Nicht nur Text, nicht nur Daten – die DHd Community

0 Veröffentlicht von Luise Prager am

Ein gemeinsamer Erfahrungsbericht von Luise Prager und Cris Ortega

Wir in den DH – Unsere akademischen Wege

Die DHd 2026 ist die erste große Digital Humanities Konferenz für uns beide und wir würden lügen, würden wir sagen, wir hätten keinen Respekt vor der uns erwartenden Woche. Erst im vergangenen Oktober haben wir unsere Stellen als Doktorand*innen im Graduiertenkolleg „Literatur und Öffentlichkeit in differenten Gegenwartkulturen“ an der FAU Erlangen-Nürnberg angetreten. Die nächsten Jahre beschäftigen wir uns beide mit Projekten, die uns in den Digital Humanities verorten, auch wenn wir aus unterschiedlichen Blickrichtungen auf dieses komplexe Fachgebilde blicken.

Luise: Ich habe im Bachelor noch Deutsch und Musik auf Lehramt studiert. Meinen Master habe ich dann in Germanistik mit dem Schwerpunkt Literaturwissenschaft gemacht. Mein erster Berührungspunkt mit den DH entstand durch einen Corona-Zufall: In der zähen Zeit des Zoom-Studiums wollte ich mit einer Freundin aus der Anglistik einen Kurs zusammen belegen – das war nur möglich im Wahlpflichtmodul „Einführung in die digitale Literaturwissenschaft“. Bei der digitalen DHd 2022 war ich dann bereits als Hilfskraft dabei und begann, im Team von Peer Trilcke an dem Annotationsprojekt von Henny Sluyther-Gäthje zu arbeiten. Noch bei der Digital Humanities Winter School der Freien Universität Berlin und der Hebräischen Universität Jerusalem 2023 fand ich die vorgestellten Methoden zwar wahnsinnig interessant, war mir aber sicher, meine eigenen Forschungsfragen nicht computergestützt verfolgen zu können. Ich interessiere mich vor allem für Gegenwartsliteratur und hatte die DH und die CLS bislang nur im Kontext historischer Forschungsgegenstände kennengelernt.
Aber der zarte Keim ging auf und in meiner Masterarbeit habe ich ein kleines Korpus deutschsprachiger Gegenwartsromane quantitativ untersucht. Und nun promoviere ich: Ich erstelle ein Korpus von 168 Gegenwartsromanen und untersuche es mit den Methoden der digitalen Stilometrie und der hermeneutischen Textanalyse. Dadurch möchte ich erforschen, wie die Festschreibung von Gruppen und die Selbst- und Fremdzuschreibung von Gruppenzugehörigkeiten das literarische Feld der Gegenwartsliteratur organisieren. Ich möchte beides sein: Digital Humanist und Literaturwissenschaftlerin und das Wissen aus beiden Disziplinen bündeln, um weiterhin Gegenwartsliteratur zu untersuchen.

Cris: Für mich waren die Digital Humanities schon seit Beginn meines Studiums meine Kerndisziplin. Als einer der ersten Jahrgänge startete ich 2017 in ein grundständiges Bachelorstudium der Digitalen Geistes- und Sozialwissenschaften, sowie Soziologie an der FAU Erlangen-Nürnberg und war sehr schnell aktiv als Hilfskraft von Jacqueline Klusik-Eckert und Peter Bell in DH-Forschungsprojekte eingebunden. Zwischen eigenen Projekten, Hackathons, Summer Schools, ersten Symposien und Konferenzen, war mir klar: Das ist die Wissenschaftsumgebung, in der ich bleiben will!
Im konsekutiven Master Digital Humanities orientierte ich mich tiefer in den Critical Data Studies und Applied Digital Humanities. In meiner Masterarbeit erstellte ich das erste größere digitale Textkorpus zu deutschsprachiger Slam Poetry mit über 3800 publizierten Texten und untersuchte die textuelle Einschreibung von Körperlichkeit in Poetry Slam. In meiner Promotion führe ich diese Arbeit nun mit einer multimodalen Perspektive auf die verschiedenen Dimensionen von Körperlichkeit in Poetry Slam und seiner Rezeption fort. Hauptuntersuchungsobjekt sind für mich 2340+ YouTube-Videos von Slam Performances, sowie einzelne Live-Beobachtungen. Mit der ersten skalierten und computergestützten Studie zu Slam Poetry mit einem multimodalen methodischen Aufbau, bin ich aktuell ständig am Orientieren und Reflektieren, welche theoretischen und methodischen Best Practices für mein Projekt besonders ertragreich sind. Dazwischen habe ich manchmal das Gefühl auch innerhalb der DH neue Brücken zwischen Fachtraditionen bauen zu müssen. Dass ich Digital Humanist bin, steht jedoch fest.
Die kritische Perspektive auf das Fach und seine Praktiken, in denen ich mich so zuhause fühle, ist mir dabei wichtig. Das liegt vielleicht auch daran, dass mir das Wissenschaftssystem an sich manchmal befremdlich erscheint. Mehrere überschneidende Positionalisierungen lassen mich in meinen Erfahrungen manchmal als Minderheit in akademischen Räumen fühlen. Das bringt für mich eine gewisse Orientierungslosigkeit mit, wie das System Wissenschaft für mich am besten zu navigieren ist. Dis-Orientierung kann aber wohldosiert auch durchaus helfen, Praktiken und Systeme zu reflektieren. Als Early Career Researcher bin ich deshalb immer auf der Suche nach Wissenschaftler*innen, die heterogene Lebensläufe mitbringen und aus unterschiedlichen Positionalisierungen heraus sprechen.

Wir auf der DHd – Unser Blick auf den Flickenteppich der DH

So unterschiedlich unsere Wege in die DH auch sind, nun promovieren wir beide im Kolleg bei Anastasia Glawion. Jeder Weg in die DH ist einzigartig, doch übergreifende Muster machen sich bemerkbar. Luise ist nicht die einzige Literaturwissenschaftlerin, die aus Versehen in die DH stolpert und Cris gehört zur ersten Generation der DH-Studierenden. Daher hat uns auf der Konferenz interessiert, wie vielfältig die beruflichen, sozialen und akademischen Hintergründe derjenigen sind, die heute im Feld der Digital Humanities tätig sind. Die DHd 2026 ist unsere erste große Konferenz und mit orientierenden Blicken wollen wir festhalten, wer neben Text und Daten die Wissenschaftler*innen sind, die die DHd Community ausmachen.
Um dem nachzugehen, haben wir beobachtet, reflektiert und uns ausgetauscht. Auch haben wir einzelne Kurzinterviews mit anderen Teilnehmenden der Konferenz geführt und sie nach ihren Erfahrungen auf der DHd und im Fach Digital Humanities gefragt. Besonders interessierten uns in den Interviews vier Leitfragen:

  1. Welcher Vortrag oder Workshop hat Sie besonders inspiriert und warum?
  2. Wie sind Sie zu den Digital Humanities gekommen?
  3. Wenn Sie sich ihre bisherige wissenschaftliche Karriere anschauen, an welchen Stellen haben Sie für sich bisher die größte Herausforderung gesehen?
  4. Welchen Rat würden Sie jungen Wissenschaftler*innen wie uns geben?

Wir besuchten dabei gemeinsam Beiträge, divergierten jedoch auch in unserer Auswahl an Sessions. Zusammen waren wir bei dem Workshop „Beyond m/w/d“, der eine Plattform bot, um über die Erhebung von Genderdaten zu diskutieren.

Cris: Ich stellte im Rahmen des Workshops kurz mein Vorgehen zu einer zeit-sensitiven, community-zentrierten und kontext-abhängigen Erfassung von Gender für Korpora der Gegenwartsliteratur vor. Sonst besuchte ich in einem Querschnitt Beiträge zu verschiedensten Themen. Von der Session zu Digital Art History, über das Panel zu Intertext, dem Workshop zu Film- und Videoanalyse mit VIAN & TIB-AV-A und vielen weiteren Beiträgen, auf die ich später noch zu sprechen komme.

Luise: Auf der Konferenz haben mich die Beiträge der CLS interessiert, insbesondere das Panel, in dem das Korpus deutschsprachiger Gegenwartsliteratur DeLiKo@DNB vorgestellt wurde, da es meinem eigenen Korpus am nächsten kommt. Die DH-Calls der DNB haben sich auch später am Poster von Philipp Genêt als vielversprechend für mein Projekt erwiesen. Dort und im Panel zur Modellierung und Annotation von Intertext habe ich neue Ideen für die Nachnutzung meines Korpus erhalten, das urheberrechtsgeschützt ist.  Außerdem habe ich mit großem Interesse den Vortrag von Judith Brottrager verfolgt, die mit ihrem Kanon-Score Literaturgeschichte modelliert und ebenfalls mit Netzwerken arbeitet.

In diesem Blogbeitrag halten wir nun die Ergebnisse unserer persönlichen Reflexionen zur DHd und ausgewählte Ausschnitte der Interviews fest. Cris denkt vor allem über theoretische Positionierungen in und zwischen Fachtraditionen nach, während Luise ganz praktisch die Einbindung von Studierenden in die DH-Community reflektiert.

Cris: Dis-Orientierungen im Fächer-Flicken-Teppich

Die Ausrichtung der Konferenz „Nicht nur Text Nicht nur Daten“ hat mich von Beginn an abgeholt. Mit meinem Projekt, das sich im Kern mit multimodalen Analysen von Video-, Audio-, Text- und Rezeptions-Daten beschäftigt, war ich sofort gespannt darauf, neue Perspektiven zum Umgang mit Medien, die über Text hinausgehen, kennenzulernen.
Ein paar Tage vor der Reise nach Wien saß ich am Rechner und klickte mich durch das Programm und zwischendurch war die Aufregung so groß, dass meine Hände wild durch die Luft flatterten und ich Nachrichten an Luise und andere Kolleg*innen schicken musste, um meiner Vorfreude Raum zu geben. Im Raster fanden sich Sessions zu Digital Soundscapes, Operationalisierung, Multimodalität, Digital Art History – viele vielversprechende Vortragstitel hinter denen potenziell relevante Zugänge für meine Forschung lagen.
Im Prozess der Entscheidungsfindung, welche Beiträge ich denn nun besuchen möchte, las ich die vielen Beschreibungstexte und mir wurde schnell klar: Begriffe unter denen ich aus meiner fachlichen Perspektive eine bestimmte Vorstellung hatte, wurden von anderen durchaus sehr unterschiedlich behandelt. Anlehnungen an heterogene Fachtraditionen eröffneten mir ein Spannungsfeld, in dem ich nun meinen Platz suchte.
Während im Workshop zu Film- und Videoanalyse praktische Tools für die computergestützte Analyse von audiovisuellem Material anhand vieler Parameter vorgestellt wurden, fand am letzten Tag der Konferenz eine Diskussion im Panel „Is there a Digital Art History at the DHd?“ statt, in der unter anderem angemerkt wurde, dass eine brückenschlagendere Zusammenarbeit der Fachdisziplinen über das Bildmedium fruchtbar sein könnte. Das Panel zu Intertextualität und seiner spannenden Diskussion, welches ich ein paar Tage vorher besucht hatte, schien hier Welten entfernt. Irgendwo dazwischen sammelte ich Notizen für mein audiovisuelles Material mit literaturwissenschaftlich-soziologischen Fragestellungen auf multimodale Performance-Poetry.
Mit dem Gefühl, zeitweise schwindelerregend dis-orientiert zwischen Fächern zu sein und selbst in den DH erst den eigenen Ort finden zu müssen, scheine ich nicht alleine zu sein. In fast allen Gesprächen, zu Lebenswegen in die DH, die ich auf der DHd führte, spielte die Entgrenzung und Überschreitung sowie Neujustierung in und zwischen Fachtraditionen eine Rolle. Der Einstieg in das Fach passierte für viele dabei eher zufällig:

  • „Zu den DH bin ich ganz zufällig gekommen […]. Auf die Idee, das, was ich im Informatik-Studium gelernt habe, in meinem Geschichtsstudium anzuwenden, bin ich erstmal nicht gekommen und habe das ganz „getrennt“ gemacht. Erst nach dem Studium bin ich darauf aufmerksam geworden, dass es Anwendungen der Informatik in den Geisteswissenschaften gibt und habe dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den DH angefangen.“
  • „Ich glaube, also ich wusste auf jeden Fall, dass ich interdisziplinär arbeiten will, weil mir einfach beides Spaß gemacht hat. Ich wusste nicht so wirklich, was DH ist. Ich wusste nicht, dass es existiert. Und dann habe ich fast zufällig meinen Weg dahin gefunden und war so: Ja, das ist eigentlich genau die Nische, wo ich sein will.“

Weitere Wissenschaftler*innen in verschiedenen Phasen ihrer Karriere berichteten, dass sie erst während und nach der Promotion mit digitalen Methoden in ihren geisteswissenschaftlichen „Heimaten“ in Berührung kamen und sich so schließlich den Digital Humanities näherten. 
Die Dis-Orientierung und das Stehen zwischen Traditionen ist dabei eine Hürde, kann aber auch eine Stärke sein, wie eine Person berichtet:

  • „[…] dadurch, dass man in den DH in so einer Schnittstelle ist zwischen Informatik und den Geisteswissenschaften, habe ich manchmal das Gefühl, dass man in beiden irgendwie ein Outsider ist und in beiden nicht so die fundierte Kenntnis hat und nicht so die richtige Fachwissenschaft machen kann. Ich glaube, das ist so ein bisschen ein Learning, was man mit der Zeit hat, dass man das als Stärke interpretiert, dass man eben in beiden Sachen irgendwie sein kann und Forschung machen kann und das ganz toll zusammenbringen kann, was auch nicht viele Leute können, weil sie ja immer eigentlich in ihren eigenen Disziplinen unterwegs sind.“

In einem intensiven Gespräch mit neuen Bekanntschaften in der Mittagspause sprachen wir darüber, dass die Digital Humanities wohl gerade ihre eigene Fachtradition baut. Die erste Generation an Jungwissenschaftler*innen hat Digital Humanities studiert. Ich gehöre zu ihnen. Was das genau bedeutet und welches Fachhandwerk je nach Studium mitgebracht wird, muss sich noch zeigen.
Vielleicht auf der Suche nach einer Annäherung an ebenjene Fachtradition der DH, besuchte ich am Ende besonders Sessions zu den theoretischen Zugängen zu DH. Im Panel „Nicht nur Text, nicht nur Daten … Aber was dann? – ‚Theoretisieren‘ durch Praktiken in der digitalen Editorik, der Digital History und den Computational Literary Studies“ und dessen Publikum begegneten sich verschiedene Fachdisziplinen und diskutierten über die Praktiken des Theoretisierens in den Digital Humanities. Besprochen wurden auch die „Wahlverwandschaften“, die die Digital Humanities mit Fächern der Geisteswissenschaften eingeht. Zentral waren Fragen, wie: Welche theoretischen Vorannahmen bringen wir in die methodische Arbeit in den Digital Humanities mit? Was geht in interdisziplinären und technologisch-methodischen Übersetzungen verloren? Was braucht es, um in den DH mit ihren vielen Facheinflüssen auch mit Rückbezug in die Geisteswissenschaften zu theoretisieren?
Gerade diese Diskussion und andere Inputs in den Sessions mit theoretischerem Fokus, wie die Session zu „Epistemologie und Interpretation“ oder „Operationalisierung“ schienen mir besonders anschlussfähig für meine Forschung zwischen den Stühlen der Disziplinen und insgesamt besonders interessant für multimodale und allgemeiner transdisziplinäre Ansätze, wie sie in den Digital Humanities immer mehr Einzug halten. Denn heterogene Fachrichtungen und Wahlverwandschaften bringen nun mal unterschiedliche Vorstellungen zu den Praktiken des Theoretisierens mit. Eine fruchtbare, manchmal auch furchtbare Dis-Orientierung in transdisziplinären Projekten.
Ein Ort, der sehr fruchtbar und innovativ zeigte, welche transdisziplinär-produktive Forschung im Kern der DH möglich ist, war das Doctoral Consortium auf der DHd. Gleich mehrere unserer Gesprächspartner*innen berichteten uns in kurzen Interviews, dass gerade diese Vorträge sie besonders inspiriert haben und nachhaltig in Erinnerung geblieben sind. So berichtet eine interviewte wissenschaftliche Mitarbeiterin:

  • „Ich hatte das Gefühl, die Leute haben da viel mitgenommen und generell fand ich das Doctoral Consortium ganz toll, weil ganz viele verschiedene innovative Ansätze aus allen möglichen Subdisziplinen da vorgestellt wurden.“

Auch eine Professorin antwortete uns auf die Frage, welcher Vortrag oder Workshop Sie besonders inspiriert hätte:

  • „Mir haben besonders die Vorträge im Doctoral Consortium gefallen – es ist toll, die Vielfalt der Themen zu sehen und die Tiefe zu sehen. Beeindruckt haben mich auch die vielen originellen Präsentationen beim Poster Slam.“

Sie gibt uns Early Career Researchern den Tipp:

  • „Sich so bald es geht in der Praxis zu versuchen – sei es als studentische Hilfskraft in einem Forschungsprojekt, als Teilnehmer*in an einer Tagung oder indem Sie eine eigene Idee umsetzen. Schauen Sie, wo Ihre Interessen liegen und seien Sie neugierig und eigeninitiativ – viele technische Themen kann man super anhand von Videos und Tutorials (und mit KI-Unterstützung…) lernen.“

Ein paar Tage nach der Konferenz landete die Mail mit der Aufnahmebestätigung zum Mailverteiler der AG Theorie in meinem Postfach. Im Rahmen der DHd konnte ich die AG und ein paar ihrer Mitglieder beim gemeinsamen Mittagessen und AG Treffen näher kennenlernen. Vielleicht finden sich auch in Zukunft für mich noch fachliche „Wahlverwandschaften“ und produktive Dis-Orientierungen für meine Forschung in den Gesprächen über die Praktiken des Theoretisierens in einem Fach, das aus so vielen heterogenen Wegen des wissenschaftlichen Werdens besteht.

Luise: Ein weiterer Flicken: Die Studierenden

Ähnlich wie Cris war ich selbst aufgeregt, zum ersten Mal nicht als wissenschaftliche Hilfskraft, sondern als Wissenschaftlerin an einer Konferenz teilzunehmen. Umso überraschter war ich von den vielen Studierenden aus vielen unterschiedlichen Fachrichtungen, die mir begegneten, die in den Workshops kluge Fragen stellten und in der Postersession ihre Abschlussarbeiten präsentierten. Habe ich als Studentin etwas versäumt, indem ich nicht an Konferenzen teilnahm, handelt es sich um einen neueren Trend und welche Rolle spielt die Nachwuchsförderung in den DH?
Einerseits verstehe ich die Teilnahme von Studierenden als ein ausgesprochen positives Signal. Sie verweist auf eine gezielte Förderung von Early-Career-Researchern und zeigt, dass studentische Forschungsleistungen zunehmend sichtbar gemacht und gewürdigt werden. Gerade im Feld der Digital Humanities, das sich durch Interdisziplinarität und methodische Offenheit auszeichnet, eröffnet dies Studierenden wertvolle Einblicke in aktuelle Forschungsprozesse und ermöglicht ihnen, sich frühzeitig als Teil der wissenschaftlichen Community zu positionieren. Gleichzeitig kann die aktive Teilnahme an Konferenzen dazu beitragen, das Feld überhaupt erst kennenzulernen und eigene Forschungsinteressen entsprechend weiterzuentwickeln.
Andererseits bin ich besorgt, ob diese Entwicklung nicht den Leistungsdruck der Studierenden zusätzlich erhöht. Präsentationsformate, wissenschaftliche Kommunikation und die Positionierung im akademischen Diskurs erfordern Kompetenzen, die im Studium oft erst im Aufbau begriffen sind. Problematisch erscheint dabei insbesondere der direkte Vergleich mit fortgeschrittenen Forschenden wie Doktorand*innen oder Postdocs, der implizit hohe Maßstäbe setzt und möglicherweise zu einer Überforderung führt. Ebenso wenig geklärt ist häufig die finanzielle Dimension: Reisekosten, Teilnahmegebühren und Unterkunft stellen für viele Studierende eine erhebliche Hürde dar und können zu sozialer Selektion führen. Die Erwartung, bereits im Studium eigenständige Forschungsleistungen auf Konferenzen zu präsentieren, kann mit einem erheblichen Arbeitsaufwand einhergehen, der häufig unbezahlt bleibt. Insgesamt entsteht daraus potenziell ein struktureller Druck auf Studierende, sich frühzeitig in einem kompetitiven Umfeld zu behaupten – nicht zuletzt vor dem Hintergrund späterer Bewerbungsverfahren, in denen solche Erfahrungen zunehmend vorausgesetzt werden könnten.
Vor diesem Hintergrund erscheinen gezielte strukturelle Maßnahmen sinnvoll. Denkbar wäre auf der Konferenz selbst etwa ein klar abgegrenztes Segment innerhalb der Postersession, beispielsweise durch eigene Räume oder Zeitfenster, das studentischen Beiträgen Sichtbarkeit verleiht, ohne sie dem direkten Vergleich etablierter Forschender auszusetzen. Ebenso könnten spezifische Stipendienprogramme für Studierende geschaffen werden, die nicht nur die Finanzierung sichern, sondern auch ein begleitendes Rahmenprogramm bieten. Solche Formate könnten Mentoring, Feedbackmöglichkeiten und niedrigschwellige Austauschformate umfassen und damit sowohl die Qualität der Beiträge als auch die Betreuungssituation während der Konferenz nachhaltig verbessern und den Druck auf die Studierenden verringern. Auch gemeinsame Seminarfahrten zu Konferenzen bergen ein großes Potenzial. In Begleitung von Lehrenden könnten Studierende gezielt auf Teilnahme und Präsentation vorbereitet werden, erhalten kontinuierliches Feedback und haben zugleich die Möglichkeit, Konferenzformate zunächst beobachtend kennenzulernen. Solche kollektiven Zugänge könnten dazu beitragen, die Schwelle zur aktiven Teilnahme zu senken und zugleich eine verantwortungsvolle Betreuung sicherzustellen. Ein solches Format erprobte gerade bspw. das Netzwerk Digitale Geisteswissenschaften (DH-Netzwerk) der Universität Potsdam in Kooperation mit der Potsdam Graduate School (PoGS). Sie boten ein Early Career Fellowship an, das eine praktische Einführung in digitale Methoden der Geisteswissenschaften beinhaltete und mit der gemeinsamen Reise zur DHd abgeschlossen wurde.
Als Alternative zur Teilnahme an Konferenzen erscheinen auch etablierte Formate wie Summer Schools und Winter Schools. Sie bieten Studierenden die Möglichkeit, methodische und theoretische Grundlagen in einem geschützten Rahmen zu vertiefen und mit etablierten Forschenden in Austausch zu treten, ohne unmittelbar dem Leistungs- und Vergleichsdruck großer Konferenzen ausgesetzt zu sein. Gleichzeitig fördern sie den Austausch unter Peers sowie den Aufbau erster wissenschaftlicher Netzwerke. Darüber hinaus sollte stärker darüber nachgedacht werden, studentische Forschungsarbeit strukturell zu vergüten, etwa über HiWi-Stellen. Dies würde nicht nur die oftmals unsichtbare Arbeitsleistung anerkennen, sondern auch zur sozialen Absicherung beitragen und Teilhabemöglichkeiten erhöhen.
Ich selbst habe auf meinem akademischen Weg von vielen dieser Angebote profitiert. Erst die Auseinandersetzung mit den methodischen Möglichkeiten der Digital Humanities hat mich dazu befähigt, meine eigenen geisteswissenschaftlichen Fragestellung in eine quantitative Richtung weiterzudenken und selbst an dem Flickenteppich mitzuwirken.

Wir nach der DHd – Was wir mitnehmen

Auf der DHd versammeln sich Wissenschaftler*innen mit ganz unterschiedlichen akademischen Lebenswegen – zu denen nun auch wir gehören. Hier begegnet die neue Generation DH-Studierender neugierigen Studierenden aller geisteswissenschaftlicher Fächer, Informatiker*innen treffen auf Fachexpert*innen, die für digitale Methoden offen sind, Quereinsteigende und Späteinsteigende auf die, die bereits eine ganze Karriere in den Digital Humanities hingelegt haben. Innerhalb der weit aufgespannten Community mit den eigenen Forschungsinteressen einen Platz zu finden, erweist sich als Herausforderung, vor allem für nicht textbasierte Projekte, aber auch als inspirierender Anstoß, den eigenen Ansatz konsequent weiterzudenken und sich auf neue Perspektiven einzulassen.
In diesem Sinne wollen wir die Heterogenität des Feldes als Aufforderung begreifen, den eigenen fachlichen Hintergrund immer wieder zu reflektieren und sich mit neuen Ansätzen zu konfrontieren. Um diese Haltung einzuüben, ist die DHd die geeignete Gelegenheit gewesen, gerade für uns als wissenschaftlichen Nachwuchs. Die Community selbst nimmt junge Wissenschaftler*innen und Studierende offen auf, doch wer erst spät seinen Weg hierher findet, ist ebenso willkommen.
Die DHd 2026 war die erste große Digital Humanities Konferenz für uns beide und wir würden lügen, würden wir sagen, wir würden uns nicht auf die nächste freuen.

Dank

Wir bedanken uns sehr bei den Teilnehmer*innen auf der DHd, die bereit waren, mit uns für die kurzen Interviews zu sprechen.
Dieser Blogbeitrag entstand im Rahmen eines Reisestipendiums für die DHd 2026 in Wien. Unser herzlicher Dank gilt NFDI4Culture für die Unterstützung unserer Teilnahme.

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