{"id":3268,"date":"2014-03-29T11:19:45","date_gmt":"2014-03-29T10:19:45","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=3268"},"modified":"2014-03-29T11:19:45","modified_gmt":"2014-03-29T10:19:45","slug":"erfolg-und-emergenz-in-den-digital-humanities-ein-tagungseindrucksausschnitt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=3268","title":{"rendered":"Erfolg und Emergenz in den Digital Humanities \u2013 ein Tagungseindrucksausschnitt"},"content":{"rendered":"<p>von <a href=\"mailto:fabian.cremer@sub.uni-goettingen.de\">Fabian Cremer<\/a>, Max-Planck-Institut zur Erfoschung multireligi\u00f6ser und multiethnischer Gesellschaften<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte durchaus aufhorchen lassen, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit \u00f6konomische Kategorien zur Beschreibung oder Beurteilung wissenschaftlicher Vorhaben herangezogen werden, trotz der weit verbreiteten Kenntnis des Drucks [1], dem die drittmittelgepr\u00e4gten Digital Humanities als Beutegemeinschaft ausgesetzt sind. Im gleichnamigen Panel der DHd 2014 [2] h\u00e4ngt der expliziten Frage nach dem \u201eMehrwert\u201c der Informationstechnologie in geisteswissenschaftlichen Projekten, implizit auch das Legitimationsbed\u00fcrfnis einer Disziplin an, die neben ihrem Selbstverst\u00e4ndnis auch ihre F\u00f6rderw\u00fcrdigkeit aus den Innovationsmomenten zieht, die in dieser Verbindung von Geisteswissenschaft und Informatik mitunter stecken. Die Entstehung des Mehrwerts l\u00e4sst sich aus der Marxschen Theorie des Kapitalismus [3] auf die st\u00e4rker erkenntnisgewinnorientierte Aspekte der Wissenschaft \u00fcbertragen: Mit dem den Einsatz von Informationstechnologien im Arbeitsprozess der GeisteswissenschaftlerInnen entsteht ein Produkt, dessen Gegenwert \u00fcber den der jeweils aufgebrachten Arbeitsleistung hinausgeht, ein wissenschaftliches Surplus. Von diesen emergenten Eigenschaften der wissenschaftlichen und personellen Verbindungen in den Digital Humanities zeugen die drei Erfolgsgeschichten, die in der Mehrwertsession erz\u00e4hlt wurden.<\/p>\n<p>Das Forschungsgebiet kunsthistorisch motivierter Analyse von Musikvideos, in dem sich Thorsten W\u00fcbbena kunsthistorisch und Matthias Arnold informationstechnologisch bewegen [4], zeigt idealtypisch, welche M\u00f6glichkeiten sich nach dem Fall analoger Barrieren ergeben. Genuin digitale oder im Analogen nur schwer wissenschaftlich rezipierbare Medien wie Musikvideos, ergeben sich der Analyse ihres komplexen und in Bewegung befindlichen Bezugssystems aus Text, Bild und Musik in einer webbasierten Arbeitsumgebung zur Videoannotation [5] nicht nur leichtg\u00e4ngiger sondern auch nachhaltiger. Ohne Medienbr\u00fcche direkt im Material arbeiten zu k\u00f6nnen, erlaubt au\u00dferdem nicht nur bessere Analysebedingungen, sondern er\u00f6ffnet in der wissenschaftlichen Kommunikation den Diskurspartnern auch einen anderen Zugriff auf die eigene Argumentationsgrundlage, die visuelle Materialerschlie\u00dfung in der digitalen Arbeitsumgebung. Der bisher unvermeidliche Umweg \u00fcber den Text, die Abstraktion \u00fcber die Verschriftlichung, wird vermieden.<\/p>\n<p>Im Untersuchungsfeld der Wanderungsbewegungen von Musikern im 16. Und 17. Jahrhundert l\u00e4sst sich anhand der Projektfolge Musici-Musmig [6] eines der Ph\u00e4nomene der Digital Humanities exemplarisch verfolgen, der Fokuswechsel von einer im Umfang beschr\u00e4nkten aber tiefgehenden Erschlie\u00dfung zu einer r\u00e4umlich und thematisch breiteren Datenbasis mit reduzierterem Detailgrad und generalisierenden Ordnungsstrukturen. Neben der Notwendigkeit, sich dabei mit informationstechnologischen Methoden der Aufbereitung von Daten, ihrer Maschinenlesbarkeit und Modellierung auseinanderzusetzen (und dann davon zu profitieren), erschloss sich die hilfreiche Wirkung der Technologien im gemeinsamen Vortag von Berthold Over und Torsten Roeder ganz unmittelbar in den im Projekt eingesetzten Visualisierungsstrategien mit Karten und Bewegungsmustern, denn die Komplexit\u00e4t der untersuchten Ph\u00e4nomene, die Netzwerke und Dynamik von Personen, Orte, Zeitr\u00e4ume, Ereignissen und Beziehungen, ist in der linearen Struktur von Text und Sprache weit schwerer erfahrbar.<\/p>\n<p>Die lineare Struktur von Text und ihre Formalisierbarkeit machen sich hingegen Christian Riepl und die Sprachwissenschaft zu Nutze. Der transkribierte und morphologisch und morphosyntaktisch ausgezeichnete hebr\u00e4ische Text des Alten Testamentes war in den letzten 30 Jahren kontinuierlich Gegenstand sprachwissenschaftlicher Fragestellungen, unter dem Kontrastmittel heutiger Dreijahresforschung eine Ewigkeit. An der Geschichte der \u201eBiblia Hebraica transcripta\u201c [7] lassen sich zahlreiche Lehren f\u00fcr die Digital Humanities ziehen, die hier nur pointierter Form erscheinen k\u00f6nnen: Eine langfristige und dauerhafte Auseinandersetzung ist keine wissenschaftliche und technologische Innovationsbremse. Geisteswissenschaft kann in der Auseinandersetzung mit der Stukturliebe und formalisierten Denkweise der Informatik auch methodisch profitieren. Erhalt und stetige Erweiterung und Anreicherung digitaler Datenbest\u00e4nde sind der Schl\u00fcssel f\u00fcr die Pluralit\u00e4t und Kontinuit\u00e4t ihrer Nutzung. Dialogische Prinzipien in der Interaktion von Mensch und Maschine sorgen daf\u00fcr, dass die Geisteswissenschaft weder in die Sklaverei formalisierter Regelwerke der Technik getrieben wird, noch in den Grenzen menschlicher Erfassungsverm\u00f6gens gefangen bleibt.<\/p>\n<p>Neben dem im Call der Konferenz geforderten \u201eanalytischen Mehrwert\u201c boten die drei Projektvorstellungen inspirierende Auseinandersetzungen mit Problemen, die sie ohne die beteiligten Computer sicher nicht gehabt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] <a href=\"http:\/\/www.dfg.de\/foerderung\/grundlagen_rahmenbedingungen\/drittmitteldruck\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.dfg.de\/foerderung\/grundlagen_rahmenbedingungen\/drittmitteldruck\/<\/a><\/p>\n<p>[2] DHd 2014. Digital Humanities &#8211; methodischer Br\u00fcckenschlag oder &#8222;feindliche \u00dcbernahme&#8220;? Chancen und Risiken der Begegnung zwischen Geisteswissenschaften und Informatik, 1. Jahrestagung der Digital Humanities im deutschsprachigen Raum, 25.-28. M\u00e4rz 2014, Universit\u00e4t Passau, <a href=\"http:\/\/www.dhd2014.uni-passau.de\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.dhd2014.uni-passau.de\/<\/a><\/p>\n<p>[3] Karl Marx: Das Kapital. Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals. Hamburg, 1867, S. 112, <a href=\"http:\/\/www.deutschestextarchiv.de\/marx_kapital01_1867\/131\" target=\"_blank\">http:\/\/www.deutschestextarchiv.de\/marx_kapital01_1867\/131<\/a><\/p>\n<p>[4] Portable Musicvideos: <a href=\"http:\/\/www.portablemvs.net\" target=\"_blank\">http:\/\/www.portablemvs.net<\/a>; Thorsten W\u00fcbbena: <a href=\"http:\/\/d-nb.info\/gnd\/123312396\" target=\"_blank\">http:\/\/d-nb.info\/gnd\/123312396<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.kunst.uni-frankfurt.de\/de\/mitarbeiter\/seiten\/thorsten-wuebbena\/zur-person\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.kunst.uni-frankfurt.de\/de\/mitarbeiter\/seiten\/thorsten-wuebbena\/zur-person\/<\/a>; Matthias Arnold: <a href=\"http:\/\/www.asia-europe.uni-heidelberg.de\/en\/people\/person\/persdetail\/arnold.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.asia-europe.uni-heidelberg.de\/en\/people\/person\/persdetail\/arnold.html<\/a><\/p>\n<p>[5] <a href=\"http:\/\/pan.do\/ra\" target=\"_blank\">http:\/\/pan.do\/ra<\/a><\/p>\n<p>[6] Europ\u00e4ische Musiker in Venedig, Rom und Neapel (1650-1750): Musik, Identit\u00e4t der Nationen und kultureller Austausch: <a href=\"http:\/\/www.musici.eu\" target=\"_blank\">http:\/\/www.musici.eu<\/a>; Music migrations in the early modern age: the meeting of the European East, West and South: <a href=\"http:\/\/musmig.hypotheses.org\/\" target=\"_blank\">http:\/\/musmig.hypotheses.org\/<\/a>; Berthold Over: <a href=\"http:\/\/d-nb.info\/gnd\/135197848\" target=\"_blank\">http:\/\/d-nb.info\/gnd\/135197848<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.musikwissenschaft.uni-mainz.de\/musikwissenschaft\/personen\/over.htm\" target=\"_blank\">http:\/\/www.musikwissenschaft.uni-mainz.de\/musikwissenschaft\/personen\/over.htm<\/a>; Torsten Roeder: <a href=\"http:\/\/www.bbaw.de\/die-akademie\/mitarbeiter\/roeder\" target=\"_blank\">http:\/\/www.bbaw.de\/die-akademie\/mitarbeiter\/roeder<\/a><\/p>\n<p>[7] Biblia Hebraica transcripta &#8211; Forschungsdatenbank 3.0: <a href=\"http:\/\/www.bht.gwi.uni-muenchen.de\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.bht.gwi.uni-muenchen.de\/<\/a>; Christian Riepl: <a href=\"http:\/\/d-nb.info\/gnd\/135197848\" target=\"_blank\">http:\/\/d-nb.info\/gnd\/135197848<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.itg.uni-muenchen.de\/personen\/riepl_christian\/index.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.itg.uni-muenchen.de\/personen\/riepl_christian\/index.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Fabian Cremer, Max-Planck-Institut zur Erfoschung multireligi\u00f6ser und multiethnischer Gesellschaften Es k\u00f6nnte durchaus aufhorchen lassen, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit \u00f6konomische Kategorien zur Beschreibung oder Beurteilung wissenschaftlicher Vorhaben herangezogen werden, trotz der weit verbreiteten Kenntnis des Drucks [1], dem die drittmittelgepr\u00e4gten Digital Humanities als Beutegemeinschaft ausgesetzt sind. 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