Bericht vom NFDI4Culture Community Plenary 2025: „Gemeinsame Daten – Gemeinsame Praxis – Gemeinsames Wissen“ und die Stimmen der Community
NFDI4Culture, das Konsortium zur Förderung des Forschungsdatenmanagements für materielle und immaterielle Kulturgüter innerhalb der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI), zelebrierte vom 24. bis 26. September 2025 an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz bereits zum 5. Mal seine größte jährliche Zusammenkunft, das NFDI4Culture Community Plenary. Diskutiert wurde insbesondere das Fokusthema „Datensouveränität, infrastrukturelle Resilienz und Wissenschaftsfreiheit“, aber auch der aktuelle Stand, Ergebnisse des Arbeitsprogramms und die Strategie des Konsortiums für die Zukunft.
Über die Details der drei Konferenz-Tage gibt dieser chronologisch-thematisch gegliederte Bericht ausführlich Auskunft, der gerne auch selektiv gelesen werden kann und zur Veranschaulichung viele authentische Stimmen von Plenary-Teilnehmenden aus der NFDI4Culture-Community wiedergibt. Eine englische Version des Berichts findet sich in Kürze auf dem NFDI4Culture Portal.

Vor allem begegneten sich die rund 100 Teilnehmenden vor Ort – Vertreter:innen der Mitgliedsinstitutionen, die Mitarbeitenden des Konsortiums sowie Besucher:innen aus der (inter-)nationalen Forschung und digitalen Infrastruktur – endlich (wieder) einmal persönlich. Bei einem großen und in weiten Teilen digital durchgeführten Projekt wie NFDI4Culture stärkte das Zusammentreffen spürbar das Netzwerk der fachlich sehr vielfältigen Community sowie die geteilte Motivation und Leidenschaft für Forschungsdatenmanagement im Bereich Kulturdaten. Auch europäische Besucher:innen und Interessierte reisten zum Community Plenary, um bei NFDI4Culture mitzuwirken und sich auszutauschen, wie beispielsweise Rafael Uriarte, Ph.D., vom Kunsthistorischen Institut in Florenz, der in einem kurzen Interview seine Beweggründe schilderte:
„I came here to see what kind of contribution we can make and how to convince people to open their data, especially in art history.“
Wer nicht persönlich nach Mainz kommen konnte, hatte Gelegenheit, virtuell an den wesentlichen Programmpunkten teilzunehmen.
Konferenz-Tag 1: Workshop-Wednesday, Helpdesk-Speed-Dating und DigAMus Award
Workshops zum Forschungsdatenmanagement und Helpdesk-Speed-Dating
Zu den besonderen Programm-Highlights zählte zunächst das attraktive Workshopangebot: In entspannter und kollegialer Atmosphäre konnten die Teilnehmenden neue Skills, Tools und Techniken entdecken und die eigenen praktischen Fähigkeiten erweitern – von Pythonprogrammierung über Knowledge Graphs bis hin zur Nachhaltigkeit im Forschungsdatenmanagement. Besonderer Beliebtheit erfreute sich der „Data Stories“-Workshop. Teilnehmer Thomas Kollatz (Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz) berichtet anschließend:
„Wir sind im Workshop verdammt weit gekommen, aus unseren Daten eine lebendige Story zu machen.“
Gleichzeitig bot das NFDI4Culture-Helpdesk-Team für alle Anliegen rund um Forschungsdaten Speed-Date-Beratungen für die Plenary-Teilnehmenden an, wie beispielsweise von Jun.-Prof. Dennis Ried (Universität Halle-Wittenberg) wahrgenommen:
„Das Beratungsgespräch mit Leuten, die sich mit Förderstrukturen auskennen, hatte einen großen Mehrwert für mich, einfach gemeinsam Ideen zu sortieren.“
Helpdesk-Mitarbeiter Dr. Grischka Petri resümiert:
„Es waren durchaus umfangreiche Beratungen und auch sehr dichte, teils spezielle Infogespräche dabei. Natürlich können auch wir in einer halben Stunde die Dinge nicht vollständig lösen, aber wir konnten Türen aufstoßen und einen Wegweiser für die weiteren Schritte mit auf den Weg geben.“
Verleihung des DigAMus Awards für herausragende digitale Projekte im Kulturbereich

Die festliche Abendveranstaltung bot Gelegenheit für die schicke Abendgarderobe: Die GLAMouröse Verleihung des DigAMus Awards, der für herausragende digitale Projekte im Kulturbereich vergeben wird, fand erstmals im Rahmen des NFDI4Culture Community Plenarys statt. Das Organisationsteam des DigAMus Awards kam dafür ganz in Gold und Silber. Zusammen mit den goldenen Award-Figuren verliehen sie dem Event einen Hauch von Oscar-Flair.
Ein Gong-Schlag (wie es in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz Tradition ist) läutete die Zeremonie der Preisverleihung ein und lud die Teilnehmenden vor Ort in den Plenarsaal ein. Neben dem Live-Event wurde auch die Möglichkeit der Online-Teilnahme angeboten. Die anspruchsvolle Umsetzung des hybriden Events wurde als sehr gelungen gelobt: Das Ineinandergreifen von Technik (Zoom-Stream) und Live-Event vor Ort bot eine abwechslungsreiche und unterhaltsame Mischung aus Präsenz, Einspielung von Videos und Online-Beteiligung, die alle Zuschauenden von Nah und Fern inkludierte.
Nach Vorstellung der Favoriten-Projekte auf der Shortlist wurde der DigAMus Award in sechs verschiedenen Kategorien verliehen. Für die Gewinner-Projekte gab es viel Applaus, sogar Jubelrufe aus dem Publikum. Besonders die Freude der „Five Guides“ vom TikTok-Kanal @five.guides des LWL-Museums für Archäologie und Kultur (Gewinner-Projekt in der Kategorie “Zeitgemäße Vermittlung”) war regelrecht ansteckend und erfüllte den ganzen Raum. Man merkte den Guides einfach an, dass es ihnen eine Herzensangelegenheit ist, jungen Menschen einen Zugang zu Kultur und Museen auf Augenhöhe zu bieten. Die Projektbeteiligte Marie Jakob sagte nach der Verleihung:
„In das Projekt ist viel Arbeit hineingeflossen. Daher ist der Award eine tolle Bestätigung, dass wir damit einen Nerv getroffen und einen guten Job gemacht haben.“

Der Publikumspreis, für den 1500 Menschen abgestimmt hatten, ging an den Museums-Podcast „Auf die Ohren“ des Ägyptischen Museums München zur altägyptischen Kulturgeschichte. Die Gewinnerinnen Roxane Bicker und Nora Heil, beide online zugeschaltet, waren ehrlich „überrascht und unvorbereitet“, „Jetzt haben wir richtig was zu feiern auf unserem Team-Fest!“
Johannes Sauter vom DigAMus-Award-Team, extra aus Bern angereist, erläuterte die Kooperation zwischen NFDI4Culture und dem DigAMus Award:
„Da sind so viele Daten aus den eingereichten Projekten – die wollen wir weiter für die Community nutzbar machen.“ NFDI4Culture unterstützt dabei insbesondere in Punkto Datenqualität und -struktur bei der Datenübertragung zu Wikidata.
“Wikidata ist dabei nicht nur Beifang. Der Preis an sich ist natürlich wichtig, auch für die Sichtbarkeit, aber der Hauptwert liegt in den Daten. Von der Kooperation mit NFDI4Culture erhoffen wir uns, dass die Community diese kuratierten Daten aufgreift und nutzt”, erklärte Johannes Sauter und ergänzte:
“Es war cool, offizieller Programmpunkt beim NFDI4Culture Community Plenary zu sein. Wir sind hier so gut aufgenommen worden, sowohl organisatorisch als auch vom Publikum. Hier ist eine sehr offene und dynamische Community, die Bock hat, wirklich etwas zu machen!”
Seine Mitstreiterin Sonja Thiel, zugeschaltet aus den USA, bekräftigte, die Kooperation habe die Verleihung des DigAMus Award in dieser Form erst möglich gemacht.
Konferenz-Tag 2: Aktueller Stand des Konsortiums und Fishbowl-Diskussion „Datensouveränität, infrastrukturelle Resilienz und Wissenschaftsfreiheit“
Spokesperson-Report, Neuigkeiten zu den Diensten und Arbeitsbereichen von NFDI4Culture
Am Donnerstag, 25.09.25, präsentierte NFDI4Culture dem Plenum den aktuellen den Stand des Konsortiums mit Berichten und wissenschaftlich Beiträgen zu den neuesten Aktivitäten und Services sowie einem Ausblick auf kommende Vorhaben. Zum Warm-Up gab eine live-Umfrage Einblicke, welche NFDI4Culture-Dienste bereits besonders gern genutzt werden (was die geneigten Leser:innen im Übrigen gern für sich selbst entscheiden dürfen). Anschließend stellten die Mitarbeitenden von NFDI4Culture, ergänzt durch kreative Show-Einlagen, ihre Updates, Beispiele und Insights zu den verschiedenen NFDI4Culture-Diensten und Arbeitsbereichen vor, darunter:
- Neuer Research Data Management Organiser zum Erstellen von Datenmanagementplänen
- Data Quality Assessment und FAIR-Check zur Einschätzung der Qualität der eigenen Daten, jetzt noch interaktiver und mit Fairness-Gradmesser
- Zusammenarbeit von NFDI4Culture mit verschiedenen Fachinformationsdiensten
- LIDO (Lightweight Information Describing Objects), ein internationaler XML-Standard zur Beschreibung von Objekten und Lingua Franca für Museen, zu der NFDI4Culture künftig auch eine LIDO-Service-Stelle anbieten will
- MEI (Music Encoding Initiative), ein offener, von der Community entwickelt XML-Standard zur Codierung von Musiknoten, zu dem NFDI4Culture aktuell ein MEI-Repositorium und ein MEI-Korpus für Kulturschaffende und Wissenschaft plant
- Daten der Theaterwissenschaften und Performing Arts: Entwicklung von Services für spezielle ereignisbezogene Daten (wie z.B. Aufführungen)
- FOSS (Free Open Source Software): bestehende Dienste mit der Community weiterentwickeln
- Release der 3. Version des NFDI4Culture Portals als Zugangspunkt zu Ressourcen und Diensten sowie als Forschungsinformationssystem
- NFDI4Culture Registry für Forschungswerkzeuge und Datendienste – nicht nur zum Explorieren, Suchen, Filtern und Finden, sondern auch Anlaufstelle für Forschende und Entwickler:innen, die ihre Angebote (Software, Skripte, Webanwendungen, Datenrepositorien oder -portale) zur Nachnutzung zentral verzeichnen möchten
- Der Culture Knowlege Graph (KG) stellt eine Verbindung zwischen allen Forschungsdaten der Community her (Daten zu inzwischen rund 18 Mio. Entitäten). Zum Durchsuchen des KGs bietet NFDI4Culture neben der SPARQL-Schnittstelle nun auch eine neue Data Search mit spezieller Incipit-Suche für Musiknotation und KI-basierter Bildersuche
- Institutionelle Resilienz für Kulturerbe im digitalen Raum: Schutzstrategien für Kulturgüter und -Daten zur Prävention für den Katastrophen- oder Krisenfall
Die Präsentationen zu diesen sowie allen weiteren Vorträgen werden in Kürze auf dem NFDI4Culture Portal zur Verfügung gestellt.

Im Spokesperson-Report berichtet Konsortiumssprecher Prof. Torsten Schrade außerdem über die aktive Teilhabe diverser NFDI4Culture-Communities und der inzwischen rund 70 Participants, die beispielsweise Beiträge zu internationalen Metadatenstandards geleistet haben. Torsten Schrade betont:
„Partizipation ist das wichtigste, das Herz von NFDI4Culture ist eine gemeinsame, Community-geleitete Entwicklung einer gemeinsamen Datenkultur!”
Wegen der Breite der vertretenen Fachdisziplinen ist NFDI4Culture eines der größten und heterogensten Konsortien in der NFDI. Die Communities dieser verschiedenen Disziplinen sollen nun zu einer “Community of Practice” zusammengeführt werden, so Prof. Holger Simon, Co-Spokesperson von NFDI4Culture, „so wollen wir unsere Vision ‚Gemeinsame Daten – Gemeinsame Praxis – Gemeinsames Wissen‘ mit Leben füllen.“
Berichtet wurde weiter unter anderem über folgende Themen:
- Der NFDI4Culture Helpdesk hat sich zum „Rückgrat“ von NFDI4Culture entwickelt und verzeichnet inzwischen über 760 Beratungsvorgänge zu Themen wie Copyright, Publikation und Databases. Dabei wird deutlich: Für Sustainability braucht es rechtliche Klarheit, rund 40% der Helpdesk-Anfragen gingen an den Legal Helpdesk.
- Weiterbildung im Bereich Forschungsdatenmanagement (FDM) und Data/Code Literacy mit der Culture Research Data Academy, dem Educational Resource Finder und der Culture Knowledge Base (zentrales Informationsmedium zu FDM mit Handreichungen, Video-Tutorials und kuratierten Linkempfehlungen) – mit inzwischen rund 110 gut kuratieren Empfehlungen, alle maßgeschneidert für die NFDI4Culture-Community.
- Der Research Output Index zeigt, was NFDI4Culture zu bieten hat: Konferenzbeiträge und -berichte, wissenschaftliche Literatur, Artikel und vieles mehr.
- Community AAI (Authorization Authentification Identification), ein NFDI-Basis-Dienst, mit dem man sich sowohl für die Dienste von NFDI4Culture als auch für die anderer Konsortien anmelden kann – einmal anmelden, alle Dienste nutzen.
- Dienste über Konsortien hinweg weiterentwickeln am Beispiel von Semantic Kompakkt (freie Software zur Annotation von 3D-Daten und gleichzeitig Repositorium zur Speicherung): erste Abbildung eines chemischen Moleküls in Semantic Kompakkt in Zusammenarbeit mit NFDI4Chem.
- Internationalisierung: Ausloten der Zusammenarbeit mit fachspezifischen (inter-)nationalen GLAM-Infrastrukturen und Ausbau des internationalen Netzwerks.
Konsortiumssprecher Torsten Schrade fasste noch einmal zusammen:
„Back to the Future mit NFDI4Culture: mit Innovation, Partizipation, KI, 3D, KG, Datenqualität und Internationalisierung – das Abenteuer geht weiter!“
Datensouveränität, infrastrukturelle Resilienz und Wissenschaftsfreiheit – Fishbowl-Diskussion
Ein weiteres Highlight auf dem NFDI4Culture Community Plenary war das hochkarätig besetzten Panel „Datensouveränität, infrastrukturelle Resilienz und Wissenschaftsfreiheit“ mit Prof. Dr. Andrea Rapp (Präsidentin der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz), Prof. Dr. York Sure Vetter (Direktor der NFDI) und Prof. Dr. Dörte Schmidt (NFDI-Kuratoriums-Mitglied). Dieser wichtige Programmpunkt konnte auch online verfolgt werden.
Das interaktive Fishbowl-Gespräch, an dem sich auch das Publikum beteiligen konnte, befasste sich nicht nur mit technischen Infrastrukturen und Datenräumen, sondern auch mit der Frage der Sicherung grundlegender Werte unserer digitalisierten Wissensgesellschaft. Digitale Souveränität und gesellschaftliche Resilienz werden in internationalen Aushandlungsprozessen mit geopolitischer Dimension verhandelt, die ein hohes Maß an „Datendiplomatie“ erfordern. Die Diskussionsrunde lotete aus, wie die NFDI und besonders ihre geistes- und kulturwissenschaftlichen Konsortien einen Beitrag zu einer verantwortungsvollen digitalen Transformation in Deutschland und Europa leisten können.
In ihren Eingangsstatements gaben die Panelist:innen Einblicke in ihre Perspektiven auf diese Themen. Den Anfang machte Prof. Andrea Rapp: Das NFDI4Culture Community Plenary zeige, was „durch die Wissenschaft organisiert“ bedeute: „Das sind mehr als eine Handvoll Nerds, sondern eine lebendige Community!“. Drei Punkte waren Andrea Rapp in ihrer Ansprache besonders wichtig: 1. In Verbindung mit dem Thema Wissenschaftsfreiheit sprach sie über langfristige Verpflichtungen am Beispiel von digitalen Editionen und wie diese die Wissenschaftsfreiheit stützen können, indem sie transparent Rechenschaft ablegen, was sich im Digitalen optimal organisieren lasse. 2. Datenqualität als Voraussetzung für KI-gestützte Verfahren: „Die unvermeidliche KI und Large Language Models sind Wahrscheinlichkeitsmodelle. Diese brauchen vertrauenswürdige Umgebungen und eine qualitätsgesicherte Datengrundlage.“ 3. Die fach- und domänenspezifischen Kompetenzen für die Langzeitverfügbarkeit von geisteswissenschaftlichen und Kulturgut-Daten sieht Andrea Rapp vor allem bei den Akademien, ergänzt durch die Universitäten: „Wir brauchen den Auftrag und die Ausstattung dafür, so fühlen wir uns gut gerüstet für diese Aufgabe“.
NFDI-Direktor Prof. York Sure-Vetter fasste zu Beginn zusammen, wie die NFDI in den letzten fünf Jahren gewachsen ist, hin zu einer „international sichtbaren Infrastruktur mit technischer Weitsicht“. Zwischen den Mitgliedern der NFDI sei trotz der fachlichen Unterschiede ein Vertrauensverhältnis aufgebaut worden, das es erlaube, gemeinsam an übergreifenden Querschnittsthemen zu arbeiten. Dabei verlieh York Sure-Vetter auch seiner Anerkennung für die hohe Professionalität von NFDI4Culture Ausdruck.
Einer seiner wichtigsten Talking Points galt der Demokratie: „Als eine Wissensinfrastruktur mit Bottom-up-Prinzip ist die NFDI wichtig für die Demokratie. Das müssen wir erhalten! Dafür ist auch Transparenz wichtig.“ Darüber hinaus schaffe die in Europa einzigartige föderierte Struktur der NFDI Resilienz, und zwar genau über diese Verteilung von technischen Ressourcen und auch Köpfen. Zur Resilienz-Strategie der NFDI gehören Cyber-Security, Redundanz und offene Standards. Mit ihren sicheren, interoperablen Diensten und ihrer förderierten Struktur könnte NFDI auch als strukturelles Role Model und Innovationsmotor in der EU dienen.
Dass NFDI-Direktor York Sure-Vetter persönlich mit Diskussionsbeiträgen am NFDI4Culture Community Plenary teilnahm, ist bei 26 NFDI-Konsortien und nur 52 Wochen im Jahr keine Selbstverständlichkeit und freute die Community daher ganz besonders.
Prof. Dörte Schmidt eröffnete ihre Rede mit dem Statement, sie sei „geflasht, was wir geschafft haben in fünf Jahren: eine Vielfalt an Daten und wie kooperativ wir uns zusammenraufen, statt in Konkurrenz zueinander zu gehen“. Sie pflichtete York Sure-Vetter bei, dass Demokratie eine Grundvoraussetzung und die Wissenschafts- und Kunstfreiheit, die in Art. 5 des Grundgesetzes festgehalten ist, uns ermöglichen zu definieren, was für eine Gesellschaft wir sein wollen.
Beim Thema Datensouveränität sprach Dörte Schmidt von der NFDI als einem „vielköpfigen Souverän“, dessen Vorteile wir nutzen sollten, denn er bilde einen Gegenvorschlag zu Daten-Hegemonien und Monopolismen. Das bringe technische, ethische und rechtliche Anforderungen mit sich und mache Aushandlungen in unterschiedlichen Rechtsräumen nötig. „Für infrastrukturelle Resilienz müssen wir verteilt denken, denn verteilte Netzwerke sind nicht so angreifbar. Auch Redundanz wird in gewissem Maß wird gebraucht. Wir lernen gerade, was Resilienz bedeutet, und dass sie oft auch der Effizienz und vor allem dem Finanzierungskampf gegenübergestellt werden muss“. Dörte Schmidt beendet ihre Ansprache mit dem Aufruf „Denkt vernetzt! Das ist unsere demokratische Aufgabe“.
In der anschließenden Diskussionsrunde, der Fishbowl, nahmen neben den geladenen Panelist:innen auch wechselnde Diskutant:innen aus dem Publikum auf zusätzlichen freien Stühlen Platz und an der Diskussion teil. Moderiert wurde die Runde von Konsortiumssprecher Torsten Schrade.

Beim Thema der europäischen Anschlussfähigkeit der NFDI stellt sich York Sure-Vetter verschiedene Dienste für die European Open Science Cloud (EOSC) vor, darunter auch der Authentifizierungsdienst. Daraufhin gab Moderator Torsten Schrade die Frage an das Publikum weiter: „Welche Dienste brauchen wir?” Peter Gietz (DAASI International) ergriff die Gelegenheit sowie einen freien Stuhl in der Diskussionsrunde und bestätigte: „Die NFDI4Culture-AAI [Authorization Authentification Identification] funktioniert. NFDI4Culture ist ein super Beispiel für Vernetzung, auch auf technischer Seite der Dienste.“ Als weiteres positives Beispiel wurde wiederholt Eduroam[1] genannt und mit viel Zustimmung aus dem Saal quittiert.
Auch über die angestrebte Verstetigung der NFDI wurde diskutiert. Dörte Schmidt machte sich dafür stark, die Politik zu überzeugen, „dass eine Investition in Köpfe einen Teil dieser Verstetigung darstellt“. Peter Gietz stimmte zu und merkte an: „In einem freien Raum sorgen eben diese Köpfe für Innovation“. Andrea Rapp nannte ergänzend die institutionelle Kontinuität. Einig waren sich alle, dass auch das bestehende Netzwerk verstetigt werden müsse, um nicht mit der Finanzierung wieder von vorne anfangen zu müssen.
Auch das Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus wurde in der Diskussion erneut aufgegriffen. Andrea Rapp brachte den Begriff der Allmende [im Sinne eines gemeinsamen Gutes der modernen Informationsgesellschaft, beispielsweise in Form von freier Software] in die Diskussion ein und merkte an: „Gemeingut macht Arbeit“. Moderator Torsten Schrade sprach den Konflikt zwischen Plattform-Ökonomie vs. Allmende an und fragte: „Können wir den Plattform-Giganten entkommen?“ York Sure-Vetter antwortete, es sei ein Machtkampf und führte ein Beispiel an: „Die großen Sprachmodelle haben sogar Experten überrascht, aber noch mehr Daten führen jetzt nicht mehr zu besseren Modellen, es tritt eine Saturierung ein. Für den Betrieb braucht man Rechenzentren so groß wie Manhattan. Wenn man da beispielsweise an Stromausfälle denkt… Es ist schwer, dem zu entkommen, wir müssen unsere Nische finden“.
[1] Eduroam: internationale Hochschul-Initiative, die Studierenden und Wissenschaftler:innen über ihren Universitätsaccount einen WLAN-Zugang an allen teilnehmenden Institutionen ermöglicht. Analog dazu funktioniert auch der NFDI4Culture-AAI-Dienst, über den allen Nutzenden, die über DFN bei NFDI4Culture registriert sind, der gesamte Dienste-Kosmos der NFDI zur Verfügung steht.
In ihren Schlussstatements gaben die Panelist:innen eine Einschätzung, was in den kommenden Jahren besonders wichtig werde. Dörte Schmidt sprach sich dafür aus, „dass wir uns auf unsere Aufgaben und Ziele besinnen, vor allem auf unser Alleinstellungsmerkmal, das uns von großen Playern unterscheidet. Wir können etwas leisten in der Gesellschaft“.
Andrea Rapp stellte heraus, die Wissenschaft werde getragen von Personen, die ertüchtigt werden müssten, sich als Teil ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch um Souveränität zu kümmern. Dafür bedürfe es Freiraum, Ansprechpartner und finanzieller Mittel.
York Sure-Vetter betonte die Bedeutung der Validierung der Dienste, die einerseits bottom-up funktioniere, indem die Communities durch ihre Nutzung zeigen, ob bestimmte Dienste, wie z.B. der Helpdesk, Anklang finden oder nicht. Gleichzeitig müsse die Führung top-down Entscheidungen treffen und „der Politik erklären können, wo wir das Geld gut investiert sehen”. Gebraucht werde also sowohl eine Politik, die unterstützt, als auch Nutzende, welche die Dienste wertschätzen.
Im Nachgang der Veranstaltung fasste Andrea Rapp ihre gewonnenen Erkenntnisse aus der Diskussion noch einmal für den vorliegenden Bericht zusammen:
„Die nachhaltige Zukunft der NFDI stellt uns vor große Herausforderungen, zugleich ist bei der Community, sowohl an der Basis als auch bei den Institutionen, Wille und Commitment groß, sich diesen Herausforderungen zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. Dafür müssen Institutionen und Wissenschaftler:innen ertüchtigt werden.“
Rahmenprogramm: Spirio-Konzert, inspirierender Gesang, Ess- und Feierkultur
Aufgelockert wurden die Vorträge und Diskussionen von einem musikalischen Programm erster Güte. Die „Early Birds“ (die ersten 50 Plenary-Registrierten) wurden mit einem ganz besonderen Konzerterlebnis überrascht: Im Kalkhof-Rose-Saal, Deutschlands erstem Kammermusiksaal in Holzbauweise, wurde die innovative Steinway Spirio-Konzerttechnologie vorgeführt. Dabei handelt es sich um ein Selbstspielsystem, das live-Darbietungen von Pianist:innen weltweit von einem zum anderen Spirio-Flügel in Echtzeit übertragen oder aufzeichnen und originalgetreu wiedergeben kann, so authentisch, als würde die Künstlerin oder der Künstler selbst am Flügel sitzen. Geboten wurden Stücke gespielt von Hayato Sumino, Vladimir Horowitz, Jacob Collier und Arseniy Gusev.
Doch auch alle anderen Gäste kamen in den Genuss eines besonderen Konzerts: Zum musikalischen Rahmenprogramm des Plenarys zählte auch Sopranistin Lindsey Neumann aus den USA, begleitet am Klavier von Konzertpianistin Andrea Jantzen. Die beiden boten Lieder von F. Mendelssohn, R. Quilter und G. Puccini dar, mit einer Intensität und Präsenz in Stimme und Performance, die den Zuhörenden das Gefühl vermitteln konnte, ganz persönlich angesprochen zu sein. Lindsey Neumann berichtete, dass sie in der Vorbereitung auf ihren Auftritt den Auftrag erhalten habe, das Publikum zu inspirieren – was ihr zweifelsohne gelungen ist.

Auch über das Konzert-Programm hinaus konnten die Plenary-Besucher:innen die Veranstaltung sinnlich und kulinarisch genießen. Das bunte Tagesprogramm wurde abends von einem Dinner, einem guten Glas Wein und anschließender Party gekrönt – letztere genießen in NFDI4Culture-Kreisen bereits einen legendären Ruf. DJane Fran(ziska Fritzsche) von BASE4NFDI sowie die Musik-Wünsche der Anwesenden sorgten für einen ausgelassenen (Tanz-)Abend, der sicher vielen in Erinnerung bleibt.

Konferenztag 3: Markt der Möglichkeiten, 4CultureHour auf Mastodon und Stimmen aus der Community
Markt der Möglichkeiten und 4CultureHour auf Mastodon
Mit dem Markt der Möglichkeiten am Freitag, 26.09.25, bot NFDI4Culture einen Begegnungsraum vor Ort, in dem Services von NFDI4Culture, aber auch Participants und Partner:innen des Konsortiums sich anhand von Posterpräsentationen vorstellen und miteinander ins Gespräch kommen konnten. Die Marktbesucher:innen waren eingeladen zum Schlendern, Entdecken und Netzwerken. In der Speakers-Corner wurde in kurzen Marktreden auf interessante Marktstände, Veranstaltungen oder gute Ideen aufmerksam gemacht.

Dr. Fabian Pittroff (Ruhr-University Bochum) stellte mit seinem Poster beispielsweise eine „Infrabel zur Ethnografie zum Umgang mit Forschungsdaten“ vor. Infrabel setzt sich zusammen aus den Wörtern Infrastruktur und Fabel und thematisierte in diesem Falle anhand der Feldmaus und des Pelikans verschiedene Arten der Pflege von Forschungsdaten. Im Unterschied zur klassischen Fabel, in der Tiere die Eigenschaften von Menschen verkörpern, haben diese in der Infrabel Eigenschaften von Infrastrukturen. Der Markt der Möglichkeiten hat sich laut Fabian Pittroff gelohnt:
„Die Poster haben gut funktioniert, um ins Gespräch zu kommen.“
In einem kurzen Interview führte er auf die Frage nach seinen Eindrücken vom NFDI4Culture Community Plenary aus:
„Ich bin zum Plenary gekommen, weil ich den Eindruck habe, dass mir NFDI4Culture beim Einarbeiten in das Thema FDM potenziell viel Arbeit abnehmen kann. Ich habe mir darüber hinaus viel Überraschendes notiert. Mich interessiert auch, wie sich NFDI4Culture organisiert. Es fand recht viel Selbstverständigung des Konsortiums statt, dadurch bekam man Einblicke in den Inner Circle – gleichzeitig fühlte ich mich sehr willkommen. Und was mir aus der Fishbowl-Diskussion noch in Erinnerung geblieben ist, waren Schlagworte wie ‚verteilte, aber vernetzte Strukturen‘, ‚mit stolz von unseren Daten sprechen‘ und ‚Lust an der Heterogenität‘.“
Auch andere Marktbesucher:innen konnten von den Posterpräsentationen profitieren:
„Bei den Postern habe ich sogar etwas gelernt, was ich für unser Projekt Buber-Korrespondenzen Digital verwenden kann“, freute sich Thomas Kollatz (Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz).
Eine Zusammenstellung aller vertretenen Poster wird in Kürze auf dem NFDI4Culture Portal veröffentlicht.

Mit der 4CultureHour, die sich dann sogar auf mehrere „Hours“ ausweitete, wurde der Markt der Möglichkeiten vom NFDI4Culture-Social-Media-Team live auf Mastodon begleitet. Bereits die Social-Media-Berichterstattung der beiden Vortage hatte viel Resonanz erzeugt. Während des letzten Konferenztages hatten Interessierte nun die Möglichkeit, direkt auf die Poster zu reagieren oder Fragen zu stellen. Teilweise konnten diese dann sogar von der Poster-betreuenden Person auf Mastodon beantwortet werden. So übertrug sich die allseitige Begeisterung auch in den digitalen Raum. Weitere Eindrücke von NFDI4Culture in den Sozialen Medien sind auch auf LinkedIn und auf Mastodon unter #4CultureCommunityPlenary zu finden.
Die Community resümiert
Bevor sich alle auf die Heimreise machten, rekapitulierten einige Plenary-Teilnehmende für uns ihre persönlichen Eindrücke von der Veranstaltung. Dennis Ried (Uni Halle-Wittenberg), der übrigens 2024 mit dem NFDI4Culture Music Award ausgezeichnet wurde, fasste seine Plenary-Erfahrung folgendermaßen zusammen:
„Ich wollte mir ein Bild machen, was für Dienste es bei NFDI4Culture gibt, was die können und wie sie funktionieren. Mich persönlich interessiert darüber hinaus besonders die Verbindung von 3D-Daten und Musikwissenschaft und wie man die einsetzen kann. Es gäbe da gute Möglichkeiten für fächerübergreifenden Datenaustausch, zum Beispiel bei antiker Musik mit der Archäologie, wenn sich beispielsweise Musik auf antiken Amphoren findet. Beim Data-Stories-Workshop habe ich nebenbei noch erfahren, was man mit dem Culture Knowledge Graph alles machen kann. Insgesamt finde ich es beeindruckend, wie stark die NFDI als Ganzes aus 1000 Einzelteilen hervorgegangen ist. Nur bei den ganzen internen Kürzeln blicke ich noch nicht durch – wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es ein Glossar der Abkürzungen“.
Andreas Kohlbecker vom ZKM Karlsruhe, welches Participant bei NFDI4Culture ist, war zum NFDI4Culture Community Plenary gekommen, um zu erfahren, was der aktuelle Stand des Konsortiums ist und wohin die Reise künftig geht – und auch, weil er gerne die Kommunikationskanäle des Konsortiums, wie beispielsweise den RocketChat, nutzen möchte. Des Weiteren nahm er am Workshop zu den Base4NFDI-Services teil:
„Da konnte man sehen, was sich inzwischen in der NFDI alles getan hat. Ich wollte mich informieren, wie genau ich die Tools bei uns im Haus nutzen kann, um Probleme zu lösen. Der Workshop war echt ein Highlight, weil sich danach ein Gesprächsfäden über die drei Konferenztage hinweg ergeben hat. Insgesamt hat es sich wirklich gelohnt, nach Mainz zu kommen, ich habe mich sehr wohl gefühlt, konnte mein Netzwerk erweitern – und NFDI4Culture kann tolle Parties feiern!“
Für die Zukunft möchte er dem Konsortium noch mit auf den Weg geben: „NFDI4Culture muss europäischer werden!“. Genau das hat NFDI4Culture mit seinen Internationalisierungsbestrebungen auch vor.
NFDI-Kollegin Veronica Haas (Universität Mannheim) vom Konsortium BERD@NFDI verabschiedete sich mit den Worten:
„So eine schöne Konferenz – und die Musikeinlagen waren beeindruckend!“
Auch NFDI4Culture freut sich, besonders nach diesem fruchtbaren Austausch, dem gemeinsamen Lernen, Glitzern, Feiern, Netzwerken, Diskutieren, Konzert-Erleben, Schlemmen und Tanzen, auf ein Wiedersehen mit der Community – allerspätestens beim nächsten Culture Community Plenary!

Kommentar schreiben