{"id":17838,"date":"2022-05-12T10:45:19","date_gmt":"2022-05-12T08:45:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=17838"},"modified":"2022-05-12T10:45:19","modified_gmt":"2022-05-12T08:45:19","slug":"revolution-der-literaturgeschichtsschreibung-potential-und-grenzen-der-derzeitigen-digital-humanities","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=17838","title":{"rendered":"Revolution der Literaturgeschichtsschreibung? Potential und Grenzen der derzeitigen Digital Humanities"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eKulturen beruhen auf Erinnerung, auf Praktiken der Speicherung und der \u00dcberlieferung\u201c \u2013 so hei\u00dft es zu Beginn der Beschreibung zur DHd2022-Tagung <em>Kulturen des digitalen Ged\u00e4chtnisses<\/em>. Dies trifft auch auf die Literaturgeschichtsschreibung zu. Literatur als Teil von Kulturen beruht auf den Erinnerungen der Schreibenden und den Erinnerungen der Lesenden, sie muss gespeichert und \u00fcberliefert werden, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Literaturgeschichtsschreibung ist sowohl Teil als auch Resultat dieser Erinnerungs- und Ged\u00e4chtnispraktiken, bestimmte Werke werden durch ihre Hervorhebung im kulturellen Ged\u00e4chtnis gehalten, andere bleiben ungenannt.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Dieser Selektionsprozess entscheidet mit dar\u00fcber, wie die Literatur der Vergangenheit gegenw\u00e4rtig und zuk\u00fcnftig betrachtet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die technische Weiterentwicklung ver\u00e4ndern sich die Ged\u00e4chtnispraktiken. Digitalisate k\u00f6nnen einer \u00d6ffentlichkeit, die \u00fcber eine funktionierende Internetverbindung verf\u00fcgt, zu jeder Tages- und Nachtzeit zug\u00e4nglich gemacht werden und mit digitalen Methoden kann auch in der Literaturwissenschaft quantitativ geforscht werden, sodass nicht l\u00e4nger auf einen Kanon zur\u00fcckgegriffen werden m\u00fcsste \u2013 so die gro\u00dfe Hoffnung. Literaturgeschichte als (Re-)Konstruktion von Vergangenheit ist dabei wie jede Geschichtsschreibung von Bias und pers\u00f6nlichen Zielsetzungen beeinflusst, doch die Hoffnung besteht darin, diese durch digitale Methoden korrigieren und ein korrekteres Bild der literarischen Verh\u00e4ltnisse erzeugen zu k\u00f6nnen. Zugleich besteht die Gefahr, stattdessen einen zweiten \u201adigitalen Kanon\u2018 zu schaffen, in dem sich gerade die Bias, die im analogen Literaturkanon bestehen, verfestigen und sie in der Literaturgeschichtsschreibung weiter fortzuschreiben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Deshalb stellt sich die Frage, wie sich die derzeitigen DH in diesem Spannungsfeld bewegen. Welches Ver\u00e4nderungspotential bergen sie f\u00fcr die Literaturgeschichtsschreibung und an welchen H\u00fcrden scheitert dieses Potential aktuell? Dieser Text orientiert sich dabei an den Beitr\u00e4gen, die bei der DHd2022 pr\u00e4sentiert und diskutiert wurden.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wie vielf\u00e4ltig eine \u00dcberpr\u00fcfung der Literaturgeschichte mit digitalen Methoden aussehen kann, zeigen die pr\u00e4sentierten Projekte:<\/p>\n\n\n\n<p>D\u00eelan Canan \u00c7akir und Frank Fischer widmen sich dramatischen Einaktern von 1740\u20131850 \u2013 eine Literaturform, die aus dem Kanon und dem kulturellen Ged\u00e4chtnis herausgefallen ist, obwohl sie zu ihrer Entstehungszeit durchaus beliebt waren. Dies trifft auf viele dramatische Werke zu, denn die Dramenforschung besch\u00e4ftigt sich nur mit etwa zehn Prozent der Dramentexte aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Durch ihre Analyse konnten \u00c7akir und Fischer u.a. nachweisen, dass es wesentlich mehr einaktige Trag\u00f6dien gibt, als bislang in der Forschung angenommen wurde, und sie konnten unbekanntere Dramenautorinnen sichtbar machen (vgl. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6327977\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6327977<\/a>). &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das von Julia R\u00f6ttgermann, Anne Klee, Maria Hinzmann und Christof Sch\u00f6ch pr\u00e4sentierte Projekt <em>Mining and Modeling Text<\/em> bem\u00fcht sich um einen datenbasierten, wikifizierten Ansatz f\u00fcr die Literaturgeschichtsschreibung. Daf\u00fcr extrahieren sie Topics aus 115 Texten der franz\u00f6sischen Literatur des 18. Jahrhunderts und gleichen diese mit literaturhistoriographischen Aussagen aus bibliographischen Nachschlagewerken der 1970er Jahre ab. \u00dcber ein Linked-Open-Data-Wissensnetzwerk soll es schlie\u00dflich m\u00f6glich sein, auch weniger bekannte Werke zu bestimmten Topics zu finden (vgl. Vortrag <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6328157\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6328157<\/a>; Poster <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6322490\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">10.5281\/zenodo.6322490<\/a>). Aus dem Mensch-Maschine-Abgleich ergaben sich gro\u00dfe \u00dcbereinstimmungen, die die bisherigen Themenangaben best\u00e4tigten. Anders als die sehr zeitaufwendige Erstellung der Bibliographien in den 70er Jahren und zuvor lie\u00dfen sich die digitalen Ergebnisse schneller erzeugen und reprozieren. Zugleich bietet die digitale Aufarbeitung als Wissensnetzwerk eine bessere \u00dcbersichtlichkeit und Verf\u00fcgbarkeit als die analoge Form.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Speziell mit Genitivmetaphern in realistischen und modernen Gedichten um 1900 setzt sich der Beitrag des Projektes <em>The beginnings of modern poetry \u2013 Modeling literary history with text similarities <\/em>von Merten Kr\u00f6ncke, Leonard Konle, Fotis Jannidis und Simone Winko auseinander, wobei sie zum Teil kontr\u00e4re literarhistorische Forschungsthesen auf ihre Richtigkeit \u00fcberpr\u00fcfen. Auf Basis eines Korpus von 6249 kanonisierten und nicht-kanonisierten Texten konnte u.a. festgestellt werden, dass die Differenz zwischen beiden Epochen deutlich \u00fcberbetont wurde und die Ver\u00e4nderungen der Genitivmetaphern, auf die die Unterscheidung zwischen realistischer und moderner Lyrik u.a. begr\u00fcndet wird, voraussichtlich auf eine semantische Weiterentwicklung zur\u00fcckzuf\u00fchren ist (vgl. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6328069\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6328069<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Die quantitative \u00dcberpr\u00fcfung etablierter Literaturgeschichte ist eines der Ziele von Judith Brottragers Dissertation <em>Relating the Unread \u2013 Modellierungen der Literaturgeschichte<\/em>. Mit ca. 1.200 kanonisierten und nicht-kanonisierten englisch- und deutschsprachigen Texten aus dem Zeitraum von 1688\u20131914 nimmt sie diachrone und synchrone Vergleiche vor, um Kanonisierungs- und Wertungsprozesse in der Literaturgeschichte herauszuarbeiten. Dabei soll auf einer textexternen Ebene f\u00fcr diese Texte die Wahrscheinlichkeitsh\u00f6he ihrer Kanonisierung bzw. der guten Rezeption zu ihrer Entstehungszeit \u00fcber Scores operationalisiert angegeben werden, zudem wird verglichen, ob eine \u00dcberschneidung zwischen der Kanonisierung und textinternen Merkmalen besteht (vgl. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6327937\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6327937<\/a>). Nach jetzigem Stand der Daten ist nur eine schwach positive Korrelation zwischen einer auf textexternen Faktoren basierenden Kanonisierung und textinternen Merkmalen feststellbar.<a name=\"_ftnref3\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur durch quantitative Untersuchungen nehmen die DH einen Einfluss auf die Literaturgeschichtsschreibung. Die Ber\u00fccksichtigung von born-digital Texten in der Forschung st\u00f6\u00dft eine Debatte dar\u00fcber an, was im digitalen Zeitalter als Literatur verstanden wird, und richtet den Blick auf neue Formen von Literatur, wie es zwei Poster-Beitr\u00e4ge auf der DHd2022 getan haben:<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen zeigten Andr\u00e9 Blessing, Jan Hess, Kerstin Jung und Nicolas Schenk anhand literarischer Blogs Analysem\u00f6glichkeiten f\u00fcr born-digital Texte auf (vgl. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6322488\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">10.5281\/zenodo.6322488<\/a>). Ziel des Projektes <em>SDC4Lit \u2013 Science Data Center for Literature<\/em>, aus dem beispielhaft das <em>Techniktagebuch<\/em> pr\u00e4sentiert wurde, ist es, Analyse-Pipelines zu entwickeln, die sowohl f\u00fcr literarische Blogs als auch allgemein f\u00fcr Netzliteratur genutzt werden k\u00f6nnen. So soll ein vereinfachter Zugang zu dieser trotz ihrer Digitalit\u00e4t kaum in der Wissenschaft beachteten Literaturform geschaffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der von Simon Meier-Vieracker und Elias Kreuzmair pr\u00e4sentierte Posterbeitrag aus dem Kontext des DFG-Projektes <em>Schreibweisen der Gegenwart. Zeitreflexion und literarische Verfahren nach der Digitalisierung<\/em> betrachtet zum anderen Kurztexte und gegenwartsliterarischen Diskurse auf 117 \u00f6ffentlichen Twitter-Accounts aus dem Raum der deutschsprachigen Literaturszene und stellt spezifische Merkmale dieser Literaturform heraus (vgl. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6322528\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">10.5281\/zenodo.6322528<\/a>). Der Urheberrechtsstatus von Tweets ist allerdings noch unklar, weshalb sich Erforschung, Archivierung und Freigabe des Materials schwierig gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besch\u00e4ftigung mit born-digital Texten sowohl in der Forschung als auch in den Archiven liefert einen Impuls f\u00fcr eine Auseinandersetzung mit digitalen Texten als Literaturform. Born-digital Texte haben Bernhard Fetz und Sandra Richter ebenfalls bei dem Panel <em>Digitale Archive f\u00fcr Literatur<\/em> als digitale Sammelobjekte der Zukunft benannt, mit denen in den Archiven ein Umgang gefunden werden will (vgl. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6327943\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6327943<\/a>). Hier zeigte sich erneut die problematische Rechtslage, denn da der Urheberstatus dieser Werke h\u00e4ufig unklar oder ungeregelt ist, ist eine Archivierung derzeit kaum m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die DH sind auf eine umfassende Menge an Digitalisaten \u2013 born-digital oder retrodigitalisiert \u2013 angewiesen, um ihre digitalen Methoden zu vollem Potential nutzen zu k\u00f6nnen. Schon fr\u00fch war es ein Ziel der DH durch quantitative Forschung st\u00e4rker nicht-kanonisierte Werke mit einbeziehen zu k\u00f6nnen und so eine Revidierung der etablierten Literaturgeschichte vorzunehmen. Doch da nicht alle Artefakte in Bibliotheken, Archiven und Museen sofort (oder generell) digitalisiert werden k\u00f6nnen,<a name=\"_ftnref4\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> stellt der Digitalisierungsprozess eine Selektion der in diesen Institutionen bereits selektiert vorliegenden Artefakte dar. Welche Digitalisate wiederum frei verf\u00fcgbar gemacht werden, unterliegt einer weiteren Selektion, weshalb es sich bei diesen Artefakten letztlich um das Ergebnis einer dritten Auslese handelt. Darauf wies Amalia Levi schon in der Er\u00f6ffnungskeynote hin. Resultat ist eine ausgepr\u00e4gte Unterrepr\u00e4sentation von Frauen sowie von People of Color in den im Netz abrufbaren Digitalisaten (vgl. <a href=\"https:\/\/www.dhd2022.de\/opening-keynote\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.dhd2022.de\/opening-keynote\/<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Punkt der Selektion ging ebenfalls Gerben Zaagsma in seinem Vortrag <em>The Digital Archive and the Politics of Digitization<\/em> ein. Gerade bei der Tagung <em>Kulturen des digitalen Ged\u00e4chtnisses<\/em> sollten Archive nicht in einer einfachen \u00dcbertragung als Ged\u00e4chtnisorte verstanden werden, sondern sie sind Vermittler in der (Re-)Konstruktion der Vergangenheit. Genauso wie zuvor f\u00fcr die analogen Archive gilt f\u00fcr ihre digitalisierte Form: \u201ethe question of access has been key in determining <em>who<\/em> writes history\u201c (<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6328223\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6328223<\/a>). Dementsprechend ist es relevant zu reflektieren, ob und was digitalisiert wird, denn dies entscheidet mit dar\u00fcber, wie die Vergangenheit in Zukunft betrachtet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>In eine \u00e4hnliche Richtung ging der Workshop <em>Repr\u00e4sentativit\u00e4t in digitalen Archiven<\/em> von Corinna Dziudzia und Mark Hall (<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6328011\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6328011<\/a>). Dort wurde hinsichtlich der Selektion durch Digitalisierung ein Zirkelschluss beschrieben, der dazu f\u00fchrt, dass die Kanonisierung gerade nicht abgebaut, sondern verst\u00e4rkt wird: Kanonisierte Werke werden h\u00e4ufiger digitalisiert, Wissenschaftler:innen der DH sind auf bestehende Digitalisate angewiesen, da weder Zeit noch Finanzierung f\u00fcr eine eigene Digitalisierung anderer Werke vorhanden ist, und greifen daher eher auf diese Werke zur\u00fcck. Durch ihre Verwendung best\u00e4tigen sie scheinbar die Richtigkeit der Digitalisierung ebendieser Werke. Indem mit dem \u201eKanon eines Kanons\u201c gearbeitet wird, besteht die Gefahr, die im Kanon enthaltenen Bias weiterzutragen und durch die doppelte Selektion noch zu verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht nur der Prozess der Digitalisierung an sich birgt Probleme, sondern auch die rechtliche Lage, in der sich die Akteure dabei bewegen. Das DARIAH\u2013DE Stakeholdergremium \u201eWissenschaftliche Sammlungen\u201c hatte schon 2018 eine Anpassung des bestehenden Urheberrechts gefordert, \u201esodass ein freier Zugang f\u00fcr die Forschung zum kulturellen Erbe erfolgen kann\u201c (Klaffki\/Schmunk\/St\u00e4cker 2018, 34). Dass die Urheberrechtslage zu Schwierigkeiten f\u00fchrt, wurde schon bei den born-digital Texten thematisiert. F\u00fcr die Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts verhindert das Urheberrecht zu gro\u00dfen Teilen eine digitale Erforschung, weshalb dieser Zeitraum durch die DH kaum ber\u00fccksichtigt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in der Anschlussdiskussion zum Vortrag <em>Die Aktualit\u00e4t des Unzeitgem\u00e4\u00dfen<\/em> kurz angesprochen wurde, stellt jedoch nicht allein das Urheberrecht eine H\u00fcrde bei der Digitalisierung und Freigabe dar. Selbst wenn Werke urheberrechtlich frei sind, haben einige Archive aufgrund von institutionellen Nutzungsvereinbarungen Bedenken bei einer unbeschr\u00e4nkten Freigabe ihrer Digitalisate. Auch bef\u00fcrchten sie einen Bruch mit privaten Sammlungen und Bibliotheken, gerade bei der Freigabe seltener Werke, die nicht \u00fcber andere Wege verf\u00fcgbar sind. Daher schrecken sie von einer freien Verf\u00fcgbarkeit zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst in dem Fall, dass Werke digitalisiert und online bereitgestellt wurden, kann eine digitale Erforschung schwierig sein. So wies der Bericht des DARIAH-DE Teams (2018, 18) darauf hin, dass Retrodigitalisate oftmals nicht ausreichend f\u00fcr eine Analyse mit DH-Methoden aufbereitet werden \u2013 eine Problematik, die auf der DHd2022 mehrfach angesprochen wurde. Bei dem Panel zu <em>Digitaler Sammlungsforschung<\/em> wurde eine einheitliche und f\u00fcr die digitale Forschung ausreichend hohe Datenqualit\u00e4t als Herausforderung hervorgehoben, der Workshop <em>Manifest f\u00fcr digitale Editionen<\/em> entstand aus dem \u201edr\u00e4ngenden Bedarf, die besonderen Rahmenbedingungen f\u00fcr digitale Editionen und einige gegenw\u00e4rtig unbefriedigende Aspekte der wissenschaftlichen Arbeit bei allen Stakeholdern deutlicher zu machen, um eine Verbesserung der Situation zu bewirken\u201c (<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6327989\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.6327989<\/a>). Das Manifest soll eine Grundlage liefern, bei der sowohl die ben\u00f6tigte Datenqualit\u00e4t als auch die FAIR-Prinzipien ber\u00fccksichtigt werden \u2013 ohne dabei aus dem Blick zu verlieren, dass digitale Editionen im wissenschaftlichen Kontext zumeist in drittmittelgef\u00f6rderten Projekten interdisziplin\u00e4rer Teams entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hinweis auf die FAIR-Prinzipien zeigt einen weiteren Problembereich auf, denn besonders in diesem Zusammenhang wurden w\u00e4hrend der Tagung zahlreiche Negativbeispiele genannt wie z.B. verschwundene Datenbanken wie <em>DaSind <\/em>oder aufwendige 3D-Digitalisate, die nach Programmupdates der bereitstellenden Institute online nicht mehr abrufbar waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese eingeschr\u00e4nkte Menge an maschinenlesbaren, urheberrechtsfreien Daten hat Folgen f\u00fcr die DH-Forschung. Bereits auf vorherigen DHd-Tagungen wurde kritisiert, dass die Forschung \u00fcberwiegend auf einen eher kleinen, von Autoren dominierten \u201eKanon des Kanons\u201c beschr\u00e4nkt ist, da \u2013 meist zwangsl\u00e4ufig \u2013 auf bestehende Digitalisate zur\u00fcckgegriffen wird (vgl. z.B. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.3666690\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.3666690<\/a>). Auswirkungen zeigten sich in der Studie von Mark Hall, der Vortrags- und Poster-Abstracts der DHd-Tagungen von 2016\u20132018 auf Gender, Sprache und Herkunftsland der explizit genannten, untersuchten Personen analysierte. Solche Personennennung traten in 104 der 342 Abstracts auf. Fielen die Ergebnisse der L\u00e4nder- und Sprachanalysen positiv aus, galt dies nicht f\u00fcr das Gender: W\u00e4hrend in 100 dieser Abstracts M\u00e4nner genannt wurden, waren es bei Frauen 12, ausschlie\u00dfliche Nennung von Frauen als Studienziel oder alleiniges Beispiel traf nur auf 2 Abstracts zu (vgl. <a href=\"https:\/\/zenodo.org\/record\/2596095\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/zenodo.org\/record\/2596095<\/a>). Die Studie wies dar\u00fcber hinaus darauf hin, dass Abstracts mit expliziter Personennennung nur einen Teil der DH-Forschung abbilden, die im Rahmen der DHd-Tagungen pr\u00e4sentiert wurden, dennoch zeige sich darin eine Tendenz. Aus aktueller Sicht l\u00e4sst sich diese Tendenz voraussichtlich nicht auf einen expliziten Gender-Bias in den DH zur\u00fcckf\u00fchren, sondern sie ist ein Effekt eines wesentlich st\u00e4rker wirkenden Kanon-Bias.<a name=\"_ftnref5\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> Daher ist es von gro\u00dfer Relevanz, in den vorgenommenen Untersuchungen zu reflektieren, auf welche Weise das jeweilige Korpus zustande gekommen ist und welche Werke es enth\u00e4lt bzw. nicht enth\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die DH generell das Potential haben, die etablierte Literaturgeschichtsschreibung zu revidieren, haben die angef\u00fchrten Projekte gezeigt. Zumeist weisen diese sogar explizit darauf hin, kanonisierte und nicht kanonisierte Texte mit einzubeziehen oder sich speziell nicht kanonischer Formen zu widmen. Auff\u00e4llig dabei ist, dass f\u00fcnf der sechs vorgestellten Untersuchungen drittmittelfinanzierte Projekte sind, folglich eher die Option haben, selbstst\u00e4ndig Digitalisierungen vorzunehmen \u2013 allerdings in der Regel ohne eine Perspektive auf Langzeitverf\u00fcgbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zahlreiche H\u00fcrden verhindern jedoch, dass das m\u00f6gliche Potenzial der DH zur vollst\u00e4ndigen Anwendung kommt. Wie schon 2018 gefordert, br\u00e4uchte es f\u00fcr den Bildungs- und Wissenschaftsbereich eine Sonderregelung des Urheberrechts, um alle Zeitr\u00e4ume abdecken zu k\u00f6nnen. Aktuell sorgt es daf\u00fcr, dass gro\u00dfe Bereiche des 20. und 21. Jahrhunderts f\u00fcr die DH blinde Flecken sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem br\u00e4uchte es mehr maschinenlesbare Digitalisate und zugleich finanzierte Forschung, die sich diesen Digitalisaten widmen kann. Mehr Digitalisierung an sich w\u00fcrde die vorliegenden Problematiken nicht l\u00f6sen, sondern die Daten nur von einem analogen in ein digitales Speicherged\u00e4chtnis verschieben, ohne dass sie funktional genutzt werden. Beides erfordert Kenntnisse und eine wesentlich gr\u00f6\u00dfere Finanzierung, als sie zurzeit stattfindet. Doch die Wichtigkeit dieser Fragen ist nicht zu untersch\u00e4tzen, denn sie entscheiden dar\u00fcber, wie Literatur langfristig betrachtet und erinnert werden wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p>Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Reisestipendiums der DHd2022.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><u>Zus\u00e4tzliche Quellen:<\/u><\/p>\n\n\n\n<p>Jannidis, Fotis: Literaturgeschichten. In: Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte. Herausgegeben von Gabriele Rippl und Simone Winko. Stuttgart: Metzler, 2013.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaffki, Lisa; Schmunk, Stefan; St\u00e4cker, Thomas: Stand der Kulturgutdigitalisierung in Deutschland. Eine Analyse und Handlungsvorschl\u00e4ge des DARIAH\u2013DE Stakeholdergremiums \u201eWissenschaftliche Sammlungen\u201c. G\u00f6ttingen: GOEDOC, 2018.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass Literaturgeschichten im Kanonisierungskontext eine Sonderstellung einnehmen, da sie zentral f\u00fcr Kanonisierung und Kanonpflege sind, aber nicht den Kanon selbst bestimmen (vgl. Jannidis 2013, 159).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die folgenden Beitr\u00e4ge sind beispielhaft zu verstehen, da aufgrund der Beitragsmenge nicht alle Beitr\u00e4ge angef\u00fchrt werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> F\u00fcr genauere Informationen siehe Brottrager\/Stahl\/Arslan: Predicting Canonization. Comparing Canonization Scores Based on Text-Extrinsic and -Intrinsic Features, <a href=\"http:\/\/ceur-ws.org\/Vol-2989\/short_paper21.pdf\">http:\/\/ceur-ws.org\/Vol-2989\/short_paper21.pdf<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00dcber den allgemeinen Stand und die Datenqualit\u00e4t der Kulturgutdigitalisierung in Deutschland gibt es keine valide Statistik. F\u00fcr eine Analyse auf Basis der verf\u00fcgbaren Daten siehe Klaffki\/Schmunk\/St\u00e4cker (2018).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ich danke an dieser Stelle Mark Hall f\u00fcr die R\u00fcckmeldung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eKulturen beruhen auf Erinnerung, auf Praktiken der Speicherung und der \u00dcberlieferung\u201c \u2013 so hei\u00dft es zu Beginn der Beschreibung zur DHd2022-Tagung Kulturen des digitalen Ged\u00e4chtnisses. Dies trifft auch auf die Literaturgeschichtsschreibung zu. 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