{"id":18181,"date":"2022-08-01T10:14:19","date_gmt":"2022-08-01T08:14:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=18181"},"modified":"2022-08-01T10:14:19","modified_gmt":"2022-08-01T08:14:19","slug":"podiumsdiskussion-digitale-geisteswissenschaften-als-werkzeug-oder-wissenschaft-ein-veranstaltungsbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=18181","title":{"rendered":"Podiumsdiskussion &#8222;Digitale Geisteswissenschaften als Werkzeug oder Wissenschaft?&#8220; &#8211; Ein Veranstaltungsbericht"},"content":{"rendered":"\n<ul>\n<li><a href=\"#Einleitendes\">Einleitendes<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#eroeffnung\">Die Veranstaltungser\u00f6ffnung<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#impulsvortraege\">Heranf\u00fchrung an die Thematik &#8211; die Impulsvortr\u00e4ge<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#podiumsdiskussion\">Die Podiumsdiskussion<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#wrapup\">Wrap Up<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"Einleitendes\">Einleitendes<\/h2>\n\n\n\n<p>Am 23. Juni lud das \u2018Zentrum f\u00fcr Informationsmodellierung\u2019 der Universit\u00e4t Graz zu einer Podiumsdiskussion, die sich der Frage widmete, was denn <em><u>Digitale Geisteswissenschaften<\/u><\/em> \u00fcberhaupt sind, <em><u>Werkzeug oder Wissenschaft<\/u><\/em>?<\/p>\n<p>Eine Frage, die keineswegs neu aber dennoch brandaktuell ist, scheiden sich doch nach wie vor an dieser Frage die Geister in teils doch sehr verh\u00e4rtete Fronten &#8211; in <em>&#8222;Verfechter:innen&#8220;<\/em> traditioneller und <em>&#8222;Verfechter:innen&#8220;<\/em> digitaler Geisteswissenschaften. Diskutiert wird die Frage aber nicht nur \u00fcber die Disziplingrenzen hinweg, denn auch die digitalen Geisteswissenschaften selbst stellen sich der Frage nach dem Kern des eigenen Schaffens selbstreflektierend und selbstkritisch nicht nur in zahlreichen Publikationen zu Selbstverortung, M\u00f6glichkeiten und Grenzen, sondern auch w\u00e4hrend des Ausbildens neuer Wissenschafter:innen des Faches &#8211; zumindest kenne ich es aus diversen Lehrveranstaltungen meines Studiums in Graz so.<\/p>\n<p>Diese <i>Frage nach dem Sein<\/i> er\u00f6ffnet einem ein breites Diskussionsfeld. So k\u00f6nnte man die DH beispielsweise als reines <i>Methodenaggregat<\/i> sehen oder als <i>Nebenprodukt des Digitalisierungshypes. <\/i>Man k\u00f6nnte sie auch als <i>durch die Digitalisierung der Arbeitspl\u00e4tze bedingte, jedoch noch viel zu wenig genutzte Selbstverst\u00e4ndlichkeit<\/i> betrachten, oder sie gar als <i>langersehnten Push der traditionellen Geisteswissenschaften ins digitale Zeitalter <\/i>verstehen. Ein breites Spektrum an Verortungsm\u00f6glichkeiten also, welches sich auch in der Veranstaltung zeigte, die zus\u00e4tzlich noch mit \u00dcberlegungen fachdisziplin\u00e4rer, aber auch konzeptioneller sowie institutioneller Natur gespickt war.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"eroeffnung\">Die Veranstaltungser\u00f6ffnung<\/h2>\n\n\n\n<p>Er\u00f6ffnet wurde die Veranstaltung mit einleitenden Worten von Univ.-Prof. Dr. Michael Walter (Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Graz und Musikwissenschafter) und Univ.-Prof. Dr. Georg Vogeler (Leiter des Zentrums f\u00fcr Informationsmodellierung an der Universit\u00e4t Graz, Historiker und Digital Humanist). In Retrospektive lie\u00df sich in diesen 10 Minuten bereits erkennen, dass in dieser Podiumsdiskussion nicht nur verschiedene Meinungen zu den und aus den Digitalen Geisteswissenschaften aufeinandertreffen, sondern auch die Ausgangspunkte, aus denen diese Diskussion gef\u00fchrt wurde, unterschiedliche waren: geisteswissenschaftliche trifft auf universit\u00e4tspolitische Position, Methodenfrage trifft auf Ressourcenfrage, Forschung trifft auf Finanzierung. Denn w\u00e4hrend Vogeler von der Doppelrolle als Digital Humanist spricht, vom zeitgleichen Techniker- und Wissenschafter-Sein, spricht Walter von seinen Verortungsschwierigkeiten des Faches im Allgemeinen und der Frage nach dem <em>\u201cWas ist das \u00fcberhaupt?\u201d<\/em>, mit der er in seiner Rolle als Dekan konfrontiert wird. In den Er\u00f6ffnungsreden noch subtil vorhanden, werden diese beiden Positionen &#8211; <em>Wissenschaft vs. Universit\u00e4tspolitik<\/em> &#8211; die Veranstaltung und insbesondere die Podiumsdiskussion formen.<\/p>\n<p>Bevor die Moderatorin der Veranstaltung Prof. Dr. Rinofner-Kreidl (Vizedekanin, Ph\u00e4nomenologin, Ethikerin und Philosophin an der Universit\u00e4t Graz), jedoch den <i>Ring zur Diskussion <\/i>freigab, wurde das Publikum noch mit zwei Impulsvortr\u00e4gen an die Thematik herangef\u00fchrt. Selbst diese h\u00e4tten nicht unterschiedlicher sein k\u00f6nnen. Man sieht &#8211; eine Frage so kurz, scheinbar so einfach &#8211; er\u00f6ffnet doch einige unterschiedliche Zugangsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"impulsvortraege\">Heranf\u00fchrung an die Thematik &#8211; die Impulsvortr\u00e4ge<\/h2>\n\n\n\n<p>So zeigte Prof. em. Dr. Charlotte Schubert (Althistorikern und Medizinhistorikerin an der Universit\u00e4t Leipzig) im Zuge ihres Impulsvortrags mit dem Titel \u201c<i>Einordnung der Digital Humanities in den geisteswissenschaftlichen F\u00e4cherkanon: Herausforderung und Chance\u201d <\/i>anhand der Analyse eines Textkorpus zum Hippokratischen Eid auf, wie n\u00fctzlich die Methoden und Tools der Digitalen Geisteswissenschaften sein k\u00f6nnen, um alte Annahmen zu best\u00e4tigen oder zu falsifizieren, wodurch sich neue Forschungsfragen er\u00f6ffnen (k\u00f6nnen). Dennoch sieht sie die Zukunft der digitalen Geisteswissenschaften eher in der Integration der Methoden und Ans\u00e4tze in die einzelnen F\u00e4cher. Auf diesem Wege k\u00f6nnten sowohl die Methoden der einzelnen F\u00e4cher, als auch die F\u00e4cher selbst um weitere Perspektiven und Ans\u00e4tze erweitert werden.<\/p>\n<p>Auf diesen methodenfokussierten Impulsvortrag folgte der eher philosophisch-theoretische, an manchen Stellen bewusst provokant formulierte Impulsvortrag von Prof. Evelyn Gius (Digitale Philologin und Literaturwissenschafterin an der TU Darmstadt und Vorstand des Dhd Verbandes) mit dem Titel <i>\u201cDigitale Geisteswissenschaft als Werkzeug oder Wissenschaft?\u201d<\/i>. In diesem sagte sie zun\u00e4chst der Fragestellung selbst den Kampf an, die sich &#8211; laut Gius &#8211; auch ganz einfach in <i>\u201cIst das Wissenschaft, oder kann das weg?\u201d<\/i> paraphrasieren lasse. Ein besonderer St\u00f6rfaktor sei aber insbesondere das Wort \u201coder\u201d. Einer wissenschaftlichen Disziplin bedarf es n\u00e4mlich beides &#8211; Wissenschaft und Werkzeug und DH sind, laut Gius, eben beides, wie jede andere Disziplin auch. Nach diesem, wie sie es selbst nannte, etwas polemischen Einstieg, thematisierte Gius die Frage <i>\u201cWas sind Digitale Geisteswissenschaften \u00fcberhaupt?\u201d<\/i> und argumentierte, dass die Disziplin schwer zu definieren sei, sich grunds\u00e4tzlich jedoch drei T\u00e4tigkeitsfelder bestimmen lassen. So geh\u00f6rt es zu den DH <\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify\">auf vorher nicht m\u00f6glich gewesenen, n\u00e4mlich digitalen Wegen neue Fragen zu stellen bzw. bekannte Fragen neu zu beantworten,<\/li>\n<li>die digitalen Methoden aus geisteswissenschaftlicher Sicht zu evaluieren und zu reflektieren, sowie<\/li>\n<li style=\"text-align: justify\">alte akademische Strukturen aufzubrechen und neue zu schaffen, insbesondere in den Bereichen Open Data, Open Science und Open Access.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Daraus res\u00fcmierte Gius, dass die Digitalen Geisteswissenschaften durchaus eine Wissenschaft sind, wenn auch eine stark methodenorientierte, und das die Zukunft der Disziplin gemeinsam mit den traditionellen geisteswissenschaftlichen F\u00e4chern ausgelotet werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Diese beiden Impulsvortr\u00e4ge formten sozusagen die beiden Seiten des <em>\u201cDiskussionsringes\u201d<\/em>, in denen sich die Diskutant:innen in der darauffolgenden Podiumsdiskussion gegen\u00fcberstehen sollten &#8211; Digitale Geisteswissenschaften als Methodenaggregat, dessen Zukunft in der Integration in die einzelnen Disziplinen liegt, auf der einen Seite und Digitale Geisteswissenschaften als Wissenschaft, die \u00fcber die Ma\u00dfen stark methodenbasiert ist, auf der anderen Seite. <u>Sollten, wohlgemerkt<\/u>\u2026 Denn wie bereits erw\u00e4hnt, offenbarte sich in der Diskussion eine institutionelle Komponente, die zwar im universit\u00e4ren Kontext eine durchaus wichtige ist, im Rahmen der Diskussion aber zur Folge hatte, dass sich die Diskutant:innen nicht auf selber Ebene begegnen konnten. Aber ich sollte nichts vorwegnehmen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"podiumsdiskussion\">Die Podiumsdiskussion <\/h2>\n\n\n\n<p>Neben den beiden Referentinnen der Impulsvortr\u00e4ge nahmen an der Diskussion noch Dr. Luise Borek (Medi\u00e4vistin und Germanistische Computerphilologin an der TU Darmstadt, im Sommer 2022 Vertretungsprofessorin in Graz), Dr. Johannes Kepper (Musikwissenschafter am musikwissenschaftlichen Seminar Detmold\/Paderborn) und Prof. Dr. Walter &#8211; wie er selbst angab in seiner Rolle als Dekan &#8211; teil. Diese drei hatten zu Beginn die M\u00f6glichkeit in f\u00fcnfmin\u00fctigen Er\u00f6ffnungsstatements ihre Stellung darzulegen.<\/p>\n<p>So stellte Borek klar, dass sie &#8211; wie Gius -, die DH sowohl als Werkzeug als auch als Wissenschaft bzw. als Kombination aus beidem versteht, in denen au\u00dferdem zwischen traditionellen und digitalen Methoden vermittelt und letztere kritisch hinterfragt und evaluiert werden. Sie hob zudem das gro\u00dfe Potential der digitalen Geisteswissenschaften hervor, die Zukunft der Geisteswissenschaften aktiv mitgestalten zu k\u00f6nnen. Auch Kepper wies auf die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Vermittler:innenrolle hin, die den digitalen Geisteswissenschaften inh\u00e4rent ist. Insbesondere in einer Zeit, in der Forschungsantr\u00e4ge nur zu gern mit dem Schlagwort <i>\u201cDigitalisierung\u201d<\/i> gew\u00fcrzt werden, ohne dass gro\u00df ein Gedanke an die konkrete Umsetzung verschwendet wird. Digitalisierung ist momentan eben der &#8211; entschuldigen Sie die Wortwahl &#8211; <em>hei\u00dfe Schei\u00df<\/em>. Sie kann diesem Hype aber nur gerecht werden, wenn sie kompetent umgesetzt wird. Borek und Kepper lassen sich also, wie Gius, klar auf der &#8222;Ringseite&#8220; <i>Digitale Geisteswissenschaften sind eine Wissenschaft, sind ein Fach<\/i> verorten.<\/p>\n<p>Dekan Walter, der als letzter sein Er\u00f6ffnungsstatement abgab, sah dies nicht so. Die Geisteswissenschaften sollten sich generell entsprechend der neuen technischen M\u00f6glichkeiten weiterentwickeln. Seiner Meinung nach k\u00f6nnen die Digitalen Geisteswissenschaften kein eigenes Fach sein, wenn ihre Methoden bzw. technische und digitale Kompetenzen im Allgemeinen in allen geisteswissenschaftlichen Disziplinen sowieso mittlerweile eine Rolle spielen m\u00fcssten. Sein Standpunkt ist also mit jenem von Schubert zu vergleichen. Es braucht kein eigenes, losgel\u00f6stes \u2018Fach\u2019, sondern die Methoden m\u00fcssen in die geisteswissenschaftlichen F\u00e4cher integriert werden.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich w\u00e4ren an dieser Stelle nun die Fronten abgesteckt, die Sichtweisen klar &#8211; Ring frei. Doch diese Stelle kennzeichnete auch den Moment, indem die Diskussion in eine strukturell-institutionelle Richtung zu laufen begann. Und auch wenn zwischenzeitlich spannende Ans\u00e4tze aufkeimten, blieb die Frage nach Ressourcenverteilung, der Fokus auf institutionelle Fragen und Probleme bestehen. Doch bevor ich auf diesen Fokuswechsel eingehe, m\u00f6chte ich zuerst ein paar der spannenden Ans\u00e4tze hervorheben.<\/p>\n<p>Einer davon wurde schon w\u00e4hrend des Impulsvortrages kurz angesprochen, aber von Schubert im Rahmen der Diskussion weiter forciert. Laut Schubert, m\u00fcssen die Digitalen Geisteswissenschaften in die F\u00e4cher hinein, insbesondere mit Fokus auf die Fragestellungen des jeweiligen Faches. Dann stelle sich auch eine Akzeptanz in den Geisteswissenschaften gegen\u00fcber diesen neuen Herangehensweisen ein. Die Sorgen, die DH w\u00fcrden <i>traditionelles <\/i>geisteswissenschaftliches Forschen obsolet machen, w\u00fcrden sich so als unbegr\u00fcndet herausstellen. Man solle sich auf die Komplementarit\u00e4t konzentrieren, statt die Differenzen hervorzuheben, so Schubert. Denn wenn die digitalen Geisteswissenschaften bzw. ihre Methoden den Weg in die F\u00e4cher finden w\u00fcrden, w\u00fcrden diese von den neuen Ans\u00e4tzen und Methoden profitieren und dadurch erweitert werden. Das Einrichten zentraler Institute f\u00fcr digitale Geisteswissenschaften sieht sie dabei eher kontraproduktiv.<\/p>\n<p>Auch Kepper bef\u00fcrwortete die Meinung, dass die digitalen Geisteswissenschaften in die F\u00e4cher geh\u00f6ren, warnte jedoch vor drohender Vereinzelung, sollte es nicht zus\u00e4tzlich eine zentrale Anlaufstelle geben. Denn w\u00fcrde eine solche Anlaufstelle, die sich mit Digitalen Geisteswissenschaften besch\u00e4ftigt und dabei Standards festlegt bzw. vermittelt, die eine \u00dcbertragbarkeit sowohl von Daten als auch Methoden erzeugen, fehlen, laufe man Gefahr, viel Redundanz zu erzeugen.<\/p>\n<p>Gius war ebenso der Ansicht, dass es grunds\u00e4tzlich beides braucht. Denn fachwissenschaftliche Fragen zu stellen, zu verstehen und zu beurteilen, lasse sich ebenso wenig durch einen schnellen Blick in ein Einf\u00fchrungsbuch erlernen, wie digitale Methoden, die auf diese Fragestellungen angewendet werden sollen. Es m\u00fcssen beide Seiten gef\u00f6rdert werden. Denn in den Digitalen Geisteswissenschaften gibt es sowohl Fokussetzungen, die sich gezielt geisteswissenschaftlichen Disziplinen zuordnen lassen, als auch jene, die eher technischer Natur sind und \u00fcber die Disziplingrenzen hinweg diskutiert und er\u00f6rtert werden m\u00fcssen. Auch wenn sich momentan schon erste Tendenzen abzeichnen, dass sich die digitalen Geisteswissenschaften immer mehr in die einzelnen F\u00e4cher hineinentwickeln, sieht sie diese Entwicklung nur zum Teil bereits geschehen.<\/p>\n<p>Man erkennt im Rahmen der Diskussion also durchaus erste Ann\u00e4herungsversuche und eigentlich wurde schon eine Art Basis f\u00fcr das gemeinsames Ausloten der Zukunft der digitalen Geisteswissenschaften gelegt. Trotzdem hatte ich das Gef\u00fchl, dass die Fragen der Ressourcenverteilung und universit\u00e4tspolitische Fragen die Diskussion zunehmend \u00fcberschatteten. Die Diskussion \u00fcber die Zukunft, das Sein, den Kern der DH und ihre Rolle im geisteswissenschaftlichen F\u00e4cherkanon, in der sich alle Beteiligten auf selber Ebene begegneten, wandelte sich immer mehr von einer Diskussion \u00fcber <em>Wissenschaft vs. Methode<\/em> zu einer Diskussion zwischen <i>ressourcenverteilender und ressourcenerhaltender Partei<\/i>. Schade eigentlich\u2026 Schlie\u00dflich kam man zu folgendem Konsens: die digitalen Geisteswissenschaften &#8211; sei es als Methodenaggregat, sei es als eigene Wissenschaft &#8211; haben viel Potential f\u00fcr die Gestaltung der Zukunft der Geisteswissenschaften.<\/p>\n<p>Dieser Wandel in der Ausrichtung wurde auch von Moderatorin Rinofner-Kreidl erkannt &#8211; die im \u00dcbrigen in dieser Rolle fantastisch war, da sie die Quintessenz der einzelnen Statements herauszufiltern und situationsad\u00e4quat neue Fragen zu stellen vermochte. Aber selbst ihr Hinweis, dass es nur dann m\u00f6glich ist, m\u00f6gliche Kr\u00e4nkungen zu vermeiden und eine gewinnbringende Diskussion jenseits von Provokationen zu f\u00fchren, wenn man methodologische, konzeptionelle und institutionelle Fragen getrennt betrachtet, vermochte die Diskussion nicht mehr wirklich zur\u00fcckzuleiten. Am Ende war man sich einig, dass man sich eben nicht so ganz einig ist, wo es mit den Digitalen Geisteswissenschaften hingehen sollte und wie man sie im geisteswissenschaftlichen F\u00e4cherkanon verorten kann.<\/p>\n<p>Es k\u00e4me aber auch einem Wunder gleich, k\u00f6nnte man eine so vielschichtige Frage, innerhalb von zwei schwei\u00dfgebadeten Stunden endlich l\u00f6sen. Worauf sich aber doch alle mehr oder weniger verst\u00e4ndigen konnten, war, dass die Diskussion weitergef\u00fchrt werden muss und zwar in einer Form die auf keiner Seite Kr\u00e4nkungen verursacht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"wrapup\">Wrap Up <\/h2>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend eine spannende Podiumsdiskussion, die an manchen Stellen konstruktiv, an manchen Stellen fast schon zu polemisch wurde. In der sich einer der Teilnehmer:innen einen Kampf mit h\u00e4rteren Bandagen w\u00fcnschte und auch an manchen Stellen zum Angriff \u00fcberging, w\u00e4hrend die anderen vermeintlich \u201czu soft\u201d ihre Standpunkte klarmachten. Beendet scheint diese Diskussion aber noch lange nicht, die T\u00fcr ist aber zumindest einen Spalt weiter ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Und wenn manch ein:e Leser:in in diesem Tagungsbericht eine Spur zu viel Subjektivit\u00e4t, vielleicht auch einen Anflug an Kr\u00e4nkung vermutet, so liegt sie\/er nicht ganz falsch. Es ist schwer objektiv zu bleiben, wenn der eigene Fachbereich angegriffen wird, und das nicht auf fachlicher Ebene &#8211; hier ist eine hitzige Diskussion ebenso f\u00f6rderlich wie auch wichtig &#8211; sondern auf institutionell-\u00f6konomischer Ebene, auf der es nur im Schein um ein Verst\u00e4ndnis, um das Ausloten der Disziplin und ihren wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen geht, sondern prim\u00e4r um die Frage nach dem messbaren monet\u00e4ren Wert, um Rentabilit\u00e4t, um Ressourcen und deren Verteilung.<\/p>\n<p>Verstehen Sie mich nicht falsch\u2026 Alles l\u00e4sst sich auf die Ressourcenfrage reduzieren, doch h\u00e4tte diese Podiumsdiskussion meiner Meinung nach mehr Fr\u00fcchte getragen, wenn sich alle in derselben Rolle begegnet w\u00e4ren &#8211; als Geisteswissenschafter:innen. Die T\u00fcr zwischen traditionellen und digitalen Geisteswissenschaften h\u00e4tte sich eine Spur weiter \u00f6ffnen k\u00f6nnen und statt des Exerzierens einer institutionellen Machtfrage (bei der in den meisten F\u00e4llen sowieso die n\u00e4chsth\u00f6here universit\u00e4re Instanz das letzte Wort hat),\u00a0 statt eines \u201cKampfes mit harten Bandagen\u201d gegen \u201czu softe\u201d Gegner:innen, w\u00e4re es vielleicht auch m\u00f6glich gewesen, weitere Wege einer Kooperation zwischen den \u201ctraditionellen\u201d und digitalen Geisteswissenschaften auszuloten &#8211; die einander momentan einfach nur misszuverstehen scheinen. Denn &#8211; um mit den Worten Charlotte Schuberts abzuschlie\u00dfen &#8211; Kooperation gewinnt langfristig immer.<\/p>\n<h3><b>Addendum<\/b><\/h3>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Sie sich auch gern selbst ein Bild der Veranstaltung machen &#8211; ich bitte Sie sogar darum, denn ich bin mir meiner Befangenheit wohl bewusst.\u00a0 Den Videomitschnitt finden Sie <a href=\"https:\/\/unitube.uni-graz.at\/portal\/aufzeichnungen.html?id=00351831-e34c-4855-8a83-597c5a55933f\">hier<\/a> &#8230;<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23. 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