{"id":11884,"date":"2019-06-24T12:03:43","date_gmt":"2019-06-24T10:03:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11884"},"modified":"2019-07-16T12:29:29","modified_gmt":"2019-07-16T10:29:29","slug":"graphik-im-digitalen-raum-1-3-institutionen-und-inhaltserschliessung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11884","title":{"rendered":"Graphik im digitalen Raum (1\/3): Institutionen und Inhaltserschlie\u00dfung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Martin de la Iglesia und Julia R\u00f6ssel<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese dreiteilige Serie von Blogposts pr\u00e4sentiert Gedanken und Thesen, die wir f\u00fcr eine Session im Rahmen des #arthistoCamp am 26. 3. 2019 in G\u00f6ttingen im Vorfeld des Kunsthistorikertags zusammengetragen und dort diskutiert haben. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieser Session sei an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt. Ziel dieser Beitr\u00e4ge ist es, die angesprochenen Themen noch etwas zu vertiefen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Teil befassen wir uns mit dem institutionellen Kontext, in dem Graphik digitalisiert wird, und mit Iconclass als Werkzeug der Sacherschlie\u00dfung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Digitalisierung als institutionelles Problem <\/h2>\n\n\n\n<p>\u00dcber Graphik im digitalen Raum sollte nicht losgel\u00f6st von ihrem Kontext in der materiellen Welt nachgedacht werden. Als Bildobjekte auf Papier, die mithilfe so unterschiedlicher Technologien wie Zeichnung, Kupferstich oder Fotografie ihre Umsetzung gefunden haben, wurden und werden sie in graphischen Sammlungen von Museen, Bibliotheken o.\u00e4. versammelt und geordnet. Dort haben auch die auf Graphik basierenden digitalen Objekte, um die es im Folgenden gehen wird, in der Regel ihren Ursprung. Nat\u00fcrlich unterliegen solche Institutionen selbst dem historischen und konzeptionellen Wandel, der sich nicht zuletzt in der Herangehensweise an die Aufgabe der Digitalisierung niederschl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiger Punkt im Konzept der Institution Museum seit dem 20. Jahrhundert ist seine Konzeption als Ort, an dem alles auf das Erleben des Originals ausgerichtet ist. Graphische Sammlungen verf\u00fcgen \u00fcber Studiens\u00e4le, in denen interessierte Personen papiernen Kunstwerken n\u00e4her kommen k\u00f6nnen als den Gem\u00e4lden in den Galerier\u00e4umen. Sollte nicht dieses Erleben gepflegt und bef\u00f6rdert werden? Die meisten Sammlungen k\u00f6nnen ohnehin nicht vollst\u00e4ndig digitalisiert werden. Reicht es also nicht, wenn die Institution Besucherinnen und Besucher mit einer sch\u00f6nen Website und einer Auswahl ihrer Glanzst\u00fccke an ihren physischen Standort lockt? Eingehendere Recherche ist schlie\u00dflich vor Ort noch immer am besten m\u00f6glich, in Katalogen und im Austausch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Beispielprodukt solcher Ideen w\u00e4re etwa das Euploos-Projekt (<a href=\"http:\/\/euploos.uffizi.it\/catalogo-euploos.php\">http:\/\/euploos.uffizi.it\/catalogo-euploos.php<\/a>) der Uffizien, bei dem es sich eigentlich um einen klassischen Sammlungskatalog handelt. Eine hohe Erschlie\u00dfungstiefe versteht sich hier von selbst, man m\u00f6chte m\u00f6glichst alle zum Zeitpunkt der Erstellung der Datens\u00e4tze vorhandenen Informationen pr\u00e4sentieren &#8211; besser recherchierbar werden sie dadurch leider nicht: Davon abgesehen, dass die Recherche nur auf Italienisch m\u00f6glich ist, stehen mit Hersteller (\u201cAutore\u201d), Inventarnummer und Darstellung\/Motiv (\u201cSoggetto Opera\u201d) lediglich drei f\u00fcr die Suche indexierte Felder zur Verf\u00fcgung. Als Nutzerin oder Nutzer muss mir eine dieser Informationen also bekannt sein, die richtige Schreibweise wird dank Indexlisten, aus denen Autovervollst\u00e4ndigungsvorschl\u00e4ge generiert werden, gew\u00e4hrleistet. Zum Beispiel finde ich die Vorzeichnung f\u00fcr den Tondo Bartolini von Filippo Lippi auch \u00fcber das Stichwort \u201cTondo Bartolini\u201d oder \u201cMadonna\u201d (<a href=\"http:\/\/euploos.uffizi.it\/scheda-catalogo.php?invn=191+E\">http:\/\/euploos.uffizi.it\/scheda-catalogo.php?invn=191+E<\/a>). <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"792\" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/mdlijr1-1024x792.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-11885\" srcset=\"https:\/\/dhd-blog.org\/app\/uploads\/2019\/06\/mdlijr1-1024x792.png 1024w, https:\/\/dhd-blog.org\/app\/uploads\/2019\/06\/mdlijr1-300x232.png 300w, https:\/\/dhd-blog.org\/app\/uploads\/2019\/06\/mdlijr1-768x594.png 768w, https:\/\/dhd-blog.org\/app\/uploads\/2019\/06\/mdlijr1.png 1177w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> <br>Screenshot des erw\u00e4hnten Datensatzes im euploos-Katalog<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn ich mich aber allgemeiner f\u00fcr Silberstiftzeichnungen interessiere, werde ich mit der Suche \u201cpunta d\u2019argento\u201d nicht f\u00fcndig, obwohl die Angabe in exakt dieser Schreibweise im Datensatz vorhanden ist. Ebenso erfolglos ist die Suche nach Lugt-Nummern, welche Sammlermarken verzeichnen und somit ein Hilfsmittel f\u00fcr Fragen der Provenienzforschung w\u00e4ren. Im Anschluss an einen l\u00e4ngeren deskriptiven Text sind Ausstellungspr\u00e4senzen und Literaturangaben zu der Zeichnung aufgelistet &#8211; auch sie sind leider nicht recherchierbar. Die Bilder sind bedauerlicherweise mit einem gro\u00dfen Wasserzeichen versehen und sind dadurch kaum mehr als Platzhalter, sodass der\/die Nutzer\/-in die im Text gemachten Angaben nicht oder nur schwer nachvollziehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Grunde haben wir es hier mit einer Remediation im Sinne Bolter\/Grusins (Jay David Bolter \/ Richard Grusin: Remediation &#8211; Understanding New Media, 1999) zu tun, welche die statische mediale Struktur eines gedruckten Sammlungskatalogs auf den Bildschirm projiziert. Jedoch kommt der digitalen Repr\u00e4sentation dabei der Vorzug des gedruckten Katalogs abhanden, als vertrauensw\u00fcrdige, belastbare Quelle zu gelten. Eine Online-Datenbank ist stets dem Verdacht der vergleichsweise geringeren Datentransparenz (wer hat welche Aussagen getroffen?) und Datenintegrit\u00e4t (wurden die angezeigten Daten jemals ge\u00e4ndert?) ausgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer solchen Remediation geht die Vorstellung einher, einmal erstellte Datens\u00e4tze eigentlich nicht mehr oder nur geringf\u00fcgig modifizieren oder pflegen zu m\u00fcssen. \u201cDo it once and do it right\u201d (Peter Fuhring in seiner Keynote auf der Tagung \u201cDas Sammeln von Graphik in historischer Perspektive\u201d, Wolfenb\u00fcttel 2016). Man produziert lieber wenige, aber daf\u00fcr qualit\u00e4tvolle Daten. Aber Datenqualit\u00e4t aus Sicht von Forscherinnen und Forschern ist nicht gleich Datenqualit\u00e4t aus Sicht von Computern. Eine der Qualit\u00e4tsdimensionen f\u00fcr Daten ist z.B. die Korrektheit. Eine Graphikforscherin oder ein Graphikforscher erkennt \u00fcber die Ansicht der Reproduktion, wenn ein Kupferstich f\u00e4lschlicherweise im Datensatz mit dem Objekttyp Zeichnung beschrieben ist. F\u00fcr den Computer ist diese Angabe formal korrekt, weil das Feld mit einem zul\u00e4ssigen im Vokabular hinterlegten String belegt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem Einzug von Computern in Museumsgeb\u00e4ude trat neben die Vorstellung des Museums als Erlebnisort die Vorstellung des Museums als Datenbank und des musealen Objektes als Informationsobjekt. Die vollst\u00e4ndige elektronische Verzeichnung oder Katalogisierung der Objekte w\u00fcrde also auch eine umfassende Nutzung der in der Institution versammelten Informationen bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Anfang hie\u00dfe hier die Devise gerade nicht \u201cdo it once and do it right\u201d, sondern im Gegenteil \u201cquick and dirty\u201d &#8211; idealerweise durchlaufen die erzeugten Daten ohnehin immer wieder Qualit\u00e4tssicherungsprozesse, bei denen sie aktualisiert und angereichert werden k\u00f6nnen. Das Museum als Datenbank implementiert digitale Infrastrukturen in m\u00f6glichst alle seine Arbeitsprozesse und digitalisiert nicht nur zum Zwecke der Publikation. Publikation bedeutet dann, dass Informationen im Internet in ihren verschiedenen Facetten abrufbar sein m\u00fcssen (s.u. \u201cMetadaten als Forschungsgrundlage?\u201d). Digitale Objekte w\u00fcrden von den Museen als institutionelle Produkte verstanden, welche vielf\u00e4ltig genutzt werden k\u00f6nnen und gepflegt werden m\u00fcssen, um auch eine zuk\u00fcnftige Nutzung zu gew\u00e4hrleisten. Wenn das Museum eine Datenbank sein soll, multiplizieren sich seine Zug\u00e4nge, es verl\u00e4ngert sich in den digitalen Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sich also Institutionen f\u00fcr die Digitalisierung ihrer Best\u00e4nde entscheiden, so sollten sie diesen Vorgang aus unserer Sicht nicht als ein oder mehrere Projekte, sondern als langfristigen und umfassenden Transformationsprozess begreifen, der auch eine Ver\u00e4nderung von Denkweisen und Arbeitsprozessen mit sich bringt, die \u00fcber das bislang \u00dcbliche hinausreichen oder wom\u00f6glich mit ihm brechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den Museen und \u00e4hnlichen datenerzeugenden Institutionen gesellt sich im Feld der Graphik im digitalen Raum eine weitere Art von Akteur, die vor andere institutionelle Herausforderungen gestellt ist, n\u00e4mlich Portale, Meta-Suchmaschinen und Aggregatoren. F\u00fcr den deutschsprachigen Raum ist hier in erster Linie das Graphikportal (<a href=\"https:\/\/www.graphikportal.org\">https:\/\/www.graphikportal.org<\/a>) zu nennen, aber auch weniger graphikspezifische Angebote wie Europeana (<a href=\"https:\/\/www.europeana.eu\">https:\/\/www.europeana.eu<\/a>) oder die Deutsche Digitale Bibliothek (<a href=\"https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/\">https:\/\/www.deutsche-digitale-bibliothek.de\/<\/a>) z\u00e4hlen zu dieser Kategorie. Diese Portale bieten eine Suche \u00fcber mehrere verschiedene Graphikbest\u00e4nde zugleich an und pr\u00e4sentieren die Treffer in einer einheitlichen Ansicht. Um diese Einheitlichkeit zu gew\u00e4hrleisten, wird eine von zwei Strategien (oder eine Kombination aus beiden) verfolgt: Entweder werden die heterogenen Daten aus den einzelnen datengebenden Institutionen durch Mappings in ein einheitliches Format \u00fcberf\u00fchrt, oder es werden von vorneherein nur standardkonforme Daten akzeptiert. Beides hat im besten Fall eine standardisierende Wirkung auf die Erschlie\u00dfungspraxis an den datenliefernden Einrichtungen. Die Zusammenarbeit zwischen Datengeberin und Aggregator kann dabei unterschiedlichste Formen annehmen, von einem eng vernetzten Konsortium bis hin zu einem einseitigen Harvesting der Daten (Pull- statt Push-Mechanismus).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Standardisierung von digitalen Prozessen und Informationen ist nach wie vor problematisch und hat f\u00fcr Mitarbeiter\/-innen wie Nutzer\/-innen sehr praktische Auswirkungen bei der Recherche nach Informationen zur Druckgraphik, wie im Folgenden zu zeigen sein wird. Dies zeigt sich im Bereich der inhaltlichen Erschlie\u00dfung an dem schon seit Langem bestehenden Mittel Iconclass.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201cI saw an angel, of that I&#8217;m sure\u201d \u2013 Inhaltserschlie\u00dfung per Iconclass<\/h2>\n\n\n\n<p>In vielleicht noch h\u00f6herem Ma\u00dfe als andere Bildk\u00fcnste neigt die Graphik &#8211; vor allem die Druckgraphik, aber auch z.B. skizzierende oder dokumentierende Handzeichnung &#8211; zu einer dichten Akkumulation von distinkten Elementen innerhalb eines Bildes. Man denke etwa an naturwissenschaftliche Illustrationen, die auf engem Raum eine Vielzahl z.B. verschiedener Tierarten abbilden; oder aber an das vielleicht ber\u00fchmteste druckgraphische \u201cWimmelbild\u201d, Albrecht D\u00fcrers Kupferstich \u201cMelencolia I\u201d mit seiner r\u00e4tselhaften Zusammenstellung von Gegenst\u00e4nden und Figuren. Gerade weil die Interpretation solcher Objektkonfigurationen als Ganzes oft uneindeutig ist, kommt zun\u00e4chst einmal der blo\u00dfen Aufz\u00e4hlung der einzelnen Bildelemente eine besondere Bedeutung bei der Inhaltserschlie\u00dfung im Rahmen der Graphikinventarisierung zu. Schlie\u00dflich ist auch die Besch\u00e4ftigung mit einzelnen Gegenst\u00e4nden und ihrer bildlichen Repr\u00e4sentationen, (zun\u00e4chst) unabh\u00e4ngig von ihrem Bildzusammenhang, ein legitimes Forschungsanliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Iconclass (<a href=\"http:\/\/www.iconclass.nl\">http:\/\/www.iconclass.nl<\/a>) ist ein Klassifikationssystem, durch das Bildinhalte mittels Notationen erfasst werden k\u00f6nnen. Als in der Kunstgeschichte verwurzeltes &nbsp;System ist Iconclass  allgemein bekannt, wenn auch in der Erschlie\u00dfungspraxis nicht allzu weit verbreitet. Es besteht aus 10 Hauptklassen wie \u201c1 \u00b7 Religion and Magic\u201d, die sich in weiteren Ebenen auff\u00e4chern, so dass Notationen vergeben werden k\u00f6nnen wie etwa die siebenstellige &#8211; also 7 Hierarchieebenen tiefe &#8211; \u201c11F2412\u201d (\u201cMary pierced by seven swords\u201d). Diese Notation kann durch weitere Qualifikatoren oder Freitextzeichenketten (z.B. Personennamen) noch erweitert werden. Aber auch weniger spezifische (also k\u00fcrzere) Notationen sind legitim. \u00dcblicherweise werden f\u00fcr ein Bild mehrere Iconclass-Notationen vergeben, um zumindest die wichtigsten Bildelemente zu erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Praxis zeigen sich gro\u00dfe Unterschiede in der Anwendung von Iconclass. Betrachten wir als Beispiel erneut D\u00fcrers Melencolia. Im Datensatz der Fotothek der Bibliotheca Hertziana (<a href=\"http:\/\/foto.biblhertz.it\/exist\/foto\/obj08006572\">http:\/\/foto.biblhertz.it\/exist\/foto\/obj08006572<\/a>) sind diesem Bild 4 Iconclass-Notationen zugeordnet:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>11 G [angels]<\/li><li>23 U 22 [hourglass]<\/li><li>46 B 33 11 [scales]<\/li><li>46 E 52 1 [bell ~ acoustic signalling]<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>F\u00fcr dasselbe Bild sind jedoch im Virtuellen Kupferstichkabinett (VKK, <a href=\"http:\/\/kk.haum-bs.de\/?id=a-duerer-wb3-0122\">http:\/\/kk.haum-bs.de\/?id=a-duerer-wb3-0122<\/a>) ganze 8 Notationen angegeben: <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>92D1916 Amoretten, Putten; amores, amoretti, putti;<\/li><li>46B3311 Waage (mit Waagschalen);<\/li><li>34B11 Hund;<\/li><li>47D8(HAMMER) Werkzeuge, Hilfsmittel, Ger\u00e4te f\u00fcr Handwerk und Industrie: Hammer;<\/li><li>49D5111 Zirkel;<\/li><li>47D8(PLANE) Werkzeuge, Hilfsmittel, Ger\u00e4te f\u00fcr Gewerbe und Industrie: Hobel;<\/li><li>47D8(SAW) Werkzeuge, Hilfsmittel, Ger\u00e4te f\u00fcr Handwerk und Industrie: S\u00e4ge;<\/li><li>32A140 Ripa: Malenconico (per la terra), Malinconia<\/li><\/ul>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"648\" height=\"800\" src=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/mdlijr2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-11886\" srcset=\"https:\/\/dhd-blog.org\/app\/uploads\/2019\/06\/mdlijr2.png 648w, https:\/\/dhd-blog.org\/app\/uploads\/2019\/06\/mdlijr2-243x300.png 243w\" sizes=\"auto, (max-width: 648px) 100vw, 648px\" \/><figcaption> <br>Albrecht D\u00fcrers \u201cMelencolia I\u201d aus dem Herzog Anton Ulrich-Museum Braunschweig.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dabei wurden im Falle des Braunschweiger Exemplars nicht einfach lediglich mehr Bildinhalte beschrieben als im r\u00f6mischen: So erfasst das letztere die Sanduhr und die Glocke, welche in ersterem unber\u00fccksichtigt bleiben. Unklar ist, ob mit \u201c11G\u201d (Hertziana) nur die rechte und mit \u201c92D1916\u201d (VKK) nur die linke der beiden gefl\u00fcgelten humanoiden Gestalten gemeint ist. Hier zeigt sich eine besondere Herausforderung von Iconclass: Es ist so aufgebaut, dass \u00e4hnlich aussehende Bildelemente (so wie hier die beiden menschen\u00e4hnlichen Wesen mit Fl\u00fcgeln) zwei ganz unterschiedlichen Klassen zugeordnet werden k\u00f6nnen &#8211; je nachdem ob sie der christlichen (Klasse 11) oder der griechisch-antiken Mythologie (Klasse 9) zugeh\u00f6rig sind &#8211; und der\/die Iconclass-Anwender\/-in sich f\u00fcr eine davon entscheiden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Alternative zu Iconclass und anderen Klassifikationen ist die (freie) Verschlagwortung, welche interessanterweise auch im VKK angewendet wird. Im Datensatz der \u201cMelencolia\u201d finden sich hier die folgenden Schlagw\u00f6rter:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Allegorie; Buch; Fledermaus; Fl\u00fcgel; Frau; Hobel; Hund; Kugel; Melancholie; Polyeder; Putto; S\u00e4gewerk; Schl\u00fcssel; Sanduhr; Temperament; Waage; Zahlentafel; Zirkel&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Problem der Unsicherheit, ob es sich bei der rechten gefl\u00fcgelten Figur um einen (christlichen) Engel handelt, ist hier durch die Vergabe der beiden Schlagw\u00f6rter \u201cFl\u00fcgel\u201d und \u201cFrau\u201d gel\u00f6st worden. Auch sind durch die Schlagw\u00f6rter Elemente erfasst, die von den 8 Iconclass-Notationen nicht ber\u00fccksichtigt werden, wie z.B. der Polyeder oder die Zahlentafel. Umgekehrt sind hingegen, mit Ausnahme des Hammers, alle 8 durch Iconclass erfassten Bildinhalte auch durch Schlagw\u00f6rter repr\u00e4sentiert. Es dr\u00e4ngen sich also geradezu die Fragen auf, warum im VKK die Arbeit der Inhaltserschlie\u00dfung doppelt geleistet wurde, und ob man nicht g\u00e4nzlich auf Iconclass zugunsten einer freien Verschlagwortung verzichten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr spricht die bereits angedeutete Komplexit\u00e4t von Iconclass. Durch dessen insgesamt ca. 1,3 Millionen Notationen (<a href=\"http:\/\/www.iconclass.org\/help\/lod\">http:\/\/www.iconclass.org\/help\/lod<\/a>) ist es f\u00fcr die Anwenderinnen und Anwender stets eine anspruchsvolle Aufgabe, durch die Hierarchieebenen zu navigieren und die jeweils passendste Klasse zu ermitteln. Es ist also im Vergleich zur freien Verschlagwortung ein aufw\u00e4ndiges Erschlie\u00dfungsverfahren. Aber auch f\u00fcr die Datenbanknutzerinnen und -nutzer k\u00e4men nat\u00fcrlichsprachliche Schlagw\u00f6rter eher deren Sprachgebrauch nahe als die Iconclass-Notationen, so dass der Recherchevorgang durch eine derartige Schlagwortsuche intuitiver w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dieser Gegen\u00fcberstellung von Iconclass und freier Verschlagwortung ist jedoch zu beachten, dass Iconclass mitnichten ein reines Klassifikationssystem ist, sondern, wie bereits erw\u00e4hnt, die M\u00f6glichkeit der Kombination von Notationen mit Freitextkomponenten vorsieht. In unserem Beispieldatensatz gibt es mehrere dieser Hybridnotationen, z.B. \u201c47D8(PLANE)\u201d. Der vordere Teil \u201c47D8\u201d steht dabei f\u00fcr die Klasse \u201ctools, aids, implements ~ crafts and industries\u201d, und \u201cPLANE\u201d f\u00fcr den Namen des betreffenden Werkzeugs, hier also den Hobel. Durch solche Klammerzus\u00e4tze werden die Vorteile eines Klassifikationssystems geradezu wieder zunichtegemacht, denn f\u00fcr die Suche nach z.B. Abbildungen eines bestimmten Werkzeugs muss die oder der Recherchierende die genaue Form des in der jeweiligen Datenbank vergebenen Zusatzes vorausahnen und wissen, dass in diesem Fall die englische Sprache verwendet wird und \u201cHobel\u201d auf Englisch \u201cplane\u201d hei\u00dft. Ein gutes Retrievalsystem k\u00f6nnte diese Sprachabh\u00e4ngigkeit durch z.B. Synonymlisten umgehen. Im VKK f\u00fchrt eine Suche nach \u201c47d8 hobel\u201d zu den gew\u00fcnschten Ergebnissen (allerdings nur solange man nicht die Suche explizit auf das Iconclass-Feld einschr\u00e4nkt), da die deutsche \u00dcbersetzung den Notationen beigegeben ist; z.B. \u201c47D8(PLANE) Werkzeuge, Hilfsmittel, Ger\u00e4te f\u00fcr Gewerbe und Industrie: Hobel\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller Kritik ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass die Iconclass-Notationen (abgesehen von den Klammerzus\u00e4tzen) grunds\u00e4tzlich den Vorteil der Sprachunabh\u00e4ngigkeit haben. Als Nutzerin oder Nutzer muss ich nicht wissen, was \u201cWerkzeug\u201d auf z.B. Englisch oder Niederl\u00e4ndisch hei\u00dft, sobald ich erst einmal den alphanumerischen Code f\u00fcr die Klasse der Werkzeuge (47D8) ermittelt habe. Iconclass ist also international sowohl in der Erschlie\u00dfung als auch in der Recherche anwendbar. &nbsp;Entsprechend existieren z.B. auch englisch- (<a href=\"http:\/\/www.emblems.arts.gla.ac.uk\/french\/iconclass-browse.php\">http:\/\/www.emblems.arts.gla.ac.uk\/french\/iconclass-browse.php<\/a>) oder franz\u00f6sischsprachige (<a href=\"http:\/\/www.bvh.univ-tours.fr\/Iconclass_browse.asp\">http:\/\/www.bvh.univ-tours.fr\/Iconclass_browse.asp<\/a>) Iconclass-Implementierungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind Notationen umso vorteilhafter gegen\u00fcber nat\u00fcrlichsprachlichen Benennungen, je abstrakter und umfangreicher das gesuchte Konzept ist. Im Melencolia-Beispiel ist die Notation \u201c92D1916\u201d leichter handhabbar als die verbale Umschreibung \u201ccupids: &#8218;amores&#8216;, &#8218;amoretti&#8216;, &#8218;putti&#8217;\u201d: Die Suche nach bildlichen Repr\u00e4sentationen dieses Konzepts gestaltet sich mit Iconclass komfortabler, da man nicht mit einer Kombination aus mehreren Suchw\u00f6rtern wie \u2018cupids + amores + amoretti + putti\u2019 suchen muss, ganz zu schweigen von m\u00f6glichen Synonymen und sprachlichen Varianten.<\/p>\n\n\n\n<p>Iconclass kann also durchaus f\u00fcr Graphikdatenbanken ein sinnvolles Inhaltserschlie\u00dfungs- und Recherchewerkzeug sein. Die in der Praxis auftretenden Probleme mit Iconclass, die hier skizziert wurden, liegen nicht am Klassifikationssystem an sich, sondern zum einen an der unterschiedlichen Anwendung des Regelwerks an unterschiedlichen Institutionen, und zum anderen an den oft mangelhaften Retrievalsystemen. Ein verst\u00e4rkter Austausch zwischen den Anwenderinstitutionen k\u00f6nnte in beiden Punkten Abhilfe schaffen. Durch einen h\u00f6heren Grad an Standardisierung k\u00f6nnte das Potenzial besser ausgesch\u00f6pft werden, das Iconclass durch seine Vormachtstellung als Klassifikation zur kunsthistorischen Inhaltserschlie\u00dfung innehat.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11903\">Teil 2<\/a> erscheint am Mittwoch, 26. Juni.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Martin de la Iglesia ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt \u201cKommentierte digitale Edition der Reise- und Sammlungsbeschreibungen Philipp Hainhofers (1578-1647)\u201d an der Herzog August Bibliothek Wolfenb\u00fcttel sowie Promotionsstudent im Fach Kunstgeschichte an der Universit\u00e4t Heidelberg.<\/em><br><\/p>\n\n\n\n<p><em>Julia R\u00f6ssel ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt \u201cKupferstichkabinett Online\u201d, das ebenfalls an der HAB angesiedelt ist, und befasst sich im Rahmen ihrer Promotion mit Transformationsprozessen bei der Digitalisierung von Graphischen Sammlungen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Martin de la Iglesia und Julia R\u00f6ssel Diese dreiteilige Serie von Blogposts pr\u00e4sentiert Gedanken und Thesen, die wir f\u00fcr eine Session im Rahmen des #arthistoCamp am 26. 3. 2019 in G\u00f6ttingen im Vorfeld des Kunsthistorikertags zusammengetragen und dort diskutiert haben. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieser Session sei an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt. Ziel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":220,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[773,534,10],"tags":[971,252,869,969,970,38,972],"class_list":["post-11884","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-forschungsdaten","category-konferenz","category-reflektion","tag-arthistocamp","tag-barcamp","tag-bilddatenbank","tag-druckgraphik","tag-graphische-kuenste","tag-kunstgeschichte","tag-kunsthistorikertag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/220"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11884"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11884\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12041,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11884\/revisions\/12041"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}