{"id":23453,"date":"2026-03-12T17:39:45","date_gmt":"2026-03-12T16:39:45","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=23453"},"modified":"2026-03-12T17:39:45","modified_gmt":"2026-03-12T16:39:45","slug":"nicht-nur-text-nicht-nur-daten-erfahrungen-von-der-dhd-2026-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=23453","title":{"rendered":"Nicht nur Text, nicht nur Daten: Erfahrungen von der DHd 2026 in Wien"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich bin mit gro\u00dfer Vorfreude und dank des Reisekosten-Stipendiums des DHd-Verbandes zur DHd 2026 nach Wien gefahren. Die Universit\u00e4t Wien machte bereits beim Ankommen einen sehr imposanten Eindruck. Gleich am ersten Tag startete ich mit dem Workshop \u201eBeyond entities: Inhaltsbasierte Erschlie\u00dfung digitaler Editionen mit KI\u201c. Dort haben wir uns erst zu den Grundlagen von RDF und zu Ontologien wie z. B. FOAF bringen lassen, bevor wir praktisch wurden: Mithilfe vorgefertigter Jupyter-Notebooks und Beispieldatens\u00e4tzen probierten wir verschiedene LLM-Modelle mit unterschiedlichen Parametern aus und schauten uns die Ergebnisse der RDF-Tripel-Extraktion an. Ein spannender und sehr praxisorientierter Einstieg.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag war ich beim Workshop \u201eLLMs unter Kontrolle: Offene Modelle in Forschung und Praxis\u201c. Der Workshop zielt genau auf das, was ich als Nachwuchswissenschaftler wichtig finde: einen transparenten und reflektierten Umgang mit generativer KI in den Digital Humanities zu f\u00f6rdern. Von besonderer Bedeutung f\u00fcr mich war der methodische Einsatz von LLMs in der eigenen Forschung. Die praktische Arbeit mit lokalen, offenen Modellen wie OLMo 2 (1B) und OLMo 3 (7B) \u00fcber LM Studio zeigte, wie viel Kontrolle und Reproduzierbarkeit man dadurch gewinnt. Zugleich wurde deutlich, wie problematisch propriet\u00e4re Online-Modelle sein k\u00f6nnen, weil sie sich ver\u00e4ndern, Outputs nicht dauerhaft dokumentiert sind und Trainingsdaten sowie Gewichtungen oft intransparent bleiben. Der darauffolgende Theorie-Block vermittelte entsprechende Evaluationsstrategien f\u00fcr den Einsatz solcher Modelle. Abschlie\u00dfend fand eine Reflexionsrunde statt, die dazu anregte, m\u00f6gliche Use Cases f\u00fcr die eigene Forschung neu zu denken.<\/p>\n<p>Zwischendurch besuchte ich Vortr\u00e4ge, die von technischen Umsetzungen bis zu praktischen Anwendungen reichten: Die Pr\u00e4sentation zur \u201eDigitalen Erschlie\u00dfung des Schematismus\u201c demonstrierte eindrucksvoll, wie aus historischem Druck durch OCR, NER und Transformer-Modelle schrittweise eine vernetzte Graphdatenbank entsteht, mit dem Ziel, Personen verbindlich Verwaltungseinheiten zuzuordnen.<\/p>\n<p>In den Poster-Sessions wurden viele \u00fcberaus interessante Poster pr\u00e4sentiert. Eines davon befasste sich beispielsweise mit der Frage: \u201eWie kompatibel ist meine Bibliothek mit Digital Humanities?\u201c und erinnerte daran, dass Digital Humanities oft schon in den eigenen Best\u00e4nden stecken und nur gef\u00f6rdert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Vortrag \u201eSemantic Modelling of Intermedial and Intertextual References in Comics\u201c zeigte das epistemische Potenzial semantischer Modellierung: Am Beispiel von \u201eSibylla\u201c zeigte sich, wie Wissensgraphen literarisches und visuelles Wissen strukturiert, transparent und interoperabel abbilden k\u00f6nnen. Gerade f\u00fcr intermediale Forschung ein gro\u00dfer Gewinn. Ebenso praxisnah war der Beitrag zu \u201eFachspezifische Datenmodelle als Br\u00fccke zwischen materieller Kultur, Theorie und Praxis\u201c: die Arbeit mit WissKI Barrels erschien mir als echter Gamechanger f\u00fcr kleinere Museen, weil sie Nachhaltigkeit und sofortige Einsatzf\u00e4higkeit im Sammlungsdaten-Lebenszyklus verbindet und damit Theorie und Praxis greifbar zusammenbringt.<\/p>\n<p>Den Abschluss der Konferenz bildete die Keynote, die viele der zuvor diskutierten Fragen noch einmal auf einer \u00fcbergeordneten Ebene b\u00fcndelte: Ausgehend von der Kritik an Big Data als vermeintlichem Paradigmenwechsel wurde deutlich, dass digitale Daten keineswegs neutral oder automatisch erkenntnisf\u00f6rdernd sind. Vielmehr bestimmen Plattformen, APIs und intransparente Algorithmen ma\u00dfgeblich, welche Daten \u00fcberhaupt zug\u00e4nglich sind und wie valide Forschungsergebnisse sein k\u00f6nnen. Besonders eindr\u00fccklich war der Punkt um Forschungsethik und den Umgang mit Social-Media-Daten, wie etwa die Frage nach Anonymisierung, Einwilligung und Zitierpraxis. Das zentrale Pl\u00e4doyer lautete, statt nur kritische Distanz einzunehmen, eine \u201ekritische N\u00e4he\u201c zu Daten zu entwickeln: Verzerrungen und L\u00fccken nicht nur zu bem\u00e4ngeln, sondern sie als Teil des analytischen Prozesses produktiv zu machen und die Politik der Daten sichtbar werden zu lassen. F\u00fcr mich rundete dies Keynote den Kongress perfekt ab. Sie verband technische Praxis, ethische Reflexion und wissenschaftstheoretische Perspektive zu einem klaren Auftrag f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Arbeit in den Digital Humanities.<\/p>\n<p>Insgesamt nehme ich aus Wien nicht nur vielf\u00e4ltige Impulse und die fachlichen Erkenntnisse mit, sondern auch, das Gef\u00fchl mit den Digital Humanities eine wissenschaftliche Community kennengelernt zu haben, die einen sehr herzlichen, neugierigen und manchmal auch etwas selbstironischen Geist in sich vereint, mit dem ich mich sehr verbunden f\u00fchle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin mit gro\u00dfer Vorfreude und dank des Reisekosten-Stipendiums des DHd-Verbandes zur DHd 2026 nach Wien gefahren. Die Universit\u00e4t Wien machte bereits beim Ankommen einen sehr imposanten Eindruck. Gleich am ersten Tag startete ich mit dem Workshop \u201eBeyond entities: Inhaltsbasierte Erschlie\u00dfung digitaler Editionen mit KI\u201c. 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