{"id":14045,"date":"2020-07-10T09:57:40","date_gmt":"2020-07-10T07:57:40","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=14045"},"modified":"2020-07-10T09:57:40","modified_gmt":"2020-07-10T07:57:40","slug":"digitale-tagung-sprache-und-wissen-hin-und-zurueck-iterative-annotation-als-linguistische-forschungsmethode","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=14045","title":{"rendered":"Digitale Tagung: Sprache und Wissen hin und zur\u00fcck \u2013 iterative Annotation als linguistische Forschungsmethode"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"453\" height=\"141\" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/app\/uploads\/2020\/07\/SuW.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-14046\" srcset=\"https:\/\/dhd-blog.org\/app\/uploads\/2020\/07\/SuW.png 453w, https:\/\/dhd-blog.org\/app\/uploads\/2020\/07\/SuW-300x93.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 453px) 100vw, 453px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Termin: 30. September bis 02. Oktober 2020<\/p>\n<p>Die Tagung wird im Rahmen der Graduiertenplattform des Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen organisiert und findet am Termin der Jahrestagung des Netzwerks statt, die um ein Jahr verschoben wird.<\/p>\n<p>Abstract:<\/p>\n<p>Schon die analoge Kulturtechnik des Annotierens mit ihren antiken Wurzeln (Glossen und Scholien z. B.) stellt eine sprachsensible Praktik dar, durch die das Zusammenwirken von verschriftlichter Sprache und kontextualisierend-erg\u00e4nzendem Wissen explizit und sichtbar gemacht wird. Annotationen dienen einerseits der Anreicherung von Dokumenten mit mehr oder weniger kontextspezifisch relevantem Wissen. Andererseits zielen Annotationen aber auch auf die Erschlie\u00dfung von Texten, das Erkennen von Zusammenh\u00e4ngen und Mustern, die Analyse und Interpretation \u2013 also das Gewinnen von Erkenntnissen aus sprachlichen Daten.<\/p>\n<p>Digitale Annotation stellt als wissenschaftliche Methode keine rein mimetisch ins Digitale \u00fcberf\u00fchrte Form einer analog gepr\u00e4gten Praktik dar, sondern hat sich unter den spezifischen Bedingungen der Digitalit\u00e4t (weiter)entwickelt und ausdifferenziert. Insbesondere die Aspekte der Automatisierbarkeit und der algorithmischen Weiterverarbeitung bzw. Analyse er\u00f6ffnen neue Perspektiven \u2013 gerade f\u00fcr die Korpuslinguistik und die digitale Diskurslinguistik. Doch auch in anderen Bereichen der Linguistik (bspw. der Pragmatik oder Soziolinguistik) wird Annotation immer mehr angewendet. Derzeit ver\u00e4ndert sich das methodische Konzept des Annotierens in diesen Forschungsrichtungen dahingehend, dass Annotation als Erkenntnisprozess, der selbst Forschung ist, st\u00e4rker im Vordergrund steht. Das durch die Computerlinguistik schon l\u00e4nger eingef\u00fchrte Verst\u00e4ndnis von Annotation hingegen ist vor allem auf die Auszeichnung meist systemlinguistischer Kategorien nach einem zuvor festgelegten Gold-Standard, die Messung des Inter-Annotator-Agreements und die Automatisierung bzw. automatisierte Auswertbarkeit ausgerichtet. Es hat sich tendenziell dahingehend entwickelt, dass unter Annotation oft \u201anur\u2018 das routinem\u00e4\u00dfige Tagging als mehr oder weniger standardisierter Erschlie\u00dfungsschritt angesehen wird, und zwar als ein Arbeitsgang vor der eigentlichen Analyse und Interpretation der Daten.<\/p>\n<p>In linguistischen Disziplinen, in denen hermeneutische Interpretation eine zentrale Rolle spielt und etwa auch implizite sprachliche Ph\u00e4nomene analysiert werden, wie zum Beispiel in der Pragmatik (vgl. Archer\/Culpeper\/Davies 2008 und Weisser 2015, 2018), ist eine andere Konzeption des Annotierens notwendig. Hier besteht der methodische Kern aus dem Zusammenspiel von deduktiver und induktiver Kategorienbildung vor dem Hintergrund linguistischer Theorien sowie der iterativen Ausdifferenzierung von Tagsets und Guidelines in einem teils kollaborativen und diskursiven Verfahren. Die Operationalisierung von Forschungsfragen und linguistischen Ph\u00e4nomenen in Kategorien-Definitionen und -Systemen sowie in den entsprechenden Annotationsrichtlinien ist nicht mehr nur eine Voraussetzung f\u00fcr die Analyse, sondern selbst eine wichtige Ergebnisdimension (vgl. Bender 2020, Bender\/M\u00fcller 2020).<\/p>\n<p>Schon 2007 wurde im vielzitierten Sammelband von Hermanns\/Holly \u201eLinguistische Hermeneutik\u201c dazu angeregt (hier Ha\u00df 2007), \u00fcber eine \u201eKorpus-Hermeneutik\u201c nachzudenken. Wir wollen diesen Gedanken aufgreifen und daf\u00fcr pl\u00e4dieren, dass sie den aktuellen Forschungsstand zu Verfahren des Annotierens einbezieht, sich interdisziplin\u00e4r und auch im Bezug zu den Digital Humanities verortet, aber linguistisch pr\u00e4zise positioniert. Ziel dabei sollte sein, das linguistische Wissen, welches wir an die Daten herantragen, transparent, plausibel und praktikabel aufzubereiten, also zu explizieren und zu operationalisieren, und in einen iterativ-dynamischen Forschungsprozess zu integrieren. So werden Forschungsans\u00e4tze m\u00f6glich, die \u00fcber klassische korpuslinguistische Analysen der Frequenz bestimmter sprachlicher Kategorien u.\u00e4. hinausgehen. So k\u00f6nnen etwa soziolinguistische und pragmatische Parameter inkludiert, auf verschiedene Ebenen angewendet und in Relation gesetzt werden.<\/p>\n<p>Eine weitere Perspektive ist die iterative Verzahnung qualitativ-hermeneutischer Annotationsverfahren mit quantifizierend-algorithmischen Ans\u00e4tzen. Dabei stellt sich die Frage, welche Kriterien die hermeneutisch-interpretative, qualitative Annotation erf\u00fcllen muss, damit sie mit automatisierten Verfahren, etwa des maschinellen Lernens, interagieren kann (vgl. Ide 2017).<\/p>\n<p>Diese Perspektiven stellen den thematischen Kern und den Fokus des Austauschs dar, der durch die digitale Tagung erm\u00f6glicht werden soll. Da die Veranstaltung relativ kurzfristig konzipiert wurde und an den Tagen der urspr\u00fcnglich geplanten Jahrestagung des Forschungsnetzwerkes \u00bbSprache und Wissen\u00ab stattfindet, m\u00f6chten wir anders vorgehen als \u00fcblich. Wir geben den thematischen Schwerpunkt vor, sind aber vorerst f\u00fcr alle Beitragsformate offen. Als m\u00f6gliche Mitgestaltungsformen kommen in Frage:<\/p>\n<ul>\n<li>Diskussion eines bereits verfassten Beitrags,<\/li>\n<li>Diskussion eines Problemzusammenhangs aus einem Qualifikationsprojekt an einem Beispiel,<\/li>\n<li>Diskussion einer Fragestellung\/Problemstellung mit Bezug zum Annotieren,<\/li>\n<li>ausf\u00fchrliche Pr\u00e4sentation einer Studie,<\/li>\n<li>exemplarischer Vergleich verschiedener Verfahren,<\/li>\n<li>Kurzpr\u00e4sentation zu theoretischen oder methodischen Aspekten,<\/li>\n<li>u. \u00c4.<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die Tagung adressiert also ausdr\u00fccklich auch Early-Career- und Student-Researcher, die z.B. Qualifikationsarbeiten oder Annotationskonzepte bzw. Problemstellungen im Rahmen der Mitarbeit in Forschungsprojekten vorstellen m\u00f6chten. (Nachwuchs-)Wissenschaftler*innen aus anderen Disziplinen sind ebenso herzlich willkommen. Unsere Bitte w\u00e4re lediglich, dass ein klarer Sprachbezug bzw. Bezug zu linguistischen Vorgehensweisen gew\u00e4hrleistet ist, um einen differenzierten Austausch zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten alle Annotationsinteressierten ermutigen, sich per Mail bei uns zu melden oder bis zum <strong>15. August 2020<\/strong> einen konkreten Vorschlag einzureichen.<\/p>\n<p>Mail-Adressen:<\/p>\n<p><a href=\"mailto:michael.bender@tu-darmstadt.de\">michael.bender@tu-darmstadt.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"mailto:%22Jacob%2C%20Katharina%22%20%3Ckatharina.jacob%40gs.uni-heidelberg.de%3E\">katharina.jacob@gs.uni-heidelberg.de<\/a><\/p>\n<p>In einem ersten Schritt werden wir alle Beitragsformate aufnehmen, auf Qualit\u00e4t und Machbarkeit pr\u00fcfen, ein Programm erstellen und dann R\u00fcckmeldung geben, in welcher Form der Beitragsvorschlag angenommen und umgesetzt werden kann. Bis Ende August werden wir dann ein konkretes Programm erstellen.<\/p>\n<p>Die Tagung findet via heiCONF vom 30. September (gegen Mittag) bis zum 02. Oktober (gegen Mittag) statt. Bei k\u00fcrzerem Programm beschr\u00e4nken wir die Zeit auf den Donnerstag und Freitag.<\/p>\n<p>Wir freuen uns auf reges Interesse und verbleiben mit den besten Gr\u00fc\u00dfen,<\/p>\n<p>Dr. Michael Bender (TU Darmstadt) und Dr. Katharina Jacob (Universit\u00e4t Heidelberg)<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Archer, Dawn; Culpeper, Jonathan; Davies, Matthew (2008): Pragmatic Annotation. In: L\u00fcdeling, Anke; Kyt\u00f6, Merja (Hg.): Corpus Linguistics. An International Handbook. Berlin: de Gruyter, S. 613-641.<\/p>\n<p>Bender, Michael (2020): Annotation als Methode der digitalen Diskurslinguistik. In: Diskurse digital. Theorien \u2013 Methoden \u2013 Fallstudien. Band 2, Heft 1\/2020: 1-35. DOI: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.25521\/diskurse-digital.2020.140\">https:\/\/doi.org\/10.25521\/diskurse-digital.2020.140<\/a><\/p>\n<p>Bender, Michael; M\u00fcller, Marcus (2020): Heuristische Textpraktiken in den Wissenschaften. Eine kollaborative Annotationsstudie zum akademischen Diskurs. In: Zeitschrift f\u00fcr Germanistische Linguistik 48 (1)\/2020: 1-46.<\/p>\n<p>Ha\u00df, Ulrike (2007): Korpus-Hermeneutik. Zur hermeneutischen Methodik in der lexikalischen Semantik. In: Hermanns, Fritz; Holly, Werner (Hg.): Linguistische Hermeneutik. Theorie und Praxis des Verstehens und Interpretierens. T\u00fcbingen: Niemeyer, S. 241-261.<\/p>\n<p>Hermanns, Fritz; Holly, Werner (Hg.) (2007): Linguistische Hermeneutik. Theorie und Praxis des Verstehens und Interpretierens. T\u00fcbingen: Niemeyer.<\/p>\n<p>Ide, Nancy (2017): Introduction: The Handbook of Linguistic Annotation. In: Ide, Nancy; Pustejovsky, James (Hg.): Handbook of Linguistic Annotation. Vol. I, Dordrecht: Springer, S. 1-18.<\/p>\n<p>Weisser, Martin (2015): Speech Act Annotation. In: Ajmer, Katrin; R\u00fchlemann, Christoph (Hg.): Corpus Pragmatics. A Handbook. Cambridge: Cambridge University Press, S. 84-116.<\/p>\n<p>Weisser, Martin (2018): How to Do Corpus Pragmatics on Pragmatically Annotated Data. Amsterdam, Philadelphia: John Benjamins.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Termin: 30. September bis 02. Oktober 2020 Die Tagung wird im Rahmen der Graduiertenplattform des Forschungsnetzwerks Sprache und Wissen organisiert und findet am Termin der Jahrestagung des Netzwerks statt, die um ein Jahr verschoben wird. Abstract: Schon die analoge Kulturtechnik des Annotierens mit ihren antiken Wurzeln (Glossen und Scholien z. 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