{"id":8009,"date":"2017-05-22T12:42:53","date_gmt":"2017-05-22T10:42:53","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=8009"},"modified":"2017-05-23T12:14:13","modified_gmt":"2017-05-23T10:14:13","slug":"vorstellung-der-preistraegerinnen-des-dariah-dh-award-2017-tim-schuetz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=8009","title":{"rendered":"Vorstellung der Preistr\u00e4gerInnen des DARIAH DH-Award 2017: Tim Sch\u00fctz"},"content":{"rendered":"<p><em>Der\u00a0<a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=7883\">DARIAH-DE DH-Award 2017<\/a>\u00a0f\u00f6rdert NachwuchswissenschaftlerInnen, die in ihren Forschungsvorhaben innovative digitale Ans\u00e4tze und Methoden einsetzen und so einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Digital Humanities leisten. Im DHd-Blog stellen wir Preistr\u00e4gerInnen und\u00a0Projekte in den n\u00e4chsten Wochen vor.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/tim-schuetz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8011\" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/tim-schuetz.jpg\" alt=\"tim-schuetz\" width=\"200\" height=\"199\" \/><\/a> <em><a href=\"http:\/\/www.timschuetz.eu\">Tim Sch\u00fctz<\/a> studierte Kommunikations-, Medien- und Kulturwissenschaften in Bremen und Istanbul. Seit seinem Bachelor-Abschluss arbeitet er als Junior Consultant im Institut f\u00fcr Informationsmanagement GmbH an der Universit\u00e4t Bremen. Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten liegen in der Verbindungen zwischen digitaler Kultur und der interdisziplin\u00e4ren Wissenschafts- und Technikforschung (STS), mit besonderem Interesse an alternativen Medieninfrastrukturen, kritischer Migrationsforschung sowie Technologienutzung im hohen Alter.<\/em><\/p>\n<p><span class=\"im\"><strong>Welche Ergebnisse erwarten Sie und f\u00fcr welche Forschungsthemen sind diese anschlussf\u00e4hig?<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Zu Beginn meiner Forschung waren Diskurse um Smartphones als unangemessenes Luxusgut f\u00fcr Gefl\u00fcchtete aber auch eine Faszination f\u00fcr die digitalen Tools als \u201eInstrumente der Flucht\u201c sehr pr\u00e4sent. Die Vereinten Nationen und das Bundesverfassungsgericht hingegen verstehen den Zugang zum Internet als menschliches Grundrecht auf Information. Schon meine ersten Kontakte mit NGOs und Gefl\u00fcchteten zu Beginn der Forschung zeigten aber, dass bereitgestellte Internet-Zug\u00e4nge in k\u00fcrzlich er\u00f6ffneten Unterk\u00fcnften f\u00fcr Gefl\u00fcchtete \u2013 besonders in improvisierten Geb\u00e4uden und Zelten \u2013 keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sind. Beitr\u00e4ge aus der kritischen Migrationsforschung machten dennoch deutlich, dass TransitmigrantInnen auf unterschiedliche Arten ins Internet kommen und f\u00fcr den Erhalt von \u201emobile commons\u201c k\u00e4mpfen (Trimikliniotis et al 2015). Damit verlagert sich die Frage vielmehr zu den Bedingungen, Kosten und spezifischen soziotechnischen Konfigurationen, die beispielsweise ein Skypegespr\u00e4ch oder die Nutzung von station\u00e4ren Rechnern in Unterk\u00fcnften erlauben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/DARIAH-Blog_Infokasten_neu.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-7898\" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/DARIAH-Blog_Infokasten_neu.png\" alt=\"DARIAH-Blog_Infokasten_neu\" width=\"350\" \/><\/a>Davon ausgehend entschied ich mich, meinen Fokus speziell auf das Management von Gefl\u00fcchteten zu legen und anhand einer Feldforschung in Bremen n\u00e4her zu beleuchten. W\u00e4hrend die viele Studien vor allem auf die Mediennutzung abhoben, folgte ich einer Bewegung des \u201estudying up\u201c und konzentrierte mich auf jene Akteure, die ich als Hauptverantwortliche f\u00fcr digitale Infrastruktur ausmachen konnte. W\u00e4hrend meiner Zeit in Istanbul hatte ich mich zus\u00e4tzlich mit der politischen Bedeutung von Hacker-Kollektiven besch\u00e4ftigt und die zivilgesellschaftlich orientierten Projekte in einem <a href=\"http:\/\/www.hackingistanbul.tumblr.com\">Dokumentarfilm<\/a> festgehalten. Nachdem ich in Deutschland die Arbeit der <a href=\"https:\/\/freifunk-hilft.de\/\">Freifunk<\/a>-Initative kennenlernte, wurde damit rasch die Frage nach Alternativen zu einem immer kommerzialisierterem Internet ein wichtiger Teil meiner Fragestellung.<\/p>\n<p>Als ausgebildeter Kommunikations- und Medienwissenschaftler ging es mir zuletzt darum, das Wissen aus kritischer Migrations- und Humanitarismusforschung mit Fragen \u00fcber Infrastrukturen aus der interdisziplin\u00e4ren Wissenschafts- und Technikforschung (STS) in Resonanz zu bringen. Dazu war es mir als engagierter Forscher ein Anliegen, die von mir beobachtete soziotechnische Vernachl\u00e4ssigung von Gefl\u00fcchteten zur Sprache zu bringen, wie sie erst von wenigen AkademikerInnen in diesem Feld thematisiert wurde (Far\u00edas 2016).<\/p>\n<p><span class=\"im\"><strong>Mit welchen Materialien und Daten arbeiten Sie?<\/strong><\/span><\/p>\n<p>In meiner Forschung habe ich vor allem mit qualitativen Daten gearbeitet, die ich gemeinsam mit TeilnehmerInnen bei Treffen der <em>Freifunk<\/em>-Initiative, Besuchen in Unterk\u00fcnften sowie Gespr\u00e4chen mit SozialarbeiterInnen oder QuartiersmanagerInnen generiert habe. Meiner Forschungsfrage folgend ging es darum, den Prozess hinter der Installation von freien WLAN-Zug\u00e4nge zu rekonstruieren und zu analysieren. Neben der Reichhaltigkeit von einzelnen Entstehungsgeschichten habe ich aber auch informelle Gespr\u00e4che mit Gefl\u00fcchteten gef\u00fchrt, die soziotechnischen Kontroversen auf der Freifunk Bremen-Mailingliste verfolgt und bei der gro\u00dfen europ\u00e4ischen Hackerkonferenz <em>Chaos Communication Congress<\/em> in Hamburg den Austausch mit anderen AkademikerInnen und AktivistInnen gesucht.<\/p>\n<p><span class=\"im\"><strong>Gibt es Methoden, Theorien und Tools, welche f\u00fcr diese Aufgabe besonders interessant sind?<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Als theoretische Zug\u00e4nge waren f\u00fcr mich die Arbeiten zu Infrastrukturen in der Anthropologie wie auch STS sehr relevant. Wichtig sind hier Forschungen von Susan Star und Karen Ruhleder (1996), die einen \u00f6kologischen und relationalen Zugang zu Infrastrukturen stark gemacht haben. Der Berliner STS-Forscher J\u00f6rg Niew\u00f6hner (2014) zeigt dar\u00fcber hinaus auf, dass Infrastrukturen nicht als fixe technische Entit\u00e4ten, sondern als Prozesse der Infrastrukturierung gedacht werden sollten. Dies war hilfreich f\u00fcr mich, um die Liste von Akteuren, Gegenst\u00e4nden und Praktiken zu pr\u00fcfen, die f\u00fcr die kontinuierliche Pflege und Instandhaltung von digitaler Infrastruktur notwendig sind. Wegweisend war dar\u00fcber hinaus die\u00a0Arbeit des Anthropologen Christopher Kelty, der \u00fcber mehrere Jahre zu Free Software Bewegungen in verschiedenen L\u00e4ndern ethnographisch geforscht hat. Neben methodischen Vorgehensweisen (zum Beispiel im Umgang mit IRC, Mailinglisten und den \u201eusable pasts\u201c, jenen Geschichten auf die sich Free Software AktivistInnen immer wieder beziehen), ist sein theoretisches Konzept von freier Software als \u201erekursiver \u00d6ffentlichkeit\u201c h\u00f6chst inspirierend. Im Sinne der erw\u00e4hnten Infrastrukturierung erscheint hier Free Software nicht mehr als reine Ideologie oder beste technische L\u00f6sung, sondern \u2013 wie auch Kultur selbst \u2013 als ein sich st\u00e4ndig wandelndes, experimentelles System, dass munter moralische und technischen Ordnungen miteinander verbindet (Kelty 2008). Analysen wie von Kubitschko (2015) zeigen zudem die spezielle Stellung von Hackerkollektiven wie dem Chaos Computer Club, die in Deutschland und Europa als zunehmend wichtigere Akteure in der Politisierung von technischen Kontroversen etabliert sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr meine eigene Arbeit war es aber wichtig zu erkennen, dass sich die Freie-WLAN-\u00d6ffentlichkeit wie sie Freifunk hervorruft im Bezug zu Unterk\u00fcnften von Gefl\u00fcchteten in einem wesentlich fragileren Zustand befindet. Bisher stabilisierte Praktiken wie die der Versorgung oder der kollektiven Wissenserzeugung mussten stets neu verhandelt werden. Wiederkehrende Fragen aus meiner Feldforschung drehten sich dabei um die Verantwortung, die einzelne FreifunkerInnen f\u00fcr Unterk\u00fcnfte tragen wollen und k\u00f6nnen. Relevante Beispiele sind etwa, ob AktivistInnen f\u00fcr ihren Einsatz entlohnt werden sollten oder ob eine Karte von noch nicht vernetzten Unterk\u00fcnften auf der Freifunk-Seite ein unerwartetes Risiko f\u00fcr die BewohnerInnen darstellen kann. Den theoretischen Einsichten von Kelty folgend ist es aber gerade das unerwartete, agnostische Zusammenwirken von verschiedenen privaten\/\u00f6ffentlichen bzw. kommerziellen\/selbstorganisierten AkteurInnen, die Hackerpolitik und daraus entstehende \u00d6ffentlichkeiten so spannend machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><span class=\"im\"><strong>Wie haben Sie begonnen, sich mit digitalen Geisteswissenschaften zu besch\u00e4ftigen?<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Mit den digitalen Geisteswissenschaften bin ich zun\u00e4chst \u00fcber das Feld der STS und speziell den gro\u00dfen kollaborativen Projekten wie <em>An Inquiry Into Modes of Existence (AIME)<\/em> von Bruno Latour oder auch den <em>Asthma Files<\/em> von Kim und Mike Fortun in Kontakt gekommen. Durch meine anhaltende Faszination f\u00fcr gemeinschaftliches Arbeiten \u00fcber Blogs, Social Media-Gruppen und Foren habe ich immer auch \u00fcber die Einrichtung einer eigenen Webseite nachgedacht. Allerdings habe ich f\u00fcr mich schnell entschieden, die Idee im Bezug auf ihren Arbeitsumfang eher f\u00fcr eine Master- oder Doktorarbeit als f\u00fcr eine kurze Bachelor-Arbeit angemessen ist.<\/p>\n<p><span class=\"im\"><strong>Welche Angebote der digitalen Geisteswissenschaften f\u00e4nden Sie f\u00fcr Ihre Forschungsprojekte in Zukunft besonders hilfreich?<\/strong><\/span><\/p>\n<p>F\u00fcr zuk\u00fcnftige Forschungsprojekte in diesem Feld w\u00fcrde ich an bestehenden Freifunk-Praktiken ansetzen, zum Beispiel das Pflegen von gemeinsamen Wikis bei der Umsetzung von Installationen. Diese sind auch f\u00fcr eine breitere \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich, erreichen h\u00e4ufig aber eher Unterst\u00fctzerInnen und AktivistInnen. Deshalb w\u00e4re es spannend, die ManagerInnen von Unterk\u00fcnften wie auch Gefl\u00fcchtete selbst mit in diese Diskussionen einzubeziehen. Dieser Punkt ist mir wichtig, da ich in meiner Forschung der auch von MigrantInnen formulierten Forderung \u201enichts \u00fcber uns ohne uns\u201c nur bedingt nachgekommen. Zudem sehe ich hier die M\u00f6glichkeit, Freifunk-AktivistInnen aus der Verantwortlichkeit als alleinige VersorgerInnen herauszuholen. Im besten Fall kann so einer humanit\u00e4ren Logik entgegengewirkt werden, die in vermeintlichen \u201eKrisen\u201c lediglich eine rasche Bereitstellung von Infrastruktur in den Vordergrund stellt. Stattdessen sollten, und das tut meine Forschung hoffentlich f\u00fcr einen kleinen fachkundigen Kreis, die politischen Implikationen sowie nicht-gewollten Effekte von digitaler Infrastruktur sichtbar gemacht und durch bereits bestehende Alternativen herausgefordert werden.<\/p>\n<p><strong>Weitere Informationen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.freifunk-hilft.de\/\">www.freifunk-hilft.de<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/bremen.freifunk.net\/\">www.bremen.freifunk.net<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.timschuetz.eu\">www.timschuetz.eu<\/a><\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Far\u00edas, I. (2016) STS and Human Drama. European Association for the Study of Science and Technology. https:\/\/easst.net\/article\/editorial-sts-and-human-drama<\/p>\n<p>Kelty, C. M. (2008) Two Bits. The Cultural Significance of Free Software. Duke University Press.<\/p>\n<p>Kubitschko, S. (2015) The Role of Hackers in Countering Surveillance and Promoting Democracy. Media and Communication 3.<\/p>\n<p>Niew\u00f6hner, J. (2014) Perspektiven der Infrastrukturforschung: care-ful, relational, ko-laborativ. Schl\u00fcsselwerke der Science &amp; Technology Studies (Eds. D. Lengersdorf, M. Wieser), Springer Fachmedien, Wiesbaden.<\/p>\n<p>Trimikliniotis, P., Parsanoglou, D., &amp; Tsianos V. (2015) Mobile Commons. Migrant Digitalities and the Right to the City. Palgrave.<\/p>\n<p>Star, S. L. &amp; Ruhleder, K. (1996). Steps toward an ecology of infrastructure: Design and access for large information spaces. Information Systems Research, 7(1), 111\u2013134.<\/p>\n<hr \/>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3529\" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/DARIAH-DE-Logo-mit-deutscher-Unterschrift-CMYK-1.1.png\" alt=\"DARIAH-DE Logo mit deutscher Unterschrift CMYK 1.1\" width=\"201\" height=\"89\" \/><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/de.dariah.eu\">DARIAH-DE<\/a>\u00a0unterst\u00fctzt mit digitalen Ressourcen und Methoden arbeitende Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen in Forschung und Lehre.\u00a0Daf\u00fcr baut das Projekt eine digitale Forschungsinfrastruktur f\u00fcr Werkzeuge und Forschungsdaten auf und entwickelt Materialien f\u00fcr Lehre und Weiterbildung im Bereich der Digital Humanities (DH). DARIAH-DE ist der deutsche Beitrag von DARIAH-EU\u00a0und arbeitet in diesem Kontext mit einer Vielzahl von europ\u00e4ischen Partnern und Projektverb\u00fcndeten zusammen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der\u00a0DARIAH-DE DH-Award 2017\u00a0f\u00f6rdert NachwuchswissenschaftlerInnen, die in ihren Forschungsvorhaben innovative digitale Ans\u00e4tze und Methoden einsetzen und so einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Digital Humanities leisten. Im DHd-Blog stellen wir Preistr\u00e4gerInnen und\u00a0Projekte in den n\u00e4chsten Wochen vor. Tim Sch\u00fctz studierte Kommunikations-, Medien- und Kulturwissenschaften in Bremen und Istanbul. 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