{"id":6362,"date":"2016-02-03T09:17:04","date_gmt":"2016-02-03T08:17:04","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=6362"},"modified":"2016-02-04T13:14:20","modified_gmt":"2016-02-04T12:14:20","slug":"ein-schnitzel-kocht-man-nicht-mit-wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=6362","title":{"rendered":"Ein Schnitzel kocht man nicht mit Wasser"},"content":{"rendered":"<p>Ein pers\u00f6nliche Anmerkungen zur Tagung <em>Digitale Metamorphose: Digital Humanities und Editionswissenschaft<\/em><\/p>\n<p class=\"TextBody\" style=\"line-height: normal;\">von <a href=\"http:\/\/www.oeaw.ac.at\/acdh\/en\/andorfer\" target=\"_blank\">Peter Andorfer<\/a>, Austrian Centre for Digital Humanities Wien<\/p>\n<p>Sein kurzes Res\u00fcmee am Ende der Tagung <em>Digitale Metamorphose: Digital Humanities und Editionswissenschaft <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> <\/em>beschloss Thomas St\u00e4cker mit der pers\u00f6nlichen Anmerkung, es w\u00e4re beruhigend zu sehen, dass alle anderen digitalen Editionsprojekte auch nur mit Wasser kochen w\u00fcrden. Thomas, derzeit interimistischer Direktor der Herzog August Bibliothek (HAB) in Wolfenb\u00fcttel, war ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Konzeptualisierung und vor allem auch die Realisierung der Wolfenb\u00fctteler Digitalen Bibliothek (WDB) verantwortlich. Ein integraler Bestandteil der WDB ist dabei die Reihe <em>Editiones Electronicae Guelferbytanae<\/em>, also eine Reihe von vornehmlich in Kooperation mit der HAB entstandenen digitalen Editionen. Was meint Thomas, dem man eine profunde Expertise in der t\u00e4glichen und konkreten Arbeit mit digitalen Editionen also nur schwerlich absprechen kann, nun mit dieser Aussage? Oder anders formuliert, wie kann man diese Aussage verstehen.<\/p>\n<p>Bekanntlich meint die Redewendung \u201edie anderen kochen auch nur mit Wasser\u201c, dass andere auch nicht viel besser sind als man selbst ist. Eine Redewendung also, die einerseits zwar selbstkritisch, andererseits aber auch stets entschuldigend ist. Im Falle von Thomas, der WDB und deren digitalen Editionen bedeutet dies, dass diese ihre M\u00e4ngel haben und dass man sich dessen auch bewusst ist. Gleichzeit hat nicht zuletzt die Tagung Digitale Metamorphosen aber gezeigt, dass auch andere der dort pr\u00e4sentierten Projekte fern von Perfektion sind, auch wenn ich pers\u00f6nlich die von Georg Vogeler vorgestellte digitale Edition mittelalterlicher Rechnungsb\u00fccher ausklammern w\u00fcrde.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> So weit, so unspektakul\u00e4r.<\/p>\n<p>Doch kommen wir noch einmal zur\u00fcck zum Ausdruck \u201eauch nur mit Wasser kochen\u201c. Zwei Anmerkungen:<\/p>\n<p>Erstens sei festgehalten, dass man manche Gerichte schlichtweg nicht \u201enur mit Wasser kochen\u201c kann. Oder anders formuliert: Man kann ein Wiener Schnitzel zwar mit Wasser kochen, ich w\u00fcrde es aber \u2013 und ich denke ich bin mit dieser Meinung nicht alleine \u2013 nicht essen wollen. Au\u00dfer man l\u00e4sst die Panier weg, gibt Karotten, Sellerie, Zwiebel, Salz, Pfeffer, Majoran und Lorbeer ins Wasser, verwendet anstelle eine Kalbsschnitzel ein anderes Teil vom Rind und l\u00e4sst das Ganze eine gute Weile f\u00fcr sich hin k\u00f6cheln. Dieses Ergebnis w\u00fcrde ich essen, anstelle von Wiener Schnitzel w\u00fcrde ich es aber eher Tafelspitz nennen. Doch ich schweife ab.<\/p>\n<p>Umgem\u00fcnzt auf digitale Editionen lie\u00dfe sich vielleicht die Analogie ziehen, dass alle insofern mit Wasser kochen, als die Zubereitung von digitalen Editionen weitgehend \u00e4hnlich ist. Das hei\u00dft: ich kodiere einen Text in XML\/TEI und transformiere diesen nach HTML, vorzugsweise meist mittels XSLT, so dass die ganze Welt die kodierten Texte bequem im Browser meiner Wahl lesen kann. Klingt so einfach wie Nudeln kochen. Und die kocht man ja nun wirklich nur mit Wasser. Oder?<\/p>\n<p>Zweitens: Auch beim Kochen mit Wasser kann man viel falsch machen und das beste Beispiel daf\u00fcr sind die bereits erw\u00e4hnten Nudeln. Egal wie gelungen die sp\u00e4ter beigemengte und mit allerh\u00f6chstem Aufwand kunstvoll gezauberte Sauce, einerlei ob Bolognese oder Carbonara schmecken mag, wurde das Salz im Nudelwasser vergessen oder die Pasta verkocht, so war die ganze M\u00fche umsonst. Da hilft dann auch der teuerste Tr\u00fcffel nichts, da kann man hobeln was man will.<\/p>\n<p>Wohl nicht nur die kl\u00fcgsten und schlausten unter den Leserinnen und Lesern werden merken, dass es hier aber gar nicht um Pasta geht. Aber was will ich mit meiner kruden kulinarischen Metaphorik nun eigentlich sagen? Mein subjektiver Eindruck ist, dass in vielen digitalen Editionsprojekten mit h\u00f6chstem Aufwand (auch) an der Sauce gearbeitet wird, sprich an der Darstellungsform der Pasta, wobei Pasta hier nat\u00fcrlich f\u00fcr die Daten steht. Und die meisten schaffen es auch, eine durchwegs anst\u00e4ndige Pasta mit Tomatensauce zu kochen, die den Magen f\u00fcllt und schmeckt. Das hei\u00dft:<\/p>\n<ul>\n<li>Daten\/Texte k\u00f6nnen im Browser dargestellt werden,<\/li>\n<li>erg\u00e4nzende Informationen werden in Form verschiedener Apparate und Register angezeigt,<\/li>\n<li>Personen, Orte und teils auch Schlagworte sind h\u00e4ufig mit Normdaten verkn\u00fcpft<\/li>\n<li>und \u2013 das nach wie vor wohl wichtigstes Feature digitaler Editionen, wenn man deren Nutzerinnen und Nutzer fragt \u2013 die durch die digitale Edition erschlossenen Texte k\u00f6nnen, manchmal mehr, manchmal weniger granular und modular im Volltext durchsucht werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Manche Projekte kreieren sogar Saucen, die selbst den von Google &amp; Co verw\u00f6hnten Feinschmecker und Feinschmeckerinnen in Sachen User Interface, Benutzerf\u00fchrung, Layout und Design bejubelt werden. Und manche generieren aus ihren Daten auch noch die eine oder andere Visualisierung, manchmal nur statisch, manchmal sogar interaktiv und on the fly. Das freut dann vor allem wohl die Geldgeber und beeindruckt jene, die von dem meist geringen technischen Aufwand, der mit der Erstellung solcher Visualisierungen einhergeht keine Ahnung haben. Wie gro\u00df die Schnittmenge zwischen diesen beiden Gruppen ist, kann ich nicht einsch\u00e4tzen&#8230; .<\/p>\n<p>Um die Metaphorik von Pasta, Saucen und Kochen vollends zu Tode zu reiten, sei noch eine letzte und diesmal noch verbogenere Analogie erlaubt. Und damit meine ich nicht das Problem unterschiedlicher Haltbarkeit von Saucen und (ungekochter) Pasta. Thomas konstatierte, alle w\u00fcrden weitgehend mit Wasser kochen und ich habe behauptet, die meisten w\u00e4ren auch im Stande eine einigerma\u00dfen zweckm\u00e4\u00dfige Pasta\u00a0\u00a0 mit Tomatensauce zu kochen. So alles in Butter? Butter bei den Fischen? Nur wenn ich Pasta mit Tomatensauce mag. Doch selbst dann: Immer nur das essen zu k\u00f6nnen, was einem vorgesetzt wird, wird auf Dauer auch langweilig. Denn, wie ein mir leider unbekannter Mensch einst gesagt hat: \u201eWer jeden Tag ein Schnitzel isst, der wei\u00df nie wann dann Sonntag ist\u201c.<\/p>\n<p>Noch schlimmer wird es dann, wenn man von einer innerhalb der DH-community sich zunehmend ausweitenden allergischen Reaktion betroffen ist. Eine Reaktion, die sich immer dann bemerkbar macht, wenn man gezwungen wird, ausschlie\u00dflich mit bereits prozessierten Daten, also mit der HTML Darstellung von XML\/TEI arbeiten zu m\u00fcssen. Eine Reaktion, die immer dann zum Vorschein kommt, wenn einem bewusst oder unbewusst der Zugang zu den Daten verweigert wird und man nicht eigenst\u00e4ndig, mit Werkzeugen der eigenen Wahl und unabh\u00e4ngig von einer m\u00f6glichen fachlichen oder inhaltlichen Ausrichtung der jeweiligen online Edition damit arbeiten kann. Eine leichte Minderung des im Falle einer solchen allergischen Reaktion eintretenden Juckreizes, so meine pers\u00f6nliche Erfahrung, kann dann nur noch die Lekt\u00fcre von Ryann Mitchells Buch <em>Web Scraping with Python<\/em>, erschienen 2015 bei <em>O&#8217;Reilly<\/em> verschaffen.<\/p>\n<p>Sein kurzes Res\u00fcmee am Ende der Tagung <em>Digitale Metamorphose: Digital Humanities und Editionswissenschaft <\/em>beschloss Thomas St\u00e4cker mit der pers\u00f6nlichen Anmerkung, es w\u00e4re beruhigend zu sehen, dass alle anderen digitalen Editionsprojekte auch nur mit Wasser kochen w\u00fcrden. Dem m\u00f6chte ich nicht widersprechen. Beunruhigend ist jedoch, dass offenbar immer noch viele Projekte ohne Salz im Wasser kochen. So wies Ulrike Henny in ihrem Vortrag (<em>Reviewing von digitalen Editionen<\/em>) zu <em>ride <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><strong>[3]<\/strong><\/a> <\/em>darauf hin, dass gerade einmal zwei der bisher 15 besprochenen digitalen Editionen ihre Daten \u00fcber Schnittstellen zur Vef\u00fcgung stellen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ich hoffe allerdings, dass diese Projekte nur darauf vergessen haben, ihre Daten auch frei zug\u00e4nglich zu machen. Realistischerweise ist jedoch auch zu f\u00fcrchten, dass in mancher digitalen Edition bewusst auf das Salz verzichtet wurde. Vielleicht, weil sie glauben, ohnehin perfekt kochen zu k\u00f6nnen, vielleicht aber auch, weil sie noch nie geh\u00f6rt haben, dass man beim Nudelkochen Salz ins Wasser geben muss. Egal aber ob vergessen oder nicht, einen Salzstreuer auf den Tisch zu stellen, sollte immer noch m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.mww-forschung.de\/fileadmin\/user_upload\/_imported\/fileadmin\/user_upload\/MWW\/Veranstaltungen\/Programm_Metamorphose.pdf\">http:\/\/www.mww-forschung.de\/fileadmin\/user_upload\/_imported\/fileadmin\/user_upload\/MWW\/Veranstaltungen\/Programm_Metamorphose.pdf<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"http:\/\/gams.uni-graz.at\/context:srbas\">http:\/\/gams.uni-graz.at\/context:srbas<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"http:\/\/ride.i-d-e.de\/\">http:\/\/ride.i-d-e.de\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein pers\u00f6nliche Anmerkungen zur Tagung Digitale Metamorphose: Digital Humanities und Editionswissenschaft von Peter Andorfer, Austrian Centre for Digital Humanities Wien Sein kurzes Res\u00fcmee am Ende der Tagung Digitale Metamorphose: Digital Humanities und Editionswissenschaft [1] beschloss Thomas St\u00e4cker mit der pers\u00f6nlichen Anmerkung, es w\u00e4re beruhigend zu sehen, dass alle anderen digitalen Editionsprojekte auch nur mit Wasser [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":46,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[103,23,10],"tags":[35],"class_list":["post-6362","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-community","category-forschung-methode","category-reflektion","tag-digitale-edition"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/46"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6362"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6362\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6378,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6362\/revisions\/6378"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}