CfI: Die (hyper-)diplomatische Transkription und ihre Erkenntnispotentiale

0 Veröffentlicht von Frederike Neuber am

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Der material turn hat den editionswissenschaftlichen Diskurs in den Philologien und den umliegenden Fächern tief durchdrungen, was nicht zuletzt vom digital turn der letzten Jahrzehnte zusätzlich befeuert wurde. Die informationstechnologisch paradigmatische Trennung von Daten und Präsentation, und die scheinbar vollständige Entkörperlichung des Textes in einer Codierung, die zugleich der exzessiven Befundverzeichnung scheinbar keine Grenzen mehr setzt, lenkt den Blick zurück auf die Körperlichkeit des Textes und seine mediale Ausformung. 

Heute zeigt sich in vielen Editionsprojekten die Tendenz, immer überlieferungsnähere Transkriptionen zu erstellen. Derlei diplomatische oder gar hyperdiplomatische Repräsentationsformen können beispielsweise paläografisch, linguistisch oder literaturwissenschaftlich motiviert sein sowie in Intensität und Fokus auf makro- oder mikroskripturale Phänomene (Layout vs. Schriftgestaltung, u.ä.) variieren. Das Ziel der Methode scheint in digitalen Editionen aber oftmals das gleiche: Die visuelle Nachahmung der originalen Schriftspur bzw. Dokumenttopografie oder die Konstruktion einer modellgeleiteten Form als schließlich edierter und publizierter Text im WWW, wobei die diplomatische Befundaufnahme die Grundlage mehrerer (normalisierender) Präsentationsschichten sein kann. 

Was in der Transkription maschinenlesbar und prozessierbar erfasst wird, mündet also zunächst in einer primär menschen-orientierten Präsentation bzw. in einem typografischen Ausdruck, den man in ähnlicher Form auch in Druckeditionen erstellen und der Leserschaft darbieten kann. Die durch die Codierung des diplomatischen Befundes entstandenen informationsreichen Daten und ihre analytischen Potentiale bleiben damit aber untergenutzt und die Editionen hinter ihren ‘digitalen Möglichkeiten’ zurück. 

Einerseits liegen unausgeschöpfte Potentiale in quantitativen Analysen des diplomatischen Befundes, beispielsweise in statistischen Auswertungen und Visualisierungen textkritischer Phänomene (z. B. Streichungen, Ersetzungen, u. ä.) oder gestalterischen Ausdrucksformen (z. B. Schriftarten, Schriftformen), die möglicherweise zu neuen Erkenntnissen über die Überlieferung führen (z.B. Chronologie bzw. Genese von Dokumenten, Schreiberidentifikation, Datierung). Andererseits kann man aus quantitativ-qualitativer Perspektive Kookkurrenzen materiell-visueller Phänomene und anderer Dimensionen von Text analysieren wie etwa den Zusammenhang zwischen Gestaltung und Textgenres (z. B. typografische Dispositive und literarisches Genre) oder zwischen linguistischer Textdimension und materialer Ausdrucksform (z. B. Sprach- und Schriftwechsel). Jenseits dieser konkreten Ansätze wäre sogar an Untersuchungen und Analysen zu denken, die bisher noch nicht einmal in Grundzügen erkennbar sind. Vielleicht kann die systematische Untersuchung von skriptografischen Phänomenen, Strukturen und Mustern in Verbindung mit Textsorten, Produktionsweisen oder historischen Bedingungen neue Einblicke in die Genese und Transmission von Texten eröffnen und Korrelationen und Abhängigkeiten dieser Dimensionen aufdecken. Neben derlei Verfahren kann eine analytische Perspektive aber auch die Nutzung einer Edition bereichern, z. B. wenn der diplomatische Befund als Index oder Informationsvisualisierung fungiert, über den ein materialzentrierter Zugang zu den edierten Quellen entsteht. 

Der für 5.-7. Februar 2020 geplante Workshop zu Erkenntnispotentialen (hyper-)diplomatischer Transkriptionen wird an der Bergischen Universität Wuppertal im Rahmen des Graduiertenkollegs 2196 “Dokument – Text – Edition” in Kooperation mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dem Institut für Dokumentologie und Editorik durchgeführt. Die Veranstaltung soll Expert/innen und Interessierte zusammenführen und den Themenkreis durch Präsentationen und Diskussionen zu allgemeinen theoretischen und methodischen Fragen sowie anhand von Fallbeispielen ausleuchten. Das Workshopformat wird durch gemeinsames praktisches Arbeiten an bereits bestehenden Daten in Form eines experimentell gestalteten Hackathons ergänzt.

Für den Workshop werden Beiträge der folgenden Arten gesucht:

  • Daten, d.h. detaillierte, quellennahe Transkriptionen
  • Analytische Fragestellungen an diplomatische Transkriptionen, die beispielsweise aus paläografischer, linguistischer, kulturwissenschaftlicher oder literaturwissenschaftlicher Perspektive kommen und algorithmisch zu operationalisieren wären 
  • Theoretische und methodische Ansätze, die nicht nur die Befundverzeichnung, sondern (vor allem) auch ihre Analysepotentiale betreffen
  • Fallbeispiele, d.h. konkrete Editionsprojekte, in denen das analytische Potential diplomatischer Transkriptionen fruchtbar gemacht werden soll

Interessierte werden gebeten, sich bis zum 6.11.2019 mit einer formlosen Mitteilung (½ Seite Beitragsbeschreibung) bei Frederike Neuber (neuber@bbaw.de) und/oder Patrick Sahle (sahle@uni-wuppertal.de) zu melden.

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