{"id":1952,"date":"2013-07-18T10:55:00","date_gmt":"2013-07-18T08:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=1952"},"modified":"2013-07-18T23:07:31","modified_gmt":"2013-07-18T21:07:31","slug":"tagungsbericht-zur-ersten-digital-humanities-summer-school-bern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=1952","title":{"rendered":"Tagungsbericht zur ersten Digital Humanities Summer School Bern"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"Apple-style-span\" style=\"color: #333333;\">Die (Inter-)Disziplin der digitalen Geisteswissenschaften (Digital Humanities) konturiert sich auch in der Schweiz immer deutlicher. Nach einer Reihe regionaler und nationaler Fachtagungen, erster Berufungen an Universit\u00e4ten und eines ersten\u00a0<a title=\"THATcamp.org\" href=\"http:\/\/thatcamp.org\/about\" target=\"_blank\">THATCamps<\/a>\u00a0&#8212;\u00a0einer relativ informellen und stark partizipaitven Unconference &#8211;, das auch in die Nachbarl\u00e4nder und teilweise dar\u00fcber hinaus ausstrahlte, fand vor wenigen Tagen mit der\u00a0<b>ersten Digital Humanities Summer School an der Universit\u00e4t Bern<\/b>\u00a0(26.-29. Juni 2013) ein weiterer bedeutender DH-Anlass statt. Wie das\u00a0<a title=\"THATCamp Switzerland 2011\" href=\"http:\/\/switzerland2011.thatcamp.org]\" target=\"_blank\">Lausanner THATCamp<\/a>\u00a0(2009) wurde die DH-Summer School durch ein bew\u00e4hrtes Konsortium aus Vertretern der Geschichtsplattformen\u00a0<a title=\"Infoclio\" href=\"http:\/\/www.infoclio.ch\" target=\"_blank\">infoclio.ch<\/a>\u00a0(als Hauptorganisator) und\u00a0<a title=\"hist.net\" href=\"http:\/\/www.hist.net\" target=\"_blank\">hist.net<\/a>, des\u00a0<a title=\"Verein G+I\" href=\"http:\/\/ahc-ch.ch\" target=\"_blank\">Vereins Geschichte und Informatik<\/a>\u00a0(also der Hausherren dieses Blogs), des\u00a0<a title=\"DODIS\" href=\"http:\/\/www.dodis.ch\" target=\"_blank\">DODIS<\/a>-Editionsprojekts sowie von Forschenden der\u00a0<a title=\"Universit\u00e4t Bern, Germanistisches Institut\" href=\"http:\/\/www.germanistik.unibe.ch\" target=\"_blank\">Universit\u00e4ten Bern<\/a>\u00a0und Lausanne (<a title=\"LADHUL\" href=\"http:\/\/www.unil.ch\/ladhul\" target=\"_blank\">LADHUL<\/a>,\u00a0<a title=\"DHLab\" href=\"http:\/\/dhlab.epfl.ch\" target=\"_blank\">DHLab<\/a>) organisiert und durchgef\u00fchrt. Dank eines attraktiven Programms mit Pr\u00e4sentatoren und Workshop-Leitern von internationalem Ruf waren die gut hundert Pl\u00e4tze im Fr\u00fchjahr in k\u00fcrzester Zeit an Teilnehmer aus zwanzig verschiedenen L\u00e4ndern vergeben.\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die viert\u00e4gige Summer School begann am Mittowch, 26. Juni, mit einem Er\u00f6ffnungsvortrag durch\u00a0<b>Ray Siemens<\/b>, Universit\u00e4t Victoria CA und ADHO-Direktor, der das Verh\u00e4ltnis der Digital Humanities zu den hergebrachten Disziplinen und dem Spannungsfeld zwischen ihnen auszuleuchten versuchte, wobei seine wichtigsten Referenzpunkte Cathy Davidsons Begriff \u201a<a title=\"Digital Humanities 2.0\" href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1632\/pmla.2008.123.3.707\" target=\"_blank\">Digital Humanities 2.0<\/a>\u2018 und Willard McCartys \u201a<a title=\"Humanities Computing\" href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1057\/9780230504219\" target=\"_blank\">Methodological Commons<\/a>\u2018 (ibi p. 118-119) waren. Erscheinen die Digital Humanities von aussen betrachtet verh\u00e4ltnism\u00e4ssig positivistisch gepr\u00e4gt, er\u00f6ffnen sich aus der Innenperspektive vielerlei kritische Aspekte und unscharfe Grenzziehungen. Siemens pl\u00e4diert daf\u00fcr, den definitorischen Problemen nicht auszuweichen, da\u00a0diesbez\u00fcglich\u00a0eine gewisse Standfestigkeit notwendig sei, um die disziplin\u00e4re und interdisziplin\u00e4re Forschung voranzubringen.<\/p>\n<p><b>Susan Schreibman<\/b>, Trinity College Dublin, lieferte im n\u00e4chsten Vortrag historischen Kontext zur Genese der Digital Humanities und den wechselnden Selbstverst\u00e4ndnissen der Akteure, wobei sich der Bogen von Roberto Busas Lochkarten-basierter Thomas von Aquin-Konkordanz bis hin zu virtuellen Welten spannte, welche die Beantwortung ganz konkreter Fragestellungen erm\u00f6glichen sollen, letzteres veranschaulicht durch das laufende\u00a0<a title=\"Easter 1916: Contested Memories\" href=\"http:\/\/virtualworlds.etc.ucla.edu\/?p=224\" target=\"_blank\">Easter Rising-Projekt<\/a>\u00a0und dessen virtuelles Strassenpanorama, das, situative Begebenheiten und das Potential der verwendeten Waffen ber\u00fccksichtigend, Aufschluss \u00fcber m\u00f6gliche Opferzahlen w\u00e4hrend des Dubliner Osteraufstandes von 1916 geben soll. Die Anekdote des zun\u00e4chst irrt\u00fcmlicherweise online frei zug\u00e4nglich gemachten Bandes \u201a<a title=\"Digital Humanities\" href=\"http:\/\/mitpress.mit.edu\/sites\/default\/files\/titles\/content\/9780262018470_Open_Access_Edition.pdf\" target=\"_blank\">Digital Humanities<\/a>\u2018, welche den Verkauf des Werks erst recht angekurbelt hat, erm\u00f6glichte einen interessanten Bezug zu den im Wandel begriffenen Publikationsmodellen und den damit einhergehenden Fragen nach wissenschaftlicher Anerkennung und in der Verl\u00e4ngerung zur viel diskutierten Wertfrage des \u201abuilding and making\u2018 im Gegensatz zu \u201areading and critique\u2018. Durch sich verschiebende Gewichte und den postulierten \u201aobject life cycle\u2018 bzw. genereller durch die Bestrebungen zur langfristigen Kuration von Forschungsdatenbest\u00e4nden deutet sich nach Schreibman eine gewisse Konvergenz der bis anhin disparaten Arbeitsfelder von Forschern und Dokumentalisten (Bibliothekaren, Archivaren) an.<\/p>\n<p>Vermochten diese beiden einf\u00fchrenden Referate die Entwicklung und den gegenw\u00e4rtigen Stand digitaler geisteswissenschaftlicher Forschung einigermassen abzustecken, blieb das inspirierende Moment vielleicht etwas hinter den Erwartungen zur\u00fcck. Illustrieren l\u00e4sst sich dies beispielsweise am (zu) verbreiteten Visualisierungstyp der Begriffswolke (word cloud, wordle; bisweilen auch als Vokuhilas des Internets bezeichnet), den Siemens wie Schreibman in ihren Pr\u00e4sentationen verwendeten, was aus dem Publikum prompt hinterfragt wurde und einer Diskussion \u00fcber den Einsatz von Werkzeugen Weg bereitete, deren Mechanismen h\u00e4ufig nicht evident sind und die folglich Resultate verzerren k\u00f6nnen.<\/p>\n<div style=\"text-align: center;\"><a title=\"Umstrittene Begriffswolken\" href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/UmstritteneBegriffswolken.jpeg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1954\" alt=\"UmstritteneBegriffswolken-300x223\" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/UmstritteneBegriffswolken-300x223.jpeg\" width=\"300\" height=\"223\" \/><\/a>Claire Clivaz, Ray Siemens; Bild:\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/GrandjeanMartin\/status\/349874129366831104\/photo\/1\" target=\"_blank\">Martin Grandjean<\/a><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Elena Pierazzo<\/b>, Kings College London, verband in ihrem Vortrag kommunikations- und texttheoretische Aspekte konzise mit den vielf\u00e4ltigen praktischen Herausforderungen, die digitale Editionsprojekte mit sich bringen. Ausgehend von der grundlegenden Unterscheidung der linguitischen Konstruktion (Text) vom physischen Objekt (Dokument) er\u00f6rterte sie das editorische Spektrum, das von einfachen, evident gegliederten, neoplatonischen Texten \u00fcber Leseausgaben, kritische Editionen und diplomatische Editionen hin zu dokumentnahen Faksimile-Editionen reicht. Seit mehreren Jahrzehnten kommt dabei besonders der materiellen Dimension von Texten gr\u00f6ssere Bedeutung (critique g\u00e9n\u00e9tique, material\/new philology) zu, was die &#8212; ohnehin komplexe und konventionalisierte &#8212; editorische Praxis weiter ausdifferenziert hat. Mit dem Transfer der zugeh\u00f6rigen Editionsformen in den digitalen Raum stellen sich viele Fragen, deren wichtigste Pierazzo schlaglichtartig tangierte und mit zugleich illustrativen und beeindruckenden Beispielen veranschaulichte. Ihr eigener vor dem Hintergrund der Arbeit der TEI Manuscripts SIG entstandener Proust-Prototyp l\u00e4sst den Leser durch die sequentielle Anzeige von Textpassagen beispielsweise gleichsam dem Autor bei der Entstehung des Texts \u00fcber die Schultern blicken. Zur Sprache kam mehrfach auch die Position des Editors, dessen Textverst\u00e4ndnis im Encoding manifest wird und dessen Rolle und Autorit\u00e4t gerade auch bei Crowdsourcing-Editionsprojekten definiert werden sollte. Zum Themenkreis digitaler Editionsformen vgl. aktuell und ausf\u00fchrlich\u00a0<a title=\"Sahle 2013: Digitale Editionsformen\" href=\"http:\/\/www.i-d-e.de\/schriften\/s7-9-digitale-editionsformen\" target=\"_blank\">Sahle (2013)<\/a>\u00a0und dann vor allem auch Pierazzos neues Werk zu\u00a0<i>digital scholarly editions<\/i>, das in absehbarer Zeit verf\u00fcgbar sein wird.<\/p>\n<p>In seinem zweiten Vortrag, der sich mit der sozialen Wissenskonstruktion und -produktion (in den Literaturwissenschaften) befasste, \u00e4usserte\u00a0<b>Ray Siemens\u00a0<\/b>die These, dass gr\u00f6ssere Datenmengen, beschleunigte Arbeitsweisen, unmittelbarere und dichtere Kommunikation sowie verst\u00e4rkte Teilhabe des Publikums in der Datenerzeugung und im wissenschaftlichen Diskurs das Potential h\u00e4tten, Forschungsfragen und Forschungsprozesse wesentlich zu beeinflussen. Ankn\u00fcpfend an die Arbeit des\u00a0<a title=\"Electronic Textual Cultures Lab\" href=\"http:\/\/etcl.uvic.ca\">Electronic Textual Cultures Lab<\/a>\u00a0(ETCL, U Victoria), und vor dem Hintergrund, dass Wissen in der Regel in chaotischen Strukturen und unter sehr unterschiedlichen Bedingungen entsteht, wobei gerade die informelle Forschungskommunikation bedeutsam ist, beschrieb Siemens eine Umdeutung der Rolle der Forschenden im digitalen Umfeld von didaktischen Autorit\u00e4ten hin zu Wissenserm\u00f6glichern (<i>facilitators of knowledge<\/i>). Kollaborative Werkzeuge, welche grundlegende Funktionen wie die Bereitstellung von Materialien, deren Annotation, Verzeichnung und Analyse erm\u00f6glichen &#8212; durch Siemens anhand einer F\u00fclle von Beispielen dargelegt, etwa zur Honorierung freiwilliger Partizipation (<i>Gamification<\/i>), erg\u00e4nzt durch eine hervorragende annotierte Bibliographie &#8211;, sind in diesem Kontext f\u00fcr die Wissensproduktion elementar. Wissen entsteht vor einem gr\u00f6sseren Publikum und durch mehr Akteure, seine Produktion verlagert sich im akademischen Kontext wie in anderen Bereichen (z.B. Journalismus) ausserhalb institutioneller Strukturen. Aus diesen \u00dcberlegungen leitet Siemens eine Reihe von Forderungen an zeitgen\u00f6ssische Forscher ab: Damit (Geistes-)Wissenschaftler die Entwicklung neuer Methodologien und Kommunikationsformen mitpr\u00e4gen k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie die Potenziale neuer Medien untersuchen, um sie bestm\u00f6glich zu verstehen, die Mechanismen kollaborativer Arbeitsinstrumente kennen, Grenzen ausloten, unterliegende Ideologien freilegen und einfache positivistische Ans\u00e4tze in Frage stellen. Neben engagiertes Gestalten und Kreieren soll eine kritische Theorie treten, welche ethische und disziplin\u00e4re Standards st\u00e4ndig reflektiert.<\/p>\n<p>Viele der zuvor anklingenden Implikationen der Erweiterung geisteswissenschaftlicher Disziplinen um neue Ans\u00e4tze und Methoden auf theoretische, moralische und gesellschaftliche Belange b\u00fcndelte\u00a0<b>David Berry<\/b>, Swansea University, in einem dicht befrachteten Vortrag zu DH und Kulturkritik bzw. den Critical Digital Humanities. Auch er setzt bei der Definition und Abgrenzung des Feldes an, dabei er Stephen Ramsays\u00a0<a title=\"DH I and II\" href=\"http:\/\/stephenramsay.us\/2013\/05\/03\/dh-one-and-two\">DH-Typisierung<\/a>\u00a0aufnehmend, die der vorab praktisch orientierten und relativ institutionalisierten Community wie sie sich in den fr\u00fchen 1990er Jahren unter dem Schlagwort Computing in the Humanities formierte (DH-Typus I), eine neuere weniger klar umrissene Bewegung entgegenstellt, deren Interessen breit gef\u00e4chert sind und die mit bisweilen revolution\u00e4rer Gesinnung eine eigentliche Erneuerung der Geisteswissenschaften anstrebt (DH-Typus II; Medientheoretiker, Kulturkritiker, Digitalk\u00fcnstler). Der Frage, was sich in der Konfiguration der geisteswissenschaftlichen Forschung wirklich ver\u00e4ndert, n\u00e4herte sich Berry aus den Perspektiven der Quantifizier- und Kalkulierbarkeit, der Organisation und des Beschleunigungspotenzials. Mit der \u00dcberhandnahme eines metrischen Paradigmas, das Hermeneutik durch Mathematik ersetzt und die Formalisierung der Forschung bef\u00f6rdert, ver\u00e4ndert sich auch der organisatorische Rahmen: Forschung wird projektbezogen betrieben und Administratoren und Projektleiter machen Professoren das Terrain streitig. Zugleich beschleunigt sich die Forschungst\u00e4tigkeit durch effiziente Analyseformen, hochgradig responsive Kommunikationsmittel und eine in manchen F\u00e4llen ausbeuterische Arbeitsteilung. Vorw\u00fcrfe, die Digital Humanities seien zuv\u00f6rderst eine opportunistische und marktanbiedernde Ausrichtung der Forschung nach Kosten-Nutzen-Forderungen lassen sich nach Berry nicht kategorisch von der Hand weisen, gibt es doch deutliche Parallelen zwischen DH-Diskursen und Managementfloskeln. N\u00e4her betrachtet handle es sich aber um genuin geisteswissenschaftliche Bet\u00e4tigung, die keineswegs bew\u00e4hrte Forschungsprinzipien leichtfertig gegen die gerade angesagtesten Technologien und Ans\u00e4tze eintauscht. Daf\u00fcr, dass \u201edigital\u201c in der politischen \u00d6konomie der Universit\u00e4ten l\u00e4ngst ein Schl\u00fcsselwort im Erschliessen neuer Geldquellen ist, gibt es jedoch zahllose Belege. Berry fordert zurecht mehr Anerkennung f\u00fcr die bereits geleistete kritische Arbeit und mehr Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihren Ausbau. Der m\u00f6glicherweise resultierende Verlangsamungseffekt k\u00f6nne durchaus produktiv sein, indem die Forschung durch verst\u00e4rkte Reflexion profitiere, gerade auch jenseits der Projektebene in der l\u00e4ngerfristigen Perspektive.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Berrys \u00fcbergreifendem Vortrag konzentrierte sich jener von\u00a0<b>Claire Lemercier<\/b>, CNRS-Sciences Po, Paris, \u00fcber Netzwerkanalyse auf eine spezifische Forschungsmethode, ohne es aber zu missen, Bez\u00fcge zu quantitativen Methodolgien zu schaffen. Im Vordergrund standen dabei nicht konkrete analytische Werkzeuge, sondern die formalen M\u00f6glichkeiten, Forschungsdaten einer Linse gleich aus verschiednen Winkeln und Distanzen zu untersuchen. Das Potential der Methode liege weniger in attraktiven Visualisierungen komplexer (und oftmals wenig aussagekr\u00e4ftiger) Netzwerke als in der M\u00f6glichkeit, vorhandene und fehlende Bez\u00fcge auf verschiedenen Ebenen zu betrachten und isolierte Effekte aufzusp\u00fcren. Der Forschungsprozess soll dabei von der Datensammlung in einem Archiv bis zur Publikation der Resultate von formalen \u00dcberlegungen begleitet werden, die es durch eine vorausschauende, der Dimensionalit\u00e4t bewusste Datensatzmodellierung erlauben, einengende Abh\u00e4ngigkeiten im weiteren Forschungsprozess zu vermeiden. Genaue Kenntnisse \u00fcber den Aufbau eines Datensatzes und daraus abgeleitet m\u00f6gliche interessante Fragestellungen beeinflussen die Auswahl des Analysewerkzeuges grunds\u00e4tzlich. Der Netzwerkanalyse verwandte Methoden wie die geometrische Analyse, die multiple Korrespondenzanalyse, die Sequenzanalyse oder auch klassische deskriptive Statistik sind f\u00fcr manche Forschungszwecke besser geeignet als die soziale Netzwerkanalyse, die ihrerseits eigentlich eine Vielfalt von Spielarten umfasst. Die Netzwerk-Sichtweise\u00a0kann in vielen Bereichen produktiv sein &#8212; als Netzwerke aufgefasst werden k\u00f6nnen Beziehungen unter und zwischen Personen und Organisationen aber auch historischen Ereignissen und Quellen oder linguistischen Einheiten &#8211;, um Korrelationen und Beziehungsmuster aufzudecken, sie sollte aber immer auch durch einen qualitativen Blickwinkel auf die Daten erg\u00e4nzt werden.<\/p>\n<p>Im letzten Vortrag der Summer School pr\u00e4sentierte\u00a0<b>Fr\u00e9d\u00e9ric Kaplan<\/b>, EPFL Lausanne, das k\u00fcrzlich angelaufene\u00a0<a title=\"Venice Time Machine Project\" href=\"http:\/\/fkaplan.wordpress.com\/2013\/03\/14\/lancement-de-la-venice-time-machine\"><i>Venice Time Machine<\/i><\/a>-Projekt von EPFL und Universit\u00e4t Ca\u2019Foscari (Digital Humanities Venice) und mithin seine Vision, durch effiziente Digitalisierung und Datenextrapolation vergangene Zeiten virtuell zu erschliessen und durch die Erkenntnisse wesentlich zu einer temporalen Kartografierung von St\u00e4dten, L\u00e4ndern und Kontinenten beizutragen. Erste Voraussetzung f\u00fcr die Kreation einer solchen \u201aZeitmaschine\u2018 ist die Anh\u00e4ufung zuverl\u00e4ssiger Daten \u00fcber die Vergangenheit. Wir verf\u00fcgen n\u00e4mlich \u00fcber eine enorme Datendichte in der Gegenwart, die aber bereits f\u00fcr die vorhergehende Dekaden und mehr noch f\u00fcr vergangene Jahrhunderte sehr viel bescheidener ist. Im Venedig-Projekt sollen zu diesem Zweck im Verlauf der n\u00e4chsten zehn Jahre rund 80 Laufkilometer Archivalien mit \u00fcber 100 Millionen Dokumenten, die aus einem Zeitraum von \u00fcber 1000 Jahren stammen und in verschiedenen Sprachen und Dialekten verfasst wurden, digitalisiert und interoperabel aufbereitet werden, so dass dereinst gesch\u00e4tzte 10 Milliarden \u201aEreignisse\u2018 (Datenpunkte,\u00a0<i>factlets<\/i>) abgefragt werden k\u00f6nnen. Kaplan und sein Team sehen einer Vielzahl von Stolpersteinen entgegen, denen sie mit innovativen Methoden begegnen wollen: optimierte Scan-Roboter (Vision einer Abtastung der Information in geschlossenen B\u00fcchern), verbesserte Texterkennung durch Kontextwissen (analog der Spracherkennung), Nutzung der frei erh\u00e4ltlichen Mithilfe tausender motivierter Studenten gegen Akkreditierung von Kursleistungen in\u00a0<i>massive open online courses<\/i>\u00a0(MOOCs), graphbasierte semantische Informationsmodellierung (RDF), Extrapolation und Simulation fehlender Informationen. Der geisteswissenschaftlichen Forschungsdaten eigenen Ungenauigkeit und Unsicherheit soll durch die Zuweisung \u201afiktiver R\u00e4ume\u2018, die in Aggregation Wahrscheinlichkeitsaussagen zulassen, begegnet werden, so dass unter einer Vielzahl potentiell m\u00f6glicher Vergangenheiten die plausibelsten eruiert werden k\u00f6nnen. Es handelt sich zweifellos um ein hochinteressantes Projekt mit viel Potential f\u00fcr verschiedene Bereiche. Ob die angestrebte effiziente semantische Erschliessung aber in den n\u00e4chsten Jahren Realit\u00e4t wird und zufriedenstellende Resultate liefern kann, vermag aus heutiger Warte jedoch gewisse Zweifel zu wecken.<\/p>\n<p>Die sieben vielseitigen und interessanten Vortr\u00e4ge wurden durch zw\u00f6lf\u00a0<b>Workshops<\/b>\u00a0und sieben\u00a0<b>Unconference-Sessionen<\/b>\u00a0erg\u00e4nzt, die erfreulicherweise oftmals mit einem direkten Bezug zu den Vortragsthemen angeboten wurden und theoretische (Critical Digital Humanities, Zug\u00e4nglichkeit und Quellenkritik digitaler\/digitalisierter Quellen), disziplin\u00e4re (DH und die akademische Lehre) und methodische Belange (Datenaufbereitung, Textanalyse, digitale Editionen von Text und Musik, Visualisierungsmethoden, individuelle und kollektive Arbeitspraktiken) sowie deren \u00dcberschneidung (semantisch modellierte Forschungsumgebungen) vertieften. Aufgrund der begrenzten verf\u00fcgbaren Zeit blieb es in vielen Workshops bei der Demonstration und Diskussion, vereinzelt konnten die Teilnehmer aber erfreulicherweise auch durchaus selber aktiv werden, etwa in den Workshops zu TEI-Editionen (E. Pierazzo), Textanalyse (S. Schreibman), Literaturverwaltung (N. Chachereau) oder Gephi-Visualisierungen (M. Grandjean). F\u00fcr k\u00fcnftige Veranstaltungen sind diese Tutorien-\u00e4hnlichen Bl\u00f6cke sicher sehr w\u00fcnschenswert, vielleicht auch in ausgedehnter Form \u00fcber mehrere Zeiteinheiten hinweg oder als eigenst\u00e4ndige\u00a0<em>Hands-on<\/em>-Tagesveranstaltungen.<\/p>\n<p>Im Rahmen eines\u00a0<strong>Project Slams<\/strong>\u00a0stellten rund ein Drittel aller Teilnehmer in K\u00fcrzestpr\u00e4sentationen ihre aktuelle T\u00e4tigkeit oder ihr haupts\u00e4chliches Forschungsinteresse vor, was eine grosse Bandbreite disziplin\u00e4rer und thematischer Herkunft offenbarte, die sich zuvor schon in den Diskussionen angedeutet hatte. Mit einem ungezwungenen Diner, gem\u00fctlichen Abendstunden in der Bundesstadt, einem spontan organisierten Erfahrungs- und Hintergrundbericht von den Taksim Gezi-Park-Protesten in Istanbul durch zwei Teilnehmer und schliesslich einem Abschluss-Picknick, das aufgrund der Witterung leider nicht draussen durchgef\u00fchrt werden konnte, bot die Summer School gute Gelegenheit, Kontakte zu kn\u00fcpfen und Erfahrungen und Visionen zu teilen. Es bleibt zu hoffen, dass der ersten Digital Humanities Summer School in der Schweiz weitere folgen werden, woran dank der zunehmenden Verankerung der Digital Humanities auch hierzulande eigentlich kaum zu zweifeln ist. Mit der Ausrichtung der\u00a0<a title=\"DH 2014 Lausanne\" href=\"http:\/\/dh2014.org\" target=\"_blank\">DH 2014 in Lausanne<\/a>\u00a0(6.-12. Juli) zeichnet sich f\u00fcr n\u00e4chstes Jahr bereits ein hervorragender Ankn\u00fcpfpunkt ab!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Cross-posting:\u00a0<a title=\"Verein Geschichte + Informatik\" href=\"http:\/\/blog.ahc-ch.ch\/2013\/07\/tagungsbericht-zur-ersten-digital-humanities-summer-school-bern\" target=\"_blank\">http:\/\/blog.ahc-ch.ch\/2013\/07\/tagungsbericht-zur-ersten-digital-humanities-summer-school-bern<\/a><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die (Inter-)Disziplin der digitalen Geisteswissenschaften (Digital Humanities) konturiert sich auch in der Schweiz immer deutlicher. 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