{"id":19500,"date":"2023-06-14T12:33:00","date_gmt":"2023-06-14T10:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=19500"},"modified":"2023-06-14T12:31:39","modified_gmt":"2023-06-14T10:31:39","slug":"provenienzforschung-im-digitalen-zeitalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=19500","title":{"rendered":"Provenienzforschung im digitalen Zeitalter"},"content":{"rendered":"\n<p id=\"1\">Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Reisestipendiums f\u00fcr die Jahrestagung des Verbands Digital Humanities im deutschsprachigen Raum. Ich bedanke mich an dieser Stelle herzlich beim NFDI4Memory und den Organisator*innen der DHd2023 f\u00fcr das Stipendium.<br><br>\u201eDie Digitalisierung wird auch in Zukunft der Provenienzforschung ganz neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen.\u201c,<sup>1<\/sup> prophezeit Christoph Zuschlag in seiner <em>Einf\u00fchrung in die Provenienzforschung<\/em>. Und tats\u00e4chlich war die Provenienzforschung \u2013 ein aktuell \u00f6ffentlich viel diskutiertes Thema \u2013 ebenfalls mit einem Panel bei der DHd 2023 vertreten.<br><br>Den Anfang machte der Vortrag \u201eProvenienzforschung und ihre Quellenbest\u00e4nde. Aktuelle Nutzungsszenarien zwischen Open Access und Inaccessibility&#8220; von Ruth von dem Bussche und Meike Hopp,<sup>2<\/sup> welcher das Projekt der Datenerschlie\u00dfung der B 323 der Treuhandverwaltung von Kulturgut im Bundesarchiv in Koblenz vorstellte. Diese Akten, die bisher nur \u00fcber das Findbuch erschlossen waren, wurden in EAD XML zu einem abfragbaren Wissensgraphen modelliert und k\u00f6nnen so gr\u00f6\u00dfere historische Zusammenh\u00e4nge und inhaltliche Querverweise innerhalb des Bestandes aufgezeigt werden und die Daten mit Informationen aus anderen Provenienzforschungsprojekten angereichert werden. Es seien noch Volltextrecherche-M\u00f6glichkeiten mit Hilfe von ElasticSearch und dem IIIF-Viewer Mirador in Planung, die die Forschung stark unterst\u00fctzen w\u00fcrden. Tats\u00e4chlich w\u00fcrde die Provenienzforschung von der digitalen Zug\u00e4nglichmachung von Aktenmaterialien und anderen Quellen stark profitieren, leider sto\u00dfen Digitalisierungsprojekte allerdings immer wieder an die Grenzen des heutigen Rechtsrahmens: die Wahrung von Personenrechten, insbesondere bei diesem sensiblen Thema, macht es h\u00e4ufig nicht m\u00f6glich, Daten ohne ein aufwendiges \u00dcberpr\u00fcfungsverfahren offenzulegen. Offene Daten, wie sie in den Digital Humanities im Rahmen der FAIR-Prinzipien gefordert werden, sind f\u00fcr Archive h\u00e4ufig keine Option, da gew\u00e4hrleistet werden muss, dass alle Pers\u00f6nlichkeitsrechte beachtet werden.<sup>3<\/sup> Des Weiteren betonen Hopp und von dem Bussche, dass es wichtig w\u00e4re, die verstreuten Datensilos mit Forschungsergebnissen existierten, zusammenzuf\u00fchren. Gr\u00f6\u00dfere Projekte w\u00fcrden durch Geldmangel und das Drittmittelpr\u00e4kariat allerdings h\u00e4ufig verhindert.<br><br>Abseits von Forschungen, die die Auffindbarkeit von Provenienzinformationen in Akten erleichtern soll, wurde in dem Vortrag von Sabine Lang &#8222;&#8218;Mind the Gap&#8216;: Von L\u00fccken in der Provenienzforschung und ihrer Pr\u00e4senz im digitalen Raum&#8220; auch die wichtige Frage der Verst\u00e4ndlichkeit, Vollst\u00e4ndigkeit und Einheitlichkeit von Provenienzangaben untersucht. Ihr Vortrag konnte am Beispiel verschiedener online zug\u00e4nglicher Museumsdatenbanken zeigen, dass die Daten zur Provenienz dringend vereinheitlicht werden m\u00fcssen. H\u00e4ufig seien die Angaben sehr heterogen, L\u00fccken in der Forschung oder in der Provenienz h\u00e4ufig gar nicht erkennbar oder werden durch schwere Lesbarkeit f\u00fcr Laien schwierig zu verstehen. Dies zeigt, dass Initiativen, die die Objektgeschichte mithilfe einer Ereignis-Modellierung darstellen, sehr fruchtbar f\u00fcr die Provenienzforschung und ihre Kommunikation w\u00e4ren. Eine Standardisierung von Provenienzangaben w\u00e4re, angefangen von der Sammlungsgeschichte, \u00fcber Objektbiographien hin zu der konkreten Provenienz-Erforschungen von starkem Wert, da so erhebliche ungewollte Verf\u00e4lschungen vermieden werden k\u00f6nnen.<br><br>Der letzte Beitrag \u00f6ffnet die Thematik von Provenienzforschung zu im Nationalsozialismus entzogenen Kulturg\u00fctern und Provenienzforschung im Sammlungsmanagement auf die postkoloniale Perspektive. Sarah Wagner und Alona Dubova (und Aaron Marquart) stellten in ihrem Vortrag &#8222;How to Open Heritage? Digitale Erschlie\u00dfungskonzepte f\u00fcr Provenienzforschung am Museum f\u00fcr Naturkunde Berlin&#8220; das im Rahmen des &#8222;Zukunftsplans&#8220; die Erforschung und digitale Erschlie\u00dfung der Sammlung vor.<sup>4<\/sup> Es soll anhand von Inventaren, Reiseberichten, Akten, historischen Bestandsrekonstruktionen, Museumsf\u00fchrern und Bildern aus den Objektakten eine Buch-Publikation und eine virtuelle Forschungsumgebung auf der Grundlage von WissKi entstehen. Die Quellenauswahl k\u00f6nne aufgrund der F\u00f6rderungsbegrenzung des Projektes nur Quellen bis 1805 analysieren, in die Erforschung sollen auch die Herkunftsgesellschaften mit einbezogen werden. Dies zeigt sich u.a. an der Kooperation mit der Universit\u00e4t Daressalam, die den Nachlass Georg Zenkers bereitstelle. Die Provenienzforschung zu Objekten aus kolonialen Kontexten habe auch ihre eigenen T\u00fccken, die u.a. die Problematik mit einschlie\u00dfen, dass die Objekte in den Inventaren zu summarisch beschrieben werden, um sie tats\u00e4chlich zuzuordnen, was die Erforschung erschwere. Insbesondere f\u00fcr Koloniale Provenienzforschung bieten virtuelle Forschungsumgebungen eine gro\u00dfe Chance, wie z.B. das Projekt &#8222;Digital Benin&#8220; zeigte,<sup>5<\/sup> welches versucht m\u00f6glichst viele Objekte aus dem K\u00f6nigreich Benin zumindest online zu versammeln, um sie der Forschung zug\u00e4nglich zu machen. Insbesondere in der Verkn\u00fcpfung mit den Forschungen und Initiativen im Themenbereich \u201eDecolonizing DH\u201c, er\u00f6ffnet sich so ein weites Feld der Fragen, denn die Datenkuration reflektiert immer auch die Priorit\u00e4ten und Anschauungen des Kurators, die ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Es werden noch weitere Projekte folgen, die die Frage der Provenienz \u2013 nicht nur des Nationalsozialismus oder Kolonialismus, sondern auch in der DDR \u2013 digital zu beantworten suchen. Die Frage ist eher, welche M\u00f6glichkeiten werden digitale Methoden der Provenienzforschung noch bieten?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p id=\"1\"><sup>1<\/sup> Zuschlag, Christoph: Einf\u00fchrung in die Provenienzforschung. Wie die Herkunft von Kulturgut entschl\u00fcsselt wird, M\u00fcnchen 2022, S. 42.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"1\"><sup>2<\/sup> Weitere Informationen zu dem Projekt in dem Artikel: Bussche, Ruth von dem; Hopp, Meike (2022), <em>Der &#8222;Bestand B323&#8220; als Knowledgegraph f\u00fcr die Provenienzforschung. Methodische \u00dcberlegungen zur Verarbeitung von Archivdaten als Linked Open Data, <\/em>in\u00a0:\u00a0Archivar (2022, 1) und Daten zum Projekt <a href=\"https:\/\/github.com\/art-provenance\/b323\">https:\/\/github.com\/art-provenance\/b323<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"1\"><sup>3<\/sup> Vgl. Mark Steinert, Und d\u00fcrfen wir das alles? \u2013 Archivrechtliche Rahmenbedingungen im \u00dcberblick, in: Archivpflege in Westfalen-Lippe 77, 2012.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"1\"><sup>4<\/sup> <a href=\"https:\/\/www.museumfuernaturkunde.berlin\/de\/zukunft\/zukunftsplan\">https:\/\/www.museumfuernaturkunde.berlin\/de\/zukunft\/zukunftsplan<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"1\"><sup>5<\/sup> <a href=\"https:\/\/digitalbenin.org\/\">https:\/\/digitalbenin.org\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p id=\"1\"><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Reisestipendiums f\u00fcr die Jahrestagung des Verbands Digital Humanities im deutschsprachigen Raum. 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