{"id":22560,"date":"2025-07-06T18:47:38","date_gmt":"2025-07-06T16:47:38","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=22560"},"modified":"2025-07-06T18:47:38","modified_gmt":"2025-07-06T16:47:38","slug":"rueckblick-dhd-2025-von-algorithmen-in-haft-zu-herr-der-ringe-snake-journeys","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=22560","title":{"rendered":"R\u00fcckblick DHd 2025: Von Algorithmen in Haft zu Herr-der-Ringe-Snake-Journeys"},"content":{"rendered":"\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Kein Ort k\u00f6nnte passender sein als Bielefeld, eine Stadt, die mit Wettbewerben zur Beweisf\u00fchrung ihrer Nicht-Existenz aufwartet, in der sich ein Wollnashorn-Skelett unter einer Glasscheibe in einer U-Bahnstation befindet und deren Stra\u00dfen Namen wie Konsequenz, Lauf der Dinge, Durchbruch oder Aufkl\u00e4rung tragen. Bereits zum elften Mal fand die Jahrestagung der Gesellschaft f\u00fcr Digital Humanities im deutschsprachigen Raum statt \u2013 dieses Mal unter dem Motto \u201eUnder Construction \u2013 Geisteswissenschaften und Data Humanities&#8220; in Bielefeld. Und passend zum Thema ist auch Bielefeld seit Jahren \u201eunder construction&#8220; und strahlt diese Dynamik aus \u2013 selbst in den Mauern bereits fertiger Geb\u00e4ude. Vom 3. bis 7. M\u00e4rz 2025 stellten die Universit\u00e4t und Hochschule Bielefeld diese Geb\u00e4ude f\u00fcr die Dhd-Tagung zur Verf\u00fcgung und boten damit einen perfekten Ort f\u00fcr den interdisziplin\u00e4ren Dialog und Austausch der diesj\u00e4hrigen Konferenz. Und ich freue mich, als eine der Dhd-Stipendiat:innen, von meinen Eindr\u00fccken der diesj\u00e4hrigen Tagung berichten zu d\u00fcrfen.<\/span><\/p>\n<h2><b>Von Algorithmen in Haft zu Herr-der-Ringe-Snake-Journeys<\/b><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Der Konferenzdienstag begann an der Interaktion 1, dem HSBI-Hauptgeb\u00e4ude, mit Workshops. F\u00fcr mich bedeutete das die Teilnahme am Workshop \u201eFortgeschrittenes Prompt- und AI-Agent-Engineering f\u00fcr wissenschaftliche Textproduktion&#8220;, geleitet von der AG Angewandte Generative KI und der AG Digitales Publizieren. Ein Thema, das insbesondere durch die letzten Entwicklungen der LLMs (Large Language Models), wie Time-Compute-Skalierung, Reasoning-Modellen und Multi-Agent-Systemen, f\u00fcr mich und viele andere v\u00f6llig neue Dimensionen angenommen hatte. Daher traf Christopher Pollin mit seiner Eingangsfrage \u201e\u2026 f\u00fchlen Sie sich auch (wie ich) ziemlich \u00fcberfordert?&#8220; genau den Nerv vieler Anwesenden und brach sofort das Eis.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">In den folgenden acht Stunden hatten wir die M\u00f6glichkeit, als \u201eExperts-in-the-loop&#8220; durch praktisches Prompt Engineering am Beispiel eines fiktiven Forschungsblogs die vorgeschlagenen neuen Arbeitsweisen und Prompts direkt anzuwenden. Dies erfolgte in einem produktiven Wechselspiel aus praktischer Arbeit und reflektiven Momenten, in denen wir auch kritische Metafragen zur ethischen, \u00f6kologischen, rechtlichen und sozialen Dimension von Generativer KI nachgingen: Welche Rolle spielt eigentlich die (m\u00e4nnliche) Machtposition von Tech-Oligarchen? Wann beginnt Open Source und wo endet es bei Closed Source? Mit welchen vorgefassten Biases in Trainingsdaten haben wir es zu tun? Wie sollten wir kennzeichnen, was wir tun, und k\u00f6nnen wir hier noch von guter wissenschaftlicher Praxis sprechen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Die Workshop-Leiter:innen nahmen uns als Peers mit auf eine Reise, bei der wir den gesamten Prompt Engineering Prozess sezieren durften. Dabei kamen viele verschiedene Perspektiven zusammen \u2013 von Studierenden und Lehrenden \u00fcber Kulturinstitutionen bis hin zu Personen, die sich selbst als \u201eBindestrich-Informatiker:innen&#8220; bezeichneten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">In der praktischen Anwendung er\u00f6ffneten sich mir neue Perspektiven, sei es bei der Arbeit mit Pseudo-Syntaxen oder bei den feinen linguistischen Unterschieden zwischen \u201ereport&#8220;, \u201esummarize&#8220; und \u201eexplain&#8220;. Besonders angenehm war die Offenheit der Workshop-Leiter:innen und der Gruppe gegen\u00fcber unterschiedlichen Wissensst\u00e4nden \u2013 f\u00fcr mich war es beispielsweise das erste Mal, dass ich etwas \u00fcber den Einsatz von Agents erfuhr.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Und neben den intensiven technischen Debatten gab es auch immer wieder humorvolle Momente, wie zum Beispiel w\u00e4hrend einer Diskussion \u00fcber Urheberrecht, als jemand im Raum den Vorschlag machte, Algorithmen in Haft zu nehmen, oder als als Simulation ein Herr-der-Ringe-Snake-Spiel entworfen wurde. Und nicht zuletzt, jedes Mal, wenn wir mit einem Sprachmodell kommunizierten und dabei zur Theatralik neigten: \u201eThis is very important for my career&#8220; oder: \u201eMein Leben h\u00e4ngt davon ab&#8220;, um nur einige Beispiele zu nennen. Ein gelungener Workshop, der meinen Umgang mit LLMs und ihren neuen M\u00f6glichkeiten nachhaltig ver\u00e4nderte.<\/span><\/p>\n<h2><b>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen \u201evalues-first&#8220;-Ansatz und ein Nachdenken \u00fcber Denkmaschinen, Stochastische Papageien und Ausbeutung(en)<\/b><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Nachdem ich nun gemeinsam mit meiner Workshop-Gruppe acht Stunden damit zugebracht hatte, neue M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume in LLMs zu prompten, fand die Er\u00f6ffnungskeynote von Mark Dingemanse der diesj\u00e4hrigen Konferenz statt, die sich genau an den Themen des Workshops anlehnte und noch weitere Perspektiven er\u00f6ffnen konnte. Thema seiner Keynote war die Frage \u201eWhat makes LLMs so irresistible?&#8220;. Er begann seine Ausf\u00fchrungen mit einer theoretischen Perspektive und bezog sich auf unterschiedlichste historische und zeitgen\u00f6ssische Ans\u00e4tze, darunter Victoria Welbys \u00dcberlegungen zu \u201eThinking Machines&#8220; oder Pascal Boyers Konzept der \u201eostensive detachment&#8220;, aber auch auf Adornos Theorie der \u201ePseudo-individualization&#8220; und Garfinkels \u201especific vagueness&#8220;.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Dingemanse pl\u00e4dierte f\u00fcr eine Critical AI Literacy. Dabei waren jede seiner Ausf\u00fchrungen gepr\u00e4gt von wundervoller wissenschaftskommunikativer Eleganz. Er untermauerte sein Argument durch das konkrete Beispiel ChatGPT, indem er sich sowohl den \u201eChat&#8220; als auch den \u201eGPT&#8220;-Part genauer ansah. Ein Fokus dabei lag f\u00fcr ihn auf dem Verfahren des Reinforcement Learning with Human Feedback (RLHF), das uns enth\u00fcllte, wie LLMs oft eine scheinbar freundliche und hilfsbereite Haltung annehmen. Dingemanse thematisierte die Ausbeutung menschlicher Sinnsch\u00f6pfung und Bedeutungszuschreibung und warnte davor, dass die scheinbare Einfachheit der Nutzung \u2013 wie sie von Johanna Drucker beschrieben wird \u2013 uns in die Irre f\u00fchren k\u00f6nne.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Mich faszinierte dabei, mit welcher schieren Leichtigkeit er diese zum Teil hochkomplexen Konzepte herunterbrach und in einen neuen Kontext setzte, aber auch sein Verweis auf den European Open Source AI Index (https:\/\/osai-index.eu) fand ich sehr hilfreich. Eine wirklich wichtige Ressource f\u00fcr eine kritische Auseinandersetzung mit LLMs, die meiner Meinung nach wirklich dazu beitragen kann, noch besser einen \u201evalues-first&#8220;-Ansatz zu verfolgen und das \u201etextbook Open-Washing&#8220; von LLMs wie LLama aufzudecken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Nach der Er\u00f6ffnungskeynote folgte der Ausklang des Abends beim Sektempfang. Und zu Ende ging f\u00fcr mich der erste Konferenztag, der mir verdeutlichte, wie zentral die Rolle insbesondere von LLMs in so kurzer Zeit geworden ist, aber auch welche neue Rolle f\u00fcr mich als Early-Career-Scientist damit einhergehen kann und sollte, um zur\u00fcck zum Beginn des Tages zu kommen, in einem Satz: \u201eThis is very important for my career.&#8220;<\/span><\/p>\n<h2><b>Status Quo und Status Futures: How to Forschungsdatenmanagement?<\/b><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Am Konferenzmittwoch begannen die Panels, mein Fokus lag heute auf der Besch\u00e4ftigung mit Forschungsdatenmanagement und somit insbesondere Fragen nach der Entstehung und Erhaltung von DH-Projekten. Patrick Helling er\u00f6ffnete das Panel mit seinem Vortrag zu \u201eStrategien zur nachhaltigen Bereitstellung lebender Ressourcen&#8220; und stellte Fragen wie: \u201eWer ist eigentlich f\u00fcr das Aufbewahren von DH-Projekten zust\u00e4ndig?&#8220; Dabei nahm er unterschiedliche Akteur:innen wie F\u00f6rderinstitutionen, Forschende und Dateninstitutionen in den Blick und formulierte zugleich die Herausforderungen an diese Institutionen im Umgang mit Projekten, die sich der Abschlie\u00dfbarkeit entziehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Leider zu oft als abgeschlossen betrachtet und nicht mehr angefasst, nachdem der F\u00f6rderantrag abgeschickt wurde, werden DMP, also Datenmanagementpl\u00e4ne, die das Thema des zweiten Vortrags darstellten. Anhand einer Evaluation stellten Nils Reiter, Felix Rau und Patrick Helling fest, wie viel Potential von DMP oft unausgesch\u00f6pft bleibt und pl\u00e4dierten f\u00fcr eine aktivere Nutzung dieses Tools. Auch im dritten Vortrag stand ein zentrales Tool im Fokus, n\u00e4mlich GitLab. Jennifer Bunselmeier und Lena-Luise Stahn zeigten auf, wie sie GitLab als Multitool zum Einsatz bringen, ganz egal ob als Forschungsdatenrepositorium, Wissensspeicher oder Tagebuch. Und stellten auch die Frage nach dem Einfluss dieser Tools auf DH-Praktiken. Ein wirklich interessantes Panel, das einen guten \u00dcberblick \u00fcber den Status Quo des Forschungsdatenmanagements in den DH lieferte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Nach der Pause wurde der Blick zum zuk\u00fcnftigen Arbeiten in den DH gerichtet. Manuel Burghardt stellte in seinem Vortrag Fragen nach der Zukunft der DH und bediente sich dabei auch philosophischer Konzepte wie dem von \u201eZwei Kulturen&#8220;, das Charles Percy Snow formulierte. Ein konkretes Beispiel f\u00fcr einen neuen Ansatz zuk\u00fcnftiger Arbeitsweisen in den DH lieferte dann der n\u00e4chste Vortrag von Anastasia Glawion, Dominik Kremer, Sabine Lang, Michaela Mahlberg und Andreas Wagner, welche die Applied Digital Humanities und insbesondere das Potenzial von Public Engagement Labs thematisierten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Der Vortrag \u201eOperationalizing operationalizing&#8220; war der letzte in dieser Gruppe und stellte noch einmal gro\u00dfe Fragen, insbesondere, ob wir in den DH einen gr\u00f6\u00dferen Fokus auf Erkl\u00e4rung, Messung und Validierung legen sollten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Nachdem mein Vormittag mit meta-reflektiven Perspektiven auf das Management von DH-Projekten gut gef\u00fcllt war, interessierte mich am Nachmittag besonders, welche Themen und Ans\u00e4tze von Early-Career-Perspektiven in den Fokus ger\u00fcckt wurden. Im Doctoral Consortium nahm ich an den Vortr\u00e4gen \u201e\u00dcbersetzung und Digitalisierung der jiddischen Zeitschrift \u201aDer Wahre Jude'&#8220; von Robin Luger und \u201eDie Wahrnehmung von Privatsph\u00e4re und KI-\u00dcberwachungstechnologien&#8220; von Vera Yakupova teil.<\/span><\/p>\n<h2><b>Algorithmen embodied: UNDER CONSTRUCTION. A Physical Lecture<\/b><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Ein zentraler Teil der Tagung war auch das Rahmenprogramm, und so hatte ich am Abend ein Ticket f\u00fcr \u201eUNDER CONSTRUCTION. A Physical Lecture&#8220;, choreografiert von Felix Landerer und performativ umgesetzt von Gaya Bommer-Yemini. Diese Performance erm\u00f6glichte mir eine nicht-sprachdominante Perspektive, die ich zum Anlass nehmen konnte, um \u00fcber Potenziale, Chancen und Herausforderungen der DH nachzudenken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Die Performance fand in einem H\u00f6rsaal statt, dessen Mobiliar gleichzeitig als B\u00fchnenbild und Requisite diente. Zu Beginn waren an der Tafel nur d\u00fcnn gezeichnete Zahlen zu sehen, die schemenhaft die Figur eines Menschen erahnen lie\u00dfen. Als die T\u00e4nzerin den Raum betrat, trug sie einen Anzug und eine Aktentasche und bewegte sich in einer Schleife gefangen, immer wieder hin und zur\u00fcck zum Eingang des H\u00f6rsaals. Diese Wiederholungen waren ein zentrales choreografisches Element, das sich von Anfang bis Ende durchzog. Immer wieder wurden Gesten so exakt wie m\u00f6glich wiederholt, was Fragen nach Menschlichkeit in technologischen Kontexten aufwarf.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Diese Fragen wurden verst\u00e4rkt, als die technischen Aspekte des Raums inszeniert wurden, etwa als der Schreibtisch oder die Tafel per Knopfdruck hoch und runter gefahren wurden. Dieses Zusammenspiel zwischen verk\u00f6rperten Algorithmen und der gleichf\u00f6rmig agierenden Technik im Raum zog sich auch auf musikalischer Ebene durch: Parallel dazu war ein Soundscape von Christof Littmann zu h\u00f6ren, in dem sich Stimmen und Sounds genauso mechanisch wiederholten und \u00fcberlagerten, wie es die Technik im Raum oder die k\u00f6rperlichen Praktiken taten. Der Prozess des Wiederholens und Stoppens wurde immer wieder unterbrochen von Momenten, in denen die T\u00e4nzerin bewusst Menschlichkeit ausstellte oder sogar die N\u00e4he zum Tier \u2013 etwa, als sie eine Banane sch\u00e4lte und a\u00df, was eine Assoziation zu Affen hervorrief.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Die Performance war eine provokante Auseinandersetzung mit den Fragen, die ich mir zuvor in den Vortr\u00e4gen gestellt hatte \u2013 etwa, wie viel Menschlichkeit im \u201ehumans-in-the-loop&#8220;-Ansatz steckt und wie wir mit der von Dingemanse beschriebenen Ausbeutung der Menschlichkeit in der Interaktion mit LLMs zuk\u00fcnftig umgehen sollten.<\/span><\/p>\n<h2><b>Digital History: Von historischen Texten zu visuellen Analysen<\/b><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Am vorletzten Tag der Tagung verbrachte ich den ersten Teil des Vormittags mit verschiedenen Ans\u00e4tzen zur Digital History, wobei der Fokus besonders auf den Herausforderungen und Chancen lag, die historische Texte an uns stellen. Den Auftakt bildeten Michela Vignoli und Doris Gruber mit ihrem Vortrag \u201eVoll automatisiert die Natur in historischen Reiseberichten erkennen? Entzauberung von KI-Werkzeugen und ihr Nutzen f\u00fcr die Geisteswissenschaften&#8220;. Sie thematisierten vor allem die Grenzen von KI-Werkzeugen, die in manchen F\u00e4llen zu verzerrten Ergebnissen f\u00fchren k\u00f6nnen. Statt dies jedoch als R\u00fcckschlag zu sehen, betonten sie, dass solche Schwierigkeiten eine Chance darstellen, die Expertise der Forscher:innen in den Umgang mit diesen Technologien zu integrieren, um die Herausforderungen der Digital History besser zu bew\u00e4ltigen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">An diesen Gedanken kn\u00fcpfte der Vortrag von Yannic Bracke und Anton Ehrmanntraut an, der sich mit der \u201eHistorischen Textnormalisierung&#8220; befasste. Sie pr\u00e4sentierten Ans\u00e4tze zur Normalisierung historischer Texte, um die Schwierigkeiten, die bei der Analyse auftreten, zu \u00fcberwinden. Der Vortrag von Nina Rastinger und Claudia Resch baute darauf auf, indem er sich der semi-automatischen Identifikation und Analyse von Korrespondenzorten in der \u201eWiener Zeitung&#8220; widmete. Hierbei wurde untersucht, welche Orte w\u00e4hrend des Siebenj\u00e4hrigen Krieges am h\u00e4ufigsten in den Korrespondenzen auftauchten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Nach diesem intensiven ersten Teil des Vormittags, der sich mit der Textanalyse besch\u00e4ftigte, verlagerte sich der Fokus beim zweiten Teil auf visuelle Quellen, was unter dem Begriff Distant Viewing zusammengefasst wurde. Den Beginn des Panels machte der Vortrag von Wiebke Helm und Janos Borst, die versuchten, durch computergest\u00fctzte Analyse bestimmte Szenen in den Illustrationen von etwa 11.000 Kinderb\u00fcchern zu identifizieren. Dabei wurden rund 230.000 Illustrationen analysiert. Besonders spannend waren auch die Grenzen, denen sie w\u00e4hrend ihrer Arbeit begegnet sind, etwa wenn die Kategorisierung der Bilder nicht eindeutig war oder je nach Forschungsfrage variieren konnte \u2013 beispielsweise wie Bilder von Kindern beim Unterrichten spielen oder beim Unterrichten unterschieden werden sollten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Im Vortrag \u201eGustav Klimt: Kunstgeschichte und Visual Analytics im Dialog&#8220; von Teresa Kamencek standen dann Ausstellungsnetzwerke im Fokus. Die Daten wurden in der Datenbank DoME herausgefiltert, um dann in ArtVis (https:\/\/artvis.cvast.tuwien.ac.at\/) als dynamisches Netzwerk visualisiert werden zu k\u00f6nnen. Den Abschluss bildete der Vortrag von Sabine Lang und Mathias Zinnen zur Provenienzforschung. Sie erl\u00e4uterten, wie bildbasierte Suchverfahren auf das Material in historischen Auktionskatalogen eingesetzt werden k\u00f6nnten, um neue Verbindungen zwischen Objekten und Informationen zu entdecken. Anhand von Beispielen verdeutlichten sie, wie der Einsatz von Bildsuchtechnologien zur Rekonstruktion der Geschichte von Kulturg\u00fctern beitragen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Besonders die Vortr\u00e4ge am Nachmittag sind mir in Erinnerung geblieben, denn als Theaterwissenschaftsstudentin interessieren mich all jene Momente, in denen all das eingefangen und neu konzeptualisiert werden kann, was nicht rein textlicher und sprachlicher Natur ist. Der Ansatz, der f\u00fcr Szenen in Kinderb\u00fcchern vorgestellt wurde oder auch der Ansatz zur Provenienzforschung bieten dabei spannende Zug\u00e4nge zu den digitalen Spuren, die auch Performances hinterlassen.<\/span><\/p>\n<h2><b>Ein Poster, eine Minute und eine Performance!<\/b><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Apropos Performance! Nach den intensiven Tagen der letzte Woche fand am Donnerstag nach den Panels ein weiteres Highlight der Konferenz statt: der Posterslam. Binnen k\u00fcrzester Zeit mussten die Slamenden von den Ideen ihres Posters \u00fcberzeugen, und das Urteil \u00fcber Qualit\u00e4t und Pr\u00e4sentation lag im Applaus des Publikums, der mithilfe eines professionellen Lautst\u00e4rkemessger\u00e4ts in Daten \u00fcbertragen wurde. Dabei wurden keine Kosten und M\u00fchen f\u00fcr die Kost\u00fcmauswahl und Performance gescheut. Von popkulturellen Referenzen zu Model-Ikonen, \u00fcber Cowboys mit Mundharmonika und Tamburin, zu sportlichen Tauziehen und lautstarken Erkl\u00e4rungen war alles dabei. Eine wundervolle \u00dcberleitung zur Poster-Session, in der alle Poster und deren Ersteller:innen noch einmal intensiv befragt werden konnten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Da der Donnerstag bereits der letzte Abend der Konferenz war, standen an diesem Abend auch noch weitere H\u00f6hepunkte an, n\u00e4mlich die Konferenzparty im Forum Bielefeld, inklusive Konferenz-Dinner, das in von Burger-Foodtrucks serviert wurde. Dabei konnte auch endlich die Frage aufgel\u00f6st werden, die wir uns als Social Media Team seit einiger Zeit gestellt hatten: Welche Musik wird auf einer Dhd-Konferenzparty laufen?<\/span><\/p>\n<h2><b>Unsicherheiten, Unfertigkeit und Unwissenheit \u2013 Under Construction!<\/b><\/h2>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Mein Freitag stand unter der Frage, wie wir eigentlich mit den Baustellen umgehen, die uns in unserer Arbeit begegnen, und wie wir die Gro\u00dfbaustelle der Digital Humanities angehen sollten. Ein Dreiklang aus konkreten Projekten, die sich mit Unsicherheiten in ihrer Arbeit befassten, einem Diskussionsforum, das die Frage aufwarf, wie es um DH als Disziplin steht, und der Abschlusskeynote der diesj\u00e4hrigen Tagung, die den Tag mit einem Blick auf den Zustand des Unfertigen abrundete, bot den perfekten Strau\u00df von Antworten auf diese Fragen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Zusammengefasst unter dem Begriff Modellierung begann mein Tag mit dem Panel \u201eKontext, Unsicherheit und Geschlecht im Fokus der Modellierung: Datenprinzipien f\u00fcr die feministische Filmgeschichte&#8220; von Pauline Junginger. Die Vortragende gab spannende Einblicke in ihre Arbeit, in der sie unter anderem die Frage untersuchte, wie Unsicherheiten modelliert werden k\u00f6nnen. Sie pr\u00e4sentierte neue Ans\u00e4tze, etwa die Anwendung der FAIR-Prinzipien, und beleuchtete deren Bedeutung im Kontext der feministischen Filmgeschichte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Auch Stefan He\u00dfbr\u00fcggen-Walter besch\u00e4ftigte sich mit Unsicherheiten in seinem Vortrag \u201eAccuracy vs. Consistency: A Case Study Assessing Data Quality in Metadata of Early Modern Dissertations&#8220;. Er stand vor konkreten Herausforderungen, wie etwa der Frage, was passiert, wenn Diskrepanzen auftreten und Namen nicht eindeutig als Autor:innen identifiziert werden k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die Datenbank kaum Raum bietet, um solche Unsicherheiten ad\u00e4quat abzubilden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Schlie\u00dflich pr\u00e4sentierte Philipp Sauer ein Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Tanzarchiv Leipzig unter dem Titel \u201eWork(s) in progress \u2013 Datenmodellierung zum Kulturerbe Tanz in der DDR als Prozess&#8220; umgesetzt werden soll. Dabei steht das Projekt vor der Herausforderung, dass die Fl\u00fcchtigkeit dieser Kunstform und ihre Abh\u00e4ngigkeit von Spuren mit zahlreichen Unsicherheiten in Bezug auf die Erschlie\u00dfung von Daten konfrontiert sind. Und zugleich auch mit dem Problem, dass es bisher nur vergleichsweise wenig DH-Modellprojekte f\u00fcr die Untersuchung performativer K\u00fcnste gibt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Nach Einblicken in diese sehr spezifischen Unsicherheiten und Baustellen nahm ich an einem Panel zur Gro\u00dfbaustelle der Digital Humanities teil, mit dem Titel \u201eGemeinsame Baustellenbegehung \u2013 Digital Humanities und Wissenschaftsforschung&#8220;. Anstatt eines klassischen Vortrags fand diese Begehung vielmehr als Diskussionsforum statt, moderiert von Lisa Eggert und Sandra K\u00f6nig. Das Publikum hatte die M\u00f6glichkeit, seine eigenen Perspektiven und Sichtweisen als aktive Teilgeber:innen einzubringen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">In der Diskussion wurden zahlreiche Fragen aufgeworfen, etwa: Was sind die Digital Humanities eigentlich? Eine Disziplin, eine Metadisziplin oder gar eine Bewegung? Brauchen wir eine Geschichtsschreibung der DH? Wenn ja, wie sollte diese aussehen und in welchem Format sollte sie stattfinden? Auch wenn dieses Panel l\u00e4nger dauerte als alle anderen Vortr\u00e4ge, konnte selbst nach 90 Minuten keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen gefunden werden, was jedoch auch den Raum f\u00fcr Weiterentwicklung er\u00f6ffnet. An dieser Stelle m\u00f6chte ich auf das Projekt \u201eWhat is Digital Humanities?&#8220; (https:\/\/whatisdigitalhumanities.com) hinweisen, das sehr gut die Vielseitigkeit dieser Disziplin widerspiegelt \u2013 und f\u00fcr mich pers\u00f6nlich macht gerade das die Faszination der DH aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Im Anschluss an das Diskussionsforum folgte die Abschlusskeynote von Mareike K\u00f6nig, die perfekt den Bogen zur vorangegangenen Diskussion spannte. Ein Ladebalken, der nie ganz gef\u00fcllt war, bildete einen visuellen Anker in ihren Pr\u00e4sentationsfolien. Ihre Pr\u00e4sentation ermutigte dazu, die Nicht-Abgeschlossenheit als produktive Strategie zu begreifen, das Scheitern als Chance zu sehen und \u201eSlow Science&#8220; zuzulassen. Mareike K\u00f6nig betonte, dass wir beginnen sollten, die Unfertigkeit als einen fortlaufenden Prozess zu umarmen \u2013 und setzte damit den perfekten Schlusspunkt f\u00fcr diese intensive Konferenzwoche.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Ich bin sehr dankbar, dass mir durch die Dhd und NFDI for Culture mit einem Reisestipendium die Teilnahme an der diesj\u00e4hrigen Tagung erm\u00f6glicht wurde und hoffe, auch in Zukunft weiterhin an solchen wertvollen Veranstaltungen teilnehmen zu k\u00f6nnen (\u201eThis was very important for my career&#8220;). Die Konferenz war nicht nur eine ausgezeichnete Gelegenheit, aktuelle Projekte und innovative Ideen aus der digitalen Geisteswissenschaft zu entdecken, sondern auch ein Raum f\u00fcr tiefgehende Reflexionen \u00fcber die Zukunft der Disziplin. Und ich freue mich sehr auf die n\u00e4chsten geplanten Tagungen, im Februar 2026 in Wien unter dem Motto \u201eNot only Text, not only Data&#8220; und im M\u00e4rz 2027 unter \u201eMind the gap! \u2013 Wissen, Unsicherheit und Verantwortung&#8220; in Marburg.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Von Alica M\u00fcller (she\/her)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Ort k\u00f6nnte passender sein als Bielefeld, eine Stadt, die mit Wettbewerben zur Beweisf\u00fchrung ihrer Nicht-Existenz aufwartet, in der sich ein Wollnashorn-Skelett unter einer Glasscheibe in einer U-Bahnstation befindet und deren Stra\u00dfen Namen wie Konsequenz, Lauf der Dinge, Durchbruch oder Aufkl\u00e4rung tragen. 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