{"id":14726,"date":"2020-12-08T17:48:10","date_gmt":"2020-12-08T16:48:10","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=14726"},"modified":"2020-12-08T17:48:10","modified_gmt":"2020-12-08T16:48:10","slug":"digitale-quellenkritik-quellenkritik-1-1-oder-besser-2-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=14726","title":{"rendered":"Digitale Quellenkritik: Quellenkritik 1.1 oder besser 2.0?"},"content":{"rendered":"\n<p>Zusammenfassung der Session 3.1 \u201cDigitale Quellenkritik\u201d des Barcamps \u201c<a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=12806\">Vermittlung von Data Literacy in den Geisteswissenschaften<\/a>\u201c auf der DHd2020 in Paderborn, ausgerichtet von der AG Datenzentren des DHd.<\/p>\n<p>\u00dcbersichtsblogpost zum Barcamp: Ulrike Wuttke, Marina Lemaire: \u201c<a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=13748\">Offen, vielf\u00e4ltig und kreativ. Ein Bericht zum Barcamp Data Literacy #dhddatcamp20 bei der DHd 2020<\/a>\u201c, 08.06.2020, DHd Blog.<\/p>\n<p><strong>Autor:innen<\/strong>:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.adwmainz.de\/mitarbeiterinnen\/profil\/aline-deicke.html\">Aline Deicke<\/a>, Digitale Akademie, Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.adwmainz.de\/mitarbeiterinnen\/profil\/jonathan-d-geiger.html\">Jonathan D. Geiger<\/a>, Digitale Akademie, Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz<\/li>\n<li>Marina Lemaire, Servicezentrum eSciences, Universit\u00e4t Trier<\/li>\n<li>Stefan Schmunk, Hochschule Darmstadt<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00a0<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201cQuellenkritik\u201d \u2013 was ist das \u00fcberhaupt?<\/h2>\n\n\n\n<p>Unter \u201cQuellenkritik\u201d versteht man in den historischen Wissenschaften eine etablierte Forschungsmethode, die Quellen (z. B. Schriftst\u00fccke, Notenbl\u00e4tter, Urkunden, M\u00fcnzen, Grabsteine, Siegel, Musik, Interviews, Bilder etc.) f\u00fcr die Wissenschaft interpretierbar und analysierbar macht. Es findet dabei eine Beschreibung, Kontextualisierung und Interpretation der Quellen statt, wobei die Pr\u00fcfung der Authentizit\u00e4t bzw. Plausibilit\u00e4t, die Bewertung des wissenschaftlichen Gehaltes und die Kontextualisierung der Quelle nach Materialit\u00e4t und nach Inhalt im Fokus stehen. Gemeinhin wird zwischen einer \u00e4u\u00dferen Quellenkritik, welche sich auf die Form und Gestaltung der Quelle bezieht, und einer inneren Quellenkritik, welche sich auf die inhaltliche (semantische) Ebene der Quelle konzentriert, unterschieden.<\/p>\n<p>Auch in Bezug auf diese traditionsreiche Methode fordert die Digitalisierung die Wissenschaften auf, sich neu zu positionieren. Historiker:innen untersuchen heutzutage nicht nur die historische Quelle an sich, sondern auch deren digitale Repr\u00e4sentationen, z. B. Faksimiles, Bilddigitalisate oder auch Transkriptionen. Zudem tritt ein weiterer Quellentypus hinzu, zu dem es kein analoges \u201cGegenst\u00fcck\u201d gibt, da diese Objekte genuin digitaler Natur (\u201cdigital born\u201d) sind. Schlie\u00dflich bedingen neue Untersuchungsmethoden, z. B. quantitative wie qualitative Analysen gro\u00dfer Quellenkorpora, eine Ausweitung der Fragen, die bisher an das Material gestellt wurden. \u201cDigitale Quellenkritik\u201d ist also erstmal ein Label, unter dem verschiedene Ans\u00e4tze von tentativen Anpassungen der traditionellen Quellenkritik, Erweiterungen, Theoretisierungen, Problematisierungen und Positionierungen subsummiert werden.<\/p>\n<p>An diesen notwendigen Diskurs setzte die Session auf dem Barcamp an und nutzte die begriffliche Offenheit der Thematik sowie die breitgestreute Expertise der Teilgebenden, um sich analytisch-systematisch der Thematik und den offenen Problemstellungen anzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Digitale Quellenkritik und Data Literacy<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Einbettung der digitalen Quellenkritik in ein Barcamp unter dem Titel \u201cData Literacy\u201d wird sp\u00e4testens dann plausibel, wenn ber\u00fccksichtigt wird, dass ein ver\u00e4ndertes Verh\u00e4ltnis von Historiker:innen zu digitalen Objekten und Methoden auch die Anforderungen an Kompetenzen und F\u00e4higkeiten ver\u00e4ndern. Bei der Konzeption von Data Literacy und eine Verankerung derselben in Curricula der Studieng\u00e4nge und Anforderungsprofile von Wissenschaftler:innen muss eine \u2013 wie auch immer gestaltete \u2013 digitale Quellenkritik auch aus prop\u00e4deutischer Perspektive mitgedacht werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Platz des Digitalen in der traditionellen Quellenkritik<\/h2>\n\n\n\n<p>Die zentrale Ausgangsfrage der Session war, ob es f\u00fcr digitale Quellen eine neue Art der Quellenkritik braucht, ob sich die traditionelle Quellenkritik leicht auf diese neuartigen Quellentypen \u2013 bestimmt durch eine neue Medialit\u00e4t und Materialit\u00e4t des digitalen Objektes \u2013 anwenden l\u00e4sst oder ob es sogar mehrere unterschiedliche Quellenkritiken im Werkzeugkasten der Historiker:innen geben muss. Um diesen \u00dcberlegungen auf den Grund gehen zu k\u00f6nnen, orientierten sich die Teilgebenden an Ablaufpl\u00e4nen der traditionellen Quellenkritik und begannen, diese im Hinblick auf digitale Quellen zu erweitern.<\/p>\n<p>Als Quellenkritik wird sowohl die historische Methode als auch das Ergebnis dieser Methode bezeichnet. Die klassische Quellenkritik als Methode umfasst mehrere Phasen\u00b9:<\/p>\n<ol>\n<li>Formulierung der Forschungsfrage<\/li>\n<li>Erschlie\u00dfung der Quelle (Beschreibung bzw. Aufbereitung)<\/li>\n<li>\u00c4u\u00dfere Quellenkritik (Bewertung der \u00e4u\u00dferlichen Gestaltung der Quelle, insbesondere hinsichtlich ihrer Herkunft und Echtheit)<\/li>\n<li>Innere Quellenkritik (Bewertung des Au\u00dfenwertes der Quelle, insbesondere hinsichtlich des Erkenntnishorizonts der Autor:in(nen) bzw. der Urheber:in(en))<\/li>\n<li>Interpretation und Kontextualisierung<\/li>\n<li>Darstellung der Ergebnisse<\/li>\n<\/ol>\n<p>Vor allem die zweite Phase \u2013 die Erschlie\u00dfung der Quelle \u2013 wurde in der Session hinsichtlich einer Erweiterung um digitale Quellen diskutiert. Es wurden neben den traditionellen (analogen) Quellentypen insbesondere zwischen (retro)digitalisierten und genuin digitalen Quellen unterschieden. Die Fragen nach der Verfasstheit und Strukturierung von digitalen Quellen ist aufgrund des divergenten ontologischen Status anders gelagert: Bei digitalen Quellen muss nach dem Datenformat und der -struktur gefragt werden, nach der Vollst\u00e4ndigkeit der Datenquelle und der Integrit\u00e4t der Daten. In Bezug auf die Provenienz ergibt sich eigentlich eine Verdoppelung der Quellenautopsie. Zus\u00e4tzlich zur \u00dcberpr\u00fcfung der Herkunft der Originalquelle wird eine \u00dcberpr\u00fcfung der Herkunft der digitalen Repr\u00e4sentation der Quelle notwendig. Das umfasst Fragen wie \u201cWer hat die Quelle wann, wie, wozu und womit (retro)digitalisiert?\u201d, \u201cExistieren mehrere Versionen und wenn ja, weshalb?\u201d, \u201cKann es Manipulationen an den Daten gegeben haben oder \u2018entspricht\u2019 das digitale Objekt dem analogen? Sind Plausibilit\u00e4ts- und Validit\u00e4tschecks m\u00f6glich, um dies zu \u00fcberpr\u00fcfen? \u201d und \u201cWelche Daten- und Metadatenformate und -standards wurden verwendet (und welche nicht)?\u201d. Diese Fragensammlung stellt eine erste N\u00e4herung in der Session dar und zeigt zugleich das Entwicklungspotenzial auf.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: die traditionelle Quellenkritik ist auch f\u00fcr digitale Objekte gut geeignet<\/h2>\n\n\n\n<p>Insgesamt l\u00e4sst sich als Ergebnis der Session festhalten, dass die traditionelle historische Quellenkritik sehr gut f\u00fcr die Integration digitaler Quellen in die historische Forschung geeignet ist. Das Prinzip des \u201cVeto-Rechts\u201d der Quellen nach Reinhard Koselleck, d. h., dass nichts behauptet werden darf, was die Quellen nicht belegen, gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr digitale Objekte. Eine komplette Durchleuchtung der klassischen Quellenkritik auf das Digitale hin war im Rahmen der Session nicht m\u00f6glich, dennoch konnten interessante Impulse zusammengestellt und Hinweise geliefert werden, welche Aufgaben in diesem Themenkomplex noch bearbeitet werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eine digitale Quellenkritik muss, neben den methodologischen Anpassungen, nicht nur systematische Ver\u00e4nderungen in der wissenschaftlichen Handhabung von digitalen Forschungsobjekten nach sich ziehen, d. h. die Gew\u00e4hrleistung der Datenintegrit\u00e4t und -sicherheit, der Langzeitarchivierung, der Versionierung, der Dokumentation von Metadaten und vielerlei mehr. Sie muss sich vielmehr auch im Studium und der Aus- und Weiterbildung der Wissenschaftler:innen niederschlagen. Das umfasst beispielsweise die F\u00e4higkeit Programmcode zu lesen, Datenstandards zu kennen und deren Strukturen zu verstehen oder Datenmanipulationen und die Anwendung von Algorithmen nachzuvollziehen. Dies gilt umso mehr, wenn sich auch elaborierte technische Methoden und Werkzeuge, wie zum Beispiel Technologien der K\u00fcnstlichen Intelligenz und des Machine Learnings in der historischen Forschung etablieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Es ist noch viel zu tun &#8230;<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie eingangs geschildert ist \u201cDigital Quellenkritik\u201d derzeit noch ein sehr offener Begriff und kann und muss weiterentwickelt werden. In diesem Diskurs sollte dabei nicht nur die gro\u00dfe Pluralit\u00e4t der wissenschaftlich(-historischen) Prim\u00e4robjekte und die Pluralit\u00e4t digitaler Datenformate Ber\u00fccksichtigung finden, sondern im besten Falle auch die Perspektiven der unterschiedlichen geistes- und sogar nicht-geisteswissenschaftlichen Disziplinen auf digitale Objekte. Zwar ist der Begriff der digitalen Quellenkritik im Wissenschaftskontext fast ausschlie\u00dflich in der historischen Forschung situiert, dennoch gibt es heutzutage wahrscheinlich kaum eine wissenschaftliche Disziplin, die nicht kritisch mit digitalen Objekten umgehen muss \u2013 seien es physikalische Messdaten oder terrestrisches Laserscanning, Daten aus medizinischen MRTs, Unterrichtsvideographie oder Social-Media-Datenkorpora f\u00fcr die soziologische Analyse um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dies ist insbesondere dann notwendig, wenn auf bereits vorhandene digitale Datenbest\u00e4nde f\u00fcr neue Forschungsfragen zur\u00fcckgegriffen wird. Insgesamt zeigt sich also, dass die Weiterentwicklung der geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Quellenkritik f\u00fcr digitale Daten weit \u00fcber die Fachgrenze hinaus relevant ist und die dort entwickelten Verfahren nicht nur Eingang in die Curricula der geschichtswissenschaftlichen Studieng\u00e4nge finden sollten, sondern auch in alle anderen.<\/p>\n<p>Die Autor:innen und die Teilgebenden bewerteten die Barcamp-Session als einen guten Startpunkt und sind bestrebt die Thematik insbesondere im Kontext historischer Forschung, den Digital Humanities und der Data Literacy-Debatte weiterzuverfolgen. Angedacht sind weitere Veranstaltungen, sowie Publikationen und insbesondere ein intensiver Austausch mit allen Interessierten. Ideen, Beitr\u00e4ge und\/oder Beteiligung ist ausdr\u00fccklich erw\u00fcnscht!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kontakt<\/strong>:<\/p>\n<ul>\n<li>Aline Deicke (<a href=\"mailto:aline.deicke@adwmainz.de\">aline.deicke@adwmainz.de<\/a>, @alinedeicke),<\/li>\n<li>Jonathan D. Geiger (<a href=\"mailto:jonathan.geiger@adwmainz.de\">jonathan.geiger@adwmainz.de<\/a>, @jodageiger)<\/li>\n<li>Marina Lemaire (<a href=\"mailto:marina.lemaire@uni-trier.de\">marina.lemaire@uni-trier.de<\/a>, @mrnlmr)<\/li>\n<li>Stefan Schmunk, (<a href=\"mailto:stefan.schmunk@h-da.de\">stefan.schmunk@h-da.de<\/a>, @stefanschmunk)<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>\u00b9 Sabine B\u00fcttner, Tutorium Arbeiten mit Quellen: Quellenkritik und -interpretation, in: historicum-estudies.net, URL: <a href=\"https:\/\/www.historicum-estudies.net\/etutorials\/tutorium-quellenarbeit\/quellenkritik\/\">https:\/\/www.historicum-estudies.net\/etutorials\/tutorium-quellenarbeit\/quellenkritik\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammenfassung der Session 3.1 \u201cDigitale Quellenkritik\u201d des Barcamps \u201cVermittlung von Data Literacy in den Geisteswissenschaften\u201c auf der DHd2020 in Paderborn, ausgerichtet von der AG Datenzentren des DHd. \u00dcbersichtsblogpost zum Barcamp: Ulrike Wuttke, Marina Lemaire: \u201cOffen, vielf\u00e4ltig und kreativ. 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