{"id":8000,"date":"2017-05-17T15:11:51","date_gmt":"2017-05-17T13:11:51","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=8000"},"modified":"2017-05-17T15:11:51","modified_gmt":"2017-05-17T13:11:51","slug":"bericht-zum-dariah-de-expertenseminar-biographische-daten-und-ihre-analyse-in-der-historischen-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=8000","title":{"rendered":"Bericht zum DARIAH-DE Expertenseminar \u201eBiographische Daten und ihre Analyse in der historischen Forschung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Am 16 und 17. M\u00e4rz 2017 fand im Leibniz-Institut f\u00fcr Europ\u00e4ische Geschichte (IEG) in Mainz ein DARIAH-Expertenseminar statt. Dieses spezielle Format bietet die M\u00f6glichkeit, Experten aus den Digital Humanities mit solchen aus den Geistes- und Kulturwissenschaften zusammenzubringen, um DH-Tools und Methoden zu diskutieren. Die vom IEG mit dem Lehrstuhl f\u00fcr Medieninformatik der Universit\u00e4t Bamberg organisierte Veranstaltung sollte zugleich neue Impulse f\u00fcr die Weiterentwicklung der Dienste von DARIAH-DE sammeln.<\/p>\n<p>Das Expertenseminar war auf drei Fragen ausgerichtet: Erstens sollte die Bandbreite historisch-geisteswissenschaftlicher\u00a0 Fragestellungen exemplarisch umrissen werden, die anhand biographischer Daten beantwortet werden sollen. Zweitens fragte das Expertenseminar danach, mit welchen Werkzeugen digitale personenbezogene Datencorpora untersucht werden k\u00f6nnen, um die r\u00e4umliche Mobilit\u00e4t von Personen, Ideen und Praktiken zu analysieren und zu visualisieren.\u00a0 Drittens sollte diskutiert werden, wie das in DARIAH entwickelte digitale Werkzeug &#8222;<a href=\"https:\/\/search.de.dariah.eu\/cosmotool\/search\">CosmoTool<\/a>&#8220; f\u00fcr neue Fragestellungen der historischen Mobilit\u00e4tsforschung und verschiedene Datencorpora eingesetzt werden kann.<\/p>\n<p>Den Anfang machte <strong>Andreas Henrich<\/strong> (Universit\u00e4t Bamberg). In seinem Vortrag \u201eM\u00f6glichkeiten der Verarbeitung biographischen Daten<em>\u201c <\/em>legte er ein informationswissenschaftliches Verst\u00e4ndnis biographischer Daten dar und f\u00fchrte die M\u00f6glichkeiten und Voraussetzungen f\u00fcr die Verarbeitung solcher Daten am Beispiel der DARIAH-Datenf\u00f6derationsinfrastruktur\u00a0aus. Die Datenverarbeitung, so Henrich, verwende einen integrativen Begriff von &#8222;Forschungsdaten&#8220;, der Sekund\u00e4rliteratur und Prim\u00e4rquelle gleicherma\u00df<span id=\"transmark\"><\/span>en einschlie\u00dfe. Um Daten analysieren zu k\u00f6nnten, m\u00fcssten sie bereits im Hinblick auf die Fragestellungen technisch aufbereitet sein. In diesem Prozess gelten folgende Grunds\u00e4tze:<\/p>\n<ul>\n<li>Auffindbarkeit herstellen<\/li>\n<li>Kontextualisierung erlauben<\/li>\n<li>Sichtbarkeit der Unvollst\u00e4ndigkeit der Daten erm\u00f6glichen<\/li>\n<li>abgestufte Zugriffsrechte erlauben<\/li>\n<li>Integration \u00fcber Schemata erlauben<\/li>\n<li>Normdaten oder Schnittstellen\/Standards unterst\u00fctzen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Datenf\u00f6derationsinfrastruktur von DARIAH-DE gew\u00e4hrleiste die Auffindbarkeit und eine gewisse Kontextualisierung von Forschungsdaten, indem die in der Collection Registry aufgenommenen Datenkollektionen mit Schemata, Normdaten und Schnittstellen versehen werden.<\/p>\n<p><strong>Tobias Gradl <\/strong>(Universit\u00e4t Bamberg) stellte \u201e<em>Das CosmoTool und die digitale Forschungsinfrastruktur von DARIAH-DE<\/em>\u201c vor. Das CosmoTool ist ein generisches Tool, das biographische Informationen aus strukturierten Daten (Metadaten) und unstrukturierten Daten (Flie\u00dftext) in \u201eQuadruples\u201c zusammenstellt und visualisiert. Es wurde konzipiert, um Momente grenz\u00fcberschreitender (r\u00e4umlicher) Mobilit\u00e4t in Biographien zu identifizieren. Ziel ist es, von der Analyse der Einzelf\u00e4lle zu weiterreichenden Thesen zu kommen und zu analysieren, welche Faktoren Mobilit\u00e4t bef\u00f6rderten oder hemmten .<\/p>\n<p>Gradl zeigte wie das Erstellen der \u201eQuadruples\u201c (personale, temporale Entit\u00e4ten mit dem Ortsbezug) auf der Ebene der Sprachverarbeitung im CosmoTool funktioniert. Nach dem die grammatikalischen Zusammenh\u00e4nge in einem Text identifiziert sind, werden \u201ebiographische claims\u201c aus dem Text und aus den strukturierten Daten extrahiert und in Beziehung zueinander gesetzt. Dabei orientiert sich der Algorithmus\u00a0 anhand der Metadaten welche Sektionen aus dem Text f\u00fcr die Analyse relevant sind.<\/p>\n<p>Es wurde diskutiert, wie sich das CosmoTool f\u00fcr andere historische Fragestellungen anpassen l\u00e4sst. So schlug Christopher Voigt-Goy (IEG Mainz) vor, auch literarische Werke (wenn diese in der Biographie einer Person erw\u00e4hnt werden) durch das Tool zu erfassen, um es f\u00fcr medienhistorische Fragestellungen anwenden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Matthias Schl\u00f6gl<\/strong> (Austrian Centre for Digital Humanities, Wien) berichtete in seinem Vortrag \u201e<em>APIS \u2013 Eine Linked Open Data basierte Datamining-Webapplikation f\u00fcr das Auswerten biographischer Daten\u201c<\/em> \u00fcber das Langzeitprojekt \u201eAPIS\u201c (Austrian Prosopographical Information System) der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften. Ziel des Projekts ist es, biographische Daten f\u00fcr sozialwissenschaftliche Analysen aufzubereiten, sodass die Visualisierungen der Daten und deren Nachnutzung m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Nach dem Erstellen der <em>Repositories<\/em>, basierend auf dem Django- Webframework, wurden Entities extrahiert und mit Normdaten (GND, Institutionen) verkn\u00fcpft. Die Extraktion der Daten ist auf 5 Entities beschr\u00e4nkt: Names, Places, Institutions, Events und Works, die unter einander verbunden sein k\u00f6nnen. Diese Entit\u00e4ten k\u00f6nnen \u00fcber SKOS-artige (simple knowledge organisation systems) Wortsch\u00e4tze definiert und typisiert werden. Die Entit\u00e4ten erhalten alle URIs (unique identifier) und k\u00f6nnen Freitexte zugewiesen bekommen. Die Webapplikation erlaubt einzelnen ForscherInnen, Objekte oder ganze Kollektionen anzulegen, zu editieren, zu annotieren und zu l\u00f6schen.<\/p>\n<p>Schl\u00f6gl schloss seinen Vortrag mit der Demonstration der Space-Time-Cube, das <strong>Florian Windhager<\/strong> (Donau- Universit\u00e4t Krems) mit der Software GeoTime auf der Basis der Daten des \u00f6sterreichischen biographischen Lexikons entwickelt hat. Dieses Tool erlaubt es, die Mobilit\u00e4t von Personen dreidimensional darzustellen (Ordinatenachse: Zeit; Abszissenachse(n): geographische Fl\u00e4che).<\/p>\n<p><strong>J\u00fcrgen<\/strong> <strong>Gr\u00f6schl<\/strong> (Franckesche Stiftungen, Halle) stellte <em>\u201eBiographische Daten im Archiv der Franckeschen Stiftungen\u201c <\/em>vor. Die Datenbank der Franckeschen Stiftungen wurde im Laufe eines DFG-Projekt aufgebaut, ist seit 2004 im Internet verf\u00fcgbar und umfasst 370.000 Personen. Sie basiert auf Allegro-C mit einem propriet\u00e4ren Datenformat und verf\u00fcgt nicht \u00fcber vorgefertigten Exportformate und \u2013schnittstellen. Weitere bio-bibliographische Daten stehen in den \u201e<a href=\"http:\/\/digital.francke-halle.de\/\">Digitalen Sammlungen<\/a>\u201c zur Verf\u00fcgung, einer gemeinsamen Pr\u00e4sentationsplattform f\u00fcr gedruckte und ungedruckte Quellen aus Archiv und Bibliothek der Franckeschen Stiftungen. Gr\u00f6schl diskutierte verschiedene M\u00f6glichkeiten, wie die Daten ausgewertet werden k\u00f6nnen. Denkbar w\u00e4re etwa eine statistische Visualisierung der Schriftst\u00fccke \u201evon\u201c und \u201ean\u201c einer Person \u00e4hnlich wie im Projekt \u201e<a href=\"http:\/\/emlo.bodleian.ox.ac.uk\/\">early modern letters online<\/a>\u201c. Zudem k\u00f6nne die Mobilit\u00e4t einer Person durch Visualisierung oder Auswertung seiner Reisen- und T\u00e4tigkeitsorte veranschaulicht werden. Eine dynamische Veranschaulichung des pietistischen Kommunikationsnetzwerks, wie es ansatzweise in Kalliope geschieht, ist ebenfalls\u00a0 denkbar. Schlie\u00dflich k\u00f6nnten unterschiedliche Prozesse des Austausches von Informationen, Medikamenten und anderen G\u00fctern in dem Kommunikationswerk der Hallenser veranschaulicht werden.<\/p>\n<p>Daran anschlie\u00dfend, stellte <strong>Anna Aschauer<\/strong> (IEG Mainz) die Fragestellungen ihres Forschungsprojekts zu <em>grenz\u00fcberschreitenden pietistischen Netzwerken im 18. Jahrhundert<\/em> vor. Pietistische Netzwerke der Neuzeit waren geographisch sehr weitreichend (Nordamerika, Indien, Russland), dennoch wurden sie von Halle aus erfolgreich koordiniert. Es gab g\u00fcnstige theologische, institutionelle und politische Rahmenbedingungen f\u00fcr die Verbreitung der Mission. Wenngleich Aschauers Forschungsfrage auf den Transfer im Bereich der Bildung zielt, bilden Netzwerke dennoch ein n\u00fctzliches Konstrukt, um die Aufgaben und Prozesse von Kontrolle und Koordination in einer geographisch zerstreuter Gruppe zu verbildlichen.<\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg Witzel<\/strong> (Forschungsstelle f\u00fcr Personalschriften, Marburg) gew\u00e4hrte in seinem Vortrag <em>\u201eBiographische Daten der Forschungsstelle f\u00fcr Personalschriften \u2013 Migration in Leichenpredigten der Fr\u00fchen Neuzeit\u201c <\/em>Einblicke in die Katalogisierung von Leichenpredigten durch die Forschungsstelle f\u00fcr Personalschriften der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Im Gesamtkatalog der deutschsprachigen Leichenpredigten (GESA) werden Funeraldrucke nicht nur aus den Katalogen der Forschungsstelle, sondern auch aus gedruckten und digitalen externen Katalogen erfasst. Bei der Aufnahme wird den Familiennamen, Geburtsnamen, Witwennamen, akademische Titel, Konfession, Beruf, Orte wo dieser Beruf ausge\u00fcbt worden, sowie Standesangaben und Lebensdaten erhoben. Die GESA-Datenbank beinhaltet ca. 225 000 Datens\u00e4tze. Seit 2010 existiert eine Verlinkung mit insgesamt 17 anderen Datenbanken (darunter die Deutsche Biographie und der VD17) durch eine BEACON-Datei. 2013 wurden zehn autobiographische Lebensl\u00e4ufe aus Th\u00fcringer Leichenpredigten ediert und als Projekt \u201e<a href=\"http:\/\/www.personalschriften.de\/leichenpredigten\/digitale-editionen\/autothuer.html\">AutoTh\u00fcr<\/a>\u201c online publiziert.\u00a0 An den Funeraldrucken, so Witzel, lie\u00dfen sich unter anderem Ursachen und Anl\u00e4sse f\u00fcr personenbezogene Mobilit\u00e4t in der Vormoderne herausarbeiten (wie Studium, Krieg oder berufsbedingte Migration).<\/p>\n<p>TAG 2<\/p>\n<p>In einem Kurzvortrag\u00a0 skizzierten <strong>Sina Bock <\/strong>und<strong> Raphael Kretz<\/strong> (Studierende der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg) \u201e<em>Biographische Daten als Grundlage f\u00fcr die Personennetzwerkanalyse am Beispiel der Royal Navy im 18. und 19<\/em>\u201c. Im Rahmen eines \u201eHackathon\u201c hatten sie mit Hilfe von Webscraping \u2013Schnittstellen standen nicht zur Verf\u00fcgung \u2013 Daten zu \u00fcber 100 Offizieren der britischen Royal Navy zusammengestellt. Sie interessierten sich f\u00fcr die Faktoren, die f\u00fcr den Karriereaufstieg der Offiziere ausschlaggebend waren. Als Ergebnis konnten sie statistisch belegen und in Diagrammen verbildlichen, dass auf bestimmten Schiffen Offizieren bessere Chancen f\u00fcr den Aufstieg hatten. Auch der fr\u00fchzeitige Beginn der Karriere war einem sp\u00e4teren Aufstieg f\u00f6rderlich.<\/p>\n<p><strong>Aline Deicke<\/strong> (Digitale Akademie, Mainz) stellte in ihrem Vortrag \u201e<em>Biographische Daten in Controversia et Confessio digital<\/em>\u201c biographischen Daten aus der Datenbank des gleichnamigen, an der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur angesiedelten Forschungsprojekts zu innerprotestantischen theologischen Kontroversen im 16. Jahrhundert vor. F\u00fcr die 840 darin enthaltenen Personen erstellten die Projektmitarbeiter f\u00fcr 241 individuelle Biographien. Wertvoll ist in der Datenbank die Verkn\u00fcpfung zwischen Personen und verfassten Werken. Auf Basis dieser Verbindungen lassen sich, so Deicke, die Beziehungen zwischen Autoren, ihren (ebenfalls publizierenden) Gegnern und ihren Werken in einem Netzwerk abbilden. Als Faktoren wurden Wirkungsorte und pers\u00f6nliche Beziehungen ber\u00fccksichtigt. Perspektivisch will Deicke anhand des Netzwerkes unter anderem nachvollziehen, nach welchen Kriterien die Autoren ihre Kontrahenten ausw\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Im Anschluss an den Vortrag wurde die M\u00f6glichkeit einer Probestudie mit den Texten aus dem Editionsprojekt \u201eControversia et Confession\u201c diskutiert. Diese k\u00f6nne unter anderem pr\u00fcfen, ob sich mit textanalytischen Tools in den Texten der Edition neue Themencluster aufzusp\u00fcren lassen, die bei der Konzeption der Edition nicht prim\u00e4r im Blick waren. Die mit quantitativen Methoden \u201eaufgesp\u00fcrten\u201c Begriffe w\u00e4ren \u201eIndizien\u201c, die mit klassischen historischen Methoden weiter zu erforschen w\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Durch den aktiven interdisziplin\u00e4ren Austausch konnten die Leitfragen des Seminars diskutiert und Wege f\u00fcr die Weiterentwicklung der digitalen Tools eruiert werden. Deutlich wurde, wie Fragestellungen, die sich mit einer Gruppe historischer Akteure besch\u00e4ftigen, von Visualisierungen in Form von Netzwerken profitieren k\u00f6nnen. Dadurch lassen sich das Funktionieren und die Koordination des Netzwerks, der Austausch von G\u00fctern und Informationen innerhalb eines Netzwerks oder die Intensivit\u00e4t der Kontakte zwischen den Akteuren veranschaulichen. Besonders sinnvoll ist diese Visualisierung f\u00fcr eine Gruppe r\u00e4umlich zerstreuter Akteure. Auch von einer statistischen Erfassung bestimmter Charakteristiken einer Gruppe k\u00f6nnten eine Reihe der Fragestellungen profitieren, um Gemeinsamkeiten (gemeinsame Kriterien) in dieser Gruppe festzustellen oder diese Kriterien in Beziehung zur Fragestellung auszuwerten. Als wichtigste Funktionalit\u00e4ten, die das CosmoTool aufweisen solle,\u00a0 erwiesen sich die freie Konfiguration der \u201eKategorien\u201c im CosmoTool je nach Fragestellung sowie die freie Gestaltung der Korrelation zwischen den Kategorien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 16 und 17. 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