Was Sie schon immer über „research technologists“ wissen wollten und nie zu fragen wagten

16 Veröffentlicht von Christof Schöch am

Vom 11. bis 12. März fand am Corpus Christi College in Oxford ein Workshop zum Thema „Recognising Research Technologists in Research: an Action Plan“ statt. Der Workshop wurde von JISC (UK) gemeinsam mit SURF (NL) und dem CSC (FIN) organisiert und fand im Rahmen des e-Infrastructure Policy Forums statt. Zwei kurze Tage lang diskutierten Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und europäischen Ländern darüber, was „research technologists“ definiert, welche Rolle sie im Forschungsprozess insbesondere im Kontext der Digitalisierung haben, und wie man ihren Status und ihre Karrierepfade, ihre Ausbildung und ihre Anerkennung verbessern könnte. Einige Ergebnisse des Workshops sollen hier in Form von Frage & Antwort berichtet werden.

1. Was sind „research technologists“ überhaupt?

Torsten Reimer, "Old Tunnel, New Light"

Licht am Ende des Tunnels? (Keller der Bodleian Library, Oxford) – Torsten Reimer, „Old Tunnel, New Light“. Mit freundlicher Genehmigung, all rights reserved, Quelle: http://www.flickr.com/photos/torstenreimer/8554250760/sizes/h/in/photostream/.

Der Begriff „research technologist“ (je nach Kontext auch „scientific programmer“ oder „data technologist“ genannt) bezeichnet kurz gesagt eine Personengruppe, die technisch-informatische Kompetenzen und Lösungen in den wissenschaftlichen Forschungsprozess einbringt. Dabei kann man sie in einem Kontinuum verorten, das zwischen zwei Polen aufgespannt ist: auf der einen Seite die rein auf ihre disziplinäre Forschung fokussierten Wissenschaftler (von denen heute allerdings zumindest eine gewisse technische Expertise erwartet wird); auf der anderen Seite die reinen technischen oder informatischen Dienstleister, die generische Standard-Lösungen für bestimmte Probleme (wie Datenspeicherung, Datenmanagement, Retrieval-Lösungen, etc.) anbieten können. Zwischen diesen beiden Polen sind einereits, näher am wissenschaftlichen Pol, die „digital humanists“ oder „e-scientists“ angesiedelt, die zwar primär ihren eigenen Forschungszielen verpflichtet sind, diese Ziele aber unter Einsatz individuell angepasster technologischer Lösungen zu erreichen suchen; andererseits, und näher am technologischen Pol angesiedelt, gibt es eben die research technologists, die einen primär technisch-informatischen Hintergrund mit einem tieferen Verständnis für Forschungsfragen verbinden und die forschungsgetriebene, individuell angepasste technologische Lösungen entwickeln und umsetzen.

2. Warum sind „research technologists“ wichtig?

Im Kontext der zunehmenden Digitalisierung des kulturellen Erbes in den Geisteswissenschaften, der evidenzbasierten Sozialwissenschaften und der datengetriebenen Naturwissenschaften ist innovative Forschung ohne spezifische technisch-informatische Kompetenzen, die über generische Standard-Lösungen hinaus gehen, kaum noch denkbar. Die Europäische Kommission und das eIPF haben jedenfalls formuliert, dass ohne eine gut aufgestellte community von research technologists wettbewerbsfähige Forschung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zunehmend schwieriger sein wird. Die Spezialisierung und Arbeitsteilung in der Wissenschaft macht es zunehmend unmöglich, dass ein/e einzelne/r Wissenschaftler/in alle im engeren Sinne forschungsgetriebenen und alle technologischen Aspekte seiner/ihrer Forschung selbst beherrschen, anpassen und neu entwickeln kann. Zugleich sind „research technologists“ mit meist informatischem Hintergrund in der Industrie und dem Service-Sektor gefragte Arbeitskräfte, sodass es für die Wissenschaft oft schwierig ist, geeignete Mitarbeiter/innen zu finden und zu halten. Viele Projekte in den digitalen Geisteswissenschaften sind davon betroffen.

3. Warum ist der Status von research technologists derzeit problematisch?

Zur Zeit haben „research technologists“ keinen klar definierten Status; den meisten Wissenschaftlern ist der Begriff selbst unbekannt. Da sie nicht selbst disziplinär verankerte Forschungsprojekte leiten oder eine solche Leitungsposition anstreben, steht ihnen anders als „normalen“ Wissenschaftlern keine akademische Karriere offen. Da sie andererseits nicht zum festen Personal von Rechenzentren gehören, die überwiegend nicht für so forschungsnahe und projektgetriebene Forschungsprojekte zuständig sind, haben sie auch hier keine konkreten Aufstiegschancen. Weil sie überwiegend projektbasiert eingestellt werden, sind sie zumindestens in den Geistes- und Sozialwissenschaften häufig befristet und unsicher beschäftigt. Und weil sie zu oft als Dienstleister gesehen werden, und nicht als vollwertig am Forschungsprozess beteiligte, sind sie häufig nicht Ko-Autoren wissenschaftlicher Artikel über ihr Forschungsprojekt und bekommen demnach nicht einmal symbolisches akademisches Kapital für ihre Arbeit.

4. Was können verschiedene Akteure unternehmen?

Es wurden verschiedenste Lösungsansätze diskutiert, vier davon scheinen mit aber besonders wichtig. Erstens sollte der genuine, forschungsorientierte Beitrag, den „research technologists“ zum Forschungsprozess beitragen dadurch gewürdigt werden, dass sie mit Bezug auf ihre Gehaltsstufe als Wissenschaftler eingestuft werden oder zumindest besser gestellt werden, als dies derzeit oft der Fall ist. Zweitens und kurzfristig sollten sie aus dem gleichen Grund am Verfassen und Publizieren von wissenschaftlichen Artikeln beteiligt werden, was möglicherweise die Inhalte ebenso beeinflussen würde wie die geeigneten Publikationsorte. Drittens und mittelfristig sollten veränderte Publikationsgewohnheiten es „research technologists“ erlauben, durch die Publikation von Tools und Code ebenfalls „academic credit“ zu erwerben. Viertens (und das scheint mir der Bereich zu sein, wo am deutlichsten eine win-win-Situation hergestellt werden könnte), sollten an den Universitäten idealerweise auf Fakultätsebene „Research Technology Centers“ oder „Digitale Forschungszentren“ eingerichtet werden, die „research technologists“ dauerhaft eingerichtete Stellen anbieten können. Das würde den RTs eine dauerhafte Perspektive eröffnen und es Projekten zugleich erlauben, zeitweise und flexibel Expertise ins Projekt zu holen, ohne dass die RTs nach Abschluss des Projekts auf der Straße stehen, und ohne dass der Universität wertvolle Expertise verloren geht.

Klar wird auf jeden Fall, dass die Entwicklung in der Forschungspraxis nicht haltmacht, während die kulturellen und institutionellen Gegebenheiten nur langsam reagieren. Hier sind in der Tat individuelle Forscher/innen ebenso gefragt wie Entscheider/innen auf institutioneller Ebene! Auch Input aus der Community ist hier gerne gefragt: Welche (vielleicht abweichende) Erfahrungen haben Sie in Ihren Projekten mit „research technologists“ gemacht? Sind Sie vielleicht selbst eine/r? Was sehen Sie als dringlichste Probleme?

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  • no image

    Meine Tätigkeit hat einen Namen: ich bin Research Technologist « ZIM:ig

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    […] Schöch bericht in einem höchst lesenswerten Beitrag im DHd-Blog von einem Anfang dieses Monats am Corpus Christi College in Oxford abgehaltenen Workshop zum Thema […]

  • Christof Schöch

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    Gunter Vasold, von dem der Pingback oben stammt, ergänzt auf seinem Blog einen sicherlich wichtigen Punkt, daher erlaube ich mir, ihn hier zu zitieren: „Ich möchte aber noch auf einen weiteren aus meiner Sicht wesentlichen Punkt hinweisen: Feste Stellen für research technologists befördern auch die technische Kontinuität. Aus meiner Erfahrung heraus werden für Projekte softwaretechnische Leistungen oft von externen Experten zugekauft. Da bei den Auftraggebern diesbezüglich meist keine Expertise besteht, wird nur eine bestimmte Funktionalität der zu entwickelnden Programme festgelegt, es werden jedoch kaum jemals Forderungen bezüglich der verwendeten Technologie oder auch der Dokumentation gestellt. Ich habe Fälle erlebt, wo dem Auftraggeber nicht einmal der Sourcecode der Programme übergeben wurde. Das alles führt in einer sich ständig verändenden IT-Umwelt dazu, dass diese Software unter Umständen nur einige wenige Jahre funktioniert. Längerfristig an den Zentren verfügbare research technologists stellen sicher, dass sowohl bei in-house-Entwicklungen als auch bei extern vergebenen Aufträgen bestimmte Vorgaben hinsichtlich Wartbarkeit eingehalten werden.“

  • Charlotte Schubert

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    Ihre Forderungen sind verständlich, vielleicht aber etwas zu sehr in eigener Sache formuliert: Haben Sie schon einmal bedacht, welche Auswirkungen Ihre Überlegungen auf die universitäre Struktur nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre hätten? Wenn wir unser bewährtes Prinzip der Einheit von Froschung und Lehre nicht aufgeben wollen, dann müssen wir die disziplinäre Einheit bewahren wie dies in den fachlichen und institutionellen Strukturen der Universitäten auch praktiziert wird. Wie sollte denn Ihrer Meinung nach die Etablierung von RTs innerhalb dieser Strukturen als wissenschaftliche Mitarbeiter in der Lehre aussehen? Oder sollten sie nur in der Forschung etabliert werden? Dann würde man aber ganz neue Qualifikationswege benötigen, denn bis jetzt sind diese für wiss. Mitarbeiter fachspezifisch ausgerichtet und basieren auf der Qualifikation sowohl in Forschung wie auch Lehre.
    Ich selbst bin sehr skeptisch, ob es gelingen wird, RTs innerhalb dieser Strukturen zu etablieren. Bis jetzt ist – wenn es überhaupt angestrebt wird -eine Doppelqualifikation (also sowohl eine geisteswissenschaftliche als auch eine informationswissenschaftliche Kompetenz)nötig. Und das macht auch Sinn vor dem Hintergrund der (noch …) auf die Einheit von F&L ausgerichteten, deutschen UnUniversität.

    • Michael Piotrowski

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      Aus politisch-administrativer sicht ist es klar, dass es an deutschen hochschulen schwierig ist, dauerhafte stellen für scientific programmers zu etablieren, ist klar.

      Aus wissenschaftlicher perspektive sehe ich dagegen keine probleme, in anderen fachgebieten, insbesondere den ingenieurwissenschaften, gibt es mitarbeiter dieser art ja schon lange, z. b. chemielaboranten.

      • Christof Schöch

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        Zunächst einmal sollte ich vielleicht anmerken, dass ich selbst kein „research technologist“ bin, sondern mich als „digitalen Geisteswissenschaftler“ verstehe. Wie unten dargelegt, sehe ich hier zumindest derzeit, aber wohl auch mittelfristig, einen Unterschied.
        Die Herausforderung, die in der Etablierung von Digitalen Forschungszentren liegt, scheint mir aber doch nicht primär in der Einheit von Forschung und Lehre zu liegen: schon jetzt sind viele „research technologists“ auch in der Lehre engagiert, nur eben stärker im Bereich der forschungsorientierten Weiterbildung von Nachwuchswissenschaftlern als im Bereich der informatiknahen, anwendungsorientierten Schlüsselqualifikationen für Studierende. Eine solche Aufgabe könnten Sie aber doch gut auch übernehmen!
        Inwiefern die Einheit von Forschung und Lehre auf dem Respekt der disziplinären Grenzen beruht, erschließt sich mir nicht ganz; sicher scheint mir aber, dass die digitalen Geisteswissenschaften disziplinäre Grenzen innerhalb der Geisteswissenschaften tendenziell auflösen – auch wenn wir derzeit eine durchaus begrüßenswerte Tendenz zu Digitalen Philologien, digitaler Geschichtswissenschaft etc. sehen. Die Herausforderung scheint mir vor allem eine soziale, politische und finanzielle zu sein!

  • Patrick Sahle

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    Die Definition des „Research Technologist“ ist die Definition eines „Digital Humanist“. Also ist „Research Technologist“ ein anderes Wort für „Digital Humanist“. Aber das macht ja auch nichts, die Namen kommen und gehen: Humanities Computing, Digital Humanities, geisteswissenschaftliche Fachinformatik, Research Technology – verschiedene Namen, das gleiche Feld.
    Denn als neuer Abgrenzungsbegriff kann „Research Technologist“ ja nicht taugen: Research und Technology ist genau das, was Digital Humanities ausmacht. Nimmt man die Technologies weg, bleibt ja nur Humanities über und das gibt’s ja schon lange …
    Auf der anderen Seite ist nach wir vor die Frage nach der Fachspezifik entscheidend: geht es um generische Lösungen, dann ist es einfach Technologie, Informatik oder eine Sache für die Rechenzentren. Geht es aber um spezifisch geisteswissenschaftliche Probleme, dann geht es um Digital Humanities oder um Humanities Research Technologies – und wo sollte da der Unterschied sein?

    • Michael Piotrowski

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      »Research technologist« finde ich auch keine sonderlich gelungene bezeichnung – »scientific programmer« ist sprechender, wenn auch vielleicht nicht so glamurös –, aber hier geht es nicht um die fachliche abgrenzung, sondern um eine laufbahn. Der scientific programmer unterscheidet sich vom wissenschafter darin, dass er keine eigene forschung betreibt, sondern sich um die praktische technische umsetzung von forschung kümmert – wie etwa eben auch ein chemielaborant.

      • Christof Schöch

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        Wenn man von der begrifflichen Vielfalt einmal absieht, scheint mir doch ein Unterschied zwischen zwei möglichen Gruppen zu bestehen, die sich aus den primären Qualifikationen ergeben: einerseits die Geisteswissenschaftler mit technischem Verständnis, andererseits die Informatiker mit geisteswissenschaftlichem Verständnis. Mein Eindruck ist bisher nicht, dass diese beiden Gruppen nahtlos und unterschiedslos in der Kategorie der „digital humanists“ aufgehen; zugleich würde ich nicht gerne die ersteren gleich kategorial aus den DH ausschließen. Und selbst wenn in den nächsten Jahren die Gruppe von Leuten mit einer genuinen Doppelqualifikation wachsen wird, verschwinden deswegen noch lange nicht die Geisteswissenschaftler mit technischem Verständnis, die trotz dieses Verständnisses forschungsnah mit „research technologists“ zusammenarbeiten werden.

  • no image

    Digital Humanities als Generationenkonflikt | Schmalenstroer.net

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    […] Auch Christof Schön beklagt die institutionelle Behäbigkeit: Klar wird auf jeden Fall, dass die Entwicklung in der Forschungspraxis nicht haltmacht, während die kulturellen und institutionellen Gegebenheiten nur langsam reagieren. […]

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    #dhiha5 Panel III: Evaluierung und Qualitätssicherung in den Digital Humanities | Digital Humanities am DHIP

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    […] Christof Schöch, http://dhd-blog.org/?p=1487 […]

  • Sebastian Gießmann

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    Danke für den Beitrag, lieber Christof!

    In der Tat habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass digitale Kompetenz in den Geisteswissenschaften zum bloßen Technitentum abgewertet wird (so wie die Techniten des antiken Theaters am Rande der Medien- und Theatergeschichte stehen).

    Ich fürchte, dass eine eigene Denomination daran nicht viel ändern wird. Im Gegenteil, das wird den „das kann doch XY machen“-Effekt verstärken.

    Die einzige Lösung, die mir spontan einfällt, ist so etwas wie eine Universal Big Bang Theory: Alle müssen digitale Kompetenzen mitbringen; special skills werden als solche anerkannt, aber nicht isoliert nur einer Stelle zugewiesen.

  • no image

    #dhiha5 Panel III: Evaluation and Quality Control in the Digital Humanities | Digital Humanities à l'IHA

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    […] Christof Schöch, http://dhd-blog.org/?p=1487 (dhd […]

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    #DHIHA5 Panel I: Which changes are currently taking place in our research and academic culture? | Digital Humanities à l'IHA

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    […] (http://www.eventbrite.co.uk/event/5340072300/) Christof Schöch has recently pointed out (http://dhd-blog.org/?p=1487) that their status is positioned between academic researchers and technical support staff. Their […]

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    Ergebnisse der Blogparade „Nachwuchs und Digital Humanities” #dhiha5 | Digital Humanities am DHIP

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    […] Christof Schöch, Was Sie schon immer über “research technologists” wissen wollten und nie zu fragen wagten, in: DHd-Blog, 26.3.2013, http://dhd-blog.org/?p=1487. […]

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    Resultats de l’appel à contributions “Jeunes chercheurs et digital humanities” #dhiha5 | Digital Humanities à l'IHA

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    […] Christof Schöch, Was Sie schon immer über “research technologists” wissen wollten und nie zu fragen wagten, in: DHd-Blog, 26.3.2013, http://dhd-blog.org/?p=1487. […]

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    Les Digital Humanities se déploient sur Twitter : l'exemple du colloque #dhiha5 ! - Martin Grandjean

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