{"id":6471,"date":"2016-03-02T15:18:10","date_gmt":"2016-03-02T14:18:10","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=6471"},"modified":"2016-03-02T15:18:10","modified_gmt":"2016-03-02T14:18:10","slug":"textkomplexitaet-als-stilmerkmal-ein-veranstaltungsbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=6471","title":{"rendered":"Textkomplexit\u00e4t als Stilmerkmal &#8211; Ein Veranstaltungsbericht"},"content":{"rendered":"<p>Was macht einen Roman &#8222;komplex&#8220;? Kann man die &#8222;Komplexit\u00e4t&#8220; eines literarischen Textes messen, und ist Komplixit\u00e4t ein Merkmal, da\u00df bestimmte Autoren, oder bestimmte Literaturgattungen von anderen unterscheidet?<\/p>\n<p>Um diesen und \u00e4hnlichen Fragen nachzugehen fand am 07. und 08. Dezember 2015 am Lehrstuhl f\u00fcr Computerphilologie der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg der <strong><a href=\"https:\/\/de.dariah.eu\/\" target=\"_blank\">DARIAH-DE<\/a> Expertenworkshop\u00a0&#8222;<em>Complexity Measures in Stylometry<\/em>&#8222;<\/strong> statt. Ziel der Veranstaltung war es, innerhalb der quantitativ arbeitenden Literaturwissenschaft eine Diskussion \u00fcber das Thema &#8222;Textkomplexit\u00e4t&#8220; anzuregen und in gemeinsamen Gespr\u00e4chen auszuloten, welche Rolle Indikatoren der Textkomplexit\u00e4t in der Stilometrie spielen k\u00f6nnten. Dabei sollte zudem demonstriert werden, wie der in DARIAH-DE entwicklte <a href=\"https:\/\/github.com\/DARIAH-DE\/DARIAH-DKPro-Wrapper\" target=\"_blank\">DARIAH-DKPro-Wrapper<\/a> dazu beitragen kann, die Berechnung solcher Indikatoren wesentlich zu vereinfachen.<\/p>\n<p>Geladen waren <strong><a href=\"https:\/\/sites.google.com\/site\/computationalstylistics\/\" target=\"_blank\">Maciej Eder<\/a><\/strong> (Institute of Polish Studies, Pedagogical University of Krakow),\u00a0<strong><a href=\"http:\/\/th-www.if.uj.edu.pl\/ztuz\/users\/jeremi\/index_EN.html\" target=\"_blank\">Jeremi Ochab<\/a><\/strong> (Department of Theory of Complex Systems, Jagiellonian University, Krakow), <strong><a href=\"https:\/\/ariddell.org\/\" target=\"_blank\">Allan Riddell<\/a><\/strong> (Leslie Center for the Humanities, Dartmouth College) und <strong><a href=\"http:\/\/www.ims.uni-stuttgart.de\/institut\/mitarbeiter\/reiterns\/\" target=\"_blank\">Nils Reiter<\/a><\/strong> (Institut f\u00fcr Maschinelle Sprachverarbeitung, Universit\u00e4t Stuttgart).<\/p>\n<p>Ziel und Kern der Veranstaltung war, die wissenschaftliche Diskussion unter den Teilnehmern anzuregen. Das Ger\u00fcst hierf\u00fcr bildete eine Reihe von kurzen Vortr\u00e4gen die Denkanst\u00f6\u00dfe zu verschiedenen Aspekten des Themas liefern sollten. In einem ersten Beitrag stellte Stefan Pernes die sogenannten <em><strong>Readability Measures<\/strong><\/em>\u00a0und ihre historische Entwicklung vor. Er zeigte verschiedene Ans\u00e4tze aus dem Bereich der Grundschulp\u00e4dagogik, um die Lesbarkeit von Texten mathematisch zu erfassen. Wenngleich solche Lesbarkeitsmetriken prim\u00e4r f\u00fcr p\u00e4dagogische Zwecke entwickelt wurden l\u00e4sst sich die Lesbarkeit eines Textes doch zumindest als ein Aspekt seiner Komplexit\u00e4t auffassen. Aufgrund des st\u00e4ndigen Bed\u00fcrfnisses von P\u00e4dagogen Lesetexte nach Schwierigkeitsgraden einzustufen hat dieses Feld eine immerhin bereits mehrere Jahrzehnte zur\u00fcckreichende Forschungs- und Entwicklungsgeschichte.<\/p>\n<p>Wie solche <em>Readability Measures<\/em>\u00a0und andere Komplexit\u00e4tsindikatoren mit Hilfe des DARIAH-DKPro-Wrappers implementiert und als Stilmerkmale in einer Autorenschaftsanalyse genutzt werden k\u00f6nnen demonstrierte Steffen Pielstr\u00f6m in seinem Vortrag <strong><em>Complexity Measures as Style Markers<\/em><\/strong>. Neben den <em>readability measures<\/em>\u00a0kamen hier andere linguistische Indikatoren, wie die durchschnittliche Satzl\u00e4nge, die <em>type-token ratio<\/em>\u00a0und die <em>Shanon<\/em>-Entropie zu Einsatz. Des Weiteren konnte Jeremi Ochab zeigen, wie sich das Repertoire zur linguistischen Beschreibung sprachlicher Komplexit\u00e4t noch zus\u00e4tzlich um die Zeitreihenanalyse erweitern l\u00e4sst. Aus den gezeigten Beispielen wurde deutlich, dass diese statistischen Mittel sehr gut geeignet sind, Autoren zu unterscheiden, und folglich geeignet sind, den spezifischen Stil eines Autors zumindest auf der Sprachlichen Ebene zu beschreiben.<\/p>\n<p>Wie Fotis Jannidis jedoch seinem Beitrag mit dem Titel <strong><em>&#8218;Formalizing the concept of complexity in literary language&#8216;<\/em><\/strong>\u00a0darlegen konnte, l\u00e4sst sich das Thema &#8222;Komplexit\u00e4t&#8220; kaum auf jene Aspekte reduzieren, die durch linguistische Metriken erfasst werden. <em>Readability measures<\/em>\u00a0versuchen vor allem, den <em>cognitive load\u00a0<\/em>beim lesen und verstehen einzelner S\u00e4tze abzubilden, wohingegen aus literaturwissenschaftlicher Sicht noch ganz andere Faktoren dazu beitragen, dass ein Text als komplex empfunden wird. Dazu z\u00e4hlen Metaphern und Allegorien, Intertextualit\u00e4t, die Komplexit\u00e4t der beschriebenen Welt, in der sich die Handlung abspielt, der Aufbau der Handlungs- und Erz\u00e4hlebenen &#8211; und nicht zuletzt die inhaltliche Polyvalenz. All diese Aspekte formal zu quantifizieren scheint beim derzeitigen Forschungsstand keine realistische Option. Die pragmatische L\u00f6sung, die sich schnell im Laufe der Diskussion herauskristallisierte, ist ein &#8222;Goldstandard&#8220;, der auf m\u00f6glichst vielen Leserbewertungen, also letztlich auf der subjektiven Wahrnehmung von Komplexit\u00e4t beim Leser basiert.<\/p>\n<p>Christof Sch\u00f6ch und Maciej Eder versuchten sich der Frage nach inhaltlicher Komplexit\u00e4t \u00fcber das <em><strong>Topic Modeling<\/strong><\/em>\u00a0zu n\u00e4hern. Hierbei wurden Texte im Hinblick auf vier inhaltliche Komplexit\u00e4tsdimensionen betrachtet: Die Gr\u00f6\u00dfe des Themenspektrums, die Identifizierbarkeit und eindeutige Abgrenzbarkeit einzelner Themen, ihre Variation im Textverlauf, und die inhaltliche der Komplexit\u00e4t des Themas selbst. Konkrete Vorschl\u00e4ge zur Modellierung dieser Aspekte wurden hierbei f\u00fcr die Abgrenzbarkeit (durch sog. Koh\u00e4renzma\u00dfe) und das Spektrum (\u00fcber die <em>Skewedness<\/em>\u00a0und die Kurtose der <em>Topic<\/em>-Verteilungen) gemacht und anhand von Beispielanalysen vorgestellt. Doch auch hier zeigte sich im Verlauf der Diskussion das Fehlen eines auf der Leserwahrnehmung basierenden Goldstandards als grunds\u00e4tzliches Problem.<\/p>\n<p>Einen ersten Schritt hin zu empirischen Erforschung von Leserbewertungen stellen die Arbeiten der Gruppe um Karina van Dalen-Oskam an der Huyens-Universit\u00e4t. Von diesem Projekt berichtete Allan Riddell, zu diesem Zeitpunkt als Gastwissenschaftler in Den Haag. Die Probanden dieser Studie werden aufgefordert aktuelle Bestseller zu bewerten, und dabei anzugeben, wie sehr ihnen ein Buch gefallen hat, und wie sehr sie es f\u00fcr ein &#8218;literarisches&#8216; Werk halten. Nat\u00fcrlich ist &#8218;Literarizit\u00e4t&#8216; wiederum eine abstrakte Gr\u00f6\u00dfe, von der wiederum die &#8218;literarische Komplexit\u00e4t&#8216; \u00fcberhaupt nur ein Teilaspekt sein kann, womit die erhobenen Daten f\u00fcr die konkrete Fragestellung auch nur als grobe Ann\u00e4herung verstanden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Laufe der Diskussionen wurde vor allem klar, wie weit die quantitative Textforschung zum jetzigen Zeitpunkt tats\u00e4chlich noch davon entfernt ist, all das, was beim Lesen eines Textes als &#8218;Komplexit\u00e4t&#8216; wahrgenommen wird, quantifizieren zu k\u00f6nnen. Gleichzeitig ist es den Teilnehmern aber gelungen, die dr\u00e4ngendsten Probleme um das Ph\u00e4nomen aufzuzeigen und das Thema als m\u00f6gliches Forschungsfeld f\u00fcr die quantitative Textanalyse in verschiedene Richtungen auszuloten. Hierbei ist man weitgehend zu dem Schluss gekommen, dass erst das ein gezieltes Zusammenspiel aus quantitativer Textanalyse und empirischer Erforschung der Leserwahrnehmung dieses Thema greifbar machen kann.<\/p>\n<p>Ein erster Schritt hin zur empirischen Erforschung des Ph\u00e4nomens &#8218;Textkomplexit\u00e4t&#8216; wurde damit auf diesem DARIAH-Expertenworkshop getan, weitere Schritte f\u00fcr die Zukunft im Kreis der Teilnehmer verabredet. Man darf nun gespannt sein, wie sich dieses Forschungsfeld weiter entwickelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht einen Roman &#8222;komplex&#8220;? 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