{"id":1165,"date":"2012-12-03T21:38:48","date_gmt":"2012-12-03T20:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=1165"},"modified":"2012-12-03T21:38:48","modified_gmt":"2012-12-03T20:38:48","slug":"uber-die-kartierbarkeit-der-geschichte-anne-kelly-knowles-und-historical-gis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=1165","title":{"rendered":"\u00dcber die Kartierbarkeit der Geschichte: Anne Kelly Knowles und Historical GIS."},"content":{"rendered":"<p>Tony Horwitz: Looking at the Battle of Gettysburg Through Robert E. Lee\u2019s Eyes. In: Smithsonian magazine. Dec. 2012. URL:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.smithsonianmag.com\/history-archaeology\/Looking-at-the-Battle-of-Gettysburg-Through-Robert-E-Lees-Eyes-180014191.html?c=y&amp;story=fullstory\">http:\/\/www.smithsonianmag.com\/history-archaeology\/Looking-at-the-Battle-of-Gettysburg-Through-Robert-E-Lees-Eyes-180014191.html?c=y&amp;story=fullstory<\/a><\/p>\n<p>Kernfrage: <em>Welche Rolle k\u00f6nnen GIS\u00a0<\/em>(=<em>Geographic Information Systems)-Verfahren f\u00fcr die Analyse historischer Fragestellungen spielen?<\/em><\/p>\n<p>In der Dezember-Ausgabe des <em>Smithsonian Magazine<\/em> berichtet Tony Horwitz \u00fcber die Arbeit von\u00a0<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Anne_Kelly_Knowles\">Anne Kelly Knowles<\/a>. Die Geographin erhielt dieses Jahr den <a href=\"http:\/\/www.smithsonianmag.com\/science-nature\/Smithsonian-American-Ingenuity-Awards.html\">Smithsonian Ingenuity Award<\/a> im Bereich\u00a0<em>Historical Scholarship\u00a0<\/em>und zwar offensichtlich vor allem deshalb, weil sie eine Vorreiterfunktion im Bereich des Einsatzes <em>Historical Geographic Information Systems<\/em>\u00a0(HGIS) \u00fcbernahm. Dabei benutzt man f\u00fcr die Kartographie entwickelte Technologien buchst\u00e4blich zum <em>Mapping\u00a0<\/em>historischer Ereignisse bzw. Strukturen.\u00a0Bekannte Beispielanwendungen finde sich im\u00a0<a href=\"http:\/\/www.port.ac.uk\/research\/gbhgis\/\">Great Britain Historical Geographical Information System (GBHGIS)<\/a>\u00a0oder auch bei\u00a0<a href=\"http:\/\/www.hgis-germany.de\/\">HGIS Germany<\/a>.<\/p>\n<p>Die Digitalisierung historischer Landkarten und das verortende Auftragen von Bezugspunkten (=<em>georeferencing<\/em>) erm\u00f6glicht es, bestimmte Sachverhalte in gewisser im Raum in ihrem Verlauf abzubilden. Die Abbildung der Entwicklung von Grenzverl\u00e4ufen ist da nur ein sehr nahe liegendes Beispiel. Spannend wird es, wenn diese spatiale Dimension mit m\u00f6glichst konkreten historischen Fakten in Beziehung gesetzt wird. Und Anne Kelly Knowles wird konkret:<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;In this instance, she wants to know what commanders could see of the <a href=\"http:\/\/www.smithsonianmag.com\/multimedia\/photos\/?c=y&amp;articleID=180014191&amp;page=3\" target=\"_blank\">battlefield<\/a> on the second day at Gettysburg. A red dot denotes General Lee\u2019s vantage point from the top of the Lutheran Seminary. His field of vision shows as clear ground, with blind spots shaded in deep indigo. <strong>Knowles has even factored in the extra inches of sightline afforded by Lee\u2019s boots.<\/strong> \u201cWe can\u2019t account for the haze and smoke of battle in GIS, though in theory you could with gaming software,\u201d she says.&#8220; (Hervorhebung und Einbettung des Links: BK)<\/p><\/blockquote>\n<p>Welche Fragestellung man \u00fcber die Kombination diverser Parameter tats\u00e4chlich sinnvoll bearbeitet, h\u00e4ngt selbstverst\u00e4ndlich von dem jeweiligen Forschungsgegenstand und -ansatz ab. Deutlich wird jedoch das Potenzial beispielsweise f\u00fcr eine empirische Gegenpr\u00fcfung \u00fcberlieferter Quellen. Die Wissenschaftlerin spricht selbst von einer korrektiven Funktion des <em>Mappings<\/em>. So erm\u00f6glicht der Einsatz derartiger Technologien eine neue Perspektive auf bekannte Themen und in gleicher Weise das Aufwerfen von neuen Fragestellungen sowie, drittens, generell neue M\u00f6glichkeiten zur Formulierung von Forschungsfragen.<\/p>\n<p>Das Verfahren selbst ist auch eine Art Kombination. Im Webkontext w\u00fcrde man vielleicht von <em>Mash-Up<\/em> sprechen. Tats\u00e4chlich waren Mapping-Anwendung wie das <a href=\"http:\/\/projects.latimes.com\/mapping-la\/crime\/\">Crime Mapping<\/a> des <em>Los Angeles Police Departments<\/em> bahnbrechend bei der Popularisierung derartiger Verkn\u00fcpfungen. Dass sich die Kombination von (a) raumstrukturierender Visualisierung (Stadtpl\u00e4ne, Landkarten) mit (b) Ereignisdaten (hier: Straftaten) sowie zu mit diesen assoziierten qualitativen Erg\u00e4nzungsdaten (hier: demographische Angaben) und schlie\u00dflich (c) einer Zeitachse anbietet, um bestimmte Entwicklungen, H\u00e4ufungen, Regularit\u00e4ten und Anomalien zu visualisieren, d\u00fcrfte sp\u00e4testens seit <em>Google Map<\/em>s weithin anerkannt sein. Eine entsprechende Datenbasis vorausgesetzt, l\u00e4sst sich eigentlich alles, was Geographie, Entwicklung in der Zeit und eine qualitative Konkretisierung verbindet, GIS-basiert abbilden &#8211; von der <a href=\"http:\/\/weatherspark.com\/#!dashboard;a=Germany\/Berlin\">Wetterkarte<\/a>\u00a0und <a href=\"http:\/\/www.usanpn.org\/files\/viz\/index.html#\">Vegetationszyklen<\/a> bis hin zum <a href=\"http:\/\/potholeseason.ca\/\">Schlagloch<\/a>.<\/p>\n<p>GIS war vor allem aus der Regionalplanung und kommerziellen Kontexten bekannt. Anne Kelly Knowles realisierte relativ fr\u00fch (die von ihr herausgegebene Sonderausgabe von <em>Social Science History<\/em> mit dem Thema\u00a0<a href=\"http:\/\/muse.jhu.edu\/journals\/ssh\/toc\/ssh24.3.html\">Historical GIS: The Spatial Turn in Social Science History<\/a> erschien im Jahr 2000), dass man diese Technologie ebenfalls sehr gut in geschichtswissenschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen einsetzen kann:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;I knew there was a GIS method, used to site ski runs and real estate views, and wondered what would happen if I applied that to Gettysburg.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine wichtige Nebenwirkung dieser Art von Empirisierung mittels expliziter Kartographierung k\u00f6nnte &#8211; nicht ganz unpassend zur Kartographie &#8211; das Erkennen von Grenzen sein. N\u00e4mlich von solchen der Erkenntnisreichweite scheinbar stabiler Einsch\u00e4tzungen sowie der Wege, auf denen diese entstehen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cWe can learn to become more modest about our judgments, about what we know or think we know and how we judge current circumstances.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Als weiterer Effekt droht im Gegenzug die von Skeptikern h\u00e4ufig angemahnte \u00dcberbetonung der Muster gegen\u00fcber den Inhalten. Visualisierungen sind in der Regel visuell eindrucksvoll, bleiben bisweilen aber zur Frage, was man konkret aus ihnen ablesen kann, erstaunlich opak.<\/p>\n<p>Anne Kelly Knowles ist mit diesem Problem offensichtlich gut vertraut, zumal sie derzeit das HGIS-Prinzip in einem Projekt zur <a href=\"http:\/\/www.smithsonianmag.com\/multimedia\/photos\/?c=y&amp;articleID=180014191&amp;page=1\" target=\"_blank\">Holocaust-Forschung<\/a> (\u201ea profoundly geographical event&#8220; &#8211; A.K. Knowles) einsetzt. Sie wei\u00df also um die Schwierigkeit,\u00a0\u201eof using quantitative techniques to study human suffering.\u201d Entsprechend argumentiert sie mit der gebotenen Vorsicht:<\/p>\n<blockquote><p>Knowles is careful to avoid over-hyping GIS, which she regards as an exploratory methodology. She also recognizes the risk that it can produce \u201cmere eye candy,\u201d providing great visuals without deepening our understanding of the past.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und sie erkennt noch eine weitere Herausforderung: Die der \u00dcbersetzung von Messungen und gemappten Strukturen in eine erkl\u00e4rende und verst\u00e4ndliche sprachliche Abbildungsform:<\/p>\n<blockquote><p>Another problem is the difficulty of translating complex maps and tables into meaningful words and stories.<\/p><\/blockquote>\n<p>Informationsvisualisierung hat gegen\u00fcber der Beschreibung den klaren Vorteil einer Informationsverdichtung. Informationswissenschaftlich gilt der Grundsatz, dass ein Bild sehr viel Information (mehr jedenfalls als tausend Worte) jedoch eher wenig Wissen (nach einem informationswissenschaftlichen Wissensbegriff)\u00a0speichern kann. Dieses Prinzip wird\u00a0freilich bei der Hinzunahme einer zeitlichen Dimensionen relativiert. Dennoch bleibt es jedenfalls derzeit notwendig, parallel zur graphischen Abbildung im Mustern eine schlussfolgernde Ableitung des Dargestellten in Textform vorzunehmen. Die visualisierte Informationsmenge muss demzufolge auf Aussagen heruntergefiltert bzw. ausgedeutet werden.<\/p>\n<p>Was man folglich aus dem Artikel und der dort wiedergegebenen Position\u00a0Anne Kelly Knowles&#8216; mitnehmen kann, ist, dass das <em>Mapping<\/em>\u00a0historischer Entwicklungen und Ereignisse mittels GIS einerseits vor allem daf\u00fcr geeignet ist, bekannte Fragestellungen neu zu betrachten und entsprechend m\u00f6glicherweise empirisch zu validieren. Und andererseits, im exploratorischen Sinn, Zusammenh\u00e4nge neu erkennbar zu machen. F\u00fcr beide Anwendungsf\u00e4lle gilt jedoch (wie eigentlich immer):<\/p>\n<blockquote><p>\u201cThe technology is just a tool, and what really matters is how you use it\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Wobei zur gelingenden Anwendung insbesondere die Bef\u00e4higung zur historisch sensiblen und sinnvollen Schlussfolgerung und Interpretation z\u00e4hlen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>P.S. Eine Kurzbescheibung ihrer Arbeit gibt Anne Kelly Knowles in <a href=\"http:\/\/www.smithsonianmag.com\/multimedia\/videos\/Anne-Kelly-Knowles-2012-Smithsonian-American-Ingenuity-Awards.html\">diesem kurzen Clip<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tony Horwitz: Looking at the Battle of Gettysburg Through Robert E. Lee\u2019s Eyes. In: Smithsonian magazine. Dec. 2012. 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