{"id":5735,"date":"2015-10-12T18:19:21","date_gmt":"2015-10-12T16:19:21","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=5735"},"modified":"2015-10-12T18:22:37","modified_gmt":"2015-10-12T16:22:37","slug":"perspektiven-der-digital-humanities-ein-interview-mit-kurt-fendt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=5735","title":{"rendered":"Perspektiven der Digital Humanities: Ein Interview mit Kurt Fendt"},"content":{"rendered":"<p><em>In der Reihe &#8222;<strong>Perspektiven\u00a0der\u00a0Digital Humanities<\/strong>&#8220; berichten\u00a0WissenschaftlerInnen \u00fcber ihren Projektalltag und aktuelle Fragen\u00a0im Bereich der digitalen Geisteswissenschaften.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_5736\" style=\"width: 147px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/fendt.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5736\" class=\"wp-image-5736\" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/fendt.jpeg\" alt=\"Kurt Fendt\" width=\"137\" height=\"175\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5736\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Kurt Fendt<br \/>(Foto: privat)<\/p><\/div>\n<p>Dr. Kurt Fendt ist Principal Research Scientist und Direktor des Zentrums f\u00fcr Digital Humanities &#8211; HyperStudio am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA. Seine Forschungsgebiete liegen im Bereich der Kultur- und Literaturwissenschaften mit besonderem Schwerpunkt auf Theorie, Konzeption, Entwicklung und Anwendung von digitalen Medien in Forschung und Lehre in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Neben seiner Lehrt\u00e4tigkeit in Comparative Media Studies\/Writing und German Studies an MIT ist Fendt Autor, bzw. Co-Autor zahlreicher Digital Humanities Projekte wie \u201cAnnotation Studio\u201d, \u201cCom\u00e9die-Fran\u00e7aise Registers Project\u201d, \u201cArtbot\u201d, \u201cUS-Iran Relations\u201d und \u201cBerliner sehen\u201d.<!--more--><\/p>\n<div id=\"magicdomid9\" class=\"\">\n<p><strong>\u00a0Welche Digital Humanities-Projekte bearbeiten Sie aktuell?<\/strong><\/p>\n<p>Zur Zeit arbeiten wir im HyperStudio an f\u00fcnf Projekten, die sich alle in unterschiedlichen Stadien befinden, manche sind durch stattliche Stellen finanziert, andere wiederum von Stiftungen oder privaten Geldgebern.<\/p>\n<p>a) <strong>Annotation Studio<\/strong> ist eine Web-basierte Umgebung f\u00fcr kooperatives Annotieren von Texten in den Geisteswissenschaften. Es wurde prim\u00e4r f\u00fcr den Bildungsbereich entwickelt und beruht auf dem Ansatz des \u201cclose reading\u201d und in der Erweiterung des \u201chyper reading\u201d (Katherine Hayles). Es basiert auf dem <strong>Annotator<\/strong> der OKF. Das Projekt wird seit drei Jahren vom National Endowment for the Humanities (NEH) finanziell unterst\u00fctzt und hat derzeit mehr als 7000 registrierte Benutzer, die das Projekt ohne Kosten an mehr als 650 Bildungseinrichtungen (High Schools, Community Colleges, Universit\u00e4ten) benutzen. Derzeit arbeiten wir daran, wie die Benutzer durch Filtern ihrer Annotationen diese als Basis von Essays und anderen Texten verwenden k\u00f6nnen, die dann wiederum in Annotation Studio Grundlage von weiteren Annotationen werden k\u00f6nnen. Dies hat Anwendungsbereiche im Bereich Creative Writing, aber vermehrt auch in den Sozial, und Naturwissenschaften. Die n\u00e4chste Version von Annotation Studio wird auch die gleiche einfache Art der Annotation von Bildern, Videos, und Audiodateien bieten. Mehr Informationen auf http:\/\/annotationstudio.org<\/p>\n<p>b) Unser neuestes Projekt ist <strong>Blacks in Amercian Medicine<\/strong>. Es beruht auf den Daten von 23000 Biographien Afro-Amerikanischen \u00c4rzten, die im Zeitraum von 1860 bis 1980 gewirkt haben. Daneben gibt es noch tausende von Archivmaterialien, die derzeit digitalisiert und f\u00fcr die Volltextsuche vorbereitet werden. Das Projekt, eine Zusammenarbeit mit dem Science, Technology and Society Program an MIT, steht erst am Anfang, aber es verspricht eine einzigartige Sammlung von Biographien zu werden, die das Wirken (und die Probleme) von schwarzen \u00c4rzten in den USA aus einer Reihe von pers\u00f6nlichen, institutionellen, geographischen und historischen Perspektiven beleuchten wird.<\/p>\n<p>c) Das Projekt <strong>US-Iran Relations &#8211; Missed Opportunities<\/strong> ist eines unserer \u00e4lteren Projekte, f\u00fcr das wir einige unserer Basis-Tools wie den <strong>Faceted Browser<\/strong> und die <strong>Chronos<\/strong> Timeline (beide Open Source) entwickelt haben. In dem Projekt geht es darum, tausende von vormals geheimen Dokumenten aus Regierungsarchiven der USA und des Irans so aufzubereiten, dass Politiker und Wissenschaftler aus beiden L\u00e4ndern zu einem besseren Verst\u00e4ndnis der \u201cverpassten M\u00f6glichkeiten\u201d kommen k\u00f6nnen. Das Projekt, eine Zusammenarbeit mit Wissenschfatlern aus den USA und Kanada steht aufgrund der politischen Lage noch nicht \u00f6ffentlich zur Verf\u00fcgung, es dient aber als Grundlage f\u00fcr mehrt\u00e4gige Konferenzen, auf denen politische Entscheidungstr\u00e4ger und Politikwissenschaftler aus dem Iran und den USA\u00a0 politische Entscheidungen aus der R\u00fcckschau neu bewerten. Wir arbeiten nun daran, das Projekt \u00f6ffentlich zu machen, angereichert mit weiteren Esaays, Audio- und Videomaterialien, um so auch f\u00fcr eine breitere \u00d6ffentlichkeit, vor allem f\u00fcr Journalisten und Studierende der Politikwissenschaften als Informationsquellen zu dienen.<\/p>\n<p>d) <strong>Artbot<\/strong> is eine mobile App, die es Kunstinteressierten erlaubt, f\u00fcr sie relevante Kunstausstellungen und verwandte Veranstaltungen zu entdecken. Das Projekt, haupts\u00e4chlich von zwei meiner Graduate Studenten entwickelt, beruht zum einen auf der semantischen Analyse von Museumswebsites aus der Bostoner Gegend, zum anderen auf einem intelligenten Algorithmus, der Ausstellungen und Veranstaltungen in einen thematischen Zusammenhang bringt und &#8211; beeinflusst durch die Pr\u00e4ferenzen des Benutzers &#8211; in einer mobilen, web-basierten App zur Verf\u00fcgung stellt. Die App ist so intelligent, dass sie Ausstellungen anbietet, nach denen der Benutzer zwar nicht gesucht h\u00e4tte, aber dennoch f\u00fcr sie\/ihn von Interesse sind. Link: http:\/\/artbotapp.com. Das Projekt ist teilweise open source und wir arbeiten gerade daran, die App so zu gestalten, dass unterschiedliche lokale Gruppen f\u00fcr die Verbreitung von Informationen \u00fcber alle m\u00f6glichen Arten von Veranstaltungen selbst sorgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>e) Das <strong>Com\u00e9die-Fran\u00e7aise Registers<\/strong> Projekt ist eine Zusammenarbeit mit dem Com\u00e9die-Fran\u00e7aiseTheater in Paris, Historikern und Theaterwissenschaftlern aus Frankreich, den USA und einigen anderen L\u00e4ndern. Es schl\u00fcsselt die t\u00e4glichen Verk\u00e4ufe von Eintrittskarten im Zeitraum von 1680 bis 1791 \u00fcber verscheiden Daten- und Visualisierungstools so auf, dass neue Erkenntnisse \u00fcber die Kulturproduktion im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts gewonnen werden k\u00f6nnen. Die erste Phase des Projekts ist beinahe abgeschlossen. Es wird auf einer gr\u00f6\u00dferen Konferenz im Dezember 2015 in Paris der \u00d6ffentlichkeit vorgestellt. Hier der Website des Projekts: http:\/\/cfregisters.org<\/p>\n<p><strong>Wie haben Sie begonnen, sich mit digitalen Geisteswissenschaften zu besch\u00e4ftigen?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Besch\u00e4ftigung mit digitalen Medien hat schon sehr fr\u00fch begonnen, als der Begriff \u201cDigital Humanities\u201d noch nicht als Bezeichnung f\u00fcr die Erweiterung der Geisteswissenschaften durch digitale Technologien verwendet wurde. Mitte der 1980er Jahre habe ich an der Universit\u00e4t Bern begonnen, mit digitalen Anwendung vor allem in der Sprachlehr- und -lernforschung zu experimentieren und auch selbst zu entwickeln. Diese Arbeiten haben dann zum einen zu meiner Dissertation \u00fcber <strong>Hypertext und Texttheorien<\/strong> gef\u00fchrt, zum anderen auch zu dem Angebot, meine Forschungs- und Entwicklungsarbeit am MIT weiterzuf\u00fchren. Nach wenigen Jahren am MIT, wo ich u.a. mit Janet Murray und Henry jenkins zusammengearbeitet habe, gr\u00fcndete ich dann im Jahre 1997 mein eigenes Labor f\u00fcr Digital Humanities, HyperStudio, dessen erstes Produkt die hypermediale Dokumentationsumgebung <strong><a href=\"http:\/\/berlinersehen.mit.edu\">Berliner sehen<\/a><\/strong>\u00a0war. Danach folgten ca. 30 andere geisteswissenschaftliche Projekte in Anthropologie, Geschichte, Medienwissenschaften und Fremdsprachen sowie Umgebungen zum multimedialen Kuratieren und Annotieren, wie z.B. <strong><a href=\"http:\/\/metamedia.mit.edu\">Metamedia<\/a><\/strong>.<\/p>\n<p><strong>Welche Forschungsergebnisse im Bereich der Digital Humanities haben Sie bisher besonders beeindruckt?<\/strong><\/p>\n<p>Das sind vor allem M\u00f6glichkeiten, die den Benutzern die M\u00f6glichkeiten bieten, selbst kreativ mit Archivmaterialen und anderen digitalen Dokumenten umzugehen. Dazu z\u00e4hlen auch neue Ans\u00e4tze im sog. Public Humanities Bereich, in Ged\u00e4chtnisinstitutionen wie Museen und Bibliotheken, aber auch umfassende Projekte wie Europeana oder das US-amerikanische \u00c4quivalent Digital Public Library of Amercia (DPLA). Ausserdem faszinieren mich neue Ans\u00e4tze in der Datenvisualisierung, vor allem die Verbindung von Daten-, geographischen, und zeitbasierten Visualisierungen, sowie neue Formate des digital storytelling.<\/p>\n<p><strong>Gibt es DH-Tools, welche Sie in Zukunft gerne sehen w\u00fcrden?<\/strong><\/p>\n<p>Sehr viel einfachere Tools, die \u00fcber offene APIs die unterschiedlichsten Datenquellen zusammenf\u00fchren k\u00f6nnen und \u00fcber frei w\u00e4hlbare Visualisierungs- und Analyse-Tools tiefere Einblicke in die Daten erlauben, um so ganz neue Fragen an die Daten stellen zu k\u00f6nnen. Daneben noch multimedia Annotierunsgstools, die alle \u00fcber geneinsame Schnittstellen miteinander kommunizieren k\u00f6nnen und so Archive und Bibliotheken\u00a0zu so gennanten &#8222;layered archives&#8220; werden zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Welche laufenden DH-Projekte finden Sie derzeit besonders spannend?<\/strong><\/p>\n<p>Ich erfahre von so vielen interessanten neuen Projekten in den unterschiedlichsten Bereichen, dass es mir schwer f\u00e4llt, einzelne herauszustellen. Wenn ich aber doch einige aus den USA nennen sollte, dann vielleicht das <strong>Understanding Shakespeare<\/strong> Projekt von JSTORE, <strong>Mapping the Republic of Letters<\/strong> an der Stanford Universit\u00e4t (schon etwas \u00e4lter), Tools wie Omeka, das Textlab Projekt an der Hofstra Universit\u00e4t (Annotation von Manuskripten zur Erstellung einer Textrevisionsgeschichte), <strong>Neatline<\/strong> der Universit\u00e4t von Virginia, <strong>HyperCities<\/strong> an der Universit\u00e4t von California Los Angeles oder einige spannend Projekte des <strong>Holocaust Museums<\/strong> in Washington, D.C. Gleichzeitig m\u00f6chte ich mich jetzt schon bei all den Kolleginnen und Kollegen entschuldigen, deren Projekte ich \u00e4u\u00dferst spannend finde, die ich hier aber nicht erw\u00e4hnt habe.<\/p>\n<p><strong>Wo sehen Sie gegenw\u00e4rtig die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen bei der Entwicklung der Digital Humanities?<\/strong><\/p>\n<p>Allem voran steht f\u00fcr mich die Frage, wie wir neue Generationen von Digital Humanists effektiv ausbilden k\u00f6nnen, wie wir Studierende, die ja meist &#8222;digital natives&#8220; sind, von Anfang an in richtige Projekte einbinden, ihnen die M\u00f6glichkeiten bieten k\u00f6nnen, wie sie ihre eigenen Ans\u00e4tze verfolgen k\u00f6nnen und daf\u00fcr auch die entsprechenden Forschungs- und Entwicklungsumgebungen und Finanzierungsm\u00f6glichkeiten zu Verf\u00fcgung stellen k\u00f6nnen. In einer nicht allzu fernen Zukunst hoffe ich dann, dass wir den Begriff &#8222;Digital Humanities&#8220; streichen k\u00f6nnen und wir wieder ganz einfach von den Geisteswisschenschaften sprechen k\u00f6nnen, wenn Methoden der Forschung und Lehre ganz selbstverst\u00e4ndlich digitale Technologien einbeziehen, das projekt-basierte Experimentieren zum normalen Instrumentarium geh\u00f6rt, die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen und die breite Kooperation mit einem Spektrum von internationalen Fachleuten auf unterschiedlichen Ebenen zur Normali\u00e4t geworden ist. Ich bin mir aber sicher, dass \u00fcber den Umweg der Digital Humanities die Geisteswissenschaften wieder die ihnen geb\u00fchrende gesellschaftliche Relevanz erlangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Weitere Informationen<\/strong><\/p>\n<p>Kurt Fendt: Notwendigkeiten und Bedingungen f\u00fcr Digital Humanities. Vortrag auf dem DH Summit 2015<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"\">\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"900\" height=\"506\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/85wH7IPVaMA?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe &#8222;Perspektiven\u00a0der\u00a0Digital Humanities&#8220; berichten\u00a0WissenschaftlerInnen \u00fcber ihren Projektalltag und aktuelle Fragen\u00a0im Bereich der digitalen Geisteswissenschaften. Dr. Kurt Fendt ist Principal Research Scientist und Direktor des Zentrums f\u00fcr Digital Humanities &#8211; HyperStudio am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA. 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