Die Summe geisteswissenschaftlicher Methoden? Fachspezifisches Datenmanagement als Voraussetzung zukunftsorientierten Forschens (Bericht Panel AG Datenzentren, DHd 2018, Köln)

3 Veröffentlicht von Ulrike Wuttke am

Autorin: Ulrike Wuttke für die DHd-AG Datenzentren

Am 1. März 2018 hielt die DHd-AG Datenzentren im Rahmen der DHd 2018 Köln (Kritik der digitalen Vernunft, 26.02.-02-03.2018, Universität zu Köln) ein Panel unter dem Titel “Die Summe geisteswissenschaftlicher Methoden? Fachspezifisches Datenmanagement als Voraussetzung zukunftsorientierten Forschens” ab (Start Download des Book of Abstracts, PDF). Organisiert wurde das Panel von Katrin Moeller, Historisches Datenzentrum Sachsen Anhalt (Hist-Data) und moderiert von Ulrike Wuttke (Stellvertretende Vorsitzende der AG Datenzentren des DHd, Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Informationswissenschaften) und Jörg Wettlaufer (Göttingen Centre for Digital Humanities, Georg-August Universität Göttingen). Als PanelteilnehmerInnen nahmen neben Katrin Moeller teil: Marina Lemaire, Servicezentrum eSciences, Universität Trier, Matej Ďurčo, Austrian Center for Digital Humanities, Österreichische Akademie der Wissenschaften, und Patrick Sahle, Data Center for the Humanities (DCH), Universität zu Köln. Barbara Ebert, Leiterin der Göttinger Geschäftsstelle des Rats für Informationsinfrastrukturen (RfII), und Lukas Rosenthaler, Data and Service Center for the Humanities DaSCH, Universität Basel (DHLab) und Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, die ebenfalls angekündigt waren, mussten sich leider entschuldigen. Die Ziele des Panels waren die Darstellung der fachspezifischen Dienste der an der AG Datenzentren beteiligten Datenzentren und eine kritische Diskussion der Herausforderungen fachbezogenen Datenmanagements mit besonderem Fokus auf die Implementierung und Pflege von Standards in den (digitalen) Geisteswissenschaften.

Foto des Panels, CC BY 4.0 Vanessa Hannenschläger

Nach einer kurzen Einleitung des Panels und einer Kurzvorstellung der AG Datenzentren durch die beiden ModeratorInnen, stellte zunächst Katrin Moeller die vorläufigen Ergebnisse der Umfrage zu den Diensten und Services der an der AG beteiligten Datenzentren vor. Patrick Helling (CCeH, Universität zu Köln), der die Umfrage für die AG organisiert hat, konnte am Panel aufgrund seiner Verpflichtungen im Organisationskommitee der DHd 2018 nicht persönlich teilnehmen. Katrin Moeller fasste die Ergebnisse der Umfrage zusammen und unterstrich hierbei besonders die fachspezifischen Angebote der einzelnen in der AG vertretenen Infrastrukturen, die von Anwendungskonservierung digitaler Projekte, Datenrettung und Sicherung, Virtuellen Forschungsumgebungen, mandantenfähigen Forschungsumgebungen, über Softwareentwicklung und Schnittstellen reichen, bis hin zur Spezialisierung auf bestimmte Datentypen wie audio- und audiovisuelle Daten, qualitative Daten, Textmining und Wörterbücher, Corpora, Annotationen und Editionen, X-Technologien, Objekt- und Bilddaten, Semantic Web-Technologien und Personendaten, um nur einige herauszugreifen. Es ist vorgesehen, die Ergebnisse der Umfrage weiter aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, die hierdurch eine gute Übersicht in die bislang bestehenden Angebote zum geisteswissenschaftlichen Forschungsdatenmanagement im deutschsprachigen Raum gewinnen kann.

Der zweite Teil des Panels war der Diskussion zwischen den PanelistInnen und dem zahlreich erschienenen Publikum gewidmet. Die PanelistInnen hatten Kurzstatements zu drei Fragekomplexen vorbereitet, in deren Mittelpunkt die kritische Diskussion der Frage stand, was die Summe geisteswissenschaftlicher Bedürfnisse ausmacht, um Daten tatsächlich interdisziplinär und langfristig nachnutzbar zu machen, eines der zentralen Anliegen der digitalen Geisteswissenschaften:

  1. Welche informatisch-geisteswissenschaftlichen Standards brauchen wir im Rahmen von DH? Welche Vor- und Nachteile bringen uns solche Standards? Kann es überhaupt Standards für „die Geisteswissenschaften“ geben?
  2. Wie gelingt die Integration von Standards in die Fachwissenschaften bzw. haben wir schon die richtigen Standards für unsere Community?
  3. Wer sollte Standards herausgeben und wie sind diese überhaupt „betreibbar“?

Die lebhafte Diskussion drehte sich vor allem um den Begriff des Standards an sich (Was ist überhaupt ein Standard?), ob und wie Standards Mehrwerte für die geisteswissenschaftliche Forschung haben, und wer entscheidet, welche Standards allgemeingültig sind (oder es werden sollen) und wann dann doch neue Wege gegangen werden müssen, um das Innovationspotential der digitalen Geisteswissenschaften nicht zu strangulieren. Unter anderem wurde betont, dass Standards sowohl eine wichtige Rolle für die Verständigung zwischen Mensch und Maschine haben, als auch zwischen verschiedenen Menschen, da bei zuviel Idiosynkrasie, die (maschinelle) Verarbeitung und Nachnutzung gefährdet sind. Eine schichtweise Abstufung zwischen allgemeinen (und teilweise kaum bewussten) Standards zu domain-spezifischen Standards scheint hier ein möglicher Ansatz.

Betont wurde auch die Wichtigkeit der inhaltlichen Dokumentation (neben beschreibenden Standards), ein bislang breites (Minen-)feld, bei dem nicht zuletzt fehlende Anreizmechanismen und praktikable Workflows für den doch nicht geringen Aufwand einer beispielhaften qualitativ anspruchsvollen Dokumentation eine Rolle spielen. Auch der Bereich der Aus- und Weiterbildung wurde diskutiert, da mit den zunehmenden Anforderungen an das Forschungsdatenmanagement auch die Anforderungen an die FachwissenschaftlerInnen steigen. Sie müssen jedoch zunächst das Problembewusstsein und die Bereitschaft entwickeln, sich in diese bislang eher peripheren (technischen) Wissensgebiete einzuarbeiten und die notwendigen Kompetenzen zu erwerben. Hier besteht Handlungsbedarf für die Weiterentwicklung fachlicher Curricula, in denen derartige Kompetenzen bislang kaum vermittelt werden. Doch wie weit muss die Ausbildung der FachwissenschaftlerInnen gehen? Ab wann sind spezielle “DH-Kompetenzen” notwendig, und sollten die Aufgaben von dafür entsprechend ausgebildeten SpezialistInnen der Informationsinfrastrukturen übernommen werden?

Last but not least, wurde kontrovers diskutiert, von wem und wie Standards idealtypisch betrieben werden sollen. Sind hier eher Top-Down- oder Bottom-Up-Prozesse zu favorisieren, offene Community-betriebene Plattformen oder institutionalisierte Organisationsformen wie ISO oder DIN? Einig waren sich die Diskutierenden darüber, dass nur ein Standard, der von der Community auch als ein solcher angenommen wird, einen wissenschaftlichen Mehrwert und Chancen auf eine breite Etablierung und damit “Überleben” hat.

Es ist vorgesehen, die Ergebnisse des Panels in einer Publikation zusammenzufassen. Eine Videoaufzeichnung des Panels ist auf der Webseite der Konferenz verfügbar.

Gerne möchte ich in diesem Rahmen auch auf das Grundsatzpapier der AG Datenzentren unter dem Titel “Geisteswissenschaftliche Datenzentren im deutschsprachigen Raum. Grundsatzpapier zur Sicherung der langfristigen Verfügbarkeit von Forschungsdaten” hinweisen, dass während der DHd 2018 in Druckform verteilt wurde. In dem Grundsatzpapier werden Potenziale und Perspektiven der an der AG beteiligten Datenzentren sowie der AG Datenzentren beleuchtet und mit einigen Narrativen ergänzt, die einen Einblick in den Themenkomplex geben. Das Grundsatzpapier steht als PDF-Version auf Zenodo zum Download bereit. Eine gedruckte Version verschicken wir gerne auf Anfrage. Bitten wenden Sie sich hierfür an den Convenor der AG Datenzentren, Kai Wörner.

Informationen zur DHd-AG Datenzentren:

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