{"id":9556,"date":"2018-03-20T17:46:12","date_gmt":"2018-03-20T16:46:12","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=9556"},"modified":"2018-03-20T17:53:06","modified_gmt":"2018-03-20T16:53:06","slug":"rfii-diskussionsimpuls-2018-forschungsdateninfrastrukturen-sind-mittelpunkt-von-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=9556","title":{"rendered":"RfII-Diskussionsimpuls 2018: Forschungsdaten(infrastrukturen) sind der Mittelpunkt von Forschung!"},"content":{"rendered":"<p>Am 15. Februar 2018 fand der erste von drei Workshops &#8222;Wissenschaftsgeleitete Forschungsinfrastrukturen f\u00fcr die\u00a0Geisteswissenschaften&#8220; statt, der einen Prozess der Konsortienbildung im Rahmen der Ausgestaltung Nationaler Forschungsdateninfrastrukturen in den Geisteswissenschaften b\u00fcndeln und formieren m\u00f6chte. Eingeladen waren zahlreiche, vornehmlich sprachwissenschaftlich orientierte, Verb\u00e4nde der Geisteswissenschaften und weiterer fachwissenschaftlicher Dom\u00e4nen. Sozusagen im Nachgang legte kurz darauf der Rat f\u00fcr Informationsinfrastrukturen (RfII) mit seiner Schrift &#8222;<a href=\"http:\/\/www.rfii.de\/?wpdmdl=2529\">Zusammenarbeit als Chance<\/a>&#8220; einen neuen Diskussionsimpuls zur Ausgestaltung einer nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) f\u00fcr die Wissenschaft in Deutschland vor. In meiner eigenen fachwissenschaftlichen Community wirkt diese Schrift daher fast wie eine Ergebniszusammenfassung des Workshops, auch wenn dies vielleicht Zufall ist. Den Aufruf zur Diskussion von Patrick Sahle (Beitrag &#8222;<a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=9547\">Auf dem Weg zu einem Netzwerk mit Kanten aber ohne Knoten<\/a>?&#8220;) aufgreifend, m\u00f6chte ich ebenfalls aus der Perspektive einer Wissenschaftlerin einige Eindr\u00fccke zusammenfassen.<\/p>\n<p><strong>Bed\u00fcrfnisse des Forschungsdatenmanagements und der Digitalisierung in der Geisteswissenschaft \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Anforderungen der Fachcommunities an wissenschaftsgeleitete Forschungsinfrastrukturen f\u00fcr die\u00a0Geisteswissenschaften sind weit, dies zeigte der Berliner Workshop. Sie sind so weit, weil die Geisteswissenschaften nach wie vor einen hohen Nachholbedarf im Rahmen digitaler Dienste und Services besitzen. Besonders problematisch bleibt f\u00fcr die Geisteswissenschaft, dass sie zahlreiche digitale Dienste weder aus direkten eigenen fachwissenschaftlichen Kompetenzen noch als Serviceleistungen ohne zus\u00e4tzliche Ressourcen (Drittmittel) erlangen kann.\u00a0Geisteswissenschaftler m\u00fcssen heute daher fast immer Mehrfachkompetenzen aufbauen, um solche digitalen Erfordernisse zu erf\u00fcllen. Dies macht Forschungsdateninfrastrukturen f\u00fcr &#8222;alle&#8220; so attraktiv.\u00a0Wissenschaftsgeleitete Forschungsinfrastrukturen wurden von den Fachgesellschaften (vgl. <a href=\"http:\/\/forschungsinfrastrukturen.de\/doku.php\/folien-2018-02-15\">Folien der Beitr\u00e4ger<\/a>) daher beschrieben in der:<\/p>\n<p>a) Digitalen Bereitstellung von Ressourcen, die Forschungscommunities im Sinne flexibilisierter Nationallizenzen einen barrierefreien Zugang er\u00f6ffnen (und nicht von der Zugeh\u00f6rigkeit zu einzelnen Institutionen abh\u00e4ngig sind)<\/p>\n<p>b) Digitalisierung der Forschung im Sinne des Aufbaus digitaler Strukturen f\u00fcr die Erfassung, Aufbereitung, Analyse und Repr\u00e4sentation wissenschaftlicher Daten und Forschungsergebnisse in einem Spektrum von Heterogenit\u00e4t (flexible, unkomplizierte Anpassung an Forschungsziele) und Homogenit\u00e4t (Verhinderung von Insell\u00f6sungen)<\/p>\n<p>c) Interoperationalit\u00e4t von Forschung durch die Herausbildung bzw. Kanonisierung fachwissenschaftlicher und technischer Standards (Tools, Verfahren, Methoden, Thesauri), die zugleich Konkurrenz und Diversit\u00e4t erm\u00f6glichen und \u00fcber maschinenlesbare, offene Schnittstellen einen einfachen Austausch gew\u00e4hrleisten<\/p>\n<p>d) Qualit\u00e4tssicherung von Daten durch intensive Datenkuration und fachspezifisches Forschungsdatenmanagment, breite Dokumentation von Prozessen der Datenaufnahme zur Absicherung der Nachnutzung und vor allem fachspezifischen Erschlie\u00dfung und Verstehbarkeit<\/p>\n<p>e) F\u00f6rderung der wissenschaftlichen Reputation von digitalen Arbeitstechniken durch digitales Rezensionswesen, vertrauensw\u00fcrdige Prinzipien der Datenautorenschaft bei Weiterverwendung von Daten, wissenschaftlich gesicherte Anerkennung digitaler Leistungen, Aufbau eines fachspezifischen Gutachterwesens<\/p>\n<p>f) Mit solchen Prozessen integrierte Lehre und Ausbildung im Rahmen von Digital Humanties und Data Scientists, Weiterbildungsm\u00f6glichkeiten des heutigen wissenschaftlichen Personals (Multiplikatorenrolle)<\/p>\n<p>g) Digitale Ergebnissicherung unter Einhaltung von Metadaten, Formaten und rechtlichen Standards zur nachnutzbaren Bereitstellung in langzeitgesicherten, vertrauensw\u00fcrdigen Repositorien.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst nicht alle dieser Bed\u00fcrfnisse werden heute unter dem Stichwort &#8222;Forschungsdateninfrastrukturen&#8220; verhandelt. Man darf\u00a0also festhalten, dass es ebenfalls viele fachwissenschaftliche Bed\u00fcrfnisse gibt, die vor allem die neuen Kulturen des Forschungsdatenmanagements betreffen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;font-family: Calibri\"><strong>Das Verh\u00e4ltnis von Bed\u00fcrfnissen und Ressourcen<\/strong> <\/span><\/p>\n<p>Trotz der Breite dieser Bed\u00fcrfnisse l\u00e4sst sich das Fazit ziehen, dass grunds\u00e4tzlich eine hohe \u00dcbereinstimmung mit den Zielen des RfII-Papers &#8222;Zusammenarbeit als Chance&#8220; festhalten l\u00e4sst. Ein breites kooperatives Netzwerk an Ressourcen und Services zu schaffen, findet \u00fcberall intensive Zustimmung in den Geisteswissenschaften wie auch die Idee hierf\u00fcr eine einheitliche Gouvernance-Struktur mit einem gemeinsamen Konsortium zu schaffen, dass dann auch innerfachwissenschaftlichen Koordinierungsbed\u00fcrfnissen Rechnung tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>\u00dcbereinstimmung l\u00e4sst sich vor allem darin finden, dass international vernetzte Dienste und Datensammlungen k\u00fcnftig gemeinsam zur allgemeinen Verf\u00fcgung stehen. Man kann momentan nur hoffen, dass darin nicht nur eine Vergemeinschaftung von Daten und Forschungsergebnissen, sondern tats\u00e4chlich auch eine Vergemeinschaftung von Ressourcen und Services f\u00fcr spezifische Forschungsvorhaben gesehen werden. Bis heute ist etwa der Zugang zu den B\u00fcchern und Zeitschriften strikt an die Institution gebunden. Im letzten Jahrzehnt wurde die Konkurrenz um Ressourcen eher versch\u00e4rft als eingeebnet (F\u00f6rderung von Eliteuniversit\u00e4ten, zunehmende Trennung von Forschung und Lehre, Wettbewerbsvorteile gro\u00dfer Institutionen). Daten unterliegen nat\u00fcrlich urheberrechtlichen Schranken, gerade in den Geisteswissenschaften. Das neue Urheberrechts-Wissensgesellschaftsgesetz \u00e4ndert daran nur partiell etwas. Wie die Weiternutzung von Daten auch wissenschaftliche Reputation oder gar Verg\u00fctung erfahren, ist &#8211; besonders f\u00fcr die Geisteswissenschaften &#8211; bisher nur angerissen, nicht aber ausdiskutiert oder gekl\u00e4rt (hier verweise ich gerne auf meinen Vorschlag zur <a href=\"http:\/\/www.histdata.uni-halle.de\/texte\/publikationen\/datenautorenschaft.pdf\">Datenautorenschaft<\/a>\u00a0mit <a href=\"http:\/\/www.histdata.uni-halle.de\/texte\/publikationen\/Folien_Datenautorenschaft.pdf\">Folien<\/a>\u00a0bei der DHd 2018).<\/p>\n<p>\u00dcbereinstimmung besteht auch darin, dass der Erfolg von Nationalen Forschungsdateninfrastrukturen in der wissenschaftsgetriebenen Ausgestaltung dieser Dienste und in einer breiten Akzeptanz durch die Fachcommunities liegt. Es bleibt f\u00fcr mich aus dieser Perspektive allerdings ziemlich unverst\u00e4ndlich, warum das Diskussionspapier des RfII zwischen einer wissenschaftlichen Community auf der einen und Infrastruktur-Partnern auf der anderen Seite trennt? Vielmehr kann man in der Forschungspraxis bereits seit l\u00e4ngerem einen Formierungsprozess in der Wissenschaft selbst beobachten, der zur Gr\u00fcndung von fachlichen Datenzentren im unmittelbaren Umfeld von Institutionen f\u00fchrt. In dieser Weise wirksam sind etwa die in der <a href=\"https:\/\/dig-hum.de\/ag-datenzentren\">AG Datenzentren des Verbands Digital Humanities<\/a> organisierten Zentren, die bereits zahlreiche Dienste und Services &#8211; momentan stark limitiert durch einen etwaigen Projektstatus oder institutionelle Beschr\u00e4nkungen &#8211; aufbauen und Kompetenzen einbringen. Genau dort, wo der Bedarf zu typischen Diensten im Bereich Datenmanagement, -analyse und -erschlie\u00dfung sowie generischen Dienste f\u00fcr die Verarbeitung von Daten vorhanden ist, wirken diese Akteure. Genau sie entstehen forschungsgetrieben! Dies ist auch kaum verwunderlich, denn Forschende verbringen bis zu 80 % ihrer Arbeitszeit mit Datenerhebung, -modellierung und -analyse. Forschungsdaten\u00a0sind Forschung!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in den Naturwissenschaften, vor allem aber in der Medizin, schon seit langer Zeit solche Datenzentren ausgebildet, gef\u00f6rdert und nicht zuletzt verstetigt wurden, hat dieser Prozess in den Geisteswissenschaften gerade erst begonnen. Dies ist auch eine besondere Chance! Denn w\u00e4hrend man in den Naturwissenschaften heute die Verbindung der Zentren herstellen und sozusagen eine einheitliche Dachorganisation f\u00fcr interoperationale Dienste m\u00fchsam herstellen muss, kann sie in den Geisteswissenschaften vielleicht gerade noch rechtzeitig von Anfang an geschaffen werden. Hier ist vielmehr das umgekehrte Problem vorhanden: W\u00e4hrend die zentrale Struktur vermutlich relativ einfach geschaffen werden kann (wenn auch m\u00f6glichst nicht auf die gr\u00fcne Wiese), fehlen die verteilten, gesicherten Zentren im Netzwerk. Die vom RfII vorgeschlagene F\u00f6rderstruktur holt die Geisteswissenschaften nicht da ab, wo sie momentan stehen!<\/p>\n<p>Gerade die f\u00fcr den Erfolg des Gesamtvorhabens vom Diskussionspapier des RfII als ganz wesentlich anerkannten Dienstleister der eigenen Fachcommunities sollen aber im Prozess der NFDI <u>nicht<\/u> gef\u00f6rdert werden (Es geht [&#8230;] nicht um die Ert\u00fcchtigung vorhandener Zentren, S. 2). Gef\u00f6rdert werden soll stattdessen eine von den jeweiligen Konsortien (Fachwissenschaften) klar getrennte Governance mit aktiver Leitung (top down). Der vom RfII entwickelte Ansatz des polyzentrischen Netzwerkes k\u00f6nnte auch ganz anders verbildlicht werden: Abseits der eigentlichen Geisteswissenschaften wird quasi ein Dach gebaut. Fundament, W\u00e4nde und Zimmer gibt es allerdings nicht bzw. nur projektf\u00f6rmig oder eben \u00fcber zus\u00e4tzliche &#8222;Geb\u00fchren- und Verg\u00fctungsmodelle&#8220;. Ob ein solches Geb\u00e4ude, bei dem bis auf das Dach immer wieder alles neu gezimmert werden muss, wirklich lange halten kann? Derweil stehen die Geisteswissenschaften im Regen und bangen, was aus diesem\u00a0\u00dcberstand wird? Nat\u00fcrlich m\u00f6chte niemand ein solches Szenario entwickeln oder sich vorstellen m\u00fcssen. Die bisherigen Vorschl\u00e4ge des RfII klangen f\u00fcr mich immer sehr \u00fcberzeugend und einleuchtend. Warum wird dies mit der\u00a0neuen Pr\u00e4zisierung pl\u00f6tzlich so gr\u00fcndlich auf den Kopf gestellt?\u00a0Hier w\u00fcrde ich die genaueren Argumente des RfII gerne kennen lernen\u00a0und mich w\u00fcrden die \u00dcberlegungen dahinter interessieren. Noch lieber w\u00fcrde ich als Geisteswissenschaflerin \u00fcber solche\u00a0Empfehlungen offen diskutieren.<\/p>\n<p>Welch hoher Bedarf an direkten Formen der Zusammenarbeit von Forschungsdatenkuration und Wissenschaft besteht, hat der Berliner Workshop ebenso gezeigt, wie die ganz grunds\u00e4tzlich zu regelnden Fragen um gemeinsame Standards und Services. Dabei wurde mehr als sichtbar, f\u00fcr die WissenschaftlerInnen bedeutet Forschungsdatenmanagement nach FAIR-Prinzipien die Erzeugung eines neuen Produkts &#8211; neben dem bisherigen Buch bzw. Zeitschriftenartikel als Forschungsergebnis. Mit dem gleichen Aufwand wie f\u00fcr das Buch m\u00fcssen fortan Daten mit allen fachlichen Standards versehen, annotiert, hochwertig aufbereitet und qualit\u00e4tsgesichert (Doubel Keying) ver\u00f6ffentlicht werden. Das macht Sinn und ist als Vision effektiver Datennutzung unter den Spielregeln guter wissenschaftlicher Praxis zu begr\u00fc\u00dfen. Aber es macht den Forschungsprozess auch sehr teuer, weil dieser Prozess zus\u00e4tzliche Arbeitszeit und durchaus nicht unerheblichen Aufwand kostet! Wie sollen diese Kosten nun aufgefangen werden?<\/p>\n<p>Das momentan entwickelte Procedere des RfII\u00a0l\u00e4sst den Wissenschaftler bzw. die Wissenschaftlerin mit diesem Aufwand in den Geisteswissenschaften ziemlich allein. Passf\u00e4higes fachwissenschaftliches Forschungsdatemanagement vor Ort k\u00f6nnte die Wucht dieses neuen Aufwandes erheblich abfangen! Professionelle Strukturen k\u00f6nnen Bed\u00fcrfnisse schnell und Probleme erfolgsorientiert kanalisieren. Es macht aber kaum Sinn, einen solchen Service au\u00dferhalb der eigentlichen Forschung anzusiedeln. Diese Leistung kann kein &#8222;Infrastrukturunternehmen&#8220; f\u00fcr die Wissenschaft \u00fcbernehmen, sondern diese Infrastrukturen m\u00fcssen innerhalb der Wissenschaft gef\u00f6rdert werden! W\u00e4hrend Bibliotheken und Archive f\u00fcr die klassischen Aufgabenfelder der Ergebnissicherung, Metadatenhaltung, Lizenzierung und Langzeitarchivierung langfristig gesicherte Infrastrukturen ausgebildet haben, die nun zum Teil umgewidmet und neu definiert bzw. erg\u00e4nzt werden m\u00fcssen, fehlen in der geisteswissenschaftlichen Forschung dazu passf\u00e4hige Infrastrukturen und Personalressourcen f\u00fcr ein Arbeiten Hand in Hand. Oder eben wie das RfII-Papier sagt: f\u00fcr Zusammenarbeit als Chance. Nur direkt\u00a0mit der Forschung und Lehre\u00a0verzahnte\u00a0Akteure\u00a0k\u00f6nnen\u00a0die geforderten fachspezifischen Leistungen f\u00fcr Datenproduktion, Lehre, Standardisierung, Qualit\u00e4tssicherung\/Rezension, Methodik, Software\u00a0und Analyse erbringen, die eben auch <strong>ein<\/strong> Teil\u00a0der k\u00fcnftigen\u00a0Infrastrukturen sein sollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. Februar 2018 fand der erste von drei Workshops &#8222;Wissenschaftsgeleitete Forschungsinfrastrukturen f\u00fcr die\u00a0Geisteswissenschaften&#8220; statt, der einen Prozess der Konsortienbildung im Rahmen der Ausgestaltung Nationaler Forschungsdateninfrastrukturen in den Geisteswissenschaften b\u00fcndeln und formieren m\u00f6chte. Eingeladen waren zahlreiche, vornehmlich sprachwissenschaftlich orientierte, Verb\u00e4nde der Geisteswissenschaften und weiterer fachwissenschaftlicher Dom\u00e4nen. 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