{"id":4611,"date":"2015-01-19T17:47:51","date_gmt":"2015-01-19T16:47:51","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=4611"},"modified":"2015-01-19T21:54:27","modified_gmt":"2015-01-19T20:54:27","slug":"anerkennung-fuers-bloggen-eine-geschichte-ueber-die-eigendynamik-des-digitalen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=4611","title":{"rendered":"Anerkennung f\u00fcrs Bloggen ? Eine Geschichte \u00fcber die Eigendynamik des Digitalen"},"content":{"rendered":"<p>Anl\u00e4\u00dflich des dreij\u00e4hrigen Bestehens der <a href=\"http:\/\/redaktionsblog.hypotheses.org\/2693\" target=\"_blank\">Blog-Plattform de.hypotheses.org<\/a> findet derzeit eine sogenannte Blogparade statt. Mareike K\u00f6nig hat in ihrem <a href=\"http:\/\/redaktionsblog.hypotheses.org\/2674\" target=\"_blank\">Beitrag zu diesem Anlass<\/a> unter anderem die Frage aufgeworfen, warum sich wissenschaftliches Bloggen &#8222;lohnt&#8220;, auch wenn diese Praxis nicht als wissenschaftliche Publikation im engeren Sinne anerkannt wird. Der lesenswerte, durchaus etwas provokante Beitrag, der unter anderem die Rolle des <em>post-publication reviews<\/em> anspricht, also einen Modus der Anerkennung jenseits des <em>peer reviews<\/em>, hat mich zu dem hier folgenden Erfahrungsbericht angeregt.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal scheint der prim\u00e4re Grund f\u00fcr die mangelnde Anerkennung von Blogs nicht mehr so sehr das digitale Medium an sich zu sein, sondern der beim bloggenden Selbstpublizieren fehlende Prozess der Qualit\u00e4tssicherung und Filterung durch die KollegInnen, bekanntlich auch <em>peer review<\/em> genannt. Als Ausweg gibt es zwei Strategien: Entweder man folgt der Logik des Print-Zeitalters, in der h\u00fcbsch gebundenes Papier knapp und teuer ist, f\u00fchrt auch f\u00fcr Blogs eine vorab selektierende Qualit\u00e4tssicherung ein und entwickelt das Genre gewisserma\u00dfen zu einer WordPress-basierten digitalen Zeitschrift f\u00fcr kleinere Beitr\u00e4ge. Oder man folgt der Logik des Digitalen, nach der Speicherplatz fast unbegrenzt und sehr g\u00fcnstig ist und vertraut auf die Mechanismen der Aufmerksamkeits\u00f6konomie und des <em>post-publication reviews<\/em>, ganz nach Clay Shirky&#8217;s Devise: &#8222;publish-first, filter later&#8220; (k\u00fcrzlich <a href=\"http:\/\/www.dguf.de\/fileadmin\/AI\/ArchInf-EV_Kohle.pdf\" target=\"_blank\">von Hubertus Kohle diskutiert<\/a>). Was bedeutet das? Kurz gesagt: Die knappe Ressource ist nicht das Papier, sondern die Zeit der LeserInnen. Und: Alle d\u00fcrfen alles jederzeit publizieren, aber es gibt Mechanismen, die daf\u00fcr sorgen, dass bestimmte Beitr\u00e4ge besonders viel Aufmerksamkeit bekommen.<\/p>\n<p>Aber funktioniert das auch? Man wirft dem klassischen <em>peer review<\/em> immer mal gerne vor, dass hier besonders innovative, randst\u00e4ndige oder irgendwie st\u00f6rende Beitr\u00e4ge erst gar nicht zur Publikation k\u00e4men. Und man sorgt sich etwas, dass im digitalen <em>post-publication review <\/em>nur die attraktiven, massenf\u00e4higen Beitr\u00e4ge, nicht aber unbedingt die besten Beitr\u00e4ge, gen\u00fcgend Schwung bekommen, um durch diverse Auszeichnungen die n\u00f6tige Aufmerksamkeit zu bekommen und nicht v\u00f6llig unterzugehen. Ohne hier dar\u00fcber urteilen zu k\u00f6nnen und zu wollen, m\u00f6chte ich einfach nur an einem pers\u00f6nlichen Beispiel berichten, wie so etwas ablaufen kann, um den Prozess zu veranschaulichen.<\/p>\n<p>Schritt 1: Die Geschichte beginnt Anfang 2013, als mich Elisabeth Burr eingeladen hat, bei der <a href=\"http:\/\/www.culingtec.uni-leipzig.de\/ESU_C_T\/node\/306\" target=\"_blank\">European Summer University<\/a> im Juli 2013 einen Vortrag zu halten. Es sollte ein Thema von allgemeinerem Interesse sein und ich habe mich entschieden, mir einmal das Thema der &#8222;Daten&#8220; in den (digitalen) Geisteswissenschaften vorzunehmen. Grundideen des Beitrags waren, dass es in den Geisteswissenschaften &#8222;big data&#8220; einerseits, &#8222;smart data&#8220; andererseits gibt; dass wir f\u00fcr beide Datentypen spezifische Methoden haben; aber dass wir eigentlich darauf abzielen sollten, &#8222;smarter big data&#8220; zu bearbeiten. Und weil mir das Ganze doch etwas komplex erschien und pr\u00e4zise Formulierungen wichtig sind, habe ich den Vortrag in der Vorbereitung schriftlich festgehalten.<\/p>\n<p>Schritt 2: Nachdem der Vortrag gut gelaufen war, ich den Text ohnehin schon hatte, und das Ganze sowieso auf Englisch war, dachte ich mir: Das passt doch wunderbar auf deinen Blog! Also habe ich Ende Juli 2013 den Vortragstext einschlie\u00dflich ein paar Abbildungen und Erg\u00e4nzungen auf <a href=\"http:\/\/dragonfly.hypotheses.org\/443\" target=\"_blank\">The Dragonfly&#8217;s Gaze<\/a> publiziert, ohne mir viel dabei zu denken. So weit, so normal. F\u00fcr mich war das Thema (der Blogpost, nicht die Frage nach den Daten in den Geisteswissenschaften) damit eigentlich erledigt.<\/p>\n<p>Aber hoppla, Schritt 3: Erstens bekam der Beitrag mehrere Kommentare, was auf meinem Blog eher ungew\u00f6hnlich ist. Vor allem aber war ein Kommentar dabei, in dem mich die Redaktion von hypotheses.org informierte, dass der Beitrag auf der Startseite von hypotheses.org verlinkt worden ist. Das fand ich toll! (Und nein, das war nicht die Redaktion von de.hypotheses.org, der ich selbst angeh\u00f6re und f\u00fcr die ich selbst Beitr\u00e4ge auf die Startseite setze, sondern die franz\u00f6sische Redaktion.) Der <em>post-publication review<\/em> hatte gegriffen und eine digitale Dynamik war losgetreten.<\/p>\n<p>Schritt 4: Ein zweiter post-publication review passierte. Die Redaktion von <a href=\"http:\/\/digitalhumanitiesnow.org\/about\/\" target=\"_blank\">DH Now<\/a> wurde auf den Blogpost aufmerksam, weil sie in der Zwischenzeit den RSS-Feed meines Blogs in die Liste der Ressourcen aufgenommen hatten, die von freiwilligen, st\u00e4ndig rotierenden Redakteuren w\u00f6chentlich gesichtet werden. Und diesmal hat jemand angebissen und den Beitrag bei DH Now mit dem Label &#8222;Editor&#8217;s Choice&#8220; ausgezeichnet, wodurch der Beitrag wiederum auf der Startseite von DH Now landete und noch einmal mehr LeserInnen bekam. (Und ja, ich war auch einmal f\u00fcr ein paar Wochen einer dieser Redakteure, aber das d\u00fcrfte ein Jahr sp\u00e4ter keine Rolle mehr gespielt haben; oder ist mein Blog so auf deren RSS-Liste gekommen?). An dieser Stelle wurde mir das fast schon unheimlich. Warum gerade dieser Beitrag?<\/p>\n<p>Und weiter, Schritt 5: Wenige Wochen sp\u00e4ter, Anfang November 2013, bekam ich eine Mail von Lisa Rhody vom <em>Journal of Digital Humanities<\/em>, eine Zeitschrift, die bereits erschienene Beitr\u00e4ge aus den DH ausw\u00e4hlt und erneut publiziert (und wie DH Now vom Roy Rosenzweig Center for Digital Humanities herausgegeben wird). Lisa Rhody hatte den Beitrag auf DH Now gesehen und schlug mir vor, daraus einen Artikel f\u00fcr <em>JDH<\/em> zu machen. Wow! Also begann ein erneuter Prozess der \u00dcberarbeitung: beim <em>JDH<\/em> wurde der Beitrag gelesen und ich bekam eine Reihe von Anregungen f\u00fcr Verbesserungen, die unter anderem darauf abzielten, vorhandene Forschung zum Thema etwas st\u00e4rker einzubinden und den Beitrag sprachlich auf Vordermann zu bringen. Kein sehr strenger peer review-Prozess, aber doch auch keine schlichte \u00dcbernahme des vorhandenen Textes.<\/p>\n<p>Schon Mitte Dezember 2013 war es soweit: Was als einfaches Vortragsmanuskript begonnen hatte, war in wenigen Monaten zu einem <a href=\"http:\/\/journalofdigitalhumanities.org\/2-3\/big-smart-clean-messy-data-in-the-humanities\/\" target=\"_blank\">Artikel im <em>Journal of Digital Humanities<\/em><\/a> geworden! Und einer meiner Posts von <em>The Dragonfly&#8217;s Gaze<\/em> hatte pl\u00f6tzlich wesentlich mehr Aufmerksamkeit bekommen, als die anderen. Dieser kleinen Erfolgsgeschichte stehen nat\u00fcrlich Dutzende Blogposts gegen\u00fcber, bei denen nichts derartiges passiert ist. Ob das nun am Thema des Artikels, an seiner Qualit\u00e4t, oder am Zufall der digitalen Dynamik lag, wage ich nicht zu beurteilen. Wahrscheinlich kam alles irgendwie zusammen.<\/p>\n<p>(Dies ist \u00fcbrigens nur eine von mehreren solcher Geschichten, die ich erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Eine weitere, etwas anders gelagerte, ist die von einem Vortrag \u00fcber &#8222;Collaborative Writing Tools&#8220; bei der <a href=\"http:\/\/dha2014.org\/presentations-from-the-event\" target=\"_blank\">Digital Humanities Australasia<\/a>, dessen Slides ich auf <a href=\"https:\/\/zenodo.org\/record\/8524?ln=en\" target=\"_blank\">Zenodo.org<\/a> gepostet und dar\u00fcber getwittert hatte, woraus letztlich ein <a href=\"http:\/\/blogs.lse.ac.uk\/impactofsocialsciences\/2014\/04\/04\/five-collaborative-writing-tools-for-academics\/\" target=\"_blank\">Blogpost bei <em>Impact of Social Sciences<\/em><\/a> wurde. Der Beitrag wurde anschlie\u00dfend \u00fcber 700 Mal auf Twitter erw\u00e4hnt! Vermutlich ist dieser kleine Post in einem halben Jahr \u00f6fter gelesen wurde, als alles, was ich sonst je publiziert habe, zusammen genommen. Ist das nun gut oder schlecht?)<\/p>\n<p>Welches Fazit also ziehen? Gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig ist auf jeden Fall der Kontrollverlust \u00fcber den Prozess, der sich st\u00e4rker als zuvor aus der Eigendynamik der Mechanismen ergibt, die sich das Feld der Digital Humanities mit Blogplattformen, Twitter, RSS und Initiativen wie DH Now gegeben hat. Diese selbst mitzugestalten d\u00fcrfte der beste Weg aus diesem Gef\u00fchl des Kontrollverlustes sein. Spannend und lehrreich ist dies auf jeden Fall, ebenso wie die Erfahrung, was da mit dem eigenen Beitrag passiert. Und &#8222;gelohnt&#8220; hatte sich der Beitrag \u00fcbrigens schon ganz zu Anfang, nach dem Vortrag in Leipzig!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4\u00dflich des dreij\u00e4hrigen Bestehens der Blog-Plattform de.hypotheses.org findet derzeit eine sogenannte Blogparade statt. 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