{"id":14616,"date":"2020-11-06T08:47:57","date_gmt":"2020-11-06T07:47:57","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=14616"},"modified":"2020-12-04T16:56:42","modified_gmt":"2020-12-04T15:56:42","slug":"abgeleitete-textformate-als-neuer-ansatz-fuer-die-arbeit-mit-urheberrechtlich-geschuetzten-texten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=14616","title":{"rendered":"&#8222;Abgeleitete Textformate&#8220; als neuer Ansatz f\u00fcr die Arbeit mit urheberrechtlich gesch\u00fctzten Texten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"rich-text block-editor-rich-text__editable\" role=\"textbox\" aria-label=\"Schreib eine \u00dcberschrift\u2026\"><strong>Bericht von der DFG-Experten-Workshopreihe zu \u201eStrategien f\u00fcr die Nutzbarmachung urheberrechtlich gesch\u00fctzter Textbest\u00e4nde f\u00fcr die Forschung durch Dritte\u201c an der Universit\u00e4t Trier.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In einem zweit\u00e4gigen von der DFG gef\u00f6rderten Workshop gingen Expertinnen und Experten am 28. November 2019 sowie am 17. Januar 2020 an der Universit\u00e4t Trier der Frage nach, wie nach geltendem Urheberrecht bisher gesch\u00fctzte Textbest\u00e4nde f\u00fcr Forschungszwecke genutzt und publiziert werden k\u00f6nnen. Der interdisziplin\u00e4re Workshop wurde konzipiert und organisiert von Prof. Dr. Benjamin Raue (Institut f\u00fcr Recht und Digitalisierung Trier) und Prof. Dr. Christof Sch\u00f6ch (Trier Center for Digital Humanities). Die an beiden Tagen versammelte Expertise der Teilnehmer*innen umspannte neben den Rechtswissenschaften und Digital Humanities die Informatikwissenschaften, die Computerlinguistik sowie die Ged\u00e4chtnisinstitutionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit waren Vertreterinnen und Vertreter verschiedener potentieller Zielgruppen repr\u00e4sentiert, die eine mit dem Workshop verbundene Publikation erreichen m\u00f6chte: Es wird eine (mehrteilige) Handreichung entstehen, die Strategien im Umgang mit dem Urheberrecht sowohl f\u00fcr Anwender:innen von Text und Data Mining in den Digital Humanities, der Computerlinguistik und in den Informatikwissenschaften als auch f\u00fcr Texte zur Verf\u00fcgung stellende Ged\u00e4chtnis\u2011\/Infrastruktureinrichtungen darlegt. Zugleich soll sie einen rechtswissenschaftlichen Forschungsbeitrag zur Frage der Bewertung verschiedener Umgangsformen mit dem Urheberschutzrecht liefern. Mit der vielf\u00e4ltigen Zusammensetzung der Expert:innengruppe waren die Interessen und Perspektiven fast aller betroffenen Akteure vertreten und die Voraussetzung f\u00fcr intensive Diskussionen gegeben. Dieser produktive Austausch sollte allerdings in einem n\u00e4chsten Schritt noch um die bisher nicht repr\u00e4sentierte Position der Verlage erweitert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als zentral erwies sich bereits am ersten Workshop-Tag die Frage, wie m\u00f6gliche \u2013 aus urheberrechtlich gesch\u00fctzten Texten abgeleitete \u2013 Textformate zu bewerten sind. Die grundlegende Idee besteht darin, bisherige Hemmnisse f\u00fcr die Forschung dadurch zu \u00fcberwinden, dass der urheberrechtlich gesch\u00fctzte Ausgangstext in ein Format transformiert wird, das vom Urheberrechtsschutz nicht mehr betroffen ist. Denn wenngleich durch das neue Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz (UrhWissG) von M\u00e4rz 2018 und durch die \u201eDirective on Copyright\u201c auf EU-Ebene von 2019 im Hinblick auf die Nutzung von Textsammlungen f\u00fcr das Text-und-Data-Mining bereits einige Verbesserungen zu verzeichnen sind, so besteht die folgenreiche Problematik weiterhin darin, dass die Weitergabe und Publikation solcher Textsammlungen starken Beschr\u00e4nkungen unterliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es also gel\u00e4nge, Textformate zu finden, die aus rechtswissenschaftlicher Perspektive vor dem Hintergrund des geltenden Urheberrechts (und ggf. Leistungsschutz- und Datenbankherstellerschutzrechts) als unbedenklich eingestuft w\u00fcrden und zugleich die Bearbeitung sinnvoller Fragestellungen erm\u00f6glichten, so lie\u00dfe sich eine der zentralen Restriktionen der Digital Humanities \u00fcberwinden. Bisher kaum je im Ma\u00dfstab von Text- und Data-Mining betrachtete Korpora (vor allem nach 1920) w\u00e4ren auf v\u00f6llig neue Weise zu erschlie\u00dfen: Textsammlungen k\u00f6nnten transparent nachgenutzt werden, Forschungsergebnisse w\u00e4ren reproduzierbar, unn\u00f6tiger Ressourcenaufwand in der potentiell doppelten (weil bisher aus urheberrechtlichen Gr\u00fcnden nicht durch Dritte nachnutzbaren Daten) Erstellung von Textsammlungen k\u00f6nnte vermieden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die intensive Diskussion zwischen den verschiedenen Akteuren \u2013 mit u.&nbsp;a. <em>Harry Potter<\/em> als einem ebenso einschl\u00e4gigen wie herausfordernden Fall- und Textbeispiel \u2013 lie\u00df es durchaus m\u00f6glich, aber keineswegs einfach erscheinen, den virulenten Zielkonflikt auszubalancieren: Denn zum einen ist es fraglich, welchen Erkenntnisgewinn ein Textformat noch verspricht, wenn zu viele Informationen getilgt wurden; und zum anderen stellen oft gerade \u201akreative\u2018, \u201aschutzbegr\u00fcndende\u2018 Eigenschaften den Kern des geistes-, zumindest literaturwissenschaftlichen Interesses dar. Als sehr gewinnbringend stellte sich die konkrete Diskussion der M\u00f6glichkeiten, aber auch der Grenzen der einzelnen Textformate dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den naheliegenden und teilweise bereits umrissenen Zielen \u2013 dass die Formate nicht als relevante Reproduktion des gesch\u00fctzten Ausgangstextes erkennbar sein d\u00fcrfen und dass dennoch relevante Forschungsfragen bearbeitet werden k\u00f6nnen \u2013 bestand eine diskutierte Zieldimension darin, die Anzahl der verschiedenen Formate m\u00f6glichst niedrig zu halten und zugleich eine m\u00f6glichst hohe Diversit\u00e4t im Hinblick auf die analytischen Zug\u00e4nge zu gew\u00e4hrleisten. Au\u00dferdem wurden denkbare Bereitstellungsszenarien solcher Textformate thematisiert und damit verbundene Aspekte \u2013 nicht zuletzt Fragen der Standardisierung \u2013 besprochen. Dar\u00fcber hinaus kristallisierte sich zunehmend heraus, dass es sinnvoll w\u00e4re, die Entscheidung f\u00fcr oder gegen bestimmte Textformate im Rahmen von Begleitforschungsprojekten auf eine empirische Basis zu stellen. So k\u00f6nnten beispielsweise Analyseresultate auf Basis der gesch\u00fctzten Ausgangstexte mit den Ergebnissen verglichen werden, die in der Untersuchung abgeleiteter Formate erzielt wurden. Es ergab sich neben solchen Performanz-Tests bestimmter Formate (in Kombination mit den jeweils m\u00f6glichen Verfahren) eine Vielfalt spannender Anschluss\u00fcberlegungen \u2013 beispielsweise die Frage, welche Effekte eine Kombination mehrerer abgeleiteter Textformate f\u00fcr die Anwendungsszenarien einerseits, die Rekonstruierbarkeit der Texte andererseits, mit sich bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend derartige Fragen ein doch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig spezialisiertes interdisziplin\u00e4res Forschungsfeld betreffen, so ist aus Sicht der Digital Humanities vor allem der Nutzen &#8222;abgeleiteter Textformate&#8220; im Erschlie\u00dfen v\u00f6llig neuer, bisher nicht (f\u00fcr das Text-und-Data-Mining) ber\u00fccksichtigten Korpora betont worden. Es h\u00e4tte definitiv weitreichende Konsequenzen, wenn sich die angedachten L\u00f6sungsans\u00e4tze zur \u00dcberwindung derzeitiger Restriktionen standardisiert in die Praxis umsetzen lie\u00dfen und auf breite Akzeptanz stie\u00dfen. Angesichts der Einschr\u00e4nkungen im Hinblick auf den Informationsgehalt werden solche Textformate zwar nicht unbedingt etwas zu methodischen Innovationen beitragen k\u00f6nnen, doch es erschlie\u00dfen sich sprichw\u00f6rtlich neue \u201aWelten\u2018 von Korpora, \u00fcber die bisher keine Aussagen im Ma\u00dfstab des Text-und-Data-Mining getroffen werden k\u00f6nnen. Die sich er\u00f6ffnenden M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume liegen also f\u00fcr die Digital Humanities vor allem in der Anwendung standardisierter Methoden auf bisher unbekannten (oder teilweise treffender: nicht in ihrer Breite wissenschaftlich rezipierten) Textkorpora insbesondere (der zweiten H\u00e4lfte) des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr verschiedene am zweiten Workshop-Tag diskutierte Textformate finden sich Beispiele aus einer kleinen Textsammlung, die unter <a href=\"https:\/\/github.com\/dh-trier\/tmr\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/github.com\/dh-trier\/tmr<\/a> nachvollzogen werden k\u00f6nnen. Ideen und Vorschl\u00e4ge f\u00fcr relevante, im weiteren Verlauf zu ber\u00fccksichtigende Korpora, an denen die Erstellung der abgeleiteten Formate sowie die analytische Performanz getestet werden k\u00f6nnen, sind willkommen. Eine klar abgesteckte Konzeption der mehrgliedrigen Handreichung konnte als Ergebnis des zweiten Tages gesichert werden und wird derzeit umgesetzt. Zudem sind mehrere Ver\u00f6ffentlichungen entweder in Vorbereitung oder bereits erschienen, die die Themen der Workshopreihe aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.<\/p>\n\n\n\n<p>(Dr. Maria Hinzmann ist Mitarbeiterin im <a href=\"http:\/\/mimotext.uni-trier.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">MiMoText<\/a>-Projekt, das am <a href=\"https:\/\/kompetenzzentrum.uni-trier.de\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Trier Center for Digital Humanities<\/a> angesiedelt ist.)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Publikationen im Kontext der Workshopreihe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Sch\u00f6ch, Christof, Fr\u00e9d\u00e9ric D\u00f6hl, Achim Rettinger, Evelyn Gius, Peer Trilcke, Peter Leinen, Fotis Jannidis, Maria Hinzmann, and J\u00f6rg R\u00f6pke. \u201cAbgeleitete Textformate: Text und Data Mining mit urheberrechtlich gesch\u00fctzten Textbest\u00e4nden.\u201d <em>Zeitschrift F\u00fcr digitale Geisteswissenschaften<\/em> 5, 2020, <a href=\"http:\/\/www.zfdg.de\/2020_006\">http:\/\/www.zfdg.de\/2020_006<\/a>, DOI: <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.17175\/2020_006\">10.17175\/2020_006<\/a><\/li><li>Sch\u00f6ch, Christof, Fr\u00e9d\u00e9ric D\u00f6hl, Achim Rettinger, Evelyn Gius, Peer Trilcke, Peter Leinen, Fotis Jannidis, Maria Hinzmann, J\u00f6rg R\u00f6pke: \u201eAbgeleitete Textformate: Prinzip und Beispiele\u201c. In: <em>Recht und Zugang<\/em> 1.2, 2020, 160\u2013175. DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-2-160\">https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-2-160<\/a><\/li><li>Raue, Benjamin, Christof Sch\u00f6ch: \u201eZugang zu gro\u00dfen Textkorpora des 20. und 21. Jahrhunderts mit Hilfe abgeleiteter Textformate \u2013 Vers\u00f6hnung von Urheberrecht und textbasierter Forschung\u201c. In: <em>Recht und Zugang<\/em>, 1.2, 2020, 118\u2013127. DOI: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-2-118\" target=\"_blank\">https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-2-118<\/a><\/li><li>Grisse, Karina: \u201eNutzbarmachung urheberrechtlich gesch\u00fctzter Textbest\u00e4ndef\u00fcr die Forschung durch Dritte \u2013 Rechtliche Bedingungen und M\u00f6glichkeiten\u201c. In: <em>Recht und Zugang<\/em>, 1.2, 2020, 143\u2013159. DOI: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-2-143\" target=\"_blank\">https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-2-143<\/a><\/li><li>Jotzo, Florian: \u201eDer Schutz gro\u00dfer Textbest\u00e4nde nach dem UrhG \u2013 Die Nutzbarmachung fremder Textbest\u00e4nde f\u00fcr die Forschung\u201c. In: <em>Recht und Zugang<\/em>, 1.2, 2020, 128\u2013142. DOI: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-2-143\" target=\"_blank\">https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-2-128<\/a><\/li><li>Erler, Katharina: \u201eDFG-Expertenworkshop: Strategien f\u00fcr die Nutzbarmachungurheberrechtlich gesch\u00fctzter Textbest\u00e4nde f\u00fcr die Forschungdurch Dritte\u201c [Tagungsbericht]. In: <em>Recht und Zugang<\/em>, 1.1, 2020, 108\u2013112. DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-1-108\">https:\/\/doi.org\/10.5771\/2699-1284-2020-1-108<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bericht von der DFG-Experten-Workshopreihe zu \u201eStrategien f\u00fcr die Nutzbarmachung urheberrechtlich gesch\u00fctzter Textbest\u00e4nde f\u00fcr die Forschung durch Dritte\u201c an der Universit\u00e4t Trier. In einem zweit\u00e4gigen von der DFG gef\u00f6rderten Workshop gingen Expertinnen und Experten am 28. November 2019 sowie am 17. 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