„Dzień dobry“ aus Krakau! Rückblick auf die EADH-Konferenz 2026
Wo treffen Daten, Methoden und Infrastrukturen auf Werte, Kreativität und kritisches Denken? Unter dem Motto „Linking Europe: Digital Humanities Without Borders“ stellte die EADH-Konferenz 2026 in Krakau diese Frage ins Zentrum. Dabei ging es darum, was digitale Methoden und Infrastrukturen möglich machen, wie wir diese Möglichkeiten nutzen wollen und welche Verantwortung damit verbunden ist.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Early-Career-Reisekostenstipendiums des DHd-Verbands für DH-nahe Tagungen. Vielen Dank, dass ich dadurch an der EADH-Konferenz teilnehmen konnte.
Was bleibt, wenn das Projekt endet?
Was passiert mit einer digitalen Edition, wenn die Förderung ausläuft? Diese zunächst recht praktische Frage stand im Zentrum des Workshops „Is Everything Already Lost?! Participative Workshop on Strategies for Ensuring the long-term Hosting of Digital Scholarly Editions”. Dabei wurde schnell deutlich, dass langfristige Verfügbarkeit mehr bedeutet, als Forschungsdaten irgendwo dauerhaft abzulegen. Auch Software muss gewartet werden, technische Abhängigkeiten verändern sich und Interfaces können selbst Teil des wissenschaftlichen Arguments einer Edition sein. Für statische Formate, Repositorien oder Verlagsmodelle sprechen jeweils unterschiedliche Gründe, doch keine Lösung nimmt einem die Frage ab, wer die nötigen Ressourcen langfristig bereitstellt. Für mich blieb deshalb vor allem ein Gedanke hängen: Das Ende des Projekts sollte schon an seinem Anfang mitgedacht werden. Was soll in fünf, zehn oder zwanzig Jahren von einer digitalen Edition noch zugänglich sein und, ebenso wichtig, wie soll sie dann noch genutzt werden können?
Welche DH wollen wir eigentlich?
Den größeren Rahmen für solche Fragen eröffnete Melissa Terras in ihrer Eröffnungskeynote „Dreaming of Different DH Futures: Engaging with Speculative Design Approaches“. Ihre Stimmung angesichts der aktuellen Entwicklungen und ihre Hoffnungen für die Zukunft der DH beschrieb sie mit dem Bild eines Metronoms: ein ständiges Pendeln zwischen dem Gefühl, dass ohnehin alles verloren sei, und der Überzeugung: „a better world is possible“.
Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war die Frage, wie sich die DH verändern, wenn Bedingungen, unter denen sich das Fach entwickelt hat, nicht mehr selbstverständlich sind. Dabei rückte Terras vor allem die Werte in den Mittelpunkt, auf denen viele Praktiken der DH beruhen. Open Source und FAIR-Prinzipien gehören für viele zum Selbstverständnis des Fachs. Doch was bedeutet Offenheit in einer Situation, in der frei zugängliche Forschungs- und Kulturdaten zunehmend auch für kommerzielle KI-Systeme interessant werden? Und wie gehen die DH damit um, wenn um Cultural-Heritage- und Forschungsdaten neue Märkte entstehen?
Terras ging es dabei weniger um fertige Antworten als darum, mögliche Entwicklungen konsequent weiterzudenken. Anhand spekulativer Szenarien zeigte sie, welche Entscheidungen auf das Fach zukommen können: Welche Praktiken wollen wir offenhalten? Wo könnte es Gründe geben, Zugänge zu beschränken? Und welche Werte sollen dabei handlungsleitend sein?
Besonders hängen geblieben ist mir schließlich ihr Gedanke, digitale Langzeitarchivierung als einen hoffnungsvollen Akt zu verstehen. Wer Daten für künftige Generationen bewahrt, geht schließlich davon aus, dass es diese Generationen auch geben wird.
Wer wird in den Daten sichtbar?
Wenig überraschend spielte generative KI in vielen Beiträgen der Konferenz eine Rolle, etwa um komplexe Suchsysteme leichter zugänglich zu machen oder lexikografische Arbeit zu unterstützen. Am meisten beschäftigt haben mich aber die Beiträge, die einen Schritt zurück gingen und fragten, auf welchen Daten all diese Möglichkeiten eigentlich beruhen und wer darin sichtbar wird.
Besonders deutlich wurde diese Frage bei Beiträgen zu kleineren und weniger gut digital erschlossenen Sprachen. Ob Masurisch, Altserbisch, Rumänisch oder Mittelpersisch: Aus ganz unterschiedlichen Perspektiven ging es darum, Daten, Annotationen und digitale Infrastrukturen für Sprachen aufzubauen, die in der Sprachtechnologie bislang weniger stark vertreten sind. Sprachliche Vielfalt ist damit auch eine Frage digitaler Infrastruktur. Fehlen Daten, Modelle oder Ressourcen für eine Sprache, bleibt sie auch in Suchsystemen, NLP und generativer KI weniger sichtbar. Das Konferenzmotto „Without Borders“ bekam hier für mich noch einmal eine andere Bedeutung: Mehr Technologie lässt solche Grenzen nicht automatisch verschwinden. Mitunter wird dadurch erst besonders deutlich, wo Daten und Ressourcen fehlen.
Zugleich ging es nicht nur darum, ob Daten vorhanden sind, sondern auch darum, wer über sie verfügen kann. Beiträge zu Data Colonialism und Indigenous Data Sovereignty im Kontext generativer KI und bedrohter Sprachen rückten Fragen nach Kontrolle und Nutzung in den Vordergrund: Wer erhebt Daten, wer kann auf sie zugreifen und unter welchen Bedingungen dürfen sie weiterverwendet werden?
Linking Europe heißt auch: Infrastrukturen verbinden
Auch das „Linking“ im Konferenzmotto wurde ganz konkret: Beiträge zu gemeinsamen Taxonomien, verknüpften Forschungsdaten und wiederverwendeten technischen Komponenten zeigten, wie viel Arbeit hinter interoperablen Forschungsinfrastrukturen steckt. Denn Interoperabilität klingt zunächst technisch, ist im Kern aber eine Voraussetzung dafür, dass Forschung über einzelne Projekte, Sprachen und Länder hinweg anschlussfähig wird.
Was nehme ich mit?
So unterschiedlich die Eindrücke in Krakau waren, liefen viele von ihnen auf eine gemeinsame Frage hinaus: Wie wollen wir die Digital Humanities gestalten? Welche Werte schreiben wir in unsere Methoden und Infrastrukturen, wer wird durch sie sichtbar und wie sorgen wir dafür, dass das, was wir heute entwickeln, auch in Zukunft zugänglich und nutzbar bleibt?
Als Nachwuchswissenschaftlerin fand ich es besonders spannend zu sehen, wie unterschiedlich diese Fragen innerhalb der europäischen DH-Community diskutiert und beantwortet werden. Neben vielen methodischen Anregungen nehme ich vor allem eins mit nach Hause: Digitale Infrastrukturen und Methoden sind nicht nur technische Lösungen, wir treffen mit ihnen auch immer Entscheidungen, wie Forschung künftig möglich sein soll.
Nach der DHd2026 in Wien war die EADH2026 in Krakau meine zweite große DH-Konferenz. Das Reisekostenstipendium des DHd-Verbands hat mir ermöglicht, über die eigene Universität und die deutschsprachige DH-Community hinauszuschauen. Dafür und für viele Gespräche und Ideen: Dziękuję, Kraków!
Sophia Babl, Masterstudium Digital Humanities, Universität Regensburg
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