{"id":22297,"date":"2025-04-26T15:36:47","date_gmt":"2025-04-26T13:36:47","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=22297"},"modified":"2025-04-26T15:36:47","modified_gmt":"2025-04-26T13:36:47","slug":"recap-dhd-tagung-2025-in-bielefeld-auf-dem-weg-zur-digital-entfesselten-literaturgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=22297","title":{"rendered":"Recap: DHd-Tagung 2025 in Bielefeld \u2013 Auf dem Weg zur digital \u201eentfesselten\u201c Literaturgeschichte?"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>In der ersten M\u00e4rzwoche 2025 wurde in Bielefeld unter dem Motto \u201eUnder Construction\u201c die 11. Tagung des Fachverbandes \u201eDigital Humanities im deutschsprachigen Raum\u201c (DHd) abgehalten. Am letzten Tagungstag fand ein Panel zum Beitrag der Computational Literary Studies (CLS) zur Literaturgeschichtsschreibung statt, bei der der Autor dieser Zeilen nicht nur als studentisches Mitglied des Organisationsteams, sondern auch aus ureigenem Interesse teilnahm. Denn vom pragmatischen Nutzen f\u00fcr die (schulische) Lehre einmal abgesehen, begegnet uns Literaturgeschichte als die generationen\u00fcbergreifende Arbeit an einem <em>Werk<\/em>. Sie erscheint damit sowohl als Produkt, als die Essenz eines kulturellen Bestandes, als auch als Prozess, dessen Genese. Trotz der wissenschaftslogischen Randst\u00e4ndigkeit (Daniel Fulda<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>) der Literaturgeschichtsschreibung haben ihre Kontextualisierungen immer Einfluss auf uns, und deshalb war es f\u00fcr mich wie wohl auch f\u00fcr die anderen Besucher<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> des Panels von Interesse zu h\u00f6ren, wie die noch relativ jungen CLS unseren Blick auf Literaturgeschichte ver\u00e4ndern m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Unter der Moderation von <a href=\"https:\/\/www.germanistik.uni-rostock.de\/personen\/wiss-mitarbeitende\/nils-kellner\/\">Nils Kellner<\/a> (Rostock) diskutierten die Panellisten <a href=\"https:\/\/www.germanistik.uni-wuerzburg.de\/computerphilologie\/team\/dennerlein\/\">PD Dr. Katrin Dennerlein<\/a> (W\u00fcrzburg), <a href=\"https:\/\/www.uni-bielefeld.de\/fakultaeten\/linguistik-literaturwissenschaft\/personen\/berenike-herrmann\/\">Prof. Dr. Berenike Herrmann<\/a> (Bielefeld), <a href=\"https:\/\/www.germanistik.uni-wuerzburg.de\/computerphilologie\/team\/jannidis\/\">Prof. Dr. Fotis Jannidis<\/a> (W\u00fcrzburg), <a href=\"https:\/\/www.germanistik.uni-rostock.de\/personen\/wiss-mitarbeitende\/marc-lemke\/\">Marc Lemke<\/a> (Rostock) und <a href=\"https:\/\/www.germanistik.uni-halle.de\/komparatistik\/ma-komparatistik\/1259087_3391461\/\">Dr. Jana-Katharina Mende<\/a> (Halle\/Saale) \u00fcber Nutzen und Nutzbarmachung sowie Reichweite und Grenzen der computergest\u00fctzten Literaturwissenschaft f\u00fcr die Literaturgeschichte. Als Anwendungsfall diente die (computationelle) Untersuchung literarischer R\u00e4ume im Zuge des \u201espatial turns\u201c innerhalb der Literaturwissenschaft.<\/p>\n<p>Bei seiner Anmoderation stellte Kellner bereits zwei in der Folge gespr\u00e4chsbestimmende, klassische Problemstellungen der Literaturgeschichtsschreibung heraus: Literaturgeschichte weist erstens einen erheblichen Konstruktionscharakter aus, ist kontextabh\u00e4ngig und einer Auswahl von Autoren und Werken (Stichwort Kanonizit\u00e4t) und damit teilweise auch artifiziellen Grenzziehungen unterworfen. Zweitens soll Literaturgeschichte gleichsam einer Bildungsintention gerecht werden \u2013 als <em>common ground<\/em> f\u00fcr Wissenschaftler wie auch der allgemeinen Schulbildung dienen \u2013, womit Anspr\u00fcche an ihre Plausibilit\u00e4t, ihre relative \u00dcberschaubarkeit und ihre intersubjektive Verst\u00e4ndlichkeit gestellt werden. Dar\u00fcber hinaus \u2013 so schien auf dem Podium in der Folge Konsens zu herrschen \u2013 besteht bei der CLS, wie bei jeder anderen Literaturgeschichtsschreibung auch, die wohl gr\u00f6\u00dfte Herausforderung darin, nach der objektiven Datenerhebung zu entscheiden, in welche historischen Kontexte ein spezifischer Befund eingebunden werden sollte.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Wohl wenig \u00fcberraschend bestand auf einem Panel auf der DHd-Tagung zun\u00e4chst Konsens \u00fcber den gro\u00dfen Vorteil der CLS im Hinblick auf diese Probleme: Gro\u00dfe Textmengen, eingeschlossen des \u201e<em>great unread<\/em>\u201c (Kellner; Formulierung von Margaret Cohen<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>), k\u00f6nnen mit vergleichsweise wenig Aufwand durchgesehen und auf Muster untersucht werden. Daraus ergeben sich M\u00f6glichkeiten der Rekontextualisierung von Literaturgeschichte. \u00c4sthetisch hochwertige und\/oder viel gelesene, aber heute vergessene Autoren k\u00f6nnten wiederbelebt, der Beitrag weiblicher Autoren angemessen beleuchtet werden. Nationalstaatlich motivierte Konstruktionen k\u00f6nnten \u2013 im neutralen Wortsinne \u2013 revidiert, ebenso erweitert wie aufgel\u00f6st werden, und so weiter. Der Reihe nach stellten die Redner m\u00f6gliche Ans\u00e4tze vor.<\/p>\n<p>Mit Hilfe der computergest\u00fctzten Vergr\u00f6\u00dferung von Daten und deren statistischer Modellierung sei es m\u00f6glich, die diachrone Vereinfachung der Literaturgeschichtsschreibung durch eine Erweiterung des synchronen Blickfelds zu durchbrechen, kanonische neben nichtkanonischen Werken oder mehrere Editionen desselben Werks gleichzeitig zu betrachten (Dennerlein). In der klassischen Literaturwissenschaft unbeachtete Texteigenschaften k\u00f6nnten jetzt untersucht und Begriffe, bspw. von \u201aRaum\u2018, \u00fcber die diegetische Ebene erweitert werden (Lemke), u.a. auch um transnationale Literaturgeschichten zu erz\u00e4hlen und selbst die R\u00e4ume einzuschlie\u00dfen, in denen bzw. von denen aus Autoren ihre Werke geschrieben haben (Mende). Schlie\u00dflich k\u00f6nnten in der CLS auch ganz neue Fragen an die Literaturgeschichte gestellt werden, um zum Beispiel systematische Perspektiven zu Raum und Affekt diachron zu untersuchen; \u201eder Kreativit\u00e4t sind kaum Grenzen gesetzt\u201c (Herrmann).<\/p>\n<p>Einen Einwand warf allerdings Prof. Jannidis in die Runde. Mit Rekontextualisierungen und lediglich neuen, anderen Literaturgeschichten blieben die CLS letzten Endes den Gedankenmodellen der klassischen Literaturwissenschaft verhaftet. Die soeben wiedergegebenen \u00dcberlegungen d\u00fcrften nur als \u201eZwischenschritt\u201c betrachtet werden; Ziel der CLS m\u00fcsse eine \u201eprospektive Entfesselung\u201c sein. Die computergest\u00fctzten Methoden machten immerhin das vormals Unm\u00f6gliche m\u00f6glich, und so sollten wir in voraussehbarer Zeit bspw. f\u00e4hig sein, f\u00fcr die Literaturgeschichte alle Ereignisse rund um Literatur \u2013 jedes vorhandene Manuskript, jede Anstreichung, Verkaufszahlen, etc. \u2013 einbeziehen und interpretieren k\u00f6nnen. Gleichsam weist Jannidis eindringlich auf den hohen Ressourcenaufwand einer solchen Entfesselung hin; in seinen Worten: \u201eKein Man\u00f6ver ohne Kosten\u201c.<\/p>\n<p>So anregend und notwendig diese Debatte auch ist, stellen sich insbesondere in Hinblick auf den zweiten Problempunkt, der Bildungsintention von Literaturgeschichte, unmittelbar pragmatische Fragen zum Nutzen der CLS f\u00fcr die Literaturgeschichtsschreibung hier und heute. Denn wie Prof. Herrmann betont und auch ich aus Erfahrung als Tutor best\u00e4tigen kann: Die Nachfrage nach grundlegendem Literaturgeschichts- und Kontextwissen ist gerade bei Studenten in der Lehramtsausbildung hoch. Was der Zugang der CLS hier leisten kann \u2013 so vielleicht die Kernerkenntnis aus Podiumsgespr\u00e4ch und Fragerunde \u2013 ist, die teilweise extreme diachrone Vereinfachung der klassischen Literaturgeschichte zu durchbrechen und das \u00dcberblickswissen um neue daten- und evidenzbasierte Ergebnisse zu erweitern.<\/p>\n<p>Wie zum Abschluss gleich zwei Fragen aus dem Auditorium klarmachten, darf in diesem Kontext die \u201eEntfesselung\u201c der CLS aber nicht zu einer \u00dcberforderung f\u00fchren. Der einhellige L\u00f6sungsvorschlag aus dem Podium, um den Zugang auch f\u00fcr das Grundstudium und das au\u00dferwissenschaftliche Umfeld zu erm\u00f6glichen: Kondensierte, f\u00fcr den Anwendungskontext geeignete Visualisierungen, z.B. in Form narrativierter Daten in sogenannten <em>Data Stories<\/em>. Literaturwissenschaftler k\u00f6nnten aus der Datenwissenschaft lernen, wie sie das Bedeutende klar und \u00fcbersichtlich visuell vermitteln k\u00f6nnen (und dabei an eigene Praktiken anschlie\u00dfen), wobei sie jedoch zweierlei zu bedenken h\u00e4tten: Dass das Nadel\u00f6hr des Einzeltextes aus der Leserperspektive nie verschwinden wird (und zum Zwecke der \u00e4sthetischen Erfahrung wohl auch kaum verschwinden soll), und dass sich Wissenschaftler immer \u00fcber die Pluralit\u00e4t von Perspektiven und die Wirkm\u00e4chtigkeit vermeintlich repr\u00e4sentativer Datenvisualisierungen bewusst sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Zum Autor:<\/strong> Pierre-Michel Wei\u00dfe studiert Germanistik und Anglistik im Master an der Universit\u00e4t Bielefeld und hat seine Bachelorarbeit \u00fcber eine computerunterst\u00fctzte Raumuntersuchung zu Thomas Manns <em>Doktor Faustus<\/em> geschrieben. Er ist Tutor im Germanistik-Basismodul Literaturgeschichte und wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl von Prof. Dr. Berenike Herrmann.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Fulda, Daniel: Starke und schwache Historisierung im wissenschaftlichen Umgang mit Literatur. Zur Frage, was heute noch m\u00f6glich ist \u2013 mit einer disziplingeschichtlichen R\u00fcckblende. In: Matthias Buschmeier, Walter Erhart, Kai Kauffmann (Hgg.): <em>Literaturgeschichte. Theorien \u2013 Modelle \u2013 Praktiken<\/em>. De Gruyter 2014, S. 101\u2013121, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/9783110287295.101\">https:\/\/doi.org\/10.1515\/9783110287295.101<\/a>, hier S. 104.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> In diesem Beitrag wird f\u00fcr Personenbezeichnungen das generische Maskulinum verwendet.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Herrmann, Berenike, Daniel Kababgi, Marc Lemke, Nils Kellner, Ulrike Henny-Krahmer, Fotis Jannidis, Katrin Dennerlein und Matthias Buschmeier: <em>Literaturgeschichte &#8222;under Construction&#8220; \u2013 Was k\u00f6nnen die Computational Literary Studies beitragen? Ein Panel zur digitalen Untersuchung von Raum in der Literatur<\/em>. Zenodo 2025, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.14943254\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.14943254<\/a>, S. 117.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Cohen, Margaret: <em>The Sentimental Education of the Novel<\/em>. Princeton: Princeton University Press 1999, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1515\/9780691188249\">https:\/\/doi.org\/10.1515\/9780691188249<\/a>, S. 23.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der ersten M\u00e4rzwoche 2025 wurde in Bielefeld unter dem Motto \u201eUnder Construction\u201c die 11. 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