KI als Belastungsprobe für das offene Internet? Bericht vom Panel bei der DHd 2026 in Wien
Autor*innen (in alphabetischer Reihenfolge): David Maus, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, https://orcid.org/0000-0001-9292-5673; Sarah Oberbichler, Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH), https://orcid.org/0000-0002-1031-2759 ; Grischka Petri, FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur ,https://orcid.org/0000-0002-2548-449X; Cindarella Petz, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) Mainz, https://orcid.org/0000-0002-6178-7332 ; Klaus Rettinghaus, Sächsische Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), https://orcid.org/0000-0003-1898-2543; Ulrike Wuttke, Fachhochschule Potsdam. Fachbereich Informationswissenschaften, SeDOA, https://orcid.org/0000-0002-8217-4025
Hintergrund des Panels auf der DHd 2026
Am 25. Februar 2026 fand bei der DHd 2026 in Wien das Panel “KI als Belastungsprobe für das offene Internet” (Link zum Abstract auf Zenodo: https://doi.org/10.5281/zenodo.18696199) statt. Organisiert wurde das Panel von Ulrike Wuttke (Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Informationswissenschaften, SeDOA), David Maus (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg), Fabian Rack (FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur, NFDI4Culture), Klaus Rettinghaus (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden), Sarah Oberbichler (Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH), und Cindarella Petz (Digital Historical Research | DH Lab, Leibniz-Institute of European History (IEG)). Moderiert wurde das Panel von Ulrike Wuttke, Klaus Rettinghaus und Cindarella Petz. Da Fabian Rack zum Termin leider verhindert war, nahm an seiner Stelle für die NFDI4Culture Grischka Petri (FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur) neben David Maus und Sarah Oberbichler einen Sitz als Panelist*in ein.
Im Mittelpunkt des Panels stand der Umgang mit den durch die momentanen KI-Entwicklungen verursachten Herausforderungen für offene Informationsinfrastrukturen, wie z. B. KI-Bot-Aktivitäten, sowie der Umgang mit aktuellen rechtlichen Herausforderungen und methodische Implikationen, insbesondere für die Digital Humanities (Shearer und Walk 2025 (COAR-Umfrage), Berg-Weiß 2025, COAR 2026). Die Paneldiskussion adressierte neben technischen und rechtlichen Lösungsansätzen Chancen und Herausforderungen des aktuellen Paradigmenwechsels im Umgang mit offenen Informationsinfrastrukturen und hinterfragte, wie sich der aktuelle KI-Trend mit den Prinzipien offenen Wissens und ethischen Prinzipien in den Digital Humanities und darüber hinaus vereinbaren lässt. Dabei wurden von den Panelist*innen technische, ethische und rechtliche Aspekte beleuchtet.
Einleitung KI und offenes Internet
Eingeleitet wurde das Panel durch Klaus Rettinghaus mit einer thematischen Einführung zum Thema KI und offenes Internet. Er führte aus, dass als OpenAI im November 2022 ChatGPT vorstellte, einerseits das Interesse an dieser neuen Technologie auf Benutzerseite groß war; andererseits die Sorgen bei den Tech-Giganten viel größer waren, nun unter Zugzwang gesetzt zu sein, um schnell zu handeln. Dies führte dazu, dass viele eifrig mit dem Training eigener Modelle begannen, um nicht den Anschluss zu verlieren (Hao 2026).
Ein Problem bei dieser Entwicklung ist, dass die KI-Modelle immer mehr Trainingsdaten benötigen, die sie sich ungefragt und oftmals ohne Erlaubnis überall besorgen und damit den Internet-Traffic in ungeahnte Höhen treiben (Heise 2025a). Das führt dazu, dass inzwischen zahllose KI-Bots das gesamte World Wide Web “abgrasen” und sich dabei als „normale“ Benutzer tarnen (Heise 2025b). Viele „Hüter“ des freien Wissens (wie z.B. Bibliotheken, Wikipedia) werden von Stiftungen oder der öffentlichen Hand finanziert und sind technisch weder für diesen gigantischen Anstieg des Verkehrs ausgelegt noch vorbereitet (Bsp. Thread Fitzpatrick 2026). Sie versuchen, dem Treiben Herr zu werden, indem sie Schranken aufbauen und sich immer mehr abschotten. Klaus Rettinghaus stellte diese Punkte dem Plenum und den Panelist*innen zur Diskussion, denn noch ist kein Ende dieses “Spuks” vorhersehbar und wirft diese neue Realität viele Fragen auf.
Paneldiskussion
Ziel der Paneldiskussion war es, grundlegende Aspekte der aktuellen KI-Entwicklungen in Bezug auf das offene Internet zu diskutieren. Mit Sarah Oberbichler, David Maus und Grischka Petri waren drei Expert*innen der Einladung auf das Panel gefolgt, um die verschiedenen Perspektiven der Akteursgruppen Forschung, Infrastruktur/Bibliothek, Rechtswissenschaft, zu vertreten.
Mit kurzen Referaten von jeweils 5 Minuten und den jeweils anschließenden Gelegenheiten zur direkten Nachfragen und Kommentaren stellten die drei Panelist*innen ihre Sichtweisen vor.
Sarah Oberbichler (C²DH, Luxemburg) näherte sich der Problematik aus der Perspektive der Forschungsdatenpraxis in den Digital Humanities und stellte dabei eine grundlegende begriffliche Unterscheidung in den Mittelpunkt: Was bedeutet „offen“ überhaupt? Und für wen? Offene Daten umfassen mindestens zwei Dimensionen, die in der Praxis nicht immer klar unterschieden werden: öffentliche Verfügbarkeit (technische Offenheit) im Sinne des freien Internetzugangs und rechtliche Offenheit durch Lizenzen, die Weiterverwendung für Forschung und Lehre erlauben, auch wenn Inhalte hinter einem Login liegen. Eine wesentliche Frage für Forschende lautet deshalb nicht: Sind die Daten zugänglich? Sondern: Sind sie auffindbar, nutzbar und nachnutzbar?
Am Beispiel des Internet Archive lässt sich zeigen, wie das massenhafte Scraping das offene Internet selbst verändert, und damit die Archivierung historisch bedeutsamer Quellen gefährdet. Da KI-Unternehmen das Internet Archiv als kostenlose Datenquelle nutzen, hatten im April 2026 241 Medienhäuser den Zugang für das Archiv blockiert, gleichzeitig schließen dieselben Häuser aber Lizenzdeals mit KI-Firmen ab (Muno 2026). Das Ergebnis ist eine strukturelle Verzerrung des digitalen Gedächtnisses: Qualitätsjournalismus verschwindet aus dem Archiv, während Blogs, Verschwörungsseiten und Content Farms übrig bleiben. Und da Medienhäuser nicht immer selbst archivieren und das Internet Archive blockiert wird, archiviert am Ende niemand.
In diesem Kontext gibt es keine klare Lösungen, jedoch mögliche Neuausrichtungen: (1) ethische KI-Implementierung statt Massenscraping; (2) öffentliche Dokumentation von Datensätzen statt unbegrenztem Datenzugang, etwa durch sogenannte Data Envelopes (Luthra & Eskevich, 2024), die Auffindbarkeit gewährleisten, ohne unkontrollierten Zugriff zu erzwingen; und (3) gemeinsame KI-Entwicklung, bei der Kultureinrichtungen, Forschende und KI-Entwickler:innen zusammenarbeiten und einen Paradigmenwechsel von Quantität zu Qualität vollziehen.
David Maus nahm eine Einschätzung aus der Perspektive eines Infrastrukturanbieters vor. Aus der praktischen Arbeit an forschungsnaher Infrastruktur, den Bibliothekskatalogen und den daran angeschlossenen Informationssystemen, stellen sich die massenhaften Zugriffe auch als Angriff auf die Infrastruktur dar. Weil die Bots die etablierten Steuerungsmechanismen (Robots Exclusion Protocol, aka robots.txt) schlicht ignorieren und gnadenlos aus allen Richtungen die verfügbare Bandbreite verbrauchen, legen sie regelmäßig Teile der Infrastruktur lahm. Sei es, dass die Systeme unter der Last zusammenbrechen oder sei es, dass die Betreibenden ihre Dienste einstellen oder nur noch restriktiv zugänglich machen.
Als Konsequenz drückte er seine Erwartung einer stärkeren Zentralisierung und Homogenisierung der online verfügbaren Angebote aus. Der Schutz vor aggressiven Bots erfordert eine Infrastruktur, die Angebote von engagierten Einzelpersonen oder kleinen Facharbeitsgruppen nicht aufbringen können. Infrastrukturanbieter wiederum skalieren ihre Dienste darüber, dass sie Plattformen mit einer einheitlichen Grundstruktur anbieten. Angebote, die selbst keine Ressourcen für einen Bot-Schutz haben, verschwinden aus dem Netz oder müssen sich den Plattformen der Infrastrukturanbieter anpassen.
Grischka Petri führte aus, dass es aus rechtlicher Perspektive ernüchternd ist, nach Maßnahmen zu suchen, mit denen man gegen die Verursacher der Server-Sonderbelastung juristisch vorgehen könnte. Die Auswirkungen gleichen einem DoS-Angriff, dafür ist eigentlich das Computerstrafrecht zuständig. Allerdings ist es in den Bot-Downloads nicht vorgesehen, dass die besuchten Server in die Knie gehen sollen – im Gegenteil, man will sie ja nutzen. Der Ansatz scheitert also schon am Vorsatz. Das Urheberrecht bietet attraktive Kategorien an, um Nutzungen zu regeln – allerdings besteht das Problem ganz unabhängig vom urheberrechtlichen Status der Daten. Womöglich ist es für Anbieter gemeinfreier Inhalte sogar noch größer. Das Prinzip Lkw-Maut erscheint erfolgversprechender. Das ist eine Infrastrukturabgabe für eine Sondernutzung. Abseits einer staatlichen Regulierung hat die Wikimedia Foundation mit Wikimedia Enterprise einen solchen Weg eingeschlagen und bietet entsprechende Sondernutzungsverträge an.
Letztlich zeigt sich aber, dass mit rechtlichen Instrumenten keine Betriebssicherheit zu erlangen ist, weshalb am Ende die Empfehlung für technische Maßnahmen übrig bleibt. Initiativen wie die CC Signals, die sich selbst als “a technical and legal tool and a social proposition” beschreiben, sind vom guten Willen der beteiligten Akteure abhängig.
Nach dem Austausch auf dem Podium zwischen den Panelist*innen wurde die mit allen Teilnehmenden im Plenum von Cindarella Petz mit einer digitalen Intervention eingeleitet, in welcher die zu diskutierenden Fragen mithilfe von Wooclap zur Abstimmung gebracht wurden.
Mithilfe eines webbasierten Etherpads hatte das Publikum die Möglichkeit, anonym Fragen zu stellen und interessante Aspekte zu kommentieren. Im Pad wurden konkrete Standards und unterschiedliche Granularitäten von Nutzungslizenzen diskutiert, Ansätze zur Umleitung von Webcrawlern durch beispielsweise “LLMs.txt” oder “MCP” aufgeworfen, partizipatorische Elemente der Organisation von Wissenschaften, Forschung und GLAM-Institutionen angeregt und die ethische Nutzung von gecrawlten Datensätzen wie “Common Crawl” hinterfragt und welche rechtliche Rahmenbedingung geschaffen werden müssten, um eine Haftbarmachung von Massencrawlern und Stör-Bots zu erreichen.
Fazit und Ausblick
Die Diskussion zeigte deutlich, das wissenschaftsadäquate Lösungsszenarien für die komplexe Herausforderung durch die aktuellen KI-Entwicklungen nur mittels einer diversen Perspektive – unter Einbeziehung verschiedener Akteure und der Einbeziehung fachlicher, rechtlicher, technologischer und ethischer Aspekte herausgearbeitet werden können. Es wurde deutlich, dass es notwendig ist, dass die kritischen Stimmen lauter werden müssen. Letztendlich “befüttert” der KI-Einsatz in der Forschung in vielen Fällen (zumindest implizit) genau die gleichen Akteure, die für den im Panel kritisch betrachteten “ruchlosen” Umgang mit den digitalen Commons und Infrastrukturen insbesondere aus dem Kulturerbebereich (CHI) verantwortlich sind.
Zusätzlich stellt sich die Frage, welche Expertise und Kompetenzen Digital Humanist(a)s in die Herausarbeitung von “Leitplanken” (Werten, Richtlinien, Forschungsethik) für den KI-Einsatz einbringen könnten bzw. sollten. In dieser neuen Phase des offenen Internets gibt es keine einfachen Lösungen. Alles “wegzuschließen” (d.h. technologische oder rechtliche Sperren) würde vor allem auch der Forschung selbst schaden. Was nützt es, wenn mensch alles finden kann, aber nicht mehr damit arbeiten kann. Wichtiger scheint es, den großen kommerziellen KI-Akteuren (Tech-Giganten) Einhalt zu gebieten bzw. ihr Handeln und die Nutzung ihrer Tools kritisch zu hinterfragen. Das Feedback im Saal bestärkte auf jeden Fall das große Potenzial von Digital Humanist(a)s und der LIS-Community (Library and Information Science) in der Politikberatung und der Herausarbeitung kritischer Punkte. Die Zeit ist reif, den Finger in die Wunde zu legen.
Quellen
Berg-Weiß, Alexander. “Offen für manche Menschen oder doch für alle(s)? KI-Bots und ihre Auswirkungen auf den Betrieb von Repositorien.” BuB 77 Nr. 7(2025), S. 372-75.
COAR, Navigating the Uneasy Interdependence of AI and Open Science, A COAR Statement, 3.3.2026
Fitzpatrick 2026, “Just FYI: this is part of the damage being done by extractive AI companies. Their scraper bots routinely DDOS us, and they multiply to take up as much bandwidth as is available. We are having to put a huge percentage of our developers’ time into just keeping the site alive rather than building its future. They are actively destroying everything worthwhile about the internet.” https://hcommons.social/@kfitz/115854657278743117, Mastodon, 7.1.2026, 17:02.
Hao, Karen. 2026. Empire of AI: dreams and nightmares in Sam Altman’s OpenAI. New York: Penguin Books.
Heise (2025a), „Besorgniserregender Trend“: KI verursacht immer mehr Traffic, 21.08.2025 https://www.heise.de/news/Analyse-KI-Crawler-koennen-Server-ueberlasten-10560038.html (Achtung ohne Pur-Abo: Tracking)
Heise (2025b), Wikipedia: Bot-Traffic tarnt sich zunehmend als menschlich, 19.10.2025 https://www.heise.de/news/Wikipedia-Bot-Traffic-tarnt-sich-zunehmend-als-menschlich-10778492.html (Achtung ohne Pur-Abo: Tracking)
Luthra, Mrinalini und Maria Eskevich. „Data-Envelopes for Cultural Heritage: Going beyond Datasheets.“ Proceedings of the Workshop on Legal and Ethical Issues in Human Language Technologies @ LREC-COLING 2024, S. 52–65. Torino, Italia: ELRA and ICCL, 2024. https://aclanthology.org/2024.legal-1.9/
Muno, Martin. „Internet-Archive: Unser digitales Gedächtnis ist bedroht.“ Deutsche Welle, 21. April 2026. https://p.dw.com/p/5CKXK
Shearer, Kathleen und Paul Walk. „The impact of AI bots and crawlers on open repositories: Results of a COAR survey.” April 2025, aufgerufen am 30.07.2025, https://coar-repositories.org/wp-content/uploads/2025/06/Report-of-the-COAR-Survey-on-AI-Bots-June-2025-1.pdf.
Wuttke, U., Maus, D., Rack, F., Rettinghaus, K., Oberbichler, S., & Petz, C. (2026, Februar 20). KI als Belastungsprobe für das offene Internet?. DHd 2026 Nicht nur Text, nicht nur Daten (DHd2026) (DHd2026), Wien, Österreich. https://doi.org/10.5281/zenodo.18696199

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