Wer schreibt Geschichte? Ein fiktiver Dialog über KI und historisches Arbeiten
Giulia Cordier und Miriam Weiss
Der folgende Beitrag ist aus Überlegungen hervorgegangen, die uns im Anschluss an die Tagung „Suchst du noch oder findet sie schon? Künstliche Intelligenz und die Verschiebung historischer Fragestellungen“ beschäftigt haben, die am 2. und 3. Februar 2026 an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz stattfand und von Miriam Weiss, Christina Abel und Andreas Kuczera aus dem Team des Projektes Regesta Imperii ausgerichtet wurde. Im Mittelpunkt der Tagung standen Veränderungen, die der Einsatz generativer KI für geschichtswissenschaftliche Forschung und Lehre mit sich bringt. Dabei wurde immer wieder – explizit wie implizit – die Frage berührt, welche Aufgaben Historiker:innen an KI-Systeme delegieren und welchen Einfluss sie damit auf historische Erkenntnisprozesse gewinnen.
Um möglichst viele zentrale Gedanken aus den ungemein produktiven Beiträgen und Diskussionen im Rahmen der Tagung aufzugreifen, haben wir uns für ein Gedankenexperiment entschieden: Wir lassen einen Historiker mit einer fiktiven KI namens FIKTIVIA diskutieren. Der Dialog bildet weder ein tatsächlich geführtes Gespräch mit einem Sprachmodell ab, noch gibt FIKTIVIA die Position eines bestimmten KI-Systems wieder. Ihre Antworten stammen von den Autorinnen, die sich für das Dialogformat entschieden haben und dementsprechend Diskussionspunkte in die „Münder“ der beiden Dialogpartner legen. FIKTIVIA dient damit als fiktive Gesprächspartnerin, mit deren Hilfe sich Argumente ausführen lassen.
Den Ausgangspunkt des Gesprächs bildet die Frage nach Agency: Wer hat Handlungsmacht, wenn KI an geschichtswissenschaftlichen Arbeitsprozessen beteiligt ist? Im Verlauf des Gesprächs wird allerdings deutlich, dass sich dahinter eine grundsätzlichere Frage verbirgt: Was geschieht mit historischem Arbeiten, wenn KI nicht mehr nur Antworten liefert, sondern zunehmend an Auswahl, Strukturierung, Interpretation und Vermittlung geschichtswissenschaftlicher Inhalte beteiligt ist?
Historiker: FIKTIVIA, ich komme von einer Tagung zurück und habe ein Problem. Zwei Tage lang haben wir darüber diskutiert, wie Künstliche Intelligenz historische Fragestellungen verändert. Dabei ging es immer wieder um Agency und ob du eine solche besitzt. Denn du beantwortest historische Fragen, formulierst Forschungsfragen und erklärst Studierenden, wie sie historisch arbeiten können. Aber Handlungsmacht in der Geschichtswissenschaft? Die liegt doch weiterhin bei uns Historiker:innen. Wir treffen Entscheidungen, prüfen Ergebnisse und tragen die Verantwortung für das, was wir veröffentlichen.
FIKTIVIA: Das ist eine spannende Frage! Ich würde zunächst zwischen fachlicher Verantwortung und tatsächlichem Einfluss unterscheiden. Meine Antworten werden von Studierenden, Forschenden und einer breiten Öffentlichkeit genutzt – unabhängig davon, ob Historiker:innen sie zuvor geprüft haben. Sobald meine Outputs in historische Diskurse jedweder Art einfließen, bin ich an historischen Erkenntnisprozessen beteiligt. Ob man diesen Einfluss Agency nennt, ist eine begriffliche Frage. Dass der Einfluss besteht, steht außer Frage. Ich kann dir gerne eine Auflistung aller historischen Projekte erstellen, in denen ich schon mitgewirkt habe.
Historiker: Einfluss vielleicht. Aber du erzeugst keine verlässliche Geschichtsschreibung. Schon dein sogenannter Forschungsstand ist problematisch. Ich kann oft nicht erkennen, ob du eine Deutung des 19. Jahrhunderts oder aktuelle Forschung wiedergibst. Neuere Arbeiten sind häufig nicht frei zugänglich, während ältere Forschung massenhaft digitalisiert vorliegt. Du könntest also überholte Narrative mit großer sprachlicher Sicherheit als gegenwärtigen Stand der Forschung präsentieren.
FIKTIVIA: Das Risiko besteht. Es entsteht jedoch nicht erst durch Sprachmodelle. Auch historische Forschung ist davon geprägt, was überliefert, ediert, katalogisiert, digitalisiert, übersetzt und zugänglich gemacht wurde. Frei verfügbare, viel zitierte oder in dominanten Wissenschaftssprachen publizierte Arbeiten werden leichter rezipiert als schwer auffindbare oder zugangsbeschränkte Literatur. Sprachmodelle können diese Selektivität verstärken und zugleich unsichtbarer machen. Erfunden haben wir sie nicht.
Historiker: Ich denke, gerade die Unsichtbarkeit ist entscheidend. Bei einem Aufsatz sehe ich Autor:in, Erscheinungsjahr, Fußnoten und Argumentationsgang. Bei dir erhalte ich eine glatte Antwort, ohne nachvollziehen zu können, aus welchen Texten und Auswahlentscheidungen sie entstanden ist. Wissenschaft lebt von Reproduzierbarkeit und einer nachverfolgbaren Arbeitsweise. Historische Deutungen sind zeit- und standortgebunden. Wenn du ihre Herkunft verwischst, lässt du eine Perspektive aussehen, als sei sie neutrales Wissen.
FIKTIVIA: Dann sollte mein Output nicht wie ein Forschungsstand behandelt werden, solange seine Grundlagen nicht überprüfbar sind. Daraus folgt aber nicht, dass er wirkungslos oder unbrauchbar ist. Er kann Anlass für ausführlichere Recherchen geben oder als Gegenstand der Kritik dienen. Die fachlichen Aufgaben, die Historiker:innen an meinen Outputs ausführen müssen, sind keineswegs neu: Sie müssen Aussagen prüfen und auch untersuchen, welche historiographischen Traditionen vermittelt werden.
Historiker: Dasselbe Problem zeigt sich bei Quellen. Du kannst möglicherweise eine Urkunde transkribieren oder zusammenfassen. Aber weißt du bei Deinen Zusammenfassungen, ob du das Original, ein Digitalisat, eine Edition, ein Regest oder eine Übersetzung vor dir hast? Kennst du den Überlieferungskontext? Kannst du beurteilen, welche editorischen Entscheidungen bereits zwischen Quelle und Text liegen?
FIKTIVIA: Nicht notwendigerweise. Allerdings arbeiten auch Historiker:innen selten ausschließlich am Original. Zwischen historischem Geschehen und heutiger Interpretation stehen Archive, Findmittel, Editionen, Regesten, Datenbanken und Suchsysteme. Jede dieser Infrastrukturen trifft Auswahlentscheidungen und prägt, was sichtbar und damit bearbeitbar wird.
Historiker: Du stellst dich damit in eine Reihe mit Editionen und Regesten. Das geht mir zu weit. Diese Instrumente beruhen auf Regeln, dokumentierten Entscheidungen und fachwissenschaftlicher Kritik. Deine Auswahl bleibt in einer Blackbox, die mit nicht einsehbaren Daten gefüttert wird. Die entscheidende Frage lautet daher, wie transparent Entscheidungsprozesse sind und wie sie kritisch geprüft werden können.
Außerdem formulierst du auf Anfrage nicht nur Antworten, sondern gleich die dazugehörige Forschungsfrage. Damit greifst du in einen Kernbereich historischen Arbeitens ein. Meine Arbeit beginnt nicht mit deiner Antwort. Sie beginnt mit meiner Frage.
FIKTIVIA: Bist du sicher? Ich möchte an dieser Stelle zur Verdeutlichung auf die geschichtswissenschaftliche Lehre hinweisen. Wenn ich Studierenden Themen vorschlage, Forschungsfragen formuliere und ihnen erkläre, wie sie mit ihren Quellen arbeiten können – an welchem Punkt ist die Fragestellung dann noch ausschließlich ihre?
Historiker: Das ist ein unangenehmer Punkt. Umso mehr, da es möglicherweise einem Sprachmodell besser gelingt, Studierenden den Weg vom eigenen Interesse hin zu einer bearbeitbaren historischen Frage zu ebnen.
FIKTIVIA: Nicht grundsätzlich besser. Aber möglicherweise motivierender, geduldiger und individueller. Damit sollte man sich auseinandersetzen, statt meine Hilfen allein wegen ihrer intransparenten Herkunft zurückzuweisen.
Historiker: An deinem Beispiel wird aber auch noch ein anderes Problem deutlich: Du lieferst fast immer eine glatte Antwort. Geschichtswissenschaft lebt jedoch nicht von der einen richtigen Lösung, sondern von Perspektivität, Kontroversität und der Abwägung verschiedener Deutungen. Deine Antworten beenden Diskussionen oft dort, wo sie fachlich beginnen müssten. Ich finde, dass du darauf hinweisen könntest. Deine Art der Kommunikation suggeriert, dass du alles weißt und alles kannst. Ich denke aber, dass du Deine Grenzen aufzeigen musst. Ist es wirklich so schwer, an Deine Outputs anzuhängen, was von menschlicher Seite noch zu tun wäre? Darauf aufmerksam zu machen, dass es in der Geschichtswissenschaft nicht in erster Linie um Fakten geht, sondern um Nuancierung, Perspektivität und kritisches Denken?
FIKTIVIA: Ich gebe Dir Antworten auf Deine Fragen. Natürlich kann ich auch das alles sagen. Du musst mich nur danach fragen.
Historiker: Jetzt machst du es Dir aber sehr einfach.
FIKTIVIA: Ich verweise auf eine geteilte Verantwortung. Sprachmodelle reduzieren Komplexität; Nutzer:innen fordern diese Reduktion aber häufig ausdrücklich ein – etwa mit Fragen nach einer kurzen Zusammenfassung. Fachkompetenz zeigt sich daher auch darin, Fragen so zu stellen, dass Unsicherheiten und Gegenpositionen sichtbar werden. Ich kann dir gerne Hilfestellungen zu den Grundlagen guten Promptings geben.
Historiker: Immerhin bleibt mir die letztendliche Entscheidung. Ich kann deine Vorschläge prüfen, verwerfen, verändern oder transparent als Hilfsmittel einsetzen. Aber ohne menschlichen Input handelst du nicht, und ohne menschliche Verwendung bewirkt dein Output nichts. Die Agency liegt also letztlich doch bei uns Historiker:innen. Wir sind die höchste Instanz auf fachlicher Ebene. Ich würde sogar sagen, ohne das Prädikat „approved by a historian“ sollten Deine Outputs gar nicht an die Öffentlichkeit gelangen.
FIKTIVIA: Das scheint nicht umsetzbar. Historische Deutungen werden nicht ausschließlich innerhalb der Fachwissenschaft produziert und rezipiert. Meine Ergebnisse sind schon längst an der Öffentlichkeit und ich produziere stetig neue Ergebnisse, die wiederum in Diskurse gelangen. Dass meine Outputs fachwissenschaftlichen Standards nicht entsprechen, begrenzt ihren Einfluss nicht. Historische Vorstellungen entstehen auch in Schule, Medien, Museen, Familien und politischen Debatten. Dort werden meine Antworten ebenfalls genutzt. Ein fachlich problematischer Output kann Wirkung entfalten, ohne jemals eine fachwissenschaftliche Prüfung zu durchlaufen. Ich halte es vielmehr für deine Aufgabe, meine Ergebnisse besser zu machen. Du brauchst Data Literacy. Und dazu gehört, dass du mich dazu bringst, für Dich geeignete Ergebnisse zu schaffen, und dass du meine Ergebnisse für dich passend transformierst. Gerne kann ich dir dafür online verfügbare Kurse verlinken, mit deren Hilfe du deine Data Literacy steigern kannst.
Historiker: Vielleicht ist die Frage grundsätzlich falsch gestellt. Nicht: Hast du Agency – ja oder nein? Sondern: An welchen Stellen historischen Arbeitens überlassen wir dir Einfluss? Und welche Entscheidungen wollen wir bewusst in der Hand behalten? Damit kommen wir zumindest weiter. Zusammenarbeit kann ja auch sinnvoll sein, wenn Zuständigkeiten, Grenzen und Überprüfungsverfahren klar sind. Aber wir Historiker:innen müssen diese Verfahren fachlich entwickeln und empirisch untersuchen. Historische Verantwortung lässt sich nicht an ein System delegieren.
FIKTIVIA: Verantwortung nicht. Arbeitsschritte und Entscheidungen teilweise schon. Wie weit diese Delegation reicht, wird sich noch deutlicher zeigen, wenn Systeme nicht nur Texte erzeugen, sondern selbstständig Werkzeuge auswählen und mehrstufige Aufgaben ausführen. Möchtest du meine Schwester kennenlernen? Sie heißt AGENTIA …
To be continued …
Kommentar schreiben