Nachlese zum Panel „Alles ist im Fluss – Ressourcen und Rezensionen in den Digital Humanities“ #dhd2018

1 Veröffentlicht von Frederike Neuber am

VerfasserInnen: Ulrike Henny-Krahmer, Frederike Neuber, Patrick Sahle und Franz Fischer.

Auf der Jahreskonferenz der Digital Humanities im deutschsprachigen Raum organisierte das Institut für Dokumentologie und Editorik (IDE) ein Panel mit dem Titel „Alles ist im Fluss – Ressourcen und Rezensionen in den Digital Humanities“. Angeregt durch das Tagungsthema „Kritik der digitalen Vernunft“  wurden dabei Mittel und Möglichkeiten von Rezensionen als Form der Kritik an digitalen Ressourcen als Grundlage und Ergebnis geisteswissenschaftlicher Forschung diskutiert.

Rezensionen als traditionelle Form der Kritik und des Diskurses in den Wissenschaften beziehen sich in aller Regel auf Forschungsergebnisse, die in gedruckter Form (z.B. Monografien und Textausgaben) publiziert sind. Bei den Forschungsergebnissen und -objekten der Digital Humanities handelt es sich dagegen um oftmals komplexe und vielschichtig konzipierte digitale Ressourcen, die etwa als digitalen Editionen und Textsammlungen, Bilddatenbanken und/oder spezifische Software (oft) kollaborativ erstellt werden und prinzipiell offen und erweiterbar sind. Bisher zeichnen sich die Digital Humanities nicht gerade durch ein besonders reges Rezensionswesen aus. Wenn digitale Forschung diskutiert wird, dann meist aus der Perspektive der einzelnen (,traditionellen’) Fächer. Zu den ersten Ansätzen, die digitale Ressourcen auch explizit aus der Perspektive der Digital Humanities in den Blick nehmen, zählen die Aktivitäten des IDE, das mit den Kriterienkatalogen zur Bewertung digitaler Ressourcen sowohl Richtlinien der Rezension vorschlägt als auch mit RIDE ein entsprechendes Publikationsorgan für die Besprechung digitaler Ressourcen gegründet hat. Im Kontext dieser Aktivitäten entstand die Idee, Errungenschaften, Desiderate und Problemfelder eines spezifisch digitalen Rezensionswesens im Rahmen eines Panels bei der DHd2018 in Köln in breiterer Runde zur Diskussion zu stellen.

Die PanelistInnen des Rezensions-Panels.

Die Einreichung das Panels organisierten Ulrike Henny-Krahmer (Moderation), Frederike Neuber, Patrick Sahle und Franz Fischer als Mitglieder des IDE und Mit-HerausgeberInnen von RIDE. Als PanelistInnen diskutierten Rüdiger Hohls (Humboldt-Universität Berlin), Anne Baillot (Université Le Mans), Christof Schöch (Universität Trier), Jürgen Hermes (Universität zu Köln) sowie Frederike Neuber (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) und Patrick Sahle (Universität zu Köln). Die Gruppe der DiskutantInnen auf dem Podium war also bunt gemischt, sowohl was den disziplinspezifischen Hintergrund der PanelistInnen (von Philologien und Geschichtswissenschaften bis hin zu Computerlinguistik) als auch was ihren Erfahrungsschatz im ‚Rezension-Herausgeben‘ und/oder ‚-Schreiben‘ angeht. Entsprechend verschieden waren die Perspektiven auf das Thema des Panels, die im folgenden einzeln dargestellt werden, bevor wesentliche Aspekte der anschließenden Diskussion zusammengefasst werden.

Panel-Beiträge

Als erster Panelist der Runde vertrat RÜDIGER HOHLS mit seinem Beitrag „Die Rezension analoger und digitaler Medien bei H-Soz-Kult“ das eher ‚traditionelle‘ Rezensionswesen. Auf H-Soz-Kult wurden seit 2003 mehr als 14.000 gedruckte Bücher rezensiert. Demgegenüber sind digitale Ressourcen als Rezensionsobjekte wesentlich weniger vertreten: Seit 2003 wurden rund 173 Webseiten rezensiert, seit 1999 insgesamt rund 200 digitale Veröffentlichungen, womit vor allem CD-ROMs gemeint sind. Insgesamt machen Rezensionen in H-Soz-Kult rund 10-20% aller Beiträge aus, wobei in den letzten Jahren ein leichter Rückgang zu beobachten sei, so Hohls. Gleichzeitig sei die Sparte „Rezensionen“ aber immer noch die populärste bei den Lesern von H-Soz-Kult, wie Nutzerstatistiken der Webseite nahelegen (und dabei sind diejenigen NutzerInnen, die Rezensionen über die Mailingliste beziehen und lesen, noch nicht einmal erfasst). Für den geringen Anteil von Rezensionen digitaler Forschungs(ergebnisse) gab Hohls verschiedene Gründe an: Zum einen fehle eine entsprechende Fachredaktion bei H-Soz-Kult, zum anderen sei aber auch die Doppelanforderung an die RezensentInnen ein Problem, da man sich sowohl mit Inhalt als auch mit Technik der Ressource auskennen müsse. Eine Handreichung für Web-Rezensionen zur Unterstützung der RezensentInnen habe mit 7,5 Seiten außerdem mittlerweile „das Ausmaß eines Ehevertrags angenommen“. Ein weiterer Grund für die geringe Anzahl von Rezensionen sei das fehlende Anreiz- und Belohnungssystem, denn schließlich könne man nicht wie bei Rezensionen von Büchern üblich ein Rezensionsexemplar an die RezensentInnen aushändigen. Abschließend nannte Hohls als Grund für die geringe Betrachtung digitaler Ressourcen auch die fehlende Reputation digitaler Ressourcen selbst.

Ebenfalls aus der herausgeberischen Praxis mit Rezensionen berichtete FREDERIKE NEUBER mit „RIDE und die Herausforderungen der Digitalität“. RIDE (A Review Journal for Digital Editions and Resources) wird seit 2014 vom IDE herausgegeben und zählt derzeit 45 Rezensionen zu digitalen wissenschaftlichen Editionen und digitalen Textsammlungen. Zum methodischen Rahmen von RIDE zählen Kriterienkataloge als Handreichungen für die RezensentInnen und formalisierte Fragebögen zur stichhaltigen Zusammenfassung der Ressourceneigenschaften. Bisher sind vom IDE zwei ‚ressourcenspezifische‘ Kriterienkataloge und Fragebögen – für digitale wissenschaftliche Editionen und digitale Textsammlungen – erarbeitet worden. Außerdem durchläuft jede Rezension einen Peer Review-Prozess. Laut Neuber haben die Rezensionen in RIDE durch Umfang und methodischer Reflexionstiefe eher den Charakter von Forschungsaufsätzen als von ‚handelsübliche Rezensionen‘. Als Hauptherausforderung für RezensentInnen und HerausgeberInnen in RIDE stellte Neuber die Veränderbarkeit digitaler Ressourcen heraus, denn Datengrundlage, User Interface, Features und Mitarbeiter seien variabel. Trotz dokumentarischer ‚Vorbeugungsmaßnahmen‘ (genauer Ausweis der Temporalität, Linkarchivierung und Screenshots) würde oftmals die „Ressource die Rezension überholen“, so Neuber. Dabei erläuterte sie beispielhaft Fälle in RIDE, bei denen die Rezensionen vor oder kurz nach der Veröffentlichung bereits ‚historisch‘ geworden waren, da die Ressourcen sich veränderten (z.B. Relaunch der Website). Neuber stellte die These zur Diskussion, dass die Rezensionen in RIDE und allgemein noch nicht ausreichend ‚digital gedacht‘ seien und verwies dabei auf die methodische Lücke zwischen Ressource und Rezension (z.B. die Ressource als prinzipiell erweiterbar, die Rezension als abgeschlossen). Sie schloss ihren Beitrag mit der Frage, ob denn die Rezension im digitalen Zeitalter mehr sein könne und müsse als eine Momentaufnahme und wenn ja, wie dies konkret umsetzbar sei. Zur Diskussion stellte sie dabei dialogisch-kontinuierliche Rezensionsformen, kollaborativ erstellte Rezensionen sowie den Einbezug der RessourcenbetreiberInnen, die möglicherweise durch eine offene Kommentarfunktion und/oder ‚kontrollierte‘ Updateberichte die Rezensionen ‚auf dem neuesten Stand‘ halten könnten.

Um „Daten als Rezensionsobjekte“ drehte sich der Beitrag von ANNE BAILLOT. Daten können Teil und Basis einer digitalen Ressource sein, aber auch eigenständig veröffentlicht werden. Als ‚neue Publikationsform‘ der digitalen Geisteswissenschaften folgen Daten bestimmten Erwartungsstandards, darunter etwa Nachnutzbarkeit, Überprüfbarkeit und Langzeitverfügbarkeit. Die Erhebung und Modellierung von Datensätzen werden in den Naturwissenschaften bereits in Data Papers diskutiert und auch die Digital Humanities nähern sich dieser Form der Veröffentlichung an (das Journal of the Text Encoding Initiative (jTEI) wird demnächst das erste Data Paper veröffentlichen). Wie bei der Rezension von digitalen Ressourcen im Allgemeinen stellt sich auch nach einer Evaluation von Daten die Frage, inwieweit Datensätze in der Folge überarbeitet werden und ob sie dann nicht auch erneut evaluiert werden müssten. Eine Möglichkeit, zu signalisieren, das ein Datensatz eine bestimmte Qualität erreicht hat, könnte z.B. die Ausweisung durch ein „Data Seal of Approval“ sein. Auch für Datensätze ist zu diskutieren, welche Begutachtungskriterien angesetzt werden sollten. Das jTEI hat für die Bewertung von Beiträgen, die als Data Paper eingereicht werden, entsprechende Kriterien erarbeitet. Die Idee, für eine Begutachtung von Daten das Einreichen eines Data Papers vorauszusetzen, hat mehrere positive Effekte: So wird ein Anreiz geschaffen, Daten zu veröffentlichen und zu dokumentieren. Außerdem wird dem Erstellen von Datensätzen selbst ein wissenschaftlicher Wert zugesprochen. Auf der anderen Seite führen die Data Papers dazu, dass neben den Daten an sich dann auch deren Beschreibung in Form des Aufsatzes begutachtet wird. Sowohl das Format der Data Paper als auch die Kriterien für deren Begutachtung befinden sich im Moment noch in einer Testphase.

Als vierter Referent thematisierte CHRISTOF SCHÖCH das „Spannungsfeld von (individuellen und kontextgebundenen) Projektzielen und best practise-Anforderungen“ und Erwartungsstandards an Ressourcen. Letztere werden etwa durch Kriterienkataloge etabliert. Schöch beschreibt die individuellen Projektgegebenheiten als nicht kodifizierbar und oft nicht in den besprochenen Ressourcen selbst transparent. Es stellt sich also die Frage, ob man überhaupt an Ressourcen, die aus unterschiedlichen Kontexten entspringen und sich beispielsweise auf verschiedene finanzielle und personelle Mittel stützen können, immer die gleichen technischen Maßstäbe (z.B. Verwendung von Standards, Usability, Langzeitverfügbarkeit) anlegen sollte. Laut Schöch bilde das fehlende Wissen über Hintergründe und Kontexte eines Projekts großes Potential für Fehlkommunikation zwischen Rezensent und Projekt, denn die Ressourcen werden nicht für die RezensentInnen gemacht, sondern folgen bestimmten Projektzielen. Unter anderem stellte Schöch die Frage zur Diskussion, inwiefern die Asymmetrie zwischen Projektzielen und Erwartungsstandards nicht auch auf die Rezension analoger Ressourcen zuträfe. Speziell in Bezug auf digitale Ressourcen schloss er seinen Beitrag mit Verweis auf das von Tessa Gengnagel in ihrem RIDE-Beitrag aufgeworfene ‚Beta-Dilemma‘ mit der Frage, wie Rezensionen mit der prinzipiellen ‚Unfertigkeit‘ digitaler Ressourcen umzugehen haben und wie sich Rezensionen und Kriterienkataloge auf die kontinuierliche Veränderung des state-of-the-art der technischen Realisierung digitaler Ressourcen in den DH einstellen könnten.

JÜRGEN HERMES zog in seinem Beitrag „Die Rezension als Prozess“ eine Verbindung zwischen Rezensionen und internen Peer Review-Prozessen. Beides seien Bewertungsprozesse, von denen der eine (Peer Review) in der überwiegenden Zahl der Fälle intern, nicht öffentlich und vor der Publikation stattfinde, der andere (Rezension) öffentlich und nach Veröffentlichung der entsprechenden Ressource. In beiden Fällen sprach sich Hermes für eine offene und konstruktive Kommunikation aus. Die Vorteile eines feingranularen, zeitnahen und barrierefreien intensiven Austauschs zwischen Rezensentin und Rezensierter seien nicht von der Hand zu weisen, bedürften allerdings eines gewissen Wandels der in den Geisteswissenschaften herrschenden Umgangsformen. Die digitalen Geisteswissenschaften könnten hier durchaus eine Vorreiterrolle spielen.

PATRICK SAHLE versuchte unter dem Beitragstitel „Prinzipien der Digitalität“ schließlich eine Art Vorzusammenfassung der im Panel thematisierten Aspekte unter Bezugnahme auf allgemeine Entwicklungstendenzen, wie sie auch in anderen Bereichen der Digitalisierung der Forschung zu beobachten sind. Er ging dazu auf drei Kernfragen ein. Zunächst waren die besonderen Aspekte digitaler Ressourcen als ‚moving targets‘ mit schlechter ‚Fassbarkeit‘ zu systematisieren. Hier müssen Rezensionen z.B. das Problem des ‚Status‘ einer Veröffentlichung (Entwurf, reif, unter Veränderung, abgeschlossen) und bei kollaborativen Arbeiten die verschiedenen Beiträge (Urheberschaften) berücksichtigen. Rezension ist schließlich auch eine Form der Kreditierung! Zu den Schwierigkeiten in der Beschreibung digitaler Ressourcen gehört dann aber auch die Bestimmung der wesentlichen Inhalte, die Unterscheidung zwischen Daten und Publikationsformen, der Abgleich mit allgemeinen Erwartungen und projektspezifischen Zielstellungen und Rahmenbedingungen, das Zusammenspiel zwische Inhalten, Methoden und technischen Lösungen sowie ggf. Ungleichmäßige Bearbeitungsstände aufgrund inkrementeller Vorgehensweisen. Es stellt sich auf dieser Befundlage die zweite Frage, ob wir es mit Funktionsverschiebungen bei Rezensionen digitaler Ressourcen zu tun haben? Als Teilfunktionen benannte Sahle die ‚Hinweisfunktion‘ (Bekanntmachung), den bibliografischen Nachweis, den Diskussionsbeitrag, die Aufgabe der Kanonisierung von best Practices, die Bekanntmachung von Innovation und die Dokumentation der Entwicklung der Forschung. Diese Teilfunktionen fallen bei näherer Betrachtung für die Besprechung von gedruckten Werken und von digitalen Ressourcen in ihrer Umsetzung und Bedeutung sehr unterschiedlich aus. Es sei deshalb als drittes zu fragen, ob „die Rezension“ nicht insgesamt neu zu denken sei.Hier wäre dann z.B. zu überlegen, ob sich ihr Charakter nicht von der ‚wissenschaftlichen Kleinform‘ zu echten Forschungsbeiträgen verändern müsse – mit entsprechenden Konsequenzen für die Kreditierung solcher Besprechungen für die Rezensenten. Dabei wäre zu diskutieren, ob eine Rezension eine Momentaufnahme oder ein fortlaufender Dialog sein sollte und wie Anreizsysteme geschaffen werden könnten, um das digitale Rezensionswesen zu beleben.

Diskussion

Im Anschluss an die Vorträge wurde auf dem Podium und mit dem Publikum diskutiert. Wesentliche Aspekte der Diskussion werden hier aufgegriffen:

Digitale Ressourcen zwischen Produzenten, Rezensenten und Rezipienten

Ein Diskussionspunkt auf dem Podium war die Frage, wer denn nun die primären Adressaten von Rezensionen sind oder – anders formuliert – wem es Rezensionen „recht machen“ sollen. In diesem Zusammenhang warf Neuber zu Schöchs ‚Asymmetriethese‘ ein, dass die Schuld für intransparente Projektkontexte einzig bei den Ressourcenbetreibern selbst läge, die diese in der Dokumentation einer Ressource oft nur unvollständig oder gar nicht explizit machen. Hingegen würden bestehende Handreichungen wie etwa die Kriterienkataloge des IDE bereits auf die Relativität zu Projektzielen und -ressourcen hinweisen. Hohls brachte einen weiteren Einwand ein, der die Berücksichtigung der Projektkontexte ausschließt: Rezensionen seien keine Dienstleistung für Produzenten, sondern in erster Linie eine für die Leserinnen und Leser. Während also Schöch hervorhob, dass Ressourcen nicht für Rezensionen, sondern für Projektziele entstehen und dadurch eine Asymmetrie zwischen allgemein formulierten Anforderungen und ‚Projektrealitäten‘ entstehe, setzte Hohls entgegen, Rezensionen hätten ausschließlich das ‚Produkt‘ zu bewerten und damit die Perspektive der Benutzung einer Ressource zu vertreten. Wie von Neuber hervorgehoben, zielt das IDE mit den Kriterienkatalogen auf eine mittlere Position: Diese sind vor allem auch als mögliches Spektrum von Aspekten aufzufassen, die bei einer Rezension besprochen werden können. Eine digitale Ressource soll dabei möglichst aus verschiedenen Perspektiven bewertet werden, z.B. neben der Präsentation von Inhalten auch der sonst schnell vernachlässigte Aspekt der Nachhaltigkeit in den Blick genommen werden. Zugleich wird darauf hingewiesen, dass der Kontext der Entstehung einer Ressource in eine Besprechung einfließen sollte (siehe bspw. den Abschnitt „Rahmenbedingungen“ im Kriterienkatalog für die Besprechung digitaler Editionen).

Grundsätzlich müsse laut Hohls die Leserperspektive stärker in den Blick genommen werden, denn „wer soll 20 Seiten Rezension lesen?“. Da Hohls sich damit auf die Länge der Beiträge in RIDE bezog, führte Henny-Krahmer an, es gäbe schließlich Kurzabstracts der Beiträge und den Questionnaire als Zusammenfassung, um den LeserInnen den Zugang zu längeren Rezensionen zu erleichtern. Sahle argumentierte weiter, eine zu kurze Rezension sei kein echter Forschungsbeitrag und die ausführlichen Beiträge in RIDE würden über die Beschreibung der Ressourcen hinaus auch der Sichtung und Diskussion der Entwicklungen und Best-Practices in den DH dienen. Weiter plädierte Sahle für eine entsprechende Kreditierung von tiefgehenden Rezensionen. Im Zuge der weiteren Diskussion auf dem Podium kristallisierte sich heraus, dass eine stärkere Unterscheidung von „Review“ als Kurzbeitrag und „Review-Essay“ als Forschungsartikel sowohl für die Kreditierung der Beiträge für die AutorInnen als auch für die Erwartungen der LeserInnen dienlich sein könnte.

Begutachtung von Daten

Das Thema der Begutachtung von Daten war ein weiterer Punkt, der in der Diskussion vom Publikum und den PanelistInnen mehrfach aufgegriffen wurde. So wurde grundsätzlich gefragt, warum Daten überhaupt begutachtet werden sollten. Wichtig sei es, zwischen einer Evaluation von Daten vor deren Veröffentlichung und einer Rezension nach einer Veröffentlichung zu unterscheiden. Dieser Hinweis aus dem Publikum deutet auf die Schwierigkeiten hin, die durch das ‚in den Fluss‘ geratene Rezensions- aber auch Publikationswesen entstehen. Bevor über angemessene Rezensionsformen von digitalen Ressourcen diskutiert werden kann, muss erst einmal geklärt werden, ab wann diese als publiziert und rezensionsreif gelten können. Andernfalls wäre eine Auflösung klarer Bereiche vor und nach der Publikation zu verzeichnen, die dann mit einem kontinuierlichen Prozess der Bereitstellung von digitalen Ressourcen und einer kontinuierlichen begleitenden Bewertung einhergehen würde, wobei nicht mehr klar zwischen einem Peer Review und einem klassischen Review nach der Veröffentlichung unterschieden werden könnte. Ein Open Peer Review etwa würde sich in einem solchen ‚Korridor‘ zwischen der Erarbeitung und der Besprechung digitaler Ressourcen abspielen.

Weiterhin wurde diskutiert, ob statt der Daten selbst nicht deren Dokumentation begutachtet werden sollte oder auch das Datenmodell oder -schema, welches den eigentlichen Datensätzen zugrunde liegt, also für TEI z.B. die Kodierungsrichtlinien oder eine ODD-Datei. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Daten selbst aus diversen Gründen nicht immer dem intendierten Schema entsprechen müssen oder können. Baillot bemerkte dazu, dass beide Aspekte wichtig seien, sowohl eine Bewertung der Qualität der Datensätze selbst als auch des Datenschemas.

Fazit

Einige der Thesen und Ideen, die in den Beiträgen skizziert wurden, konnten auf Grund der zeitlichen Begrenzung nicht mehr innerhalb des Panels besprochen werden. War die ursprüngliche Idee des Panels, über den Stand der Dinge und die mögliche Gestalt eines Rezensionswesens in den DH zu diskutieren, so zeigte sich in der Diskussion, dass zunächst grundlegende Fragen geklärt werden müssen, bevor über die konkrete Ausgestaltung eines Rezensionswesens überhaupt debattiert werden kann. Zu diesen grundlegenden Fragen zählt z.B. die Abgrenzung von Forschungsdaten und umfassenderen digitalen Publikationen sowie von verschiedenen Bewertungsformen wie Peer Review vs. Rezension.

So blieben im Hinblick auf ein Rezensionswesen der DH einige Fragen offen, die von den PanelistInnen aufgeworfen worden waren. Beispielsweise ist immer noch nicht klar, wie traditionelle Rezensionsorgane wie H-Soz-Kult mehr RezensentInnen auch für digitale Ressourcen gewinnen können. Im Besonderen müsste dabei auch eruiert werden, inwiefern digitale Forschungsergebnisse tatsächlich immer noch weniger akkreditiert sind als die klassische Monografie und ob die ungleiche Gewichtung die analoge Ressource für die Rezension möglicherweise ‚attraktiver‘ macht (Hohls). Ebenfalls nicht mehr im Panel zur Sprache gebracht werden konnten dynamische bzw. ‚digitalere‘ Formen der Rezension und ihre Sinn- oder Unsinnhaftigkeit für das Genre „Rezension“ (Neuber). Eine Gegenposition zu einer dynamischeren Ausgestaltung von Rezensionen besteht in der Auffassung von Rezensionen als Momentaufnahmen, mit denen punktuelle Zustände einer Ressource dokumentiert werden (Sahle). Diese sind dann vor allem als einzelner Diskussionsbeitrag zu einer Ressource zu verstehen, die Rezension würde die Ressource dann aber nicht zeitlebens begleiten und eben nur eine ‚momentane‘ Gültigkeit haben. Die grundsätzliche Frage, ob die Rezension weiterhin eine Momentaufnahme eines bestimmten Status einer digitalen Ressource sein kann oder ob sie sich in ihrer medialen Konzeption an die digitalen Rezensionsobjekte ‚angleichen‘ muss, steht also weiterhin zur Diskussion.

Das Panel hat gezeigt, dass das Thema der Rezension digitaler Ressourcen komplex ist, was auch an der Zusammensetzung des Podiums deutlich wurde. Die PanelistInnen vereinten zwar viele verschiedene Perspektiven auf das Thema, diese waren jedoch in ihrer Vielseitigkeit nicht immer leicht zu bündeln und füllten darüber hinaus den zeitlichen Rahmen der Session schon weitgehend aus. Es ist daher wünschenswert, den Dialog über Ressourcen und Rezensionen in den Digital Humanities in anderen Zusammenhängen fortzusetzen.

Weitere Informationen:
Abstract und Folien zum Panel.
– Kürzlich erschienen in der ZfdG: Henny, Ulrike: “Reviewing von digitalen Editionen im Kontext der Evaluation digitaler Forschungsergebnisse.” In: Digitale Metamorphose: Digital Humanities und Editionswissenschaft. Hg. von Roland S. Kamzelak / Timo Steyer. 2018 (= Sonderband der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften, 2). text/html Format. DOI: 10.17175/sb002_006.

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