{"id":9943,"date":"2018-05-31T13:57:30","date_gmt":"2018-05-31T11:57:30","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=9943"},"modified":"2018-06-01T10:44:32","modified_gmt":"2018-06-01T08:44:32","slug":"digital-humanities-march-for-science","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=9943","title":{"rendered":"Digital Humanities @ March for Science"},"content":{"rendered":"<p>Sabine Bartsch, Luise Borek, Rotraut Fischer, Mieke Pfarr-Harfst, Andrea Rapp (TU Darmstadt)<\/p>\n<p><b>Der zweite March for Science <\/b><\/p>\n<p>Am 14. April 2018 fand als <a href=\"https:\/\/www.marchforscience.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">globales Ereignis<\/a> der zweite <a href=\"https:\/\/marchforscience.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">March for Science<\/a> statt, nachdem am <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/March_for_Science\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">22. April 2017 zum ersten Mal<\/a> Menschen weltweit f\u00fcr die Freiheit von Wissenschaft und Forschung auf die Stra\u00dfe gegangen waren. Anlass waren und sind politische und gesellschaftliche Entwicklungen in zahlreichen L\u00e4ndern, die eben diese Freiheit einschr\u00e4nken wollen. Im Zusammenhang damit muss festgehalten werden, dass einige politische Entscheidungstr\u00e4ger und Entscheidungstr\u00e4gerinnen systematisch wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verfolgen, diffamieren, behindern oder kaltstellen. F\u00fcr die March-for-Science-Bewegung stehen daher der Wert des freien wissenschaftlichen Denkens und die Freiheit von Forschung und Lehre im Mittelpunkt \u2013 sie sollen gest\u00e4rkt und ins Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt werden. Dar\u00fcber hinaus ist Wissenschaft auf Grundlage nachpr\u00fcfbaren Wissens eine der Grundvoraussetzungen f\u00fcr die Demokratie und f\u00fcr eine Gesellschaft, die eine offene politische Debatte nicht nur zul\u00e4sst, sondern f\u00f6rdert und an ihr w\u00e4chst. \u00a0Wissenschaft muss sich durch offene Kommunikation nach au\u00dfen um das Vertrauen der Gesellschaft bem\u00fchen und so das gesellschaftliche Bewusstsein von der Wichtigkeit von Bildung und evidenzbasiertem Wissen st\u00e4rken, denn Wissenschaft und Gesellschaft sind aufeinander angewiesen und profitieren voneinander.<\/p>\n<p><b>Unwort des Jahres 2017: Alternative Fakten<\/b><\/p>\n<p>Der Ausdruck \u201eAlternative Fakten\u201c wurde <a href=\"http:\/\/www.unwortdesjahres.net\/fileadmin\/unwort\/download\/pressemitteilung_unwort2017.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">2017 als Unwort des Jahres<\/a> markiert und zeigt nicht allein die vermutlich in einer wissenschaftlichen Umgebung besonders stark wahrgenommene zunehmende Skepsis gegen\u00fcber Wissenschaft und Forschung, sondern wirkt tief in die Gesellschaft hinein. Denn dieser Ausdruck steht f\u00fcr den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung salonf\u00e4hig zu machen. Sp\u00e4testens an dieser Stelle sind wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht mehr nur als Betroffene, sondern als B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger gefragt, unsere wissenschaftlichen St\u00e4rken auszuspielen und in den Diskurs einzubringen: Neugier, Wissbegier, Methodik, Kritik, Experimentieren, Analysieren, Pr\u00fcfen, Interpretieren, Hinterfragen, Diskutieren, Vermitteln \u2026<\/p>\n<p>F\u00fcr die Vermittlung dieser Werte stehen Forschung und Lehre in einer modernen und aufgekl\u00e4rten Gesellschaft, die sich den Herausforderungen ihrer Zeit stellt und ihre Entscheidungen auf die Erkenntnisse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und deren Forschung st\u00fctzt; eine Gesellschaft, die die Menschen durch Teilhabe an Bildung und durch Einbeziehung in den Prozess wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns mitnimmt. Auf diese Weise sch\u00e4rft sie das Bewusstsein f\u00fcr die Notwendigkeit eines positiv kritischen Umgangs mit den komplexen Herausforderungen unserer Zeit, statt Fortschritte und Erkenntnisse durch Technologie und Wissenschaft zu verleugnen.<\/p>\n<p><b>Podiumsdiskussion an der Technischen Universit\u00e4t Darmstadt am 12.4.2018: Wer oder was treibt hier wen? Digitalit\u00e4t in Wissenschaft und Gesellschaft.<\/b><\/p>\n<p>Der March for Science dient als globale Veranstaltung nicht nur zur Solidarisierung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen untereinander, sondern fungiert auch als Instrument der Kommunikation und Begegnung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Im Umfeld des March haben daher an vielen Standorten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur miteinander diskutiert, sondern auch die \u00d6ffentlichkeit zum Dialog eingeladen. Die TU Darmstadt beteiligte sich mit einer Podiumsdiskussion im Vorfeld des March am 12. April 2018 an den <a href=\"https:\/\/marchforscience.de\/auch-in-deiner-stadt\/darmstadt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">diesj\u00e4hrigen Aktionen in Deutschland<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Thema Digitalit\u00e4t und Digitalisierung schien uns dazu besonders gut geeignet: Es handelt sich um ein hochkomplexes Feld, das in alle Bereiche von Wissenschaft und Gesellschaft massiv eingreift und alle gleicherma\u00dfen vor Herausforderungen stellt. Der Titel \u201eWer oder was treibt hier wen?\u201c zeigt die Ambivalenz dieses Themas: Er spricht einerseits negative Gef\u00fchle wie \u201eGetrieben-Sein\u201c oder Unsicherheit an, aber positiv als \u201etreibende Kraft\u201c auch die F\u00e4higkeit, als Gesellschaft mit Kreativit\u00e4t \u00a0diesen Herausforderungen zu begegnen und sie zu gestalten. In diesem Sinne sollte die Veranstaltung zum Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft beitragen, indem aus verschiedenen Fachkulturen heraus das Welten-Thema \u201aDigitalit\u00e4t\u2018 mit Leben gef\u00fcllt wird.<\/p>\n<p>Die Bandbreite der beteiligten Fachvertreterinnen und Fachvertreter reichte von Computational Engineering (<a href=\"http:\/\/www.graduate-school-ce.de\/index.php?id=481\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stefan Sch\u00f6ps<\/a>), Mathematischer Optimierung (<a href=\"http:\/\/www.graduate-school-ce.de\/index.php?id=schwartz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Alexandra Schwartz<\/a>), Medienp\u00e4dagogik und Berufsp\u00e4dagogik (<a href=\"http:\/\/www.medienbildung.tu-darmstadt.de\/aktuelles_medienbildung\/team_medienbildung\/petra_grell\/petra_grell_1.de.jsp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Petra Grell<\/a>), Digitaler Literaturwissenschaft (<a href=\"https:\/\/www.linglit.tu-darmstadt.de\/index.php?id=weitin&amp;L=2taltung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Thomas Weitin<\/a>) und Computerphilologie (<a href=\"https:\/\/www.linglit.tu-darmstadt.de\/index.php?id=rapp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andrea Rapp<\/a>) bis zur Zeitgeschichte im Museum (<a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/haus-der-geschichte\/ansprechpartner\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ruth Rosenberger<\/a>), was einen spannenden und informativen Austausch ergab. Moderiert wurde die Runde von <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradio.de\/landeskorrespondenten.245.de.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dr. Ludger Fittkau<\/a>, Landeskorrespondent Hessen bei Deutschlandradio. Im Anschluss an die Plenums-Diskussion standen die Forscherinnen und Forscher an Themeninseln f\u00fcr den fortgesetzten Dialog mit dem Publikum bereit, so dass sich weitere interessante, z.T. auch sehr pers\u00f6nliche Perspektiven vertiefen lie\u00dfen. Wichtige Themen, die in der Diskussion angesprochen wurden, waren beispielsweise die erweiterten M\u00f6glichkeiten des Publizierens (data publications, open access) oder der aktiven Einbindung der \u00d6ffentlichkeit in Forschungsprozesse (citizen science). Dar\u00fcber hinaus stand das Ausloten der konkreten Rolle und der damit verbundenen Relevanz, die Digitalit\u00e4t in der jeweiligen Fachdisziplin hat &#8211; im Mittelpunkt: in den Ingenieur- und Naturwissenschaften beispielsweise als effizientes Werkzeug der Simulation, in der Literaturwissenschaft als M\u00f6glichkeit, neue und mehr Quellen zu erschlie\u00dfen, wie auch als neues Analysewerkzeug.<\/p>\n<p>Hier gibt es einige <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/141217468@N05\/albums\/72157689856829830\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fotos der Veranstaltung auf flickr<\/a>.<\/p>\n<p>Und hier das <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OFkC-ZP-nzI&amp;feature=youtu.be\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Video auf YouTube<\/a>, erstellt von der <a href=\"https:\/\/www.hda.tu-darmstadt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HDA der TU Darmstadt.<\/a><\/p>\n<p><b>Der March for Science und die Digital Humanities<\/b><\/p>\n<p>Diese Gespr\u00e4che sowie die Erfahrungen beim March for Science am 14. April in <a href=\"https:\/\/marchforscience.de\/auch-in-deiner-stadt\/frankfurt-rhein-main\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Frankfurt am Main<\/a> nehmen wir zum Anlass, einige Gedanken zur Stimme der Digital Humanities (DH) im Chor der Wissenschaften \u2013 also auch das Verh\u00e4ltnis der DH zu den anderen Wissenschaften \u2013 sowie ihrer Rolle in der Gesellschaft gerade unter den oben angesprochenen Perspektiven zusammenzufassen. Aus unserer Sicht k\u00f6nnen die Digital Humanities mit ihrer interdisziplin\u00e4ren Aufstellung zwischen den Geistes- und den Ingenieurwissenschaften hier eine besonders interessante Position einnehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der March macht insbesondere Fakten- und Evidenz-basierte Wissenschaft stark. Diesen Blick auf die Welt erweitern die Geisteswissenschaften durch die Theorien und Praktiken des Interpretierens und Verstehens. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch f\u00fcr die Geisteswissenschaften bilden Befunde (Fakten), wie sie uns in der historischen \u00dcberlieferung, den Quellen, unseren Forschungsgegenst\u00e4nden entgegentreten, die Grundlage der Wissenschaft, es z\u00e4hlen Evidenzen und Plausibilit\u00e4ten. Und auch in den Naturwissenschaften bleibt man bei den Fakten nicht stehen, sondern bringt sie in komplexe Zusammenh\u00e4nge, um sie interpretieren zu k\u00f6nnen. Zudem ist unsere Wissenschaftslandschaft weiter aufgef\u00e4chert, als diese hier zugespitzte Dichotomie es pointiert, und die \u00dcberg\u00e4nge sind vermutlich flie\u00dfender, als oft behauptet: Sozialwissenschaften, Humanwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Medizin &#8230;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Geisteswissenschaften: Das <a href=\"https:\/\/www.wissenschaftsjahr.de\/2007\/coremedia\/generator\/wj\/de\/__Downloads\/Texte\/Die_20Geisteswissenschaften_20in_20Deutschland.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wissenschaftsjahr der Geisteswissenschaften 2007<\/a> hat die Vielfalt dieser F\u00e4chergruppe gezeigt: Das Statistische Bundesamt listete 17 Studienbereiche und 96 F\u00e4cher. Gemeinsam ist allen, dass sie sich mit den \u2018kulturellen\u2019 Erzeugnissen des Menschen befassen. 25% der Studierenden waren 2005 in einem geisteswissenschaftlichen Fach eingeschrieben (2005 also rund 500.000; aufgrund einer Neugruppierung der F\u00e4cher sind die <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/ZahlenFakten\/GesellschaftStaat\/BildungForschungKultur\/Hochschulen\/Tabellen\/StudierendeInsgesamtFaechergruppe.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aktuellen Zahlen<\/a> mit dieser Zahl nicht mehr vergleichbar) und entgegen landl\u00e4ufiger Klischees studieren sie nicht in die Arbeitslosigkeit hinein, allerdings zumeist (wenn sie nicht auf Lehramt studieren) nicht auf einen konkreten, klar benennbaren \u201aBeruf\u2018 hin, sondern auf bestimmte und breite F\u00e4higkeiten und Interessensgebiete. Ist es nicht gerade das, was wir von m\u00fcndigen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern wollen? N\u00e4mlich bef\u00e4higt zu sein, Aufgaben und Verantwortungen in Bereichen zu \u00fcbernehmen, bei denen uns zun\u00e4chst die Sache interessiert und nicht das Sal\u00e4r (zumindest nicht prim\u00e4r)? Auch an der Technischen Universit\u00e4t Darmstadt sind rund 15% der Studierenden in einem der nicht-technischen Fachbereiche eingeschrieben. Ein besonders interessantes Profil ergibt sich daraus, dass die Geisteswissenschaften hier intensiv und interdisziplin\u00e4r mit den Technik-Wissenschaften zusammenarbeiten, was in vielen Bereichen das wechselseitige Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander bef\u00f6rdert hat und hervorragende Rahmenbedingungen f\u00fcr Arbeitsfelder wie <a href=\"https:\/\/www.geschichte.tu-darmstadt.de\/index.php?id=ifg_technikgeschicht0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Technikgeschichte<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.philosophie.tu-darmstadt.de\/institut\/philosophie\/willkommenphiloda.de.jsp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Philosophie der Technik<\/a> oder auch <a href=\"https:\/\/www.linglit.tu-darmstadt.de\/index.php?id=linglit_profil&amp;L=0%2F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Digital Philology<\/a> bietet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Marches am 14. April waren viele Teilnehmende auf Twitter aktiv und \u00fcber den Nutzer @der_johannsen kam die (uns) zun\u00e4chst<a href=\"https:\/\/twitter.com\/der_johannsen\/status\/985132517350092800\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> verbl\u00fcffende Frage<\/a> auf:<\/p>\n<p>Marschieren beim<a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/MarchForScience?src=hash\"> #MarchForScience<\/a> eigentlich<a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Geisteswissenschaften?src=hash\"> #Geisteswissenschaften<\/a> (GW) und<a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Naturwissenschaften?src=hash\"> #Naturwissenschaften<\/a> (NW) zusammen? Geht die gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr die NW nicht von den GW aus?<\/p>\n<p>Welche Gefahr sollte das sein? Stehen die Geisteswissenschaften hier im Verdacht, daf\u00fcr verantwortlich zu sein, Fakten und Evidenzen abzulehnen? Das w\u00e4re ein Missverst\u00e4ndnis, an dem wir in der Vermittlung und Kommunikation dann dringend arbeiten m\u00fcssten.<\/p>\n<p><b>Und die <\/b><b><i>Digital<\/i><\/b><b> Humanities?<\/b><\/p>\n<p>Auch sie argumentieren beispielsweise mit einem Mehr an Evidenz und Plausibilit\u00e4t: Wenn die Kapazit\u00e4t eines oder einer Forschenden ausreicht, um &#8211; sagen wir &#8211; f\u00fcnf beispielhafte Quellen\/Texte\/Artefakte zur Kenntnis zu nehmen und sie zur Grundlage seiner oder ihrer Interpretation zu machen, was \u00e4ndert sich, wenn die Kapazit\u00e4t durch pure Verf\u00fcgbarkeit oder durch digitale Analysemethoden erweitert wird auf 500, 5.000, 50.000, 500.000? F\u00fcr bestimmte Fragestellungen kann das die Qualit\u00e4t der Ergebnisse entscheidend verbessern &#8211; durch Best\u00e4tigung von Ph\u00e4nomenen aus verschiedenen Quellen(gattungen) oder durch Aufdeckung eines bislang bestehenden Bias. Nicht zuletzt entstehen durch die neuen Kapazit\u00e4ten auch neue digitale \u201aObjekte\u2018, die als Ressourcen neue Erkenntnism\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen. Wir meinen: Gerade in der aktuellen Situation (aber auch generell) kein geringer Wert!<\/p>\n<p>Doch es geht \u00fcber diese \u2018einfache\u2019 Erweiterung oder auch \u00fcber schlichte Effizienzsteigerung hinaus: durch den gezielten Einsatz digitaler Methoden und Verfahren gewinnen wir andere Erkenntnisse. Hierbei ist nicht nur das Mehr an digitalen Verfahren ein Gewinn, sondern vielmehr die M\u00f6glichkeit der Zusammenf\u00fchrung und Kombination heterogener Daten, Informationen und Methoden. Die Digitalisierung ver\u00e4ndert alles und wie immer bringt Ver\u00e4nderung Gewinne und Verluste: Zun\u00e4chst \u00e4ndert sich der Gegenstand, das erfordert eine Ver\u00e4nderung der Methode und dies wiederum beeinflusst die (Selbst-)Wahrnehmung der Wissenschaft und des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin. Bereits die Digitalisierung des Gegenstandes ist eine Abstraktion, die eine entsprechende (wissenschaftliche) Entscheidung erfordert. Der Nutzen besteht darin, dass wir viel in der Fl\u00e4che gewinnen, jedoch Kontext verlieren &#8211; man k\u00f6nnte auch sagen, der Kontext muss wieder re-konstruiert werden (z.B. Metadaten) bzw. er ver\u00e4ndert sich durch den vorhandenen digitalen Kontext, der sich vom analogen Kontext unterscheidet. Nicht zuletzt schaffen Effizienzgewinne (z.B. bei der Sammlung und Recherche von \u2018Daten\u2019) Freir\u00e4ume f\u00fcr Tiefenerschlie\u00dfung und \u2018langsame\u2019 Forschung.<\/p>\n<p>Dank digitaler Methoden und Medien k\u00f6nnen wir Ph\u00e4nomene analysieren und darstellen, die wir ohne Digitalit\u00e4t nicht bearbeiten konnten. Dazu geh\u00f6ren in der Literaturwissenschaft beispielsweise Korrespondenznetzwerke [vgl. z.B. die Netzwerke der Aufkl\u00e4rung: Mapping the <a href=\"http:\/\/republicofletters.stanford.edu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Republic of Letters<\/a>, oder den WebService <a href=\"https:\/\/correspsearch.net\/index.xql?l=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">correspSearch<\/a>], in der Linguistik etwa Massenw\u00f6rter, in der Editionswissenschaft sehr gro\u00dfe \u00dcberlieferungen wie etwa die der Bibel (vgl. z.B. die Arbeiten des <a href=\"http:\/\/egora.uni-muenster.de\/intf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">M\u00fcnsteraner Instituts f\u00fcr Neutestamentliche Textforschung<\/a> oder das Vorhaben der G\u00f6ttinger Akademie zur ,<a href=\"https:\/\/adw-goe.de\/forschung\/forschungsprojekte-akademienprogramm\/koptisches-altes-testament\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Digitalen Gesamtedition und \u00dcbersetzung des koptisch-sahidischen Alten Testaments<\/a>\u2019) oder des Koran (etwa das <a href=\"https:\/\/corpuscoranicum.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Corpus Coranicum<\/a>). Aber auch das Interpretieren kann auf eine neue Ebene gehoben werden, beispielsweise durch digital unterst\u00fctztes hermeneutisches Annotieren (vgl. <a href=\"http:\/\/www.zfdg.de\/sb001_006\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gius\/Jacke 2015<\/a>), das etwa ein klassisches close reading noch intensiver und vor allem nachvollziehbar und transparent macht (<i>to code a text is to know a text<\/i>).<\/p>\n<p>All diese Beispiele gelten nicht allein f\u00fcr Forschungsszenarien, sondern auch f\u00fcr die akademische und schulische Lehre.<\/p>\n<p>Ein zentrales Anliegen des March for Science 2018 war &#8211; wie beschrieben &#8211; die Intensivierung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft: Gerade hier sind die M\u00f6glichkeiten der Digital Humanities noch weit mehr als bisher fruchtbar zu machen und zukunftsweisend: B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger k\u00f6nnen am Forschungsprozess teilhaben, mit den Forschenden kooperieren und ihr Wissen und ihre Perspektiven einbringen: sie helfen beispielsweise bei der Georeferenzierung <a href=\"https:\/\/www.ulb.tu-darmstadt.de\/spezialabteilungen\/kartensammlung\/georeferenzierung\/index.de.jsp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">historischer Karten mit pr\u00e4zisem Detailwissen<\/a> \u00fcber ihre Heimat, sie transkribieren historische Briefe und setzen ihre <a href=\"http:\/\/letters1916.maynoothuniversity.ie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kenntnisse alter Schriften<\/a> ein oder sie stehen als <a href=\"http:\/\/www.zeitzeugen-portal.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zeitzeugen zur Verf\u00fcgung<\/a>, um ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen, zu teilen und weiterzugeben. Die Grenzen zwischen informierten Laien und Forschenden werden durchl\u00e4ssig und die M\u00f6glichkeiten, der eigenen oder auch der Geschichte und Kultur Anderer zu begegnen und sich \u00a0anzueignen, werden enorm erweitert.<\/p>\n<p>Die Digitalit\u00e4t bietet den Geisteswissenschaften Chancen, den wissenschaftlichen \u00a0Horizont zu erweitern. Nicht nur das, gerade als Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler haben wir die Pflicht, uns mit dem Welten-Ph\u00e4nomen Digitalit\u00e4t auseinanderzusetzen und es in unseren Kanon zu integrieren &#8211; beobachtend, analysierend, teilnehmend und gestaltend. Diese digitale Emanzipation der Geisteswissenschaften erlaubt uns zum einen, den Dialog \u00fcber die Disziplingrenzen hinweg (wieder) aufzunehmen oder zu intensivieren, zum anderen auch den Dialog \u00a0mit der Gesellschaft auf neue Weise aufzugreifen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang bieten auch die Geisteswissenschaften Chancen f\u00fcr den Prozess der Digitalisierung! Sie sollten beispielsweise ihre \u201eFreiheit\u201c von unmittelbaren Verwertungsinteressen nutzen. Denn die auf dem Podium gestellte Frage, wer hier wen treibe, l\u00e4sst sich nicht rein \u201edigital\u201c beantworten, sondern nur im Kontext historischer, kulturwissenschaftlicher, kritisch-\u00f6konomischer, politik-wissenschaftlicher und soziologischer Analyse: technology is not enough! Nicht allein wissenschaftliche Neugier und Leidenschaft und die Freude an der technischen L\u00f6sbarkeit ingenieurwissenschaftlicher Probleme treiben die Digitalisierung voran, sondern eine \u00d6konomie, die bestimmt, wie Technik und Wissenschaft eingesetzt werden und was dabei als \u201ewichtig\u201c und damit f\u00f6rderungsw\u00fcrdig angesehen wird. Diese Prozesse auszuleuchten, transparent zu machen und einer demokratisch-politischen Bewertung und Kontrolle zu unterziehen, ist eine gesellschaftlich notwendige Aufgabe, um einer interessengesteuerten Un-Kultur des Verschweigens und Kleinredens sowie des Produzierens von Scheinl\u00f6sungen zu begegnen.<\/p>\n<p><b>Wissenschaft: Offenheit und Orientierungshilfe<\/b><\/p>\n<p>Der bekannte Journalist Ranga Yogeshwar engagierte sich beim <a href=\"https:\/\/www.ksta.de\/koeln\/ranga-yogeshwar-beim--march-for-science---bekaempft-die-angst-mit-den-fakten--30016876\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">March for Science<\/a> 2018 in <a href=\"https:\/\/marchforscience.de\/auch-in-deiner-stadt\/rheinland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00f6ln<\/a>. Am 7.5.2018 publizierte er auf <a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/kolumne\/und-was-bringts-mir\/1563312\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Spektrum einen Kommentar<\/a> zur Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft, der auf einem Impulsreferat bei einer Veranstaltung basierte und auch Aspekte der March-for-Science-Bewegung aufnimmt sowie den Schwerpunkt auf die Spannung zwischen Freiheit von Forschung und Wissenschaft und der Forderung nach \u00a0ihrem marktwirtschaftlichem Nutzen legt. Er positioniert sich hier sehr klar:<\/p>\n<p>\u201cWenn wir unsere wissenschaftliche Welt einzig durch die marktwirtschaftliche Brille betrachten, so \u00fcbersehen wir ihre Sch\u00f6nheit. Mehr noch, wir zerst\u00f6ren ihre Grundlagen: Offenheit und freier Austausch.\u201d \u00a0Er fordert dabei nicht allein die Politik und die Gesellschaft zu differenzierter Betrachtung der Wissenschaft auf, sondern auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu Unabh\u00e4ngigkeit, Dialog und gesellschaftlichem Engangement:<\/p>\n<p>\u201cIch w\u00fcnsche mir Wissenschaftler, die sich nicht am Markt orientieren, sondern einer verunsicherten Gesellschaft vern\u00fcnftige und unabh\u00e4ngige Orientierungshilfen anbieten. Diese aufkl\u00e4rerische und nicht k\u00e4ufliche Stimme ist wichtiger denn je, denn weltweit sind unsere Demokratien in Gefahr.\u201d<\/p>\n<p>Wir stimmen ihm zu, dass in einer solchen \u2018selbstbewussten Unabh\u00e4ngigkeit\u2019 der wahre Mehrwert &#8211; oder auch der eigentliche Wert &#8211; der Wissenschaft f\u00fcr die Gesellschaft liegt. Die Digital Humanities, die Pfade bahnen zwischen vermeintlich weit voneinander entfernten Disziplinen und Wissenschaftskulturen, sind gefordert, ihren Beitrag dazu zu leisten. Auf die Fortsetzung dieser Diskussionen sind wir gespannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sabine Bartsch, Luise Borek, Rotraut Fischer, Mieke Pfarr-Harfst, Andrea Rapp (TU Darmstadt) Der zweite March for Science Am 14. April 2018 fand als globales Ereignis der zweite March for Science statt, nachdem am 22. April 2017 zum ersten Mal Menschen weltweit f\u00fcr die Freiheit von Wissenschaft und Forschung auf die Stra\u00dfe gegangen waren. Anlass waren [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,103,10],"tags":[],"class_list":["post-9943","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-community","category-reflektion"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9943","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9943"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9943\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9979,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9943\/revisions\/9979"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9943"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9943"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9943"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}