{"id":11622,"date":"2019-04-23T18:01:34","date_gmt":"2019-04-23T16:01:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11622"},"modified":"2019-04-25T15:11:43","modified_gmt":"2019-04-25T13:11:43","slug":"die-dhd2019-als-treffen-der-entdeckerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11622","title":{"rendered":"Die DHd2019 als Treffen der EntdeckerInnen"},"content":{"rendered":"\n<p>Es w\u00e4re nicht ungerecht zu sagen, dass die Digital Humanities zuweilen einen ausgepr\u00e4gten projektorientierten Charakter aufweisen. In ihrem Arbeitsalltag arbeiten die Digital HumanistInnen oft in eigenen Projektinseln. Sie besch\u00e4ftigen sich mit fach- und projektspezifischen Fragestellungen und versuchen, L\u00f6sungs- und Forschungsans\u00e4tze f\u00fcr die jeweiligen Projekte zu entwickeln und zu implementieren. H\u00e4ufiger werden diese Projektinseln in einem geisteswissenschaftlichen Fach verortet. W\u00e4hrend immer mehr Digital Humanities Zentren gegr\u00fcndet werden, um die unterschiedlichen L\u00f6sungs- und Forschungsans\u00e4tze zu b\u00fcndeln, arbeiten viele Digital HumanistInnen auf ihrer Insel dennoch in der Isolation. Es gibt ein gewisses Selbstverst\u00e4ndnis, eine unausgesprochene \u00dcbereinkunft dar\u00fcber, dass die geisteswissenschaftlichen Fragestellungen fachspezifisch sind und daher jeweils eigener Methoden zur L\u00f6sung erfordern; unabh\u00e4ngig davon, dass oft \u00e4hnliche Technologien benutzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen\nvon der Diskussion, ob Digital Humanities Aktivit\u00e4ten immer auf bestimmten\nInseln stattfinden sollten, muss man verstehen, dass das Arbeiten in der\nIsolation f\u00fcr Digital HumanistInnen gewisse Konsequenzen hat. Zum einen erzeugen\ndie Projektorientierung und die engen Rahmbedingungen eine Situation der\ndefinitorischen Problematik, die der Identit\u00e4tsbildung des Faches entgegensteht.\nZum anderen kommt es h\u00e4ufiger vor, dass mehrere Digital HumanistInnen auf die\ngleichen Probleme in unterschiedlichen Fachkontexten sto\u00dfen, ohne zu wissen,\ndass das Problem nicht nur sie allein betrifft, und dass die L\u00f6sungen, wenn\nauch nicht generalisierbar und spiegelbildlich implementierbar, m\u00f6glicherweise\nin pragmatisch-philosophischer Form auf einer anderen Insel schon erarbeitet\nworden sind (Thaller 2012).<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang\nmeiner Forschung als Digital Humanist war es zumindest so, dass ich mich\nh\u00e4ufiger isoliert gef\u00fchlt habe, und das, obwohl ich an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln\nstudiere, die f\u00fcr sich eine eHumanities-Tradition etabliert hat. W\u00e4hrend man\nversucht, seine eigene Insel zu entschl\u00fcsseln, aber sich dabei auch bem\u00fcht,\nandere Inseln zu erforschen und deren Probleme, Herausforderungen und L\u00f6sungen\nzu verstehen, und man wiederum von anderen Digital HumanistInnen erwartet, dass\nsie das gleiche mit der eigenen Insel tun, ist das Gef\u00fchl auf einer Insel zu\narbeiten nicht trivial.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Insel-Metapher mag in diesem Kontext melancholisch klingen, aber sie versetzt uns gleichzeitig in die Lage, die Digital Humanities in einem heroischen Zusammenhang zu definieren. Die Insel-Metapher muss nicht unbedingt im Sinne eines auf-einer-Insel-Stecken-Bleiben verstanden werden, sondern eher in einem explorativen Kontext, wie ihn z. B. Willard McCarty als \u201earchipelago\u201c imaginiert hat. Mit diesem Twist werden Digital HumanistInnen nicht als Herren einer bestimmten Insel verstanden, sondern als maritime EntdeckerInnen, die die Segel hissen und in See stechen (McCarty 2005, 2014).<\/p>\n\n\n\n<p>Von\ndieser Perspektive ausgehend war die 6. Jahrestagung des Verbands Digital\nHumanities im deutschsprachigen Raum f\u00fcr mich \u00fcberw\u00e4ltigend und inspirierend\nzugleich. Stellen Sie sich das einmal vor: Mit \u00fcber 500 Teilnehmern und 135\nBeitr\u00e4gen ist das schon eine Menge erfahrener EntdeckerInnen, die gut\nstrukturierte aber auch sehr exotische Geschichten von ihren Abenteuern\nerz\u00e4hlen. Ich als Nachwuchswissenschaftler konnte meine Nervosit\u00e4t dar\u00fcber\nnicht unterdr\u00fccken, vor so vielen Forschenden vorzutragen. Ist meine\nEntdeckungsreise interessant genug? Macht das, worauf ich in der \u201eIsolation\u201c\ngesto\u00dfen bin, f\u00fcr die anderen Forschenden Sinn? Darf ich mich \u00fcberhaupt\nEntdecker nennen?<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant\nist, dass der Begriff der Isolation im Rahmen der Tagung f\u00fcr mich abgeschw\u00e4cht\nwurde. Nach jeder Session, an der ich teilnahm, lie\u00df die Nervosit\u00e4t nach. Obwohl\ndie Themen sehr divers waren, konnte man den gemeinsamen Nenner sp\u00fcren. Ich\nbehaupte, dass ich im Laufe dieser Sessions verstanden habe, warum\n\u201earchipelago\u201c so eine sch\u00f6ne Metapher f\u00fcr DH-Aktivit\u00e4ten ist. Unabh\u00e4ngig davon,\nwelche Ufer besucht werden, ist ein gemeinsames Interesse ein neues\nWeltverst\u00e4ndnis, das durch die Entdeckungsprozesse entsteht. Neue Ufer, neue\nProzesse, st\u00e4ndig aktualisierte Weltverst\u00e4ndnisse\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p> McCarty, Willard (2005): &#8222;Tree, Turf, Centre, Archipelago\u2014or Wild Acre? Metaphors and Stories for Humanities Computing&#8220;. <em>Literary and Linguistic Computing<\/em>, Volume 21, Issue 1, April 2006, 1\u201313, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1093\/llc\/fqi066\">https:\/\/doi.org\/10.1093\/llc\/fqi066<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> McCarty, Willard (2014): &#8222;Getting There From Here. Remembering The  Future Of Digital Humanities: Roberto Busa Award Lecture 2013&#8220;. <em>Literary  and Linguistic Computing<\/em> 29, no. 3, 289-295,           <a href=\"http:\/\/doi.org\/10.1093\/llc\/fqu022\">http:\/\/doi.org\/10.1093\/llc\/fqu022<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Thaller, Manfred (2012): &#8222;Controversies Around The Digital Humanities: An Agenda&#8220;. Historical Social Research 37, no. 3, 12-13,                           <a href=\"http:\/\/nbn-resolving.de\/urn:nbn:de:0168-ssoar-378617\">http:\/\/nbn-resolving.de\/urn:nbn:de:0168-ssoar-378617<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es w\u00e4re nicht ungerecht zu sagen, dass die Digital Humanities zuweilen einen ausgepr\u00e4gten projektorientierten Charakter aufweisen. In ihrem Arbeitsalltag arbeiten die Digital HumanistInnen oft in eigenen Projektinseln. Sie besch\u00e4ftigen sich mit fach- und projektspezifischen Fragestellungen und versuchen, L\u00f6sungs- und Forschungsans\u00e4tze f\u00fcr die jeweiligen Projekte zu entwickeln und zu implementieren. 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