{"id":24331,"date":"2026-10-09T18:16:35","date_gmt":"2026-10-09T16:16:35","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=24331"},"modified":"2026-10-09T18:19:08","modified_gmt":"2026-10-09T16:19:08","slug":"dzien-dobry-aus-krakau-rueckblick-auf-die-eadh-konferenz-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=24331","title":{"rendered":"&#8222;Dzie\u0144 dobry&#8220; aus Krakau! R\u00fcckblick auf die EADH-Konferenz 2026"},"content":{"rendered":"\n<p>Wo treffen Daten, Methoden und Infrastrukturen auf Werte, Kreativit\u00e4t und kritisches Denken? Unter dem Motto \u201eLinking Europe: Digital Humanities Without Borders\u201c stellte die EADH-Konferenz 2026 in Krakau diese Frage ins Zentrum. Dabei ging es darum, was digitale Methoden und Infrastrukturen m\u00f6glich machen, wie wir diese M\u00f6glichkeiten nutzen wollen und welche Verantwortung damit verbunden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#d4dbdf\"><em>Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Early-Career-Reisekostenstipendiums des DHd-Verbands f\u00fcr DH-nahe Tagungen. Vielen Dank, dass ich dadurch an der EADH-Konferenz teilnehmen konnte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Was bleibt, wenn das Projekt endet?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Was passiert mit einer digitalen Edition, wenn die F\u00f6rderung ausl\u00e4uft? Diese zun\u00e4chst recht praktische Frage stand im Zentrum des Workshops \u201eIs Everything Already Lost?! Participative Workshop on Strategies for Ensuring the long-term Hosting of Digital Scholarly Editions\u201d. Dabei wurde schnell deutlich, dass langfristige Verf\u00fcgbarkeit mehr bedeutet, als Forschungsdaten irgendwo dauerhaft abzulegen. Auch Software muss gewartet werden, technische Abh\u00e4ngigkeiten ver\u00e4ndern sich und Interfaces k\u00f6nnen selbst Teil des wissenschaftlichen Arguments einer Edition sein. F\u00fcr statische Formate, Repositorien oder Verlagsmodelle sprechen jeweils unterschiedliche Gr\u00fcnde, doch keine L\u00f6sung nimmt einem die Frage ab, wer die n\u00f6tigen Ressourcen langfristig bereitstellt. F\u00fcr mich blieb deshalb vor allem ein Gedanke h\u00e4ngen: Das Ende des Projekts sollte schon an seinem Anfang mitgedacht werden. Was soll in f\u00fcnf, zehn oder zwanzig Jahren von einer digitalen Edition noch zug\u00e4nglich sein und, ebenso wichtig, wie soll sie dann noch genutzt werden k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Welche DH wollen wir eigentlich?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Den gr\u00f6\u00dferen Rahmen f\u00fcr solche Fragen er\u00f6ffnete Melissa Terras in ihrer Er\u00f6ffnungskeynote \u201eDreaming of Different DH Futures: Engaging with Speculative Design Approaches\u201c. Ihre Stimmung angesichts der aktuellen Entwicklungen und ihre Hoffnungen f\u00fcr die Zukunft der DH beschrieb sie mit dem Bild eines Metronoms: ein st\u00e4ndiges Pendeln zwischen dem Gef\u00fchl, dass ohnehin alles verloren sei, und der \u00dcberzeugung: \u201ea better world is possible\u201c.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt ihrer \u00dcberlegungen war die Frage, wie sich die DH ver\u00e4ndern, wenn Bedingungen, unter denen sich das Fach entwickelt hat, nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich sind. Dabei r\u00fcckte Terras vor allem die Werte in den Mittelpunkt, auf denen viele Praktiken der DH beruhen. Open Source und FAIR-Prinzipien geh\u00f6ren f\u00fcr viele zum Selbstverst\u00e4ndnis des Fachs. Doch was bedeutet Offenheit in einer Situation, in der frei zug\u00e4ngliche Forschungs- und Kulturdaten zunehmend auch f\u00fcr kommerzielle KI-Systeme interessant werden? Und wie gehen die DH damit um, wenn um Cultural-Heritage- und Forschungsdaten neue M\u00e4rkte entstehen?<\/p>\n<p>Terras ging es dabei weniger um fertige Antworten als darum, m\u00f6gliche Entwicklungen konsequent weiterzudenken. Anhand spekulativer Szenarien zeigte sie, welche Entscheidungen auf das Fach zukommen k\u00f6nnen: Welche Praktiken wollen wir offenhalten? Wo k\u00f6nnte es Gr\u00fcnde geben, Zug\u00e4nge zu beschr\u00e4nken? Und welche Werte sollen dabei handlungsleitend sein?<\/p>\n<p>Besonders h\u00e4ngen geblieben ist mir schlie\u00dflich ihr Gedanke, digitale Langzeitarchivierung als einen hoffnungsvollen Akt zu verstehen. Wer Daten f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen bewahrt, geht schlie\u00dflich davon aus, dass es diese Generationen auch geben wird.<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Wer wird in den Daten sichtbar?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Wenig \u00fcberraschend spielte generative KI in vielen Beitr\u00e4gen der Konferenz eine Rolle, etwa um komplexe Suchsysteme leichter zug\u00e4nglich zu machen oder lexikografische Arbeit zu unterst\u00fctzen. Am meisten besch\u00e4ftigt haben mich aber die Beitr\u00e4ge, die einen Schritt zur\u00fcck gingen und fragten, auf welchen Daten all diese M\u00f6glichkeiten eigentlich beruhen und wer darin sichtbar wird.<\/p>\n<p>Besonders deutlich wurde diese Frage bei Beitr\u00e4gen zu kleineren und weniger gut digital erschlossenen Sprachen. Ob Masurisch, Altserbisch, Rum\u00e4nisch oder Mittelpersisch: Aus ganz unterschiedlichen Perspektiven ging es darum, Daten, Annotationen und digitale Infrastrukturen f\u00fcr Sprachen aufzubauen, die in der Sprachtechnologie bislang weniger stark vertreten sind. Sprachliche Vielfalt ist damit auch eine Frage digitaler Infrastruktur. Fehlen Daten, Modelle oder Ressourcen f\u00fcr eine Sprache, bleibt sie auch in Suchsystemen, NLP und generativer KI weniger sichtbar. Das Konferenzmotto \u201eWithout Borders\u201c bekam hier f\u00fcr mich noch einmal eine andere Bedeutung: Mehr Technologie l\u00e4sst solche Grenzen nicht automatisch verschwinden. Mitunter wird dadurch erst besonders deutlich, wo Daten und Ressourcen fehlen.<\/p>\n<p>Zugleich ging es nicht nur darum, ob Daten vorhanden sind, sondern auch darum, wer \u00fcber sie verf\u00fcgen kann. Beitr\u00e4ge zu Data Colonialism und Indigenous Data Sovereignty im Kontext generativer KI und bedrohter Sprachen r\u00fcckten Fragen nach Kontrolle und Nutzung in den Vordergrund: Wer erhebt Daten, wer kann auf sie zugreifen und unter welchen Bedingungen d\u00fcrfen sie weiterverwendet werden?<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Linking Europe hei\u00dft auch: Infrastrukturen verbinden<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Auch das \u201eLinking\u201c im Konferenzmotto wurde ganz konkret: Beitr\u00e4ge zu gemeinsamen Taxonomien, verkn\u00fcpften Forschungsdaten und wiederverwendeten technischen Komponenten zeigten, wie viel Arbeit hinter interoperablen Forschungsinfrastrukturen steckt. Denn Interoperabilit\u00e4t klingt zun\u00e4chst technisch, ist im Kern aber eine Voraussetzung daf\u00fcr, dass Forschung \u00fcber einzelne Projekte, Sprachen und L\u00e4nder hinweg anschlussf\u00e4hig wird.<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Was nehme ich mit?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>So unterschiedlich die Eindr\u00fccke in Krakau waren, liefen viele von ihnen auf eine gemeinsame Frage hinaus: Wie wollen wir die Digital Humanities gestalten? Welche Werte schreiben wir in unsere Methoden und Infrastrukturen, wer wird durch sie sichtbar und wie sorgen wir daf\u00fcr, dass das, was wir heute entwickeln, auch in Zukunft zug\u00e4nglich und nutzbar bleibt?<\/p>\n<p>Als Nachwuchswissenschaftlerin fand ich es besonders spannend zu sehen, wie unterschiedlich diese Fragen innerhalb der europ\u00e4ischen DH-Community diskutiert und beantwortet werden. Neben vielen methodischen Anregungen nehme ich vor allem eins mit nach Hause: Digitale Infrastrukturen und Methoden sind nicht nur technische L\u00f6sungen, wir treffen mit ihnen auch immer Entscheidungen, wie Forschung k\u00fcnftig m\u00f6glich sein soll.<\/p>\n<p>Nach der DHd2026 in Wien war die EADH2026 in Krakau meine zweite gro\u00dfe DH-Konferenz. Das Reisekostenstipendium des DHd-Verbands hat mir erm\u00f6glicht, \u00fcber die eigene Universit\u00e4t und die deutschsprachige DH-Community hinauszuschauen. Daf\u00fcr und f\u00fcr viele Gespr\u00e4che und Ideen: <em>Dzi\u0119kuj\u0119, Krak\u00f3w!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"color: #808080\"><em>Sophia Babl, Masterstudium Digital Humanities, Universit\u00e4t Regensburg<\/em><\/span><\/p>\n\n\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo treffen Daten, Methoden und Infrastrukturen auf Werte, Kreativit\u00e4t und kritisches Denken? 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