{"id":3953,"date":"2014-09-01T16:01:31","date_gmt":"2014-09-01T14:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=3953"},"modified":"2014-12-14T16:19:23","modified_gmt":"2014-12-14T15:19:23","slug":"rotkaeppchen-und-der-boese-wolf-das-titelthema-digitale-geisteswissenschaften-in-humboldt-kosmos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=3953","title":{"rendered":"Rotk\u00e4ppchen und der b\u00f6se Wolf? &#8211; Das Titelthema \u201eDigitale Geisteswissenschaften\u201c in Humboldt Kosmos"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_3954\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/3b49077r.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3954\" class=\" wp-image-3954  \" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/3b49077r.jpg\" alt=\"Kenneth Whitley, \u201eOnce upon a time\u201c, ca. 1939. Bildnachweis: Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, http:\/\/www.loc.gov\/pictures\/item\/98518274\/ (public domain).\" width=\"200\" height=\"298\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3954\" class=\"wp-caption-text\">Kenneth Whitley, \u201eOnce upon a time\u201c, ca. 1939. Bildnachweis: Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, http:\/\/www.loc.gov\/pictures\/item\/98518274\/ (public domain).<\/p><\/div>\n<p>Die Digitalen Geisteswissenschaften bleiben im Gespr\u00e4ch! Nach der gro\u00dfen <a href=\"http:\/\/www.volkswagenstiftung.de\/en\/digitalhumanities.html\" target=\"_blank\">Herrenhausen-Tagung der Volkswagen Stiftung<\/a> im Dezember 2013, dem ausf\u00fchrlichen duz-Themenheft vom November 2013, das den sch\u00f6nen Titel \u201e<a href=\"http:\/\/www.duz.de\/duz-magazin\/2013\/12\" target=\"_blank\">Digitale Geisteswissenschaften &#8211; Die Nerds unter den Denkern<\/a>\u201c hatte, sowie der ersten <a href=\"http:\/\/www.dhd2014.uni-passau.de\/\" target=\"_blank\">Jahrestagung des Verbands der Digitalen Geisteswissenschaften im deutschsprachigen Raum<\/a> (DHd) in Passau mit \u00fcber 350 TeilnehmerInnen, stehen die Digitalen Geisteswissenschaften nun erneut im Fokus der geisteswissenschaftlichen \u00d6ffentlichkeit: Im August diesen Jahres ist <em>Humboldt Kosmos<\/em>, das Magazin der Alexander von Humboldt Stiftung, mit dem Titelthema \u201e<a href=\"http:\/\/www.humboldt-foundation.de\/web\/kosmos-titelthema-102-1.html\" target=\"_blank\">Digital Humanities \u2013 Rotk\u00e4ppchen 2.0<\/a>\u201c erschienen (Heft 102\/2014).<\/p>\n<p>Das Titelthema wird im Kontext des Wissenschaftsjahrs 2014 pr\u00e4sentiert, das unter dem Motto \u201e<a href=\"http:\/\/www.digital-ist.de\/\" target=\"_blank\">Die digitale Gesellschaft<\/a>\u201c steht, und erscheint sowohl auf deutsch als auch auf englisch. Auch das Engagement der Humboldt-Stiftung in diesem Bereich, insbesondere mit der Einrichtung der hochdotierten <a href=\"http:\/\/www.dh.uni-leipzig.de\/wo\/\" target=\"_blank\">Humboldt-Professur \u201eDigital Humanities\u201c in Leipzig<\/a>, die bekanntlich mit Gregory Crane besetzt wurde, d\u00fcrfte eine Rolle bei der Wahl des Themas gespielt haben.<\/p>\n<p>Der Beitrag der Wissenschaftsjournalistin Lilo Berg beleuchtet verschiedene Einsatzgebiete digitaler Daten und Methoden in den Geisteswissenschaften und zeigt \u00fcberzeugend deren N\u00fctzlichkeit f\u00fcr die Forschung auf, nicht ohne auch problematische Aspekte anzusprechen. Der Haupttext, in dem zahlreiche prominente deutsche VertreterInnen der digitalen Geisteswissenschaften sowie einige kritische Stimmen zu Wort kommen, wird flankiert von Kurzprofilen der Beitragenden, einer \u00dcbersicht zu relevanten Studienangeboten und Zentren, einer kurzen Geschichte der Digital Humanities sowie einer Liste von Zeitschriften, Verb\u00e4nden und Projekten aus dem Bereich der Digitalen Geisteswissenschaften. Ohne Zweifel bringt ein solcher Beitrag dem Thema viel Aufmerksamkeit und man kann sich daher eigentlich nur dar\u00fcber freuen! Zugleich stolpert man als selbst in den Digitalen Geisteswissenschaften engagierter Wissenschaftler doch \u00fcber die eine oder andere Passage, die das Feld weniger \u00fcberzeugend portr\u00e4tiert.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal wird aber der gro\u00dfe Nutzen digitaler Daten und Methoden f\u00fcr genuin geisteswissenschaftliche Fragestellungen, die zudem auf breites Interesse sto\u00dfen, nicht nur an zahlreichen Beispielen aus der Forschungspraxis der f\u00fcr den Beitrag befragten ForscherInnen aufgezeigt, sondern eben auch an dem wunderbaren Beispiel, das dem Themenheft seinen Titel gibt: Rotk\u00e4ppchen. Was f\u00fcr die Gebr\u00fcder Grimm mangels Daten und Methoden eine unerreichbare Herausforderung war, n\u00e4mlich die Ergr\u00fcndung der weltweiten Verbreitung des Rotk\u00e4ppchen-Themas und die Suche nach einem m\u00f6glichen Ursprung der Erz\u00e4hlung, wird mit digitalen Daten und Methoden erstmals m\u00f6glich. Der Beitrag berichtet von den Arbeiten des Anthropologen Jamshid Tehrani, der auf der Grundlage zahlreicher (allerdings bei weitem nicht aller) Fassungen von Rotk\u00e4ppchen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und unter Nutzung digitaler Methoden, unter anderem Algorithmen aus der Phylogenetik, zu verl\u00e4sslichen und neuen Ergebnissen kommt: Er zeigt, dass die Frage nach einem gemeinsamen Ursprung schlecht gestellt ist, sondern dass es vielmehr drei gro\u00dfe Familien des Themas gibt, wie sie in Asien, Afrika und Europa existieren. (Wer den <a href=\"http:\/\/www.plosone.org\/article\/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0078871\" target=\"_blank\">Originalbeitrag von Tehrani<\/a> lesen m\u00f6chte, kann dies \u00fcbrigens in der ausgezeichneten Zeitschrift <em>PLOSone<\/em> tun, wo der Beitrag im Open Access erschienen ist.)<\/p>\n<p>So sch\u00f6n dieses und weitere Beispiel sind, so schade ist allerdings auch, dass der Artikel immer wieder etwas verk\u00fcrzend oder unkritisch verf\u00e4hrt, sowohl wenn es um bestimmte Details der digitalen Forschungspraxis und -methoden geht, als auch insbesondere dann, wenn es um die Argumente der Kritiker der Digitalen Geisteswissenschaften geht. Ein erster Punkt betrifft das disziplin\u00e4re Profil der Digitalen Geisteswissenschaften. Es f\u00e4llt zum Beispiel (insbesondere den Literaturwissenschaftlern unter uns) auf, dass die Linguistik und Arch\u00e4ologie als Pioniere der Digitalen Geisteswissenschaften genannt werden, dann weitere Disziplinen genannt, die Literaturwissenschaft aber an dieser Stelle \u00fcberhaupt nicht erw\u00e4hnt, sondern offenbar unter die Linguistik subsumiert wird. Im \u00fcberwiegenden Teil des Beitrags geht es dann umgekehrt vor allem um literaturwissenschaftliche Gegenst\u00e4nde und Methoden, und die Literaturwissenschaften im weitesten Sinne sind &#8211; mit Gregory Crane, Martin Hose, Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Jan-Christoph Meister, Claudine Moulin, und Gerhard Wolf \u2013 die bei weitem am Besten vertretene Disziplin im Beitrag. Zwar kommen Arch\u00e4ologie und Linguistik noch kurz zur Sprache, die zahlreichen Aktivit\u00e4ten und Initiativen in anderen Bereichen der Digitalen Geisteswissenschaften in Deutschland \u2013 man denke insbesondere an die Geschichte, Kunstgeschichte oder Musikwissenschaft \u2013, bleiben leider unerw\u00e4hnt. Das disziplin\u00e4re Profil der Digitalen Geisteswissenschaften ist viel breiter und viel interdisziplin\u00e4rer, als es der Beitrag vermittelt.<\/p>\n<p>Ziemlich befremdlich ist au\u00dferdem, dass ohne jegliche kritische Distanz die Digitalen Geisteswissenschaften f\u00fcr ein bestimmtes \u00dcbel der Gegenwart verantwortlich gemacht werden. Es mag ja sein, dass die Konzentrationsf\u00e4higkeit und sprachliche Sicherheit von Studierenden (zumindest aus Sicht der ProfessorInnen) unzureichend sind, und vielleicht stimmt es ja tats\u00e4chlich, dass diese beiden Kompetenzen bei Studienanf\u00e4ngern \u00fcber die Jahre hinweg abnehmen. Die Digital Humanities, so wird im Beitrag Gerhard Wolf zitiert, verst\u00e4rkten diesen Trend! Wenn es diesen Trend gibt (der Punkt ist durchaus umstritten), so ist daf\u00fcr doch allenfalls die \u00fcbergreifende Digitalisierung des gesellschaftlichen Lebens und der Medien insgesamt verantwortlich zu machen, nicht jedoch ein noch kleiner Teil des Wissenschaftsbetriebs, mit dem die allermeisten Studienanf\u00e4ngerInnen w\u00e4hrend ihrer Schulausbildung und Sozialisation bis dahin wohl kaum in Ber\u00fchrung gekommen sein d\u00fcrften. Gl\u00fccklicherweise ist das wirklich ein Randthema des Beitrags.<\/p>\n<p>Wirklich \u00e4rgerlich wird es allerdings beim Thema Forschungsf\u00f6rderung. Hier \u00fcbernimmt der Beitrag unkritisch die Strategie eines seiner Beitr\u00e4ger, etablierte und digitale Geisteswissenschaften gegeneinander auszuspielen. Einer der Kritiker der Digitalen Geisteswissenschaften, Gerhard Wolf, wird mit folgendem Hinweis zitiert: \u201eDigitalprojekte verschlingen Ressourcen, die wir dringend f\u00fcr unser geisteswissenschaftliches Kerngesch\u00e4ft br\u00e4uchten\u201c. Dass die dann von Wolf genannten Kernaufgaben, \u201einterpretatives Erforschen und Editieren\u201c selbstverst\u00e4ndlich von den digitalen GeisteswissenschaftlerInnen praktiziert werden, bleibt unerw\u00e4hnt. Auch sei die Langzeitverf\u00fcgbarkeit digitaler Objekte &#8222;nicht gew\u00e4hrleistet&#8220; und die &#8222;Abh\u00e4ngigkeit von der Technik nehme besorgniserregend zu&#8220;. Hier bleibt die Tatsache unerw\u00e4hnt, dass die Langzeitverf\u00fcgbarkeit papierbasierter Editionen auch nicht an sich gew\u00e4hrleistet ist, sondern erst durch eine \u00fcber Jahrhunderte gewachsene und institutionalisierte Bibliothekslandschaft m\u00f6glich wird, mithin durch Infrastrukturen, von denen wir abh\u00e4ngig sind. Die Anstrengungen, um eine vergleichbar tragf\u00e4hige und dauerhaft verl\u00e4ssliche digitale Infrastruktur f\u00fcr digitale Objekte zu schaffen (in der Tat nach wie vor eine Herausforderung!), in der Digitalisate sicher aufbewahrt, langfristig verf\u00fcgbar und unter neuen Fragestellungen nutzbar sind, werden erst seit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurzer Zeit und mit vergleichsweise geringen Mitteln betrieben. Niemand w\u00fcrde fordern, statt Bibliotheken doch lieber Forschung zu f\u00f6rdern, denn Bibliotheken sind unbestrittene Grundlage f\u00fcr Forschung. Ebenso verh\u00e4lt es sich mit der digitalen Infrastruktur: auch sie ist Grundlage (digitaler) Forschung und auch sie muss in vergleichbarer Weise wie die analoge Forschungsinfrastruktur institutionalisiert und dauerhaft gef\u00f6rdert werden. Vor allem aber: Alle GeisteswissenschaftlerInnen sollten an einem Strang ziehen, um ihre wissenschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung sichtbar zu machen und mit ihren (auch, aber nicht nur finanziellen) Bed\u00fcrfnissen bei Politik und Forschungsf\u00f6rderern geh\u00f6rt zu werden!<\/p>\n<p>Was bleibt als Fazit? Einen Blogpost \u00fcber einen wissenschaftsjournalistischen Beitrag schreibt man nicht, um seine St\u00e4rken zu loben. Daher lag hier der Schwerpunkt auf einigen Aspekten des Beitrags, die aus Sicht der Digitalen Geisteswissenschaften eher kritisch zu sehen sind. Es bleibt zu hoffen, dass die sicherlich zahlreichen GeisteswissenschaftlerInnen, die den Beitrag lesen werden, in der Lage sind, die Verk\u00fcrzungen des Beitrags zu erkennen und ihnen vor allem die wunderbaren Anwendungsbeispiele im Ged\u00e4chtnis bleiben, die zeigen, wie vielf\u00e4ltige neue Erkenntnisse und neue Fragestellungen durch digitale Daten und Methoden m\u00f6glich werden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Digitalen Geisteswissenschaften bleiben im Gespr\u00e4ch! 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