{"id":6371,"date":"2016-02-04T11:09:56","date_gmt":"2016-02-04T10:09:56","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=6371"},"modified":"2016-02-04T14:56:47","modified_gmt":"2016-02-04T13:56:47","slug":"workshop-review-practices-and-context-in-contemporary-annotation-activities","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=6371","title":{"rendered":"Workshop Review: Practices and Context in Contemporary Annotation Activities"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\">von<br \/>\nAnna Busch, Universit\u00e4t Hamburg,<br \/>\nNiels-Oliver Walkowski, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.<\/p>\n<p class=\"western\">Annotationen sind zur Zeit eines der am intensivsten beforschten Themen im Kontext von E-Science und Digital Humanities. Vor gerade einmal zwei Jahren ver\u00f6ffentlichte die <i>W3C Open Annotation Community Group<\/i> ihren finalen Entwurf zur formalen Bestimmung dessen, was eine Annotation informationswissenschaftlich sein soll. Auf der anderen Seite haben fast alle gro\u00dfen europ\u00e4ischen Infrastrukturprojekte wie <i>DARIAH<\/i>, <i>CLARIN<\/i>, <i>DASISH<\/i> oder auch <i>EUDAT<\/i> das Thema Annotationen in der einen oder anderen Form in ihren Arbeitsplan aufgenommen. Etablierten Projekten wie dem <i>Annotator<\/i> der <i>Open Knowledge Foundation<\/i> oder dem <i>CATMA<\/i>-Projekt wird eine unvermindert anhaltende Aufmerksamkeit geschenkt. So bildet der <i>Annotator<\/i> einen zentralen Use-Case in der aktuellen W3C Web Annotation Working Group und ist technischer Ausgangspunkt f\u00fcr das von der <i>Mellon Foundation<\/i> gef\u00f6rderte <i>hypothes.is<\/i>-Projekt gewesen.<\/p>\n<p class=\"western\">Zweifelsohne ist das Interesse an Annotationen im Kontext der Etablierung computergest\u00fctzter Forschung stark gewachsen. Die \u201eEntmaterialisierung\u201c von Annotationen \u2013 also die Tatsache, dass sie in einer digitalen Umgebung unabh\u00e4ngig vom Objekt, das sie annotieren, gespeichert und verwendet werden k\u00f6nnen \u2013 hat neue Anwendungs- und Verwertungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Annotationen geschaffen, die noch lange nicht ausgesch\u00f6pft und hinreichend evaluiert sind. Crowdsourcing wie im vielbeachteten <i>Transcribe Bentham<\/i>-Projekt, Annotationen als prim\u00e4rer Forschungsoutput wie im <i>Pelagios<\/i>-Projekt oder als Mittel der formalen Datenintegration zur Automatisierung von Interferenzprozessen, wie am Beispiel der <i>SWAN<\/i>-Ontologie in den Neurowissenschaften zu sehen, sind nur einige wenige dieser Perspektiven. Auf der anderen Seite ist die Identifizierung dieser Szenarien allein f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse geisteswissenschaftlicher Forschung nicht ausreichend. Ohne eine methodologische und epistemologische Evaluierung der Praxis des Annotierens innerhalb dieser erweiterten Perspektiven muss ein nachhaltiger Nutzen dieser Potenziale in Frage gestellt werden. Wenn Annotationen von den R\u00e4ndern eines pers\u00f6nlichen Buchexemplars ins Zentrum der Bildschirme vieler Benutzer r\u00fccken, dann ist es unumg\u00e4nglich, sich um ein systematisiertes Verst\u00e4ndnis der Erstellungshintergr\u00fcnde, Intentionen und Verfahren von Annotationen zu bem\u00fchen. Nicht zuletzt gilt es auch darum, dieses Verst\u00e4ndnis im Kontext computergest\u00fctzter Forschung ebenso in ein formales und damit prozessierbares Angebot zu \u00fcberf\u00fchren.<\/p>\n<p class=\"western\">Diese Aufgabe kann nur partiell durch Infrastrukturprojekte oder Akteure wie der <i>W3C Open Annotation Community Group<\/i> \u00fcbernommen werden, weil ihr Arbeitsschwerpunkt grunds\u00e4tzlich ein anderer ist. <i>Open Annotation<\/i> hat im Kontext dieser Problematik das Bewertungskriterium der Motivation eingef\u00fchrt und innerhalb seines Modells 12 m\u00f6gliche Motivationen definiert. Dieser auf Anwendbarkeit ausgerichtete Ansatz bleibt jedoch notgedrungen eindimensional und die Definitionen sind ebenso partiell inkonsistent. Interessantere Ans\u00e4tze lassen sich in der Forschungsliteratur zum Beispiel bei Chia-Ning Chiang, Maristella Agosti, Mari\u00e9-Eve Belanger oder James Bluestein finde. Allerdings beschr\u00e4nken sich diese h\u00e4ufig auf die Evaluierung von Annotationen innerhalb von historisch stabilen Zusammenh\u00e4ngen wie der Textannotation oder auf hervorgehobene Use Cases.<\/p>\n<p class=\"western\">Mit dem Ziel diesen Desideraten abzuhelfen, veranstalteten die Universit\u00e4t Hamburg und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften am 29. und 30. Oktober<span lang=\"en-US\"> 2015 den Workshop <\/span><span lang=\"en-US\"><i>Practices and Context in Contemporary Annotation Activities<\/i><\/span><span lang=\"en-US\">. <\/span>18 auf dem Feld digitaler Annotationen bewanderte Wissenschaftler waren geladen. Die Veranstaltung geh\u00f6rte zur Reihe der DARIHA-DE Experten Kolloquien und war Teil des Arbeitsprogramms der <i>DARIAH-EU Working Group Digital Annotations<\/i>.<\/p>\n<p class=\"western\">Das Programm war in vier Bl\u00f6cke unterteilt. Zun\u00e4chst wurden aktuelle formale Modelle vorgestellt, mit denen sich Kontextinformationen zu Annotationen abbilden lassen. Dazu wurden disziplin- und materialspezifische Bedeutungen von Annotationskontexten evaluiert, die theoretischen Erkenntnisse in konkrete Anwendungsszenarien \u00fcbertragen und \u00fcber die Bedeutung von Annotationen innerhalb der durch den Computer provozierten Transformationsprozesse in den Geisteswissenschaften diskutiert. Richtungsweisende und \u00fcbergreifende Fragestellungen, die die Teilnehmer begleiteten, waren im Vorfeld durch die Veranstalter aufgeworfen worden:<\/p>\n<p class=\"western\">&#8211; Welche individuellen und offenen Wiederverwendungszusammenh\u00e4nge gibt es f\u00fcr Annotationen, die durch digitale Technologien erm\u00f6glicht werden?<\/p>\n<p class=\"western\">&#8211; Welche deskriptiven Bedingungen (Metadaten) sichern sowohl eine sinnvolle als auch eine transparente Wiederverwendung von Annotationen?<\/p>\n<p class=\"western\">&#8211; Wie sind die ermittelten Anforderungen praktikabel mit Annotationsprozessen zu verbinden?<\/p>\n<p class=\"western\">&#8211; Welchen Einfluss hat die Weiterentwicklung computerunterst\u00fctzter Annotationspraktiken auf das Annotieren, wenn Annotation als eine Kulturtechnik in einer historischen Perspektive verstanden wird?<\/p>\n<p class=\"western\">Zu Beginn der ersten Sektion gab Francesca Tomasi von der Universit\u00e4t Bologna einen \u00dcberblick \u00fcber Themenfelder, die zur Bearbeitung des Workshopthemas ber\u00fccksichtigt werden sollten. Insbesondere das Umfeld neuer Annotationspraktiken wie das kollaborative Annotieren oder das Annotieren zwecks semantischer Integration heterogener Inhalte wurden hervorhoben. Der Fokus lag dabei auf Fragestellungen nach der Genese (Provenienz) sowie der Bewertung von Qualit\u00e4t und Autorit\u00e4t von Annotationen. Dieser Schwerpunkt bildete eine hervorragende \u00dcberleitung, um den Umgang mit Kontexten, in denen sich Annotationen bewegen, zu analysieren und die praktische Umsetzung von Annotationen zu evaluieren. Am Beispiel von Annotationen f\u00fcr die Edition digitalisierter Manuskripte stellte sie den Ansatz der von der Universit\u00e4t Bologna entwickelten <i>PRoles<\/i>&#8211; und <i>HiCo<\/i>-Ontologien vor. <i>PRoles<\/i> erweitert den W3C Standard PROV zur Dokumentation genetischer Aspekte digitaler Ressourcen um den Aspekt politischer Rollen. <i>HiCo<\/i> stellt Verfahren f\u00fcr die Abbildung historischer Kontexte zur Verf\u00fcgung. Durch die Verwendung dieser Ontologien w\u00e4hrend der Erstellung von Annotationen lassen sich Qualit\u00e4tsstandards formalisieren, die eine automatisierte Bewertung von Textannotationen zulassen. Das Verfahren, das Francesca Tomasi vorstellte, ist ein \u00fcberzeugendes Beispiel daf\u00fcr, wie innerhalb eines klar umrissenen Forschungsfeldes mit den Herausforderungen, die sich durch das digitale Annotieren stellen, umgegangen werden kann.<\/p>\n<p class=\"western\">Erg\u00e4nzend zu Francesca Tomasis \u00dcbersicht \u00fcber aktuelle Fragestellungen digitaler Annotationen pr\u00e4sentierte Niels-Oliver Walkowski von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eine evaluierende Typisierung verschiedener Annotationsfunktionen. Deutlich wurde, dass der Versuch einer solchen Typisierung scheitern muss, da sich eine Funktion niemals konsistent \u00fcber Kontexte hinweg aus der Form und dem Inhalt der Annotation ableiten l\u00e4sst. Im zweiten Teil seines Vortrages diskutierte Niels-Oliver Walkowski daher das <i>Scholarly Domain Model (SDM)<\/i> als einen Versuch, eben diesen Kontext, verstanden als Forschungspraxis, abzubilden.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein \u00e4hnlicher Ansatz wie der von SDM wurde von Panos Constantopoulos von der <i>Digital Curation Unit<\/i> <i>(DCU)<\/i> in Athen vorgestellt. Die in der <i>DCU<\/i> entwickelte <i>NeDiMAH Methods Ontology (NeMO)<\/i>, eine formale Ontologie zur Abbildung und Dokumentation wissenschaftlicher Praxis, best\u00e4tigte den Eindruck, dass eine erh\u00f6hte Aufmerksamkeit auf die Erarbeitung von M\u00f6glichkeiten einer Metareflexion \u00fcber Forschungsprozesse durch computergest\u00fctzte Verfahren gelegt wird. Als begr\u00fc\u00dfenswert wurde dabei hervorgehoben, dass die Geisteswissenschaften parallel zu bereits genannten Ans\u00e4tzen wie der <i>PROV<\/i>-Ontologie einen eigenen Standpunkt etablieren. Dieser l\u00e4sst sich in der <i>NeMO<\/i>-Ontologie zum Beispiel an der starken Gewichtung der kontextuellen Rollen von Akteuren und Objekten ablesen. Panos Constantopoulos demonstrierte am Beispiel eines Forschungsprojektes \u00fcber das klassische Korinth wie das Verst\u00e4ndnis von spezifischen Annotationen ad-hoc erh\u00f6ht wird, wenn man sie zusammen mit deskriptiven Metadaten auf der Basis von <i>NeMO<\/i> analysieren kann.<\/p>\n<p class=\"western\">Hugo Manguinhas aus dem <i>EUROPEANA<\/i>-Projekt beendete den ersten Block \u00fcber formale Modelle zur Abbildung kontextueller Aspekte von Annotationen mit einem detaillierten Einblick in das <i>Open Annotation Model<\/i> sowie einen \u00dcberblick \u00fcber entsprechende Anwendungsf\u00e4lle im <i>EUROPEANA<\/i>-Projekt. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie Autorit\u00e4t \u00fcber den Inhalt einer Annotation beansprucht werden kann. Einen bisher noch nicht genannten Ansatz bot das Unterprojekt <i>Accurator<\/i>, welches in einem Social Web Verfahren Annotationen durch eine offene Community bewerten l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"western\">Nachdem im ersten Block eine Reihe von Initiativen zur Sprache kamen, die auf die eine oder andere Weise Forschung \u00fcber Annotationen betreiben, wurden im zweiten Workshopblock bestimmte Forschungsprozesse, die sich unterschiedlicher Annotationsformen bedienen, in den Blick genommen.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein erstes solches Szenario bot Dirk Roorda von der K\u00f6niglich Niederl\u00e4ndischen Akademie der Wissenschaften. Sein Vortrag besch\u00e4ftigte sich mit den Herausforderungen, vor denen Forscher stehen, die sich mit den unterschiedlichen \u00dcberlieferungsvarianten der hebr\u00e4ischen Bibel besch\u00e4ftigen \u2013 einem Quellenprototyp samt umfangreichen Annotationen. Die Entwicklung einer digitalen Plattform, die Annotationen auf bestimmten Ebenen untersucht, wurde vorgestellt: <i>System for HEBrew text: ANnotations for Queries and Markup (SHEBANQ)<\/i>. Dabei wurde deutlich, dass Annotationen, deren Inhalt auf der Grundlage einer Suchanfrage dynamisch generiert wird, die Kontextproblematik unvergleichlich radikalisieren.<\/p>\n<p class=\"western\">Im weiteren Verlauf erl\u00e4uterte Joachim Veit von der Universit\u00e4t Paderborn zwei Grundprobleme der musikwissenschaftlichen Annotation. So sind die Annotationen hier gem\u00e4\u00df historischer Tradition in Kommentaren zusammengefasst, die physisch getrennt in eigenst\u00e4ndigen B\u00e4nden publiziert werden. Eine Frage, die durch diese Verfahrensweise besonders in den Vordergrund r\u00fcckt, betrifft das Ziel einer Annotation. Dies kann ein handschriftliches Manuskript, eine spezifische Edition oder auch ein rein abstraktes Objekt sein. Im <i>MEI Score Editor<\/i> <i>(MEISE)<\/i> werden die Annotationen daher von ihrer rein \u201everschriftlichten\u201c Form wieder auf spezifische Quellen zur\u00fcckgef\u00fchrt bzw. bei Bedarf mehrere angef\u00fchrt. Eine besondere Schwierigkeit ergibt sich ebenfalls bei der automatischen Annotation von Notenbl\u00e4ttern, da die musikalische Notation historisch stark variiert. Die \u201eUngreifbarkeit\u201c des Materials, die hier pr\u00e4sentiert wurde, ist eine, die ohne Zweifel als exemplarisch f\u00fcr geisteswissenschaftliche Forschungsgegenst\u00e4nde verstanden werden kann und die auf dem Workshop auch bei philologisch arbeitenden Teilnehmern als Problem best\u00e4tigt wurde.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein Thema, das der vorherigen Problematik nicht un\u00e4hnlich und ebenfalls im Kontext sprachlicher Objekte angesiedelt ist, wurde von Sebastian Drude pr\u00e4sentiert. Sebastian Drude war wissenschaftlicher Leiter des <i>The Language Archive<\/i> und ist zurzeit Generaldirektor von CLARIN ERIC. In Zusammenhang mit der sprachwissenschaftlichen Dokumentation von Sprachen verdeutlichte er die h\u00e4ufig anzutreffende Schwierigkeit, den annotierten linguistischen Gegenstand einer Annotation eindeutig zu identifizieren. So ist zum Beispiel nicht immer klar, ob syntaktische oder morphologische Einheiten annotiert werden. Ebenso ist die Art der Segmentierung nicht selten theorieabh\u00e4ngig und damit ohne Kontextwissen schwer nachvollzieh- und interpretierbar. Um zu zeigen, wie mit derlei Problemen innerhalb des Sprachdokumentationsprozesses umgegangen werden kann, stellte Drude das \u201eAdvanced Glossing\u201c-Format vor, welches im Kontext des <i>DOBES<\/i>-Projekts (Documentation of Endangered Languages) entstanden ist.<\/p>\n<p class=\"western\">W\u00e4hrend Joachim Veit die Beziehung zwischen Annotation und Version des annotierten Objektes problematisierte und Sebastian Drude die zwischen Annotation und Segment des annotierten Objektes beleuchtete, schlossen Matthias Bauer und Angelika Zirker von der Universit\u00e4t T\u00fcbingen den zweiten Block mit einer Analyse der Beziehung zwischen Annotation und ihrer interpretativen Funktion ab. Im Zusammenhang mit ihrer Lehrt\u00e4tigkeit an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen und dem angegliederten Projekt <i>Annotating Literature<\/i> bem\u00fchen sich Bauer und Zirker um ein strategisches Verst\u00e4ndnis von Annotationen als M\u00f6glichkeit, Studenten das Erlernen der Methodik von Textinterpretationen zu erleichtern. Die interpretativ kontextuelle Dimension von Annotationen l\u00e4sst sich demnach in einem ersten Schritt in Wissen, welches der Leser bereits hat und Wissen, welches er mittels der Annotation erlangen m\u00f6chte, einteilen. Eine Typisierung der jeweiligen Wissensbereiche im Bereich der Textinterpretation f\u00fchrt zu einer Unterteilung in linguistische, formale, intratextuelle, intertextuelle, kontextuelle sowie interpretative Wissensbereiche f\u00fcr Annotationen.<\/p>\n<p class=\"western\">In der zugeh\u00f6rigen Hands-On Session lie\u00dfen Bauer und Zirker die Teilnehmer John Donnes \u201eAir and Angels\u201c kollektiv annotieren. Ziel war es, eine Beziehung zwischen dem zuvor pr\u00e4sentierten Modell und der eigenen Erfahrungsebene der Teilnehmer w\u00e4hrend des Annotierens herzustellen und f\u00fcr die Diskussion auszusch\u00f6pfen.<\/p>\n<p class=\"western\">Mit John Bradley vom King&#8217;s Collage in London hielt ein Protagonist des Forschungsfeldes digitaler Annotationen der letzten 20 Jahre einen Keynote-Vortrag mit dem Titel \u201eAnnotation and Scholarship\u201c. Unter Zuhilfenahme des von ihm konzipierten und entwickelten <i>Pliny Projects<\/i> entwickelte er seine These digitaler Annotationen als \u201eGlue\u201c (Klebstoff\/Bindeglied) zwischen prim\u00e4ren, sekund\u00e4ren sowie interpretativen Ressourcen innerhalb eines Forschungsprozesses, die ebenso algorithmische wie hermeneutische Verfahren miteinander in Beziehung setzen k\u00f6nnen. Ein Schwerpunkt von Annotationssoftware und Annotationsservices sollte daher auch nicht auf der Verkn\u00fcpfung von Annotation und annotiertem Objekt liegen, sondern auf den M\u00f6glichkeiten und Verfahrensweisen, die erstellten Annotationen selbst in eine organisierbare Ressource zu verwandeln.<\/p>\n<p class=\"western\">Janina Jacke von der Universit\u00e4t Hamburg stellte in ihrem Vortrag das Projekt <i>heureCL\u00c9A<\/i> vor, dessen Ziel es ist, herauszufinden, unter welchen Umst\u00e4nden narrative Ph\u00e4nomene in literarischen Texten intersubjektiv analysiert werden und welche Faktoren Intersubjektivit\u00e4t minimieren k\u00f6nnen. Zur Kl\u00e4rung dieser Fragen wird derzeit ein Korpus von Kurzgeschichten auf eine Reihe von zeitbezogenen narrativen Ph\u00e4nomenen hin untersucht, die entsprechend annotiert werden. Eine Analyse der uneinheitlich annotierten Passagen hat ergeben, dass &#8211; abgesehen von textlichen Mehrdeutigkeiten &#8211; zwei Arten von Kontextannahmen der Annotierenden f\u00fcr inkonsistente Annotationen verantwortlich waren: (1) theoretische Annahmen dar\u00fcber, welches Textph\u00e4nomen spezifische narratologische Kategorien tats\u00e4chlich beschreiben und (2) ein allgemeines \u201eWeltwissen\u201c, mit welchem die Annotierenden erz\u00e4hlerische L\u00fccken in den Kurzgeschichten zu f\u00fcllen suchen. Zur Behebung dieser Inkonsistenzen wurden klare Definitionen der zu beschreibenden Erz\u00e4hlph\u00e4nomene gesucht. Dar\u00fcber hinaus gehende Uneinheitlichkeiten wurden im Rahmen der Auszeichnung dokumentiert. Damit ist das Ziel einer m\u00f6glichst vergleichbaren, konsistenten Annotation gew\u00e4hrleistet, bei der individuelle Annotationen dennoch ihren Platz finden.<\/p>\n<p class=\"western\">Eric Decker von der Universit\u00e4t Heidelberg und Heinz-G\u00fcnter Kuper von der Humboldt Universit\u00e4t zu Berlin sprachen \u00fcber die Herausforderungen, die beim Einsatz der Forschungsumgebung <i>Hyperimage<\/i> zur Bildannotation zu Tage traten und die aus diesem Prozess gewonnenen Erkenntnisse, die in die Entwicklung einer neuen Software-Plattform <i>Yenda<\/i> einflie\u00dfen werden. Die Darstellung der Verwendung der Open Source-Plattform <i>Hyperimage<\/i> in Forschung und Lehre und die Demonstration von Forschungsprojekten, die sich <i>Hyperimage<\/i> bedienen, machten deutlich, in wie vielen unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen die Verkn\u00fcpfungen von (audio)visuellen Objekten, Texten und Mixed-Media-Dokumenten via <i>Hyperimage<\/i> zur Anwendung kommen: sei es bei der Markierung und Annotation bestimmter Bildregionen oder der Verlinkung dieser Annotationen und ihrer Erschlie\u00dfung \u00fcber unterschiedliche Indizes. Das Werkzeug <i>Yenda<\/i> kann unter Verwendung des <i>Open Annotation<\/i> Data Models zus\u00e4tzlich semantische Annotationen sowie die interaktive hypermediale Online-Webpublikation von Forschungsergebnissen im Browser zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p class=\"western\">In der zweiten Use Case-Session stellten Evelyn Gius und Marco Petris von der Universit\u00e4t Hamburg den Workshopteilnehmern das Annotationstool <i>CATMA<\/i> (Computer Aided Textual Markup &amp; Analysis) vor, mit welchem Annotationen in <i>heureCL\u00c9A<\/i> erzeugt werden. Es bestand die M\u00f6glichkeit, entweder <i>heureCL\u00c9A<\/i> Texte, Tagsets und Annotationsrichtlinien auszuprobieren oder individuelle, durch die Teilnehmer in <i>CATMA<\/i> eingef\u00fcgte Texte, Tagsets und Richtlinien zu verwenden.<\/p>\n<p class=\"western\">Den Abschluss bestritt Jan Christoph Meister, Professor f\u00fcr neuere deutsche Literatur an der Universit\u00e4t Hamburg und Mitveranstalter des Workshops. Meister schlug in seinem Vortrag eine Br\u00fccke zwischen dem Annotieren als einer \u201eepistemologischen Praxis\u201c auf der einen Seite und strategischen Gesichtspunkten der methodischen Entwicklung der Digital Humanities sowie zu Grunde liegender Infrastruktur auf der anderen Seite. Vor dem Hintergrund eines Vermittlungsproblems zwischen Infrastruktur- und Forschungsprojekten in den Geisteswissenschaften, welches Meister an Hand einer Analyse der GPRIS-Datenbank dokumentierte, machte er sich f\u00fcr einen taktischen Wechsel im Agieren von Infrastrukturprojekten stark. Diese sollten sehr viel st\u00e4rker spezifische Praktiken in den Geisteswissenschaften in den Blick nehmen und bei Entwicklung ihrer Ziele zwischen essentiellen und spezifischen Anforderungen unterscheiden. Standards und Infrastrukturen seien als ein nachrangiges Problem zu werten. Annotieren ist nach Meister ein paradigmatisches Beispiel f\u00fcr eine Praxis, aus der sich spezifische Anforderungen ableiten lassen, da Annotieren mit einer epistemologischen Disposition der Geisteswissenschaften korrespondiert. Entsprechend k\u00f6nnten digitale Annotationstools unmittelbar in die Forschungspraxis eingef\u00fchrt und als Vehikel f\u00fcr eine forschergesteuerte Auseinandersetzung mit weitergehenden digitalen Methoden dienen. Dies verlange jedoch die Ausformulierung dieser epistemologischen Praxis im Kontext des Annotierens.<\/p>\n<p class=\"western\">Eine Besonderheit des Workshops war es, das komplexe Thema der erkenntnistheoretischen Dimension von Annotationen in einem techniknahen Umfeld evaluiert zu haben ohne sich dabei auf den \u00fcblichen formal-generischen Bereich von Provenienz-Metadaten zu beschr\u00e4nken. Dieser Herausforderung l\u00e4sst sich auf Grund der thematischen N\u00e4he insbesondere in einem geisteswissenschaftlichen Umfeld gerecht werden. Die Notwendigkeit f\u00fcr eine derartige Evaluierung wurde nicht zuletzt auch w\u00e4hrend des Workshops selbst mehrfach deutlich. So m\u00fcssen zum Beispiel Modelle wie das <i>Scholarly Domain Model<\/i> und die <i>Nedimah Method Ontology<\/i>, die es erm\u00f6glichen sollen, zum Beispiel Annotationsaktivit\u00e4ten besser zu dokumentieren und zu verstehen voraussetzen, was als Annotation gilt und damit dokumentiert wird. Gerade ein Verst\u00e4ndnis davon, was eine Annotation ist, ist es aber, welches im Zuge neuer Verwendungsweisen und -m\u00f6glichkeiten von Annotationen durch computerunterst\u00fctzte Verfahren unsicher wird. Insofern stellt sich auch die Frage, inwiefern Annotieren als eine spezifische epistemologische Praxis in den Geisteswissenschaften koh\u00e4rent zu beschreiben ist. Dabei d\u00fcrfen schlie\u00dflich neue Annotationspraktiken, die zum Beispiel die hierarchische Beziehung zwischen \u201eBody\u201c und \u201eTarget\u201c aufweichen oder den interpretativen Aspekt des Annotierens in den Hintergrund r\u00fccken, aus dieser Betrachtung nicht ausgeschlossen werden. Wenn Annotationen wie in der <i>W3C Community Group<\/i> minimal als Link zwischen zwei Ressourcen definiert werden und die anschlie\u00dfende Architektur eher auf eine Weiterentwicklung des Webs unter Ber\u00fccksichtigung von anspruchsvolleren Hypermedia Research Gedanken aus der Vergangenheit hinausl\u00e4uft, ist insgesamt in Frage zu stellen, wo sich sinnvoll von Annotationen sprechen l\u00e4sst.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">Der Workshop hat ebenfalls deutlich gemacht, dass eine Definition auf der Grundlage eines zeitgem\u00e4\u00dfen Verst\u00e4ndnisses von Annotieren weiterhin ein Forschungsdesiderat ist, dem abgeholfen werden muss. Diese Diskussion ist innerhalb der Digital Humanities nicht falsch aufgehoben. Zum einen arbeiten die Digital Humanities in besonders experimentierfreudigen Annotationskontexten, zum anderen stellt der geisteswissenschaftliche Hintergrund potenziell ein breites theoretisches Handwerkzeug f\u00fcr die angemessene Einordnung dieser Aktivit\u00e4ten zur Verf\u00fcgung. In diesem Sinne ist die Einrichtung einer <i>ADHO Special Interest Group<\/i> zum Thema Annotationen sehr zu begr\u00fc\u00dfen, wie sie als Idee aus dem Workshop hervorging. Ein Antrag hierzu ist in Vorbereitung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Anna Busch, Universit\u00e4t Hamburg, Niels-Oliver Walkowski, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Annotationen sind zur Zeit eines der am intensivsten beforschten Themen im Kontext von E-Science und Digital Humanities. 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