weiter forcieren. Dabei soll der Kontakt für Interessierte aus der Community und zu der DHd AG Digitales Publizieren gesucht werden, um die Arbeitsgruppe auf ein breiteres Fundament zu stellen. Ziel ist die aktive, community-getriebene Unterstützung der lokalen Organisator:innen der DHd-Jahreskonferenzen bei der Verarbeitung und nachnutzbaren Publikation der einzelnen DHd-Abstracts. Im Fokus stehen dabei die (1) standardisierte und persistente Veröffentlichung von einzelnen Beiträgen zur Jahreskonferenz, die (2) nachhaltige Verfügbarmachung der Beiträge als Daten, die (3) technische und organisatorische Anreicherung der XML-Dateien mit weiteren Informationen sowie deren (4) Standardisierung. Nicht alle diese Ziele sind kurzfristig umsetzbar, auch werden neue Ziele hinzukommen, aber ein Ziel steht fest: Die DHd-Community soll die Abstracts bekommen, die sie verdient: innovativ, offen, qualitätsvoll.

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