{"id":6415,"date":"2016-02-15T10:47:54","date_gmt":"2016-02-15T09:47:54","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=6415"},"modified":"2016-02-15T10:47:54","modified_gmt":"2016-02-15T09:47:54","slug":"nicht-einfach-den-pc-anschalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=6415","title":{"rendered":"\u201eNicht einfach den PC anschalten\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_6421\" style=\"width: 522px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Plachta_II.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6421\" class=\" wp-image-6421\" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Plachta_II.jpg\" alt=\"Der Editionswissenschaftler Bodo Plachta vor dem Lessinghaus in Wolfenb\u00fcttel. Foto: Nicole Alexander\" width=\"512\" height=\"341\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6421\" class=\"wp-caption-text\">Der Editionswissenschaftler Bodo Plachta vor dem Lessinghaus in Wolfenb\u00fcttel. Foto: Nicole Alexander<\/p><\/div>\n<p><strong>Auf der Tagung \u201eDigitale Metamorphose. Digital Humanities und Editionswissenschaft\u201c, die im November im Rahmen des <a href=\"http:\/\/www.mww-forschung.de\" target=\"_blank\">Forschungsverbunds Marbach Weimar Wolfenb\u00fcttel (MWW)<\/a> an der <a href=\"http:\/\/www.hab.de\" target=\"_blank\">Herzog August Bibliothek Wolfenb\u00fcttel<\/a> stattfand, hielt Bodo Plachta den Er\u00f6ffnungsvortrag. Mit dem Doyen der Editionswissenschaft sprachen wir am Rande der Tagung dar\u00fcber, wie er den Einzug des Digitalen in die Editorik erlebt hat, warum solides Handwerkszeug nach wie vor so wichtig ist und weshalb es das gedruckte Buch weiterhin geben wird. \u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Von Lydia Koglin und Nicole Alexander<\/strong><\/p>\n<p><strong>Herr Professor Plachta, digitale Ausgaben werden gedruckte Editionen verschwinden lassen, hat Thomas St\u00e4cker, kommissarischer Direktor der HAB und Leiter der <a href=\"http:\/\/www.mww-forschung.de\/digitale-forschungsinfrastruktur\/tagungen\/\" target=\"_blank\">Tagung \u201eDigitale Metamorphose. Digital Humanities und Editionswissenschaft\u201c<\/a> vor einigen Wochen in einem Interview in diesem Blog gesagt. Teilen Sie seine Einsch\u00e4tzung? <\/strong><\/p>\n<p>Bodo Plachta: Nein, das gedruckte Buch wird nicht verschwinden. Es wird immer sowohl Print- als auch digitale Editionen geben. Und wir tun gut daran, keine Entweder-Oder-Diskussion zu f\u00fchren. Daf\u00fcr gibt es zu viele Bereiche, in denen gedruckte, wissenschaftlich verantwortete Texte notwendig sind. Sicherlich werden bei der Editionsarbeit zunehmend digitale Methoden eine Rolle spielen. Das hei\u00dft aber nicht, dass die traditionelle klassische Textkritik an Bedeutung verliert. Denn sie ist Voraussetzung f\u00fcr die philologische Tiefenerschlie\u00dfung und damit f\u00fcr jede Edition mit wissenschaftlichem Anspruch.<\/p>\n<p><strong>Sie sind seit vielen Jahren intensiv mit der Editionswissenschaft befasst, haben dazu diverse B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht. Wie haben Sie den Einzug des Digitalen in die Editorik erlebt?<\/strong><\/p>\n<p>Ehrlich gesagt kam dieser Einzug ziemlich \u00fcberraschend f\u00fcr mich. Mir war aber schnell klar, dass sich der Editionswissenschaft dadurch ganz neue Perspektiven er\u00f6ffnen. Probleme, mit denen wir Herausgeber jahrelang gek\u00e4mpft haben, lie\u00dfen sich pl\u00f6tzlich ganz einfach l\u00f6sen. Das war ein echtes Aha-Erlebnis.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie daf\u00fcr ein Beispiel nennen? <\/strong><\/p>\n<p>Ein Quantensprung war nat\u00fcrlich die viel bessere Darstellbarkeit von Textgenesen: Handschriften und Faksimiles k\u00f6nnen im digitalen Medium problemlos auf einen Text bezogen, mit Varianten verkn\u00fcpft\u00a0 und parallel betrachtet werden. Das ist im linearen Buch-Medium naturgem\u00e4\u00df nicht m\u00f6glich. Zudem bieten digitale Editionen anders als traditionelle Buchausgaben die M\u00f6glichkeit, alles vorhandene Textmaterial auch zu zeigen. Darin liegt aber auch eine Gefahr.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern? <\/strong><\/p>\n<p>Nun, je mehr Material und je mehr Daten generiert werden, desto gr\u00f6\u00dfer ist das Risiko, dass es an der notwendigen philologischen Tiefenerschlie\u00dfung dieses Materials mangelt. Schon immer hat die Editionswissenschaft diskutiert, wie sich textliche Prozesse anschaulich machen lassen k\u00f6nnen. Diese Diskussion hat sich durch das Medium Internet ja nicht er\u00fcbrigt, im Gegenteil. F\u00fcr eine echte digitale Edition reicht es eben nicht aus, Handschriften-Faksimiles ins Netz zu stellen und dazu vielleicht eine Transkription. Es geh\u00f6rt schon etwas mehr an Erschlie\u00dfungsarbeit dazu, um dem Nutzer deutlich zu machen, welche Ziele ich mit meiner Edition verfolge und warum ich einen Text, einen Textkorpus, eine Korrespondenz in der von mir gew\u00e4hlten Weise publiziere.<\/p>\n<p><strong>Das klingt fast so, als teilten Sie den h\u00e4ufig ge\u00e4u\u00dferten Einwand, dass viele digitale Editionen weniger sorgf\u00e4ltig erstellt seien als gedruckte Ausgaben. <\/strong><\/p>\n<p>Nein, so pauschal w\u00fcrde ich das nicht sagen. Was ich aber betonen m\u00f6chte: Letztlich stehen alle Herausgeber vor dem gleichen philologischen Problem \u2013 unabh\u00e4ngig davon, in welchem Medium sie publizieren: Sie m\u00fcssen immer wieder editorische Entscheidungen treffen, die Interpretationen implizieren. Nat\u00fcrlich w\u00fcrden wir solche Interpretationen am liebsten aus der editorischen Arbeit heraushalten. Aber das ist gar nicht m\u00f6glich. Allein wenn Sie ein Wort entziffern oder eine Streichung als Sofort- oder als Sp\u00e4t-Korrektur identifizieren, nehmen Sie eine Bewertung vor. Editionen, in welchem Medium auch immer, sind immer Laboratorien, hoch spezialisierte Arbeitsmittel, und m\u00fcssen als solche betrachtet werden.<\/p>\n<p><strong>Was hei\u00dft das konkret?<\/strong><\/p>\n<p>Dem Leser bzw. Nutzer muss klar sein, dass auch Editionen mit wissenschaftlichem Anspruch nicht frei sind von Einstellungen und Auffassungen des Herausgebers, dass auch Fragen des Literaturbetriebs hineinspielen. Es ist also ein hochkomplexes System unterschiedlicher Faktoren, die den Wert einer Edition beeinflussen.<\/p>\n<p><strong>Sie waren nicht nur einer von zwei Keynote-Speakern am Er\u00f6ffnungsabend der <a href=\"http:\/\/www.mww-forschung.de\/digitale-forschungsinfrastruktur\/tagungen\/\" target=\"_blank\">Tagung \u201eDigitale Metamorphose. Editionswissenschaft und Digital Humanities\u201c<\/a>, sondern haben auch die Vortr\u00e4ge und Diskussionen an den beiden folgenden Tagen verfolgt. Wie haben Sie diese erlebt, was haben Sie aus der Tagung mitgenommen? <\/strong><\/p>\n<p>Mitgenommen habe ich, dass heute mit gro\u00dfer Ernsthaftigkeit und F\u00e4higkeit zur Selbstkritik auf dem Gebiet der digitalen Edition gearbeitet wird. Das war in den Anfangsjahren der digitalen Editorik ganz anders, da herrschte eine schon fast unkritische Aufbruchsstimmung. Diese nun sp\u00fcrbare Ernsthaftigkeit und st\u00e4ndige Selbstvergewisserung und damit auch Ausdifferenzierung der damit zusammenh\u00e4ngenden methodischen Herangehensweisen fand ich sehr \u00fcberzeugend. Umso mehr glaube ich, dass der oft konstruierte Gegensatz zwischen \u201etraditioneller\u201c Philologie einerseits und \u201emoderner\u201c, im digitalen Medium stattfindender Philologie andererseits eigentlich gar kein Gegensatz ist, sondern dass es hier im Gegenteil sehr enge Ber\u00fchrungspunkte und sehr gute Kooperationsm\u00f6glichkeiten gibt.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnten diese konkret aussehen?<\/strong><\/p>\n<p>Nun, denken Sie etwa an Hybrid-Editionen, also gedruckte Ausgaben, die um digitale Anteile erg\u00e4nzt werden. Ich denke, solche Editionen sind eine hervorragende M\u00f6glichkeit, um unterschiedliche Interessen zu vereinen.<\/p>\n<p><strong>Welche Hybrid-Edition finden Sie pers\u00f6nlich besonders \u00fcberzeugend? <\/strong><\/p>\n<p>Da f\u00e4llt mir als ein Beispiel unter zahlreichen anderen die <a href=\"http:\/\/www.nma.at\/\" target=\"_blank\">\u201eNeue Mozart-Ausgabe\u201c<\/a> der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften ein, die 2007 abgeschlossen wurde. Auf Basis dieser gedruckten Ausgabe arbeiten die Internationale Stiftung Mozarteum und das Packard Humanities Institute derzeit an der Erstellung einer \u201eDigitalen Mozart-Edition\u201c. Diese soll die \u201eNeue Mozart-Ausgabe\u201c keineswegs ersetzen, sondern vielmehr begleiten und um neue Perspektiven erg\u00e4nzen. Gut m\u00f6glich, dass in der Folge mancher Dirigent die eine oder andere Passage in den Kompositionen Mozarts anders verstehen und anders musikalisch umsetzen wird als bisher.<\/p>\n<p><strong>Gibt es solche positiven Beispiele auch in der Literaturwissenschaft? <\/strong><\/p>\n<p>Da ist vielleicht <a href=\"http:\/\/www.klassik-stiftung.de\/einrichtungen\/goethe-und-schiller-archiv\/propylaeen\" target=\"_blank\">\u201ePropyl\u00e4en\u201c<\/a> zu nennen, eine integrierte Forschungsplattform zu Goethes Biographica, die seit 2015 von der Klassik Stiftung Weimar, der Digitalen Akademie Mainz und der S\u00e4chsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig gemeinsam aufgebaut wird. Geplant ist, die derzeit im Goethe- und Schiller-Archiv Weimar laufenden historisch-kritischen Neu-Editionen der Briefe und Tageb\u00fccher Goethes nicht nur in Buchform zu ver\u00f6ffentlichen, sondern auch in einer digitalen Plattform zusammenzuf\u00fchren, in die dann zus\u00e4tzliche biografische Dokumente Goethes eingespeist werden sollen. Dadurch soll der gesamte Kosmos des goetheschen Schreibens zun\u00e4chst im Bereich des Biografischen sichtbar gemacht und verkn\u00fcpft werden. Bei dieser Arbeit spielen nat\u00fcrlich Bibliotheken und Archive als Orte, die traditionsgem\u00e4\u00df Wissen und Erfahrung bewahren, eine gro\u00dfe Rolle. Vor allem sollte man Vorg\u00e4nger-Editionen nicht einfach als \u00fcberholt abklassifizieren und \u00fcber Bord werfen, sondern das in ihnen enthaltene Wissen in die Arbeit an neuen Editionen einbeziehen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben viele Studenten an die Editionswissenschaft herangef\u00fchrt. Was w\u00fcrden Sie jemandem raten, der eine digitale Ausgabe plant? <\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde ihm empfehlen, einen Studiengang in Editionswissenschaft zu absolvieren, um sich das traditionelle textkritische Handwerkszeug anzueignen. Zugleich sollte er sich intensiv \u00fcber neue digitale Methoden der Editorik informieren. Ich warne jedenfalls davor, einfach den Computer anzuschalten und loszulegen. F\u00fcr die Editionsarbeit ist solides Handwerkszeug notwendig und nat\u00fcrlich dieses alte, schon von Karl Lachmann, dem Begr\u00fcnder der Methode der historisch-kritischen Edition, beschworene Herausgeber-Ethos der \u201estrengen Sorgfalt\u201c.<\/p>\n<p><em>Dr. Bodo Plachta ist Professor f\u00fcr Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Mitherausgeber der Zeitschrift <a href=\"http:\/\/www.degruyter.com\/view\/j\/edit\"><i><strong>\u201e<\/strong><\/i>editio<i><strong>\u201c<\/strong><\/i><\/a>\u00a0und Autor des Buches &#8222;Editionswissenschaft: Eine Einf\u00fchrung in Methode und Praxis der Edition neuerer Texte<strong>\u201c<\/strong>. 2014 ver\u00f6ffentlichte er gemeinsam mit dem Fotografen Achim Bednarz den Bildband &#8222;K\u00fcnstlerh\u00e4user. Ateliers und Lebensr\u00e4ume ber\u00fchmter Maler und Bildhauer<strong>\u201c<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><i>Eine Dokumentation der Tagung <strong><em>\u201e<\/em><\/strong>Digitale Metamorphose. Digital Humanities und Editionswissenschaft<strong><em>\u201c<\/em><\/strong>, die vom 2. bis 4. November 2015 an der Herzog \u00a0August Bibliothek Wolfenb\u00fcttel stattfand, finden Sie auf der Webseite des Forschungsverbunds Marbach Weimar Wolfenb\u00fcttel (MWW) unter <a href=\"http:\/\/www.mww-forschung.de\/digitale-forschungsinfrastruktur\/tagungen\/\" target=\"_blank\">www.mww-forschung.de\/digitale-forschungsinfrastruktur\/tagungen\/<\/a>. <\/i><i>Dort stehen unter anderem die beiden Er\u00f6ffnungsvortr\u00e4ge von Bodo Plachta und Jo\u00e2o Dion\u00edsio als Audiofiles sowie die Powerpoint-Pr\u00e4sentationen verschiedener Referentinnen und Referenten zur Verf\u00fcgung.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Tagung \u201eDigitale Metamorphose. 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