{"id":11750,"date":"2019-05-23T08:29:32","date_gmt":"2019-05-23T06:29:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11750"},"modified":"2019-05-23T08:29:32","modified_gmt":"2019-05-23T06:29:32","slug":"tagungsbericht-annotationen-in-edition-und-forschung-funktionsbestimmung-differenzierung-und-systematisierung-von-lisa-eggert-maximilian-lippert-fabian-etling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11750","title":{"rendered":"Tagungsbericht \u201eAnnotationen in Edition und Forschung. Funktionsbestimmung, Differenzierung und Systematisierung\u201c (von Lisa Eggert, Maximilian Lippert, Fabian Etling)"},"content":{"rendered":"\n<ul class=\"wp-block-list\"><li> Lisa Eggert (<a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-admin\/lisa.eggert@uni-due.de\">lisa.eggert@uni-due.de<\/a>) <\/li><li> Maximilian Lippert (<a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/wp-admin\/maximilian.lippert@uni-due.de\">maximilian.lippert@uni-due.de<\/a>)  <\/li><li> Fabian Etling (<a href=\"mailto:etling@uni-wuppertal.de\">etling@uni-wuppertal.de)<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der\nTerminus \u201eAnnotation\u201c gewinnt mit der fortschreitenden Verankerung der Digital\nHumanities innerhalb der akademischen Landschaft immer st\u00e4rker an Bedeutung.\nGleichzeitig steht er in den Geistes- und Informationswissenschaften f\u00fcr\njeweils unterschiedliche Konzepte, welche zwar in Umfang, Einsatz und\nZielausrichtung variieren, aber auch konzeptuelle Parallelen aufweisen. Vor dem\nHintergrund der Zusammenarbeit der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen\nscheint es daher geboten, verschiedene Annotationspraxen und die mit ihnen\nverbundenen Konzepte von Annotationen zu reflektieren und diskutieren, ins\nVerh\u00e4ltnis zueinander zu setzen sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten\nzu systematisieren. Hierf\u00fcr luden Julia Nantke und Frederik Schlupkothen (beide\nBergische Universit\u00e4t Wuppertal) vom Graduiertenkolleg \u201eDokument \u2013 Text \u2013\nEdition. Bedingungen und Formen ihrer Transformation und Modellierung in\ntransdisziplin\u00e4rer Perspektive\u201c zur interdisziplin\u00e4r angelegte Tagung\n\u201eAnnotationen in Edition und Forschung. Funktionsbestimmung, Differenzierung\nund Systematisierung\u201c (<a href=\"https:\/\/www.editionen.uni-wuppertal.de\/de\/veranstaltungen\/tagungen\/annotation.html\">https:\/\/www.editionen.uni-wuppertal.de\/de\/veranstaltungen\/tagungen\/annotation.html<\/a>) vom 20. bis zum 22. Februar\n2019 an die Bergische Universit\u00e4t Wuppertal ein. Wissenschaftler*innen aus\nverschiedenen L\u00e4ndern und Fachbereichen berichteten in f\u00fcnf Sektionen \u00fcber ihre\nForschungsprojekte und -ergebnisse zu Annotationen, deren unterschiedlichen\nErscheinungsformen und Funktionsweisen sowie zu verschiedenen terminologischen,\nmethodischen und technischen Fragestellungen. Der Annotationsbegriff wurde\nhierbei bewusst weit gefasst und sowohl auf digitale und analoge sowie manuelle\nund automatisierte Annotationsprozesse in unterschiedlichen Medien bezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nTagung er\u00f6ffnete Key-Note-Speaker Willard McCarty (King\u2019s College London) mit\nseinem Vortrag <em>Making notes, reading annotations: Thoughts on a coupling,\nwith examples<\/em>, in dem er grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen zum Beschriften von\nbeliebigen Objekten anstellte. Das Beschriften von Gegenst\u00e4nden in der Welt,\nalso Annotation in einem weiten Sinne, diene dem Bewahren und Abrufen von\nGedanken und k\u00f6nne nicht ohne die es bedingenden Umst\u00e4nde sowie das\nerforderliche Wissen \u00fcber die jeweiligen Medien verstanden werden. Dieses\nAnnotieren sei au\u00dferdem immer auch eine tempor\u00e4re kognitive Verbindung zwischen\nAnnotator*in und (physischem) annotiertem Objekt, wobei vorl\u00e4ufige \u00dcberlegungen\nerarbeitet, sprachlich ausgedr\u00fcckt und angeordnet werden. McCarty pl\u00e4dierte\ndaf\u00fcr, dass eine Auseinandersetzung mit Annotationen auch immer jenes \u201eCoupling\u201c\nund die damit einhergehenden kognitiven Prozesse der Annotator*innen mit in den\nBlick nehmen sollte. Hierf\u00fcr beschrieb er exemplarisch Vorgehensweisen des\nNotizenmachens in der Auseinandersetzung mit einem wissenschaftlichen\nGegenstand, angelehnt an die lexikographische Methode von James Murray, und\nmachte deutlich, dass auch moderne computergest\u00fctzte Formen des Annotierens im\nHinblick auf das Coupling genauso funktionieren wie traditionellere Arten des\nBeschriftens, Markierens oder Notizenmachens. Im Anschluss zeigte er anhand von\ndrei weiteren beispielhaften Annotationsformen \u2013 mittelalterliche Glossen f\u00fcr\nsp\u00e4tere Leser desselben Buches, Notizen eines Wissenschaftlers zu einem\nExperiment und schlie\u00dflich ein politisches Graffito in Belfast \u2013, wie die Gedanken\ndes Beschriftenden in Bezug auf das beschriftete Objekt von Dritten\nwahrgenommen werden und wie sie dort funktionieren. So wurde klar, dass der\nBegriff \u201eAnnotieren\u201c im Sinne von Coupling sehr weit gefasst sein und auf viele\nverschiedene Praktiken des Beschriftens referieren kann. An allen jenen\nPraktiken sowie den jeweils voneinander abweichenden Bed\u00fcrfnissen auf\nRezipient*innenseite m\u00fcssen sich laut McCarty schlie\u00dflich auch Entwickler*innen\nvon Annotationstools orientieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Den\nAuftakt innerhalb der ersten Sektion \u201eForm von Annotationen\u201c machte mit Mark\nHall (Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg) ein Informatiker. In seinem\nVortrag <em>Annotations are Not Just for Writing<\/em> fokussierte er auf die eben\nangesprochene Rezipient*innenseite des Annotierens sowie die hier virulenten\nAnforderungen bei der Programmierung eines Annotationstools. Tools, die f\u00fcr die\nText Encoding Initiative (TEI) entwickelt werden, konzentrieren sich\nhaupts\u00e4chlich auf das Erstellen, Kodieren, Kommentieren und Verarbeiten von Text.\nLeider gerate laut Hall dabei das langfristige Ziel von Annotationen, der\nTransfer von Wissen, das mit einem bestimmten Text verkn\u00fcpft ist, oftmals aus\ndem Fokus und werde von aktuellen Tools nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt. Vor\ndiesem Hintergrund stellte er den selbstentwickelten Digital Edition Reader,\neine datenagnostische JavaScript-Komponente, welche eine digitale Leseumgebung\nmit angenehmer Leseatmosph\u00e4re bietet, anhand einer eigens erstellten\nFaust-Edition vor. Um im digitalisierten kommentierten Text Orientierung zu\nfinden, wurden Standards bez\u00fcglich g\u00e4ngiger physischer Texte auf den Digital\nEdition Reader \u00fcbertragen. Diese betreffen die Repr\u00e4sentation der Annotationen\nsowie eine Instanz zur Navigation im annotierten Text. Der Reader bietet zwei\nDarstellungsmodi an, um verschiedene Nutzerbed\u00fcrfnisse zu befriedigen, wobei\nder Haupttext stets zentral ist. Im ersten Modus steht dieser in der Mitte,\nw\u00e4hrend ein Panel links davon via Inhaltsverzeichnis, Index und Suchfeld die\nNavigation erm\u00f6glicht sowie ein Panel rechts die Annotationen abbilden soll. Im\nHaupttext werden die kommentierten Textpassagen in Abh\u00e4ngigkeit von den\nDesignvorgaben der Edition entweder mithilfe von Standard-Web-Links oder durch\ndas Hinzuf\u00fcgen von Fu\u00dfnoten am Ende der Passage hervorgehoben. Der zweite\nDarstellungsmodus fokussiert st\u00e4rker auf die Rezeption des Haupttextes, wobei\nBenutzer*innen durch einen Klick auf Markierungen im Text auf einzelne\nAnnotationen zugreifen k\u00f6nnen. Die Anmerkungen erscheinen nun in einem\nBlockbereich am unteren Rand des Bildschirms, wobei die Repr\u00e4sentation an die\nFu\u00dfnoten eines Buches angelehnt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nAnschluss fragte Manuel Bamert (ETH Z\u00fcrich) in seinem Vortrag <em>\u201eAha!\u201c \u2013\nWissenstheoretische Perspektiven auf Stiftspuren in Privatbibliotheken<\/em> nach\ndem literaturwissenschaftlichen Erkenntnispotential von Lese- und Stiftspuren\nin Thomas Manns Privatbibliothek und wie derlei handschriftliche Annotationen\nin einem digitalen Textkorpus be- und verarbeitet werden k\u00f6nnen. Dies ist auch\ndas erkl\u00e4rte Vorhaben des im Vortrag vorgestellten vom Schweizerischen\nNationalfonds gef\u00f6rderten Forschungsprojektes \u201eProduktive Lekt\u00fcre. Thomas Manns\nNachlassbibliothek\u201c (<a href=\"http:\/\/www.lit.ethz.ch\/forschung\/laufendedrittmittelprojekte\/thomasmannsnachlassbibliothek.html\">http:\/\/www.lit.ethz.ch\/forschung\/laufende\u2011drittmittelprojekte\/thomas\u2011manns\u2011nachlassbibliothek.html<\/a>) an der ETH Z\u00fcrich. Hier soll\nerstmals systematisch der gesamte Bestand von Thomas Manns Privatbibliothek auf\nStiftspuren untersucht und vollst\u00e4ndig digitalisiert werden. Ziel ist die\nErstellung eines digitalen Recherchetools, mit dem man systematisch nach den\nStiftspuren suchen kann. Bamert er\u00f6rterte in seinem Vortrag vor allem die\nterminologischen, epistemologischen und praxeologischen Fragestellungen und\nProbleme, welche im kulturhistorisch-philologischen Spannungsfeld der\nsogenannten Lesespurenforschung auftreten k\u00f6nnen. So gebe es f\u00fcr die\nErschlie\u00dfung und Erforschung von Privatbibliotheken sowie die dort\nvorzufindenden Lesespuren keine terminologischen Standards. Diese Arten von\nAnnotationen lassen sich schlie\u00dflich nicht \u00fcber ihre jeweils spezifische\nFunktionalit\u00e4t definieren, sondern vielmehr \u00fcber ihre Materialit\u00e4t. Dabei\nk\u00f6nnen Stiftspuren wie Unter-, An- und Durchstreichungen, die also selbst nicht\nals Schrift zu bezeichnen sind, ebenso relevant sein wie Randbemerkungen \u2013 so\netwa das titelgebende \u201eAha!\u201c. Barmert fragte vor diesem Hintergrund, wie sich\nder Begriff der Annotation f\u00fcr derlei Lesepuren verwenden lasse und wo seine\nGrenzen seien. Weiterhin sei zu kl\u00e4ren, welche Art von Lesespuren \u00fcberhaupt\ndigital erfasst werden und wie diese sp\u00e4ter per Recherchetool aufsuchbar sein\nsollen. Als Forschungsdesiderat markierte er zum Schluss zudem das Fehlen einer\nPraxistheorie des Annotierens, die neben den kulturellen und historischen\nBedingungen auch die k\u00f6rperlichen und situationellen Aspekte von Annotationen\nmiteinbezieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Joseph S.\nFreedman (Alabama State University Montgomery) nahm in seinem Vortrag <em>Footnotes\nin Historical Context, Their Usefulness for Multiple Narratives, and their\nSometimes Contested Use into the 21st Century<\/em> eine weitere, ganz spezielle\nArt von Annotationen in den Fokus: die Anmerkungsform der Fu\u00dfnote. Im Hinblick darauf, dass ein\nBlick auf historische Praktiken oftmals hilft, n\u00fctzliches Wissen f\u00fcr die\nheutige Zeit zu generieren, befasste er sich mit dem ersten Gebrauch von\nFu\u00dfnoten in Zentraleuropa ab der Mitte des 17. Jahrhunderts. Diese Form der\nAnmerkungen sei von wissenschaftlichen Autoren auf unterschiedliche und stets\ninnovative Weisen verwendet worden. Als Beispiel dienten Freedman\nVer\u00f6ffentlichungen von Johannes Theill, der ab 1642 die ersten bekannten\nFu\u00dfnoten gebrauchte. Dabei nutzte er zur Sequenzierung zumeist das griechische\nAlphabet sowie verschiedene Ziffern. Die Fu\u00dfnoten enthielten kommentierenden\nText oder Zitate; manchmal wurden sie von Marginalien erg\u00e4nzt. Mit der rasanten\nZunahme wissenschaftlicher Publikationen in der zweiten H\u00e4lfte des 17.\nJahrhunderts stiege auch der Bedarf nach ordnenden Verweistechniken, was an der\nFu\u00dfnotenverwendung von Adam Rechenberg deutlich wurde. Dessen innovative\nVerwendung von Fu\u00dfnoten, welche teilweise l\u00e4ngeren Text enthalten, mit\nverschiedenen Symbolen eingeleitet oder auch mit Klammern links und rechts\neingeschlossen werden, wurden im Vortrag anhand einschl\u00e4giger Textstellen\ndemonstriert. Ein Blick auf jene damals neuartige Verwendung von Anmerkungen,\ndie aus spezifischen Gr\u00fcnden erfolgte und bestimmte Funktionen \u00fcbernahm, k\u00f6nne\nlaut Freedman auch heute noch die Entwicklung neuer Paradigmen anregen.\nAnschlie\u00dfend daran diskutierte er die M\u00f6glichkeit, dass die Digital Humanities\nBr\u00fccken zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen bauen und\nStudierende zudem eine Perspektive in der sich digitalisierenden\nWirtschaftswelt er\u00f6ffnen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nAuftakt des zweiten Tages warf Georg Rehm (Speech and Language Technology Lab,\nDFKI, Berlin) mit seinem Keynote-Vortrag <em>Observations on Annotations \u2013 From\nComputational Linguistics and the World Wide Web to Artificial Intelligence and\nback again <\/em>aus den Perspektiven verschiedener Forschungsfelder heraus einen\nBlick auf Annotationen als wissenschaftliche Methode und technisches\nHilfsmittel entlang verschiedener Dimensionen und Merkmale. Dabei bezog er sich\nsowohl auf Grundlagenforschung als auch auf die angewandte Entwicklung von\nTechnologien, sowohl auf Annotationen die von einer kleinen Zahl\nhochspezialisierter Forscher*innen vorgenommen, als auch auf solche, die\npotenziell von Millionen von Nutzer*innen verwendet oder erstellt werden\nk\u00f6nnen. Einleitend f\u00fchrte Rehm einflussreiche W3C-Standards auf, wobei er\ninsbesondere auf den W3C-Web-Annotations-Standard und dessen Implementierung in\ndas Tool Hypothes.is (<a href=\"https:\/\/web.hypothes.is\/\">https:\/\/web.hypothes.is\/<\/a>) einging. Anschlie\u00dfend\nbeleuchtete er mit einigen Beispielen den Einsatz von Annotationen in den\nGebieten der k\u00fcnstlichen Intelligenz, der Computerlinguistik sowie der\nSprachtechnologie und diskutierte die Frage nach den M\u00f6glichkeiten der\nEvaluierung und Verifizierung von annotativen Inhalten, welchen er im Hinblick\nauf den Einsatz in Open-Science-Szenarios eine entscheidende Rolle zuschreibt.\nInteressant schien besonders die \u00dcberlegung, mithilfe von webbasierten\nAnnotationen gegen die Verbreitung sogenannter Fake News im Internet\nvorzugehen. Rehm schloss seinen Vortrag mit Betrachtungen zur Komplexit\u00e4t,\nWirkkraft und Bedeutung von Annotationen in einer digitalen Welt, welche immer\nst\u00e4rker von Werkzeugen und Technologien bestimmt wird, die aus den Bereichen\ndes Machine Learning und der K\u00fcnstlichen Intelligenz stammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nzweite Sektion \u201eAnnotation als individuelles Werkzeug\u201c leitete Patrick Helling\n(Universit\u00e4t zu K\u00f6ln) mit seinem Vortrag <em>Geisteswissenschaftliche\nForschungspraxis \u2013 Empirische Nutzerstudie zum Annotationsverhalten bei\nanalogen und digitalen Textmaterialien<\/em> ein. Da Geisteswissenschaftler*innen\nf\u00fcr ihre Arbeit zunehmend digitale Werkzeuge benutzen und vor allem das\ndigitale Annotieren von digitalem Text eine zunehmende Relevanz f\u00fcr\nForscher*innen erf\u00e4hrt, wurde eine Nutzer*innenstudie als Online-Umfrage mit 35\nFragen erstellt, um zu ergr\u00fcnden, welches Verhalten Nutzer*innen beim\nAnnotieren von analogen und digitalen Textmaterialien an den Tag legen. So\nbildete den Kern der Umfrage jeweils ein Fragenblock zur Arbeit mit analogen\nbzw. digitalen textbasierten Materialien und entsprechendem\nAnnotationsverhalten. Von insgesamt 125 Teilnehmer*innen schlossen 90 den\nFragebogen auswertbar ab. Dabei stellte sich heraus, dass die Nutzung von\ndigitalen Materialien unter Forscher*innen zwar verbreitet ist, diese\nMaterialien aber h\u00e4ufig ausgedruckt und anschlie\u00dfend analog annotiert werden.\nDie M\u00f6glichkeit des digitalen Annotierens stelle demnach meist keine\n\u00dcberf\u00fchrung von analogen Arbeitsschritten in den digitalen Raum dar. Im Rahmen\nder Studie wurde auch nach der beruflichen Position der annotierenden Personen\ngefragt, wodurch sich Aussagen \u00fcber altersspezifische Unterschiede hinsichtlich\nder Annotationspraxis treffen lie\u00dfen. Erstaunlicherweise sinke gerade mit dem\nAlter \u2013 also haupts\u00e4chlich in der Riege der Professor*innen \u2013 die Nutzung des\nanalogen Annotierens. Dieses Umfrageergebnis k\u00f6nnte mit dem Wissenshorizont der\nBefragten zusammenh\u00e4ngen, durch welchen die Annotationspraxis m\u00f6glicherweise an\nRelevanz verliert. Der noch ausstehende zweite Teil der Studie, in welchem\nTiefeninterviews einiger bereits befragter Personen erfolgen werden, werde\nvermutlich weiterf\u00fchrende Erkenntnisse zu dieser und weiteren Fragen liefern.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nseinem Vortrag <em>Annotationen im Schreibprozess. Ein Beitrag zu einer\nempirisch fundierten Spezifikation f\u00fcr digitale Annotationsumgebungen in den\nGeisteswissenschaften<\/em> skizzierte Felix Lange (Max-Planck-Institut f\u00fcr\nWissenschaftsgeschichte, Berlin) einleitend die idealtypische Konzeption von\nAnnotationssystemen im Kontext eines \u201eScholarly Web\u201c. Hierbei f\u00fchrte er Pundit\n(<a href=\"http:\/\/www-old.thepund.it\/\">http:\/\/www-old.thepund.it\/<\/a>) als beispielhaftes Tool an,\nstellte aber auch fest, dass sich bis jetzt keines der existierenden\nwebbasierten Systeme in den Digital Humanities habe durchsetzen k\u00f6nnen.\nAusgehend von einer Arbeitsdefinition des Begriffs \u201eAnnotation\u201c \u2013 hier bildete\ner drei Klassen: 1. editorische Auszeichnungen im Editionsprojekt, 2. serielle\nAuszeichnungen f\u00fcr die qualitative sowie quantitative Datenanalyse und 3.\n\u201eNotiz-Annotationen\u201c als individuelle Hinzuf\u00fcgungen durch Leser*innen im\nProzess des Lesens \u2013 legte Lange den Fokus auf die empirische Untersuchung der\nFunktion von Notiz-Annotationen im Forschungsprozess, des Verh\u00e4ltnisses der\nEigenschaften webbasierter Annotationssysteme zu den Nutzungsgewohnheiten und\nAnforderungen in den Geisteswissenschaften sowie der Frage der Weiternutzung\nvon Annotationen. Aus den Untersuchungsergebnissen folgerte er die\nNotwendigkeit einer Anpassung des Software-Designs, wobei er insbesondere die\nWichtigkeit folgender Punkte herausstellte: Integration von propriet\u00e4rer\nOffline-Standard-Software (wie z.B. Office-Anwendungen), eine\nnicht-zentralistische Architektur sowie ein minimales Datenmodell bei maximaler\nInteroperabilit\u00e4t (z.B. W3C-Web-Annotationen).<\/p>\n\n\n\n<p>Den\nAbschluss der Sektion machte Jan Horstmann (Universit\u00e4t Hamburg) mit seinem\nVortrag <em>Undogmatisches literaturwissenschaftliches Annotieren mit CATMA:\nmanuell, halb-automatisch und automatisiert<\/em>. In diesem stellte er das\nAnnotationstool CATMA (<a href=\"http:\/\/catma.de\/\">http:\/\/catma.de\/<\/a>) vor, das seit zehn Jahren in\nHamburg mit dem Ziel entwickelt wird, literaturwissenschaftliche Arbeit mit\ndigitalen Mitteln zu unterst\u00fctzen, ohne dass vertiefte technische F\u00e4higkeiten\nn\u00f6tig sind. Den gr\u00f6\u00dferen Projektkontext, in welchem CATMA verortet werden kann,\nbildet wiederum die Forschungsumgebung forText (<a href=\"https:\/\/fortext.net\/\">https:\/\/fortext.net\/<\/a>). Dieses Projekt setzt sich zum\nZiel, Methoden der digitalen Literaturwissenschaft f\u00fcr traditionelle\nLiteraturwissenschaftler*innen zug\u00e4nglich zu machen, indem neben Tools wie\nCATMA auch Lehrmodule und Lerneinheiten sowie Online-Ressourcen zur Verf\u00fcgung\ngestellt werden. Horstmann betonte, dass die Mitarbeiter*innen von forText\nkeinen Paradigmenwechsel von analoger zu digitaler Geisteswissenschaft fordern,\nsondern es um literaturwissenschaftliche Erkenntnisarbeit mit digitalen Mitteln\ngehe. Hierbei verwies er mit Claudine Moulin darauf, dass die Annotation\ngenerell \u2013 die analoge wie digitale \u2013 eine kulturelle Praxis sei. Daran\nanschlie\u00dfend stellte er linguistische und literaturwissenschaftliche Annotationspraxen\neinander gegen\u00fcber und vermutete hier ein Problem vieler Tools, die rein an den\nBed\u00fcrfnissen linguistischer Annotation orientiert sind. Im Anschluss an weitere\nbegriffliche und methodologische \u00dcberlegungen zum Annotieren stellte er CATMA \u201elive\u201c\nvor. Hierbei bewies sich, dass CATMA ein sehr robustes Online-Tool ist, mit\nwelchem sowohl manuelle als auch halb-automatische und vollst\u00e4ndig\nautomatisierte Annotationen z\u00fcgig und ohne gro\u00dfes technisches Vorwissen\nvorgenommen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sarah\nLang (Karl-Franzens-Universit\u00e4t Graz) er\u00f6ffnete die dritte Sektion\n\u201eMethodischer Einsatz von Annotationen\u201c mit ihrem Vortrag <em>Die Allegoriae,\nmit welchen die Sapientes des Mysterium unserer secretae Philosophiae occultirt\nhaben \/ werden uns als den offenbar \/ und nit mehr verborgen seyn. Zu\nHerausforderungen und Nutzen der digitalen Annotation alchemischer Decknamen<\/em>.\nIn ihrem Dissertationsprojekt untersucht sie alchemistische Texte mit dem Ziel,\ndie \u201ealchemische Sprache\u201c zu dekodieren. Die hierbei zu Grunde liegende These\nist, dass es ein Analogieverh\u00e4ltnis zwischen alchemistischen Symbolnamen und\nden chemischen Elementen und Prozessen gebe. Am Beispiel des \u201eMercurius\u201c machte\nLang die Disparatheit der hinter einzelnen Symbolnamen verborgenen Konzepten deutlich.\nDer zweite Teil ihres Vortrags befasste sich mit der technischen Dimension\nihres Projektes. So sollen die Texte mit einem Stand-off-Thesaurus \u2013 momentan\nnoch in SKOS (<a href=\"http:\/\/skos.um.es\/unescothes\/\">http:\/\/skos.um.es\/unescothes\/<\/a>) kodiert \u2013 annotiert werden. Die\nAnforderungen an die Methode seien einerseits, dass hier ein Zugang gefunden\nwerden soll, der auf alle Texte \u00fcbertragbar ist, und dass andererseits dennoch\nimplizites Wissen explizit gemacht werden kann. Das Ziel sei eine m\u00f6glichst\nkomplette Automatisierung. Die Modellierung sei dabei \u2013 angelehnt an die\n\u00dcberlegungen von Key-Note-Speaker Willard McCarty \u2013 ein iterativer Prozess, der\nin Langs Projekt seinen Ausgang in Michael Maiers alchemistischen Indices nimmt\nund von dort aus auf weitere Texte \u00fcbertragen werde. Die Referentin stellte\nexplizit die Wahl eines Kodierungsstandards (RDFS, SKOS oder eine eigene\nKodierung) zur Diskussion. Ferner wurden neben dem Problem, die Subjektivit\u00e4t\nvon Texten auch in maschineller Verarbeitung zu erhalten, ebenfalls besondere\nSchwierigkeiten des Korpus wie die Vieldeutigkeit und der Vorrang sinnlicher\nEigenschaften vor der Bedeutung der Sprache diskutiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nAnschluss stellten Lina Franken und Evelyn Gius (beide Universit\u00e4t Hamburg) in\nihrem Vortrag <em>Annotation als Instrument der Strukturierung<\/em> die Arbeit\ndes interdisziplin\u00e4r angelegten Projektes hermA (<a href=\"https:\/\/www.herma.uni-hamburg.de\/\">https:\/\/www.herma.uni-hamburg.de\/<\/a>) vor. Gius begann dazu den\nVortrag mit einigen grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen zur Frage: \u201eWie kann man auf\nAnnotationen schauen?\u201c. Zur Beantwortung dieser Frage schlug sie ein\nOrdnungssystem von verschiedenen Forschungslogiken, unterteilt in deduktive,\ninduktive sowie abduktive, vor. Denn die Hypothesenbildung und damit das\nVerh\u00e4ltnis von Annotation zu Daten unterscheide sich je nachdem, welcher\nForschungslogik man folgt. Diesen Ansatz illustrierten die beiden Referentinnen\nim Folgenden durch die Vorstellung zweier Teilprojekte aus dem Verbundprojekt\nhermA. Gius stellte ihre literaturwissenschaftliche Forschung zu\ngenderspezifischen Unterschieden in der Beschreibung von Krankheiten vor. Das\nUntersuchungskorpus, das als Teilkorpus des von Berenike Herrmann und Gerhard\nLauer erstellten KOLIMO (<a href=\"https:\/\/kolimo.uni-goettingen.de\/index.html\">https:\/\/kolimo.uni-goettingen.de\/index.html<\/a>) Prosatexte zwischen 1870 und\n1920 verzeichnet, wurde zun\u00e4chst manuell \u2013 mit CATMA und dem Stuttgarter Tool\nCorefAnnotator (<a href=\"https:\/\/www.ims.uni-stuttgart.de\/forschung\/ressourcen\/werkzeuge\/CorefAnnotator.html\">https:\/\/www.ims.uni\u2011stuttgart.de\/forschung\/ressourcen\/werkzeuge\/CorefAnnotator.html<\/a>) \u2013 annotiert. Dabei wandelte\nsich die Forschungslogik im Laufe des Projektes von einem deduktiven Ansatz,\nder Regeln der Figurenanalyse appliziert, zu einem induktiven, da nun die durch\ndie Annotation strukturierten Daten daraufhin befragt werden, wie\nKrankheitskonzepte in den Textph\u00e4nomenen definiert werden. Einen anderen\nAnsatz, n\u00e4mlich einen abduktiven, verfolgt das von Franken vorgestellte\nkulturanthropologische Projekt zur Telemedizin. Hierbei handelt es sich um ein\nemergentes Feld, das von kontinuierlicher Entwicklung und daraus resultierenden\nAushandlungsprozessen gepr\u00e4gt ist. Methodisch schlie\u00dft das Projekt an\nGrounded-Theory-Ans\u00e4tze an und erschlie\u00dft so den Gegenstand \u2013 hier anhand von\nBundestagsdebatten beispielhaft dargeboten \u2013 zun\u00e4chst induktiv und versucht im\nAnschluss abduktiv eine Theorie aus den Daten heraus zu bilden. Der Annotation,\ndie mit MAXQDA (<a href=\"https:\/\/www.maxqda.de\/\">https:\/\/www.maxqda.de<\/a>) vorgenommen wird, kommt dabei\ndie Rolle der Kategorisierung und Strukturierung einerseits sowie der Filterung\nandererseits zu. Auch hier werden Annotation und Modellierung als iterative\nProzesse verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit\nihrem Vortrag <em>Makrogenetisches Mark-Up f\u00fcr Musil<\/em> leiteten Katharina\nGodler und Walter Fanta (beide Alpen-Adria-Universit\u00e4t Klagenfurt) den\nSektions- und damit Tagesabschluss ein. Das vorgestellte Forschungsvorhaben,\ndessen Ziel es ist, den Schreibprozess als denkendes Schreiben sowie als\nschreibendes Denken zu verstehen, steht im Zusammenhang mit der Online-Edition\nvon Robert Musils \u201eDer Mann ohne Eigenschaften\u201c (<a href=\"http:\/\/musilonline.at\/\">http:\/\/musilonline.at\/<\/a>). Hierzu sollen Annotationen der\nSpuren des Schreibprozesses im Text und nicht des Schreibprozesses selbst\nvorgenommen werden. Um den Nachlass Musils, der sehr viele unterschiedliche\nArten von Manuskripten enth\u00e4lt, strukturieren zu k\u00f6nnen, schlie\u00dfen Godler und\nFanta theoretisch an die Schreibszenenkonzeption von R\u00fcdiger Nutt-Kofoth an und\nunterscheiden zwischen einer Mikro-, Meso- und Makroebene der Textgenese. So\nkonnten sie sechs Manuskripttypen ausmachen, die sich hinsichtlich ihres\nzeitlichen Bezugs zueinander, ihrer Linearit\u00e4t bzw. Nicht-Linearit\u00e4t und ihrer\nFunktion f\u00fcr den Schreibprozess unterscheiden. Die technische Herausforderung\ndes Projektes bestehe nun darin, die Bausteine im Schreibprozess\nmaschinengest\u00fctzt nachvollziehbar zu machen und diese im User-Interface zu\nvisualisieren. Dabei k\u00f6nne auf ein TEI-Schema f\u00fcr die Mikrogenese (Streichungen\neinzelner W\u00f6rter, kleinere Revisionen) zur\u00fcckgegriffen werden. Mit der Frage,\nwie eine Annotation f\u00fcr die Makrogenese, die neben intertextuellen vor allem\nauf intratextuellen Verweisen beruht, aussehen k\u00f6nnte, wurde in die Diskussion\n\u00fcbergeleitet. Als m\u00f6gliche L\u00f6sung wurde eine Superstruktur vorgeschlagen, also\neine leere Textstruktur, aus der auf die verschiedenen Zeugen, die selbst\nerhalten bleiben, verwiesen werden kann. Die Verweise selbst k\u00f6nnten dann nach\nTEI kodiert sein. Dar\u00fcber hinaus wurde darauf hingewiesen, dass die\nverschiedenen Probleme auf der Makroebene segmentiert werden k\u00f6nnen und sich so\njeweils einzelne L\u00f6sungen finden lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Angelika\nZirkers Vortrag <em>Challenges of Automation: Some Theoretical Considerations\nabout Explanatory Annotation in Literary Studies<\/em>, der die vierte Sektion\n\u201eDifferenzierung von Annotationsebenen\u201c er\u00f6ffnete, fokussierte auf die\nhermeneutische Annotation als kontextualisierende, erkl\u00e4rende Hinzuf\u00fcgungen zu\neinem bestehenden Text im Sinne einer Anreicherung durch Informationen, die das\nVerstehen des Textes beeinflussen. Ausgehend vom Annotationsprojekt \u201eT\u00fcbingen\nExplanatory Annotation System\u201c (TEASys \u2013 <a href=\"http:\/\/www.annotation.es.uni-tuebingen.de\/\">http:\/\/www.annotation.es.uni-tuebingen.de\/<\/a>) stellte Zirker einige\ntheoretische \u00dcberlegungen an, inwieweit solche hermeneutisch-erkl\u00e4renden\nAnnotationen automatisiert werden k\u00f6nnen. Dabei zeigte sie besonders die\nm\u00f6glichen Herausforderungen und Grenzen der automatischen Annotation auf,\nwelche sie anhand einiger exemplarischer Problemfelder darstellte. Das erste\nFeld betraf das generelle Problem der Ambiguit\u00e4tserkennung, welches bei einer\nautomatischen Annotation im Besonderen evident werde. Ambiguit\u00e4ten k\u00f6nnen\nbeispielsweise disambiguiert werden, wodurch etwa die besondere Qualit\u00e4t des\nliterarischen Werks au\u00dfer Acht gelassen werden k\u00f6nne. Dass Ambiguit\u00e4ten oft\nabh\u00e4ngig von der Gesamtinterpretation eines Textes sind, f\u00fchrte zum zweiten\nProblemfeld, der Verankerung von Annotationen im Text und das Verh\u00e4ltnis von\nTextteil und Textganzem. Hier bestehe die hermeneutische Herausforderung in der\nAnnotation von (metaphorischen) Bedeutungen, die lokal im Wechselspiel mit dem\nGesamttext stehen. Fraglich sei, wo derartige Annotationen vorzunehmen seien.\nDiese Frage stelle sich auch besonders f\u00fcr formale Aspekte, die von einem\nbestimmten Muster abweichen. Ein weiteres Problemfeld bezog sich auf\nintertextuelle Verweise sowie ein letztes auf die Frage nach individuellen\nLeserbed\u00fcrfnissen: F\u00fcr wen werden die jeweiligen Annotationen verfasst? In\nTEASys wurden f\u00fcr derartige Probleme drei verschiedene Komplexit\u00e4tsebenen\neingef\u00fchrt, welche neben Basisinformationen f\u00fcr das Verstehen des Textes\nschlie\u00dflich auch komplexere Informationen bis hin zu Diskussionen der\nSekund\u00e4rliteratur enthalten. Die genannten Herausforderungen und m\u00f6gliche\ncomputerphilologische L\u00f6sungen zeigte Zirker schlie\u00dflich anhand einiger\nbeispielhafter literarischer Textstellen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\ndarauf folgenden Vortrag von Tamara Drummond und Janina Wildfeuer (beide\nUniversit\u00e4t Bremen) <em>The Multimodal Annotation of TV Series. Combining\nqualitative questions and quantitative results<\/em> veranschaulichte die\nM\u00f6glichkeit der Verbindung von qualitativen und quantitativen Ans\u00e4tzen f\u00fcr die\nAnalyse von audiovisuellen Daten. Dabei zeigten die Referentinnen auf, wie sich\ndas Annotationstool ELAN (<a href=\"https:\/\/tla.mpi.nl\/tools\/tla-tools\/elan\">https:\/\/tla.mpi.nl\/tools\/tla-tools\/elan<\/a>) f\u00fcr die semantische Analyse der\nmultimodalen Darstellung geschlechtsspezifischer Unterschiede in TV-Serien\nfruchtbar machen l\u00e4sst. Hierzu wurden die Ergebnisse eines empirischen\nMasterarbeitsprojekts zu den Anfangssequenzen zeitgen\u00f6ssischer TV-Serien\npr\u00e4sentiert, in welchen jeweils Teams von weiblichen und m\u00e4nnlichen\nHauptfiguren eingef\u00fchrt werden. Anhand des Materials lie\u00df sich die Konstruktion\nbestimmter geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen, die mit einem\nmultimodalen Rahmen analysiert werden k\u00f6nnen. In diesem Zusammenhang ergaben\nsich sowohl theoretische als auch methodologische Fragen zur multimodalen\nAnalyse und Annotation von TV-Serien. Der von Drummond und Wildfeuer verwendete\nsystemisch-funktionale Ansatz erm\u00f6gliche es, die Interaktionstypen weiblicher\nund m\u00e4nnlicher Hauptpersonen mit anderen Charakteren w\u00e4hrend ihrer Einf\u00fchrung\nin die Serie zu analysieren. Annotationen auf jeweils separaten Ebenen lassen\ndabei multiple Fragestellungen zu. Abschlie\u00dfend wurden die verwendeten\nanalytischen Einheiten anhand der TV-Serie \u201eBlindshot\u201c und ihrer\nHauptcharaktere im Hinblick auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der\nInszenierung der Charaktere pr\u00e4sentiert (z.B. Toneinstellungen, Kamerawinkel\nund Zoom-Einstellungen).<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nfolgte Christian L\u00fccks (FernUniversit\u00e4t in Hagen) Vortrag <em>Beispiele\nannotieren: Manuelle Annotationen im Spannungsfeld zwischen Interpretation,\nformalem Schema und maschineller Auswertung<\/em>. Dieser stellte die\nAnnotationspraxis im DFG-Projekt \u201eDas Beispiel im Wissen der \u00c4sthetik\n(1750-1850). Erforschung und Archivierung einer diskursiven Praxis\u201c (<a href=\"http:\/\/gepris.dfg.de\/gepris\/projekt\/327259109\">http:\/\/gepris.dfg.de\/gepris\/projekt\/327259109<\/a>) vor, in welchem Beispiele in\nTexten der philosophischen \u00c4sthetik annotiert werden. Zur Erfassung von\nBeispielen lassen sich g\u00e4ngige Standardabk\u00fcrzungen wie \u201ez.B.\u201c oder \u201ee.g.\u201c als\nMarker verwenden, aber auch syntaktische sowie vielf\u00e4ltige semantische\nMerkmale. Geplant sind digitale Annotationen als externes Markup zu\nQuelldokumenten, welche in einem Standardformat, etwa TEI-XML, vorliegen. So\nlassen sich Annotationen kollaborativ herstellen und Kontrollannotationen\ndesselben Texts durch einen weiteren Annotator realisieren. Perspektivisch soll\njedoch an einer automatisierten Annotation von Beispielen gearbeitet werden.\nHierf\u00fcr m\u00fcsse man jedoch computerlinguistisch erzeugte Daten wie\nSegmentierungen in Token und Sentences, grammatische Grundformen,\nPart-Of-Speech-Tags oder Tree-Banks, wie sie vom WebLicht-Service (<a href=\"https:\/\/weblicht.sfs.uni-tuebingen.de\/WaaS\/\">https:\/\/weblicht.sfs.uni-tuebingen.de\/WaaS\/<\/a>)oder von NLP-Bibliotheken f\u00fcr\nEingabedokumente zur\u00fcckgeliefert werden, auswerten. Dabei werden technische\nProbleme virulent, etwa die Frage, wie man die unterschiedlichen Typen von\nMarkup aufeinander bezieht. Doch auch f\u00fcr die manuelle Annotationspraxis haben\n\u00dcberlegungen, welche Art von Beispielen \u00fcberhaupt durch einen Algorithmus\nerfasst werden k\u00f6nnen, Auswirkungen. Auf diese Weise ergeben sich Spannungen in\neinem Dreieck aus interpretativer Arbeit am philosophischen Text,\nAusdrucksm\u00e4chtigkeit des Annotationsschemas und k\u00fcnftigem Algorithmus.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit\nihrem Vortrag <em>Facilitating reusable third-party annotations in the digital\nedition<\/em> er\u00f6ffneten Peter Boot und Marijn Koolen die letzte Sektion der\nTagung \u201eAnnotation und Ontologie\u201c und diskutierten zum einen den Umgang mit der\nAnnotationen von Dritten. Im Fokus standen dabei Anmerkungen zu einer digitalen\nEdition, die von Forscher*innen gemacht wurde, die selbst nicht an dem\nEditionsprojekt beteiligt gewesen sind. Diese Anmerkungen fungieren als\nBeitr\u00e4ge zu den auf der Website bereits vorhandenen Erkl\u00e4rungsmaterialien. Zum\nanderen wurde die technische Frage behandelt, wie sich solche Annotationen an\neinem bestimmten Ort in der digitalen Ausgabe leichter verankern lassen. Die\nAnnotation soll sich dabei f\u00fcr die verschiedenen Komponenten der digitalen\nEdition (z.B. Scan des Originals, Transkript, edierter Text) realisieren lassen\nund in unterschiedlichen Versionen (bspw. auch \u00dcbersetzungen) fest verankert\nbleiben. RDFa biete hier eine geeignete Technologie zum Einbetten der\nerforderlichen Informationen in die HTML-Seiten der Edition. Boot und Koolen\nstellten einen Open-Source-Prototyp eines Annotations-Tools vor, das in den\nkommenden Jahren f\u00fcr den Einsatz in mehreren Bereichen in der niederl\u00e4ndischen\nInfrastruktur CLARIAH (Common Lab Research Infrastructure for the Arts and\nHumanities \u2013 <a href=\"https:\/\/www.clariah.nl\/\">https:\/\/www.clariah.nl\/<\/a>) entwickelt werden soll.\nMithilfe dieses Tools wurde eine Ausgabe der Briefe von Vincent van Gogh\nvorgestellt. Die Edition der Briefe verf\u00fcgt dabei \u00fcber vier Darstellungsmodi\ndes Objektes: eine zeilenweise (diplomatische) Transkription, ein laufender (kritischer)\nText, eine \u00dcbersetzung ins Englische sowie ein Faksimile. Die Annotationen\nk\u00f6nnen entweder in allen Darstellungsmodi oder nur in einem bestimmten\nangezeigt werden. Au\u00dferdem ist eine Unterscheidung von privaten, mit bestimmten\nNutzer*innen geteilten sowie \u00f6ffentlichen Annotationen m\u00f6glich. Abschlie\u00dfend\nwurden die potenziellen Auswirkungen derartiger Annotationen von Dritten auf\ndie Praxis der Geisteswissenschaften diskutiert. So biete etwa die M\u00f6glichkeit,\nAnmerkungen verschiedener Art digital zu erstellen, zu organisieren und\nauszutauschen, leichten Zugang zu den Interpretationen anderer Forscher*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den\nAbschluss der Sektion bildete Evelyn Gius\u2019 (Universit\u00e4t W\u00fcrzburg) und Nils\nReiters (Universit\u00e4t Stuttgart) Vortrag zu <em>Shared Tasks zur Entwicklung von\nAnnotationsrichtlinien in den Digital Humanities<\/em>. Bei einem Shared Task\nbefassen sich mehrere Teams mit der L\u00f6sung derselben Aufgabe. Nach der\nArbeitsphase werden die Resultate aller Teams verglichen und ausgewertet.\nDerartige Shared Tasks sollen sich laut den Vortragenden insbesondere dann als\nVerfahren f\u00fcr die Digital Humanities anbieten, wenn computergest\u00fctzte Verfahren\nauf geisteswissenschaftliche Konzepte treffen und diese in einem\nintersubjektiven Aushandlungsprozess operationalisiert werden sollen. Der hier\nvorgestellte Shared Task bestand in der Erstellung einer Guideline f\u00fcr die\nAnnotation von Erz\u00e4hlebenen (wie Rahmen- und Binnenerz\u00e4hlungen etc.) mit dem\nZiel, eine solche Annotation sp\u00e4ter automatisieren zu k\u00f6nnen. Acht Teams\nbeteiligten sich an diesem kompetitiven Verfahren. In einem Workshop wurden die\nVorschl\u00e4ge entlang eines Sets von drei Kriterien \u2013 konzeptionelle\nAngemessenheit, Anwendbarkeit sowie Benutzbarkeit \u2013 miteinander verglichen. Aus\ndiesen drei Kriterien ergebe sich allerdings ein Trilemma: Man k\u00f6nne keine der\ndrei Dimensionen optimieren, ohne zumindest eine der anderen zu verschlechtern.\nDaraus folgte f\u00fcr die Bewertung der Vorschl\u00e4ge, dass \u00fcber einen Fragebogen und\nAnnotationstestl\u00e4ufe sowie mittels eines speziellen Bepunktungssystems der\nSieger ermittelt wurde. Reiter wies noch einmal nachdr\u00fccklich darauf hin, dass\nbei solch komplexeren Konzepten h\u00e4ufig die Fehleinsch\u00e4tzung vorherrsche, diese\nm\u00fcssen f\u00fcr den Computer vereinfacht werden. Doch Computer seien nicht das\nProblem, sondern die \u00dcbereinstimmung der Forscher*innen sowie die Verf\u00fcgbarkeit\nvon annotierten Daten, an denen die Computer trainiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder von Julia Nantke und Frederik Schlupkothen geleiteten Abschlussdiskussion\nlie\u00dfen die Teilnehmer*innen der Konferenz alle Vortr\u00e4ge noch einmal Revue\npassieren. So hatte es sowohl Makro- als auch Mikroperspektiven auf\nAnnotationen gegeben und der Fokus war dabei manchmal auf die Nutzer*innen,\nmanchmal auf die Annotator*innen gelegt worden. Die sektionen\u00fcbergreifend\naufgeworfene Frage danach, wie viel Interpretation in einer Annotation stecke,\nwurde ebenso res\u00fcmiert wie die Frage nach dem Status von Annotationen als Daten\nim Sinne eines analytischen Mittels. K\u00fcnftig ist au\u00dferdem ein Tagungsband\ngeplant, welcher die einzelnen Beitr\u00e4ge noch einmal jeweils in Aufsatzform\ngeb\u00fcndelt pr\u00e4sentieren soll. Im Hinblick darauf diskutierte man abschlie\u00dfend,\nwie sich eine interaktive Annotationspraxis im Rahmen einer derartigen\nPublikation fruchtbar machen lie\u00dfe, was in Anbetracht der sich\nweiterentwickelnden M\u00f6glichkeiten (digitaler) wissenschaftlicher Publikationen\nfreilich keineswegs Spekulation bleiben muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lisa Eggert (lisa.eggert@uni-due.de) Maximilian Lippert (maximilian.lippert@uni-due.de) Fabian Etling (etling@uni-wuppertal.de) Der Terminus \u201eAnnotation\u201c gewinnt mit der fortschreitenden Verankerung der Digital Humanities innerhalb der akademischen Landschaft immer st\u00e4rker an Bedeutung. Gleichzeitig steht er in den Geistes- und Informationswissenschaften f\u00fcr jeweils unterschiedliche Konzepte, welche zwar in Umfang, Einsatz und Zielausrichtung variieren, aber auch konzeptuelle Parallelen aufweisen. 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