{"id":20813,"date":"2024-04-03T10:46:32","date_gmt":"2024-04-03T08:46:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=20813"},"modified":"2024-04-03T10:46:32","modified_gmt":"2024-04-03T08:46:32","slug":"reisebericht-dhd2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=20813","title":{"rendered":"Reisebericht Dhd2024"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reisekostenstipendiums f\u00fcr die DHd2024 entstanden. Ich m\u00f6chte mich beim DHd-Verband an dieser Stelle herzlich daf\u00fcr bedanken, mir die Teilnahme an der Konferenz zu erm\u00f6glichen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Gr\u00fcndungsjahr des DHd leakte Snowden und es erscheint Ari Folmanns Film <em>The Congress<\/em> <em>(2013)<\/em>. Damals, als die Gegenwart noch Science-Fiction war, zeigt Folmann die Erschaffung eines virtuellen Abbilds einer Schauspielerin, wodurch ihre Arbeit obsolet wird. Heute treffen Schauspielgewerkschaften Vereinbarungen \u00fcber den Einsatz generativer KI-Systeme, um Arbeit zu erhalten. Und was mache ich? Ich verbringe montagmorgens drei Stunden im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis, bevor ich p\u00fcnktlich mit der Bahn aus Wuppertal losstarte. Die Bahnfahrt ist unspektakul\u00e4r, die Lekt\u00fcre, umso spannender. <em>Going Zero (2023)<\/em> von Anthony McCarten. Ein Roman, der die M\u00f6glichkeiten des Verbergens vor \u00dcberwachungstechnologie verarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Passau<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der Spaziergang zum Veranstaltungsort f\u00fchrt durch eine still beschauliche, ordentlich herausgeputzte und sehr saubere Stadt. Kein Gr\u00fcnbelag an den Fassaden. Hier herrscht wohl ein anderes Klima. Kein bisschen Schmutz auf den Gehwegen, alles rein. Allerdings wird in Stra\u00dfen der Reinigungsklasse IV auch \u201esiebenmal w\u00f6chentlich gereinigt [\u2026], da die Nichtreinigung an einem Wochentag zu nicht akzeptablen Zust\u00e4nden f\u00fchren w\u00fcrde.\u201c<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Workshop<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Im Workshop <em>Das richtige Tool f\u00fcr die Volltextdigitalisierung<\/em> geht es zun\u00e4chst auch um das Aufh\u00fcbschen \u2014 diesmal beim Preprocessing von Textscans. Die vier Vortragenden des Workshops erkl\u00e4ren sehr anschaulich die Prinzipien der Texterkennung, der Herstellung von Ground Truth und dem Modell-Training, das manchmal unter Halluzinationen leidet, \u00e4hnlich den Figuren in <em>The Congress<\/em>. Nur ist die magische Verwandlung in digitale Ausgabeformate bei OCR nicht der Einnahme von Psychedelika geschuldet, sondern basiert auf versiertem Software-Engineering, dessen Ergebnisse wir bei der Vorstellung der drei Tools OCR-D, OCR4all, eScriptorium kennenlernen und ausprobieren d\u00fcrfen. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Keynote<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend verbringe ich meine freie Zeit mit einer zauberhaften Slawistin. Wir besuchen gemeinsam Marco van Leeuwens Keynote <em>Comparative interdisciplinary research in History and Sociology<\/em>. Van Leeuwen erz\u00e4hlt \u00fcber seinen Werdegang, der zu Beginn von engen disziplin\u00e4ren Grenzen gepr\u00e4gt ist. Ob diese Erfahrung innerhalb der Digital Humanities wohl verbreitet ist? Er berichtet weiter von seiner Forschung zur Sozialen Mobilit\u00e4t w\u00e4hrend der Industrialisierung anhand von \u00f6ffentlichen Registern. Nachhaltig bleibt mir seine Aussage zur Mobilit\u00e4t von Frauen in Erinnerung: Keine Kinder zu haben ist ein bedeutender Faktor. Dabei denke ich an die drei Stunden Stillstand im Wartezimmern der Kinderarztpraxis. Ich frage mich, welchen Einfluss geschmeidige Verwaltungsstrukturen auf das Leben der Menschen haben k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Forschungsplattformen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen treffe ich ein bekanntes Gesicht aus dem MALIS Studium an der TH K\u00f6ln und anschlie\u00dfend geht es zur Session f\u00fcr <em>Forschungsplattformen<\/em>. Hier behandeln die Vortragenden vom <em>Cologne Center for eHumanities<\/em> Erfahrungen mit Citizen-Science-Projekte (stetiges Community-Management n\u00f6tig) und berichten au\u00dferdem \u00fcber Verst\u00e4ndigungsschwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit anderen Fachwissenschaften, die aus unterschiedlichen medientechnologischen Perspektiven und dazugeh\u00f6rigen Logiken (Analog vs. Digital) erwachsen. F\u00fcr die Beseitigung von H\u00fcrden und den leichten Einstieg ins Digitale pl\u00e4diert Mark Hall mit <em>\u03bcEdition \u2013 Niedrigschwellige Digitale Editionen<\/em>. Sein L\u00f6sungsansatz: pragmatisch reduzierte Funktionalit\u00e4t der Editionsumgebung mit Markdown als Anfangsformat, anstatt der voraussetzungsreichen Einarbeitung in gro\u00dfangelegte, normiert und standardisierte Infrastrukturen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Doctoral Consortium III<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Nach einer wuseligen Mittagspause mit Mentee-Treffen, voller Mensa und weiteren Geschichten geselle ich mich in das <em>Doctoral Consortium III<\/em>. Mal sehen, womit sich andere so besch\u00e4ftigen. Es geht bei Laura Untner zum Beispiel um die Modellierung der literarischen Sappho-Rezeption mit CIDOC CRM. Oder auch, sehr interessant, die religionswissenschaftliche Methodenarbeit von Lina Rodenhausen, die sich mit der automatischen Metaphernverarbeitung und -analyse gegenw\u00e4rtiger christlichen Subreddits befasst. Die Ver\u00f6ffentlichungen der beiden Arbeiten \u2013 eine Datensammlung zur Sappho-Rezeption soll FAIR zur Verf\u00fcgung stehen \u2013 interessieren mich jetzt schon.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Forschungsdaten<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der f\u00fcr mich letzte Tag beginnt mit der <em>Forschungsdaten<\/em> Session. Der Vortrag zum Projekt HistKI stellt die Verkn\u00fcpfung von multimodalen Daten in der kunsthistorischen Forschung zu Dresden mithilfe von Annotationen vor und zeigt dessen visuell sehr ansprechende Plattform 4D Browser und dessen Funktionalit\u00e4ten. Ich f\u00fchle mich ein wenig an die <em>Venice Time Machine<\/em> erinnern, die mich seinerzeit sehr beeindruckt hat (Wei\u00df jemand, ob das Projekt tats\u00e4chlich ad acta gelegt wurde?). Anschlie\u00dfen folgt der Vortrag <em>Normdaten Quo Vadi<\/em>s der den aktuellen Stand und die M\u00f6glichkeiten der Normdatenerfassung und -korrektur sehr anschaulich darstellt. Ern\u00fcchternd ist, dass wohl bei Korrekturanfragen innerhalb des DNB-Katalogs keine R\u00fcckmeldung zur Eingabe erfolgt und dass \u00c4nderungen durch die GND-Redaktionen erhebliche Wartezeiten bis zur Bearbeitung mit sich bringen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Philosophie<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In der Session zur Philosophie stellen Vertreter der Arbeitsgruppe <em>Philosophie der Digitalit\u00e4t \/ philosophische Digitalit\u00e4tsforschung<\/em> der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Philosophie ihre Arbeit am PhiWiki vor. Es ist ein in Entstehung befindliches semantisches Wiki-Systems, das als digitaler Denk-, Diskurs und Publikationsraum dienen soll. Die Plattform wird Normdaten und fachwissenschaftlich einschl\u00e4gige W\u00f6rterb\u00fccher integrieren und soll die M\u00f6glichkeit bieten, ein Glossar mit Begriffen zur digitalen Philosophie zu erschaffen. Meiner Einsch\u00e4tzung nach ein hochinteressantes wie zugleich komplexes Thema und Unterfangen. Insbesondere in Zusammenschau mit der potenziellen Ausweitung der Zielgruppe, wie Stefan He\u00dfbr\u00fcggen-Walter sie in seinem Beitrag <em>The Future of Philosophy<\/em> zeichnet, denn er gelangt zu der Schlussfolgerung, dass Digitale Humanisten in gewisser Weise Philosophen sind, insofern sie sich bei der \u00dcbersetzung und konzeptionellen Umformung zur digitalen Verarbeitung mit der Kl\u00e4rung von Bedeutung besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Off<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckfahrt mit der Bahn entwickelt sich zu dem vorausgeahnten Spektakel. Ich lasse mich davon nicht beirren und beginne Gadamers <em>Sprache und Verstehen (1970<\/em>) zu lesen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Es begegnet allerorten, da\u00df Versuche der Verst\u00e4ndigung zwischen den Zonen, den Nationen, den Bl\u00f6cken, den Generationen daran scheitern, da\u00df eine gemeinsame Sprache zu fehlen scheint und da\u00df die gebrauchten Leitbegriffe wie Reizworte wirken, die die Gegens\u00e4tze verfestigen und die Spannungen versch\u00e4rfen, zu deren Behebung man zusammenkommt. Man denke nur an Worte wie \u00bbDemokratie\u00ab oder \u00bbFreiheit\u00ab.<\/em><a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6re direkt wieder auf zu lesen. Die Texte des alt gewordenen Herrn werden mich die n\u00e4chsten Jahre noch begleiten. Mag ich sie? Ich wei\u00df es noch nicht. Und halte ich es zur Verabschiedung aus diesem Text mit den Worten einer Buchhandelskette, die auf ihren Lesezeichen druckt \u201eWelt, bleib wach.\u201c?! Nein, dann rufe ich euch doch lieber zu \u201eSchlaft nicht ein!\u201c und bleibe gespannt auf die Antworten der kommenden Jahre.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.muw-nachrichten.de\/dahoam\/passau\/aenderung-der-strassenreinigungssatzung-in-der-stadt-passau\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.muw-nachrichten.de\/dahoam\/passau\/aenderung-der-strassenreinigungssatzung-in-der-stadt-passau<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[2]<\/a> Gadamer, Hans-Georg. Sprache und Verstehen (1970). In: <em>Gadamer-Lesebuch <\/em>hrsg. von Jean Grondin, S 71-85. T\u00fcbingen: Mohr 1997.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reisekostenstipendiums f\u00fcr die DHd2024 entstanden. 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