{"id":11453,"date":"2019-04-02T13:05:15","date_gmt":"2019-04-02T11:05:15","guid":{"rendered":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11453"},"modified":"2019-04-02T13:14:55","modified_gmt":"2019-04-02T11:14:55","slug":"wo-ist-die-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11453","title":{"rendered":"Wo ist die Schweiz?"},"content":{"rendered":"<p>Seit Jahren nun beobachten die statistischen Auswertungen der DHd-Tagung eine Unterrepr\u00e4sentation der Schweiz. <a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=9001\">Henny-Krahmer und Sahle<\/a> stellten im Nachgang zur DHd 2018 fest:<\/p>\n<blockquote style=\"margin-left: 1em;padding: 0.5em;background: #EEF9EE\"><p>\nAuff\u00e4llig ist hier die enorme Unterrepr\u00e4sentanz der Schweiz. Diese war aber auch schon f\u00fcr die Tagung 2016 in Leipzig von Jos\u00e9 Calvo Tello festgestellt worden. Rechnet man auf Einwohnerzahlen um, dann ergeben sich f\u00fcr die L\u00e4nder 6,8 (AT) bzw. 5,4 (DE) bzw. 1,2 (CH) Beitr\u00e4ge je einer Million Einwohner.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr die DHd 2019 kommt <a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11418\">Hoenen<\/a> zum Schluss:<\/p>\n<blockquote style=\"margin-left: 1em;padding: 0.5em;background: #EEF9EE\"><p>Auff\u00e4llig ist, dass \u00d6sterreich im Gegensatz zur Schweiz pro Kopf deutlich mehr mitarbeitet (ca. 1 Autorenschaft pro 200.000 Einwohner, was in etwa auch der deutschen Rate entspricht gegen\u00fcber 1 pro 560.000 \u2013 also fast 3 mal so viel oder besser dreimal so wenig; der Fairness halber m\u00fcsste man vielleicht noch die nicht Deutsch-Schweizer abziehen, aber an einer Unterrepr\u00e4sentation w\u00fcrde das nichts \u00e4ndern). Die \u00d6sterreichischen Zahlen erscheinen noch bemerkenswerter, wenn man in Betracht zieht, dass die \u00f6sterreichische DHa Konferenz einmal j\u00e4hrlich stattfindet, w\u00e4hrend Unterrepr\u00e4sentation der Schweiz sich auf dem Weg zu einer Tradition befindet, siehe <a href=\"https:\/\/cligs.hypotheses.org\/431\">Tello<\/a>, <a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=9001\">Henny-Krahmer\/Sahle<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p>Woran k\u00f6nnte das liegen? Zun\u00e4chst sollte man die Zahlen korrigieren: Hoenen hat richtig beobachtet, dass nicht die ganze Schweiz deutschsprachig ist. Dies ist insbesondere auch deshalb relevant, weil man an den Zahlen auch sehen kann, dass die DHd-Tagung nur eine geringe Ausstrahlung \u00fcber den deutschsprachigen Raum hinaus hat \u2013 was ja auch nicht das Ziel der DHd ist. Bei den meisten Einreichungen von ausserhalb des deutschsprachigen Raums handelt es sich wahrscheinlich um Einreichungen deutschsprachiger Autoren: <a href=\"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=11358\">Kiefer<\/a> bemerkt in ihrer Auswertung der DHd 2019, dass es zwar insgesamt zw\u00f6lf Einreichungen aus nicht-deutschsprachigen L\u00e4ndern gibt, im Programm aber nur f\u00fcnf Beitr\u00e4ge in englischer Sprache zu finden sind, viele von diesen jedoch von Autoren aus deutschen Institutionen eingereicht wurden.<\/p>\n<p>Es stimmt auch, dass auch wenn man die lateinische Schweiz abzieht, das nichts an der Unterrepr\u00e4sentation \u00e4ndert, dennoch sollte man mit den korrekten Zahlen rechnen. Tats\u00e4chlich sind ca. 66&nbsp;% der Einwohner der Schweiz deutschsprachig, das ergibt also eine Einwohnerzahl von ca. 5,5 Millionen. Rechnet man auf dieser Basis, kommt man zu folgenden Ergebnissen: Die 1,2 Beitr\u00e4ge pro Million Einwohner f\u00fcr 2018 werden zu 1,8 Beitr\u00e4gen; f\u00fcr 2019 werden dann aus der 1 Autorschaft pro 560\u2019000 Einwohner 1 Autorschaft pro 366\u2019000 Einwohner.<\/p>\n<p>Trotzdem stellt sich die Frage nach m\u00f6glichen Gr\u00fcnden f\u00fcr die geringere Beteiligung. Ein erster, ganz praktischer Grund ist, dass (mit Ausnahme der DHd 2017 in Bern) die Tagung nach dem Beginn der Vorlesungen in der Schweiz liegt \u2013 das Fr\u00fchlingssemester beginnt jeweils Mitte Februar. Das macht eine Teilnahme oft schwierig oder unm\u00f6glich, weshalb auch ich dieses Jahr nicht teilnehmen konnte.<\/p>\n<p>Ein zweiter Grund ist meines Erachtens in einer geringen Institutionalisierung der Digital Humanities in der Deutschschweiz zu suchen: Es gibt bislang nur eine deutschsprachige Institution, die DH im Namen f\u00fchrt, das DHLab an der Universit\u00e4t Basel mit zwei entsprechenden Professuren. Es gibt zwar das DH Institute an der EPFL mit 4 Professuren und 2 DH-Professuren an der Universit\u00e4t Lausanne (UNIL), aber das ist eben die Romandie: wenn wir uns an die Sprachenverteilung erinnern, ist also die franz\u00f6sischsprachige Schweiz <i>sehr viel<\/i> aktiver als die Deutschschweiz, mit Lausanne als Hotspot (den wir durch ein gemeinsames DH-Zentrum von UNIL und EPFL noch weiter st\u00e4rken wollen). In Basel wird auch der bislang einzige DH-Masterstudiengang der Deutschschweiz angeboten \u2013 aber, wenn ich das richtig sehe, erst ab dem Herbstsemester 2019. Es gibt also bisher in der Deutschschweiz weder auf Stufe Master noch auf Stufe Doktorat Studierende, die <i>explizit<\/i> DH studieren. In Bern wird es demn\u00e4chst wieder eine DH-Professur geben, aber ein Studiengang ist dort offenbar erstmal nicht geplant. In Lausanne kann man DH dagegen sowohl an der UNIL als auch an der EPFL studieren; tats\u00e4chlich war das <a href=\"https:\/\/www.unil.ch\/lettres\/master\/humanites-numeriques\">Masterprogramm der UNIL<\/a> das erste DH-Programm in der Schweiz).<\/p>\n<p>Ein dritter Grund ist, dass der Schweizerische Nationalfonds (SNF), die wichtigste Schweizer Institution zur F\u00f6rderung der wissenschaftlichen Forschung, interdisziplin\u00e4re Forschung (ausserhalb des <a href=\"http:\/\/www.snf.ch\/de\/foerderung\/programme\/sinergia\/Seiten\/default.aspx\">Sinergia-Programms<\/a>) faktisch nicht f\u00f6rdert, so dass es keine gemeinsamen Projekte von Informatik und Geisteswissenschaften mit einer Kooperation \u00abauf Augenh\u00f6he\u00bb gibt, die sich dann gemeinschaftlich in den Digital Humanities verorten w\u00fcrden (und dann potentiell Beitr\u00e4ge zur DHd oder auch zur DH Conference einreichen w\u00fcrden). Dies ist kein Zufall, sondern ein bewusster Entscheid.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich sollen Gesuche um Beitr\u00e4ge der Projektf\u00f6rderung von Einzelpersonen eingereicht werden; mehrere Gesuchstellende sind ausnahmsweise zugelassen, \u00abwenn das Forschungsprojekt dies erfordert\u00bb. SNF-Vertreter geben jedoch freim\u00fctig zu, dass die Erfolgsquote f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Gesuche deutlich geringer ist, da sie ja in <i>beiden<\/i> Disziplinen exzellent sein m\u00fcssen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit; die ganze Wahrheit findet sich auf der Webseite zur <a href=\"http:\/\/www.snf.ch\/de\/foerderung\/projekte\/projekte-in-allen-disziplinen\/Seiten\/default.aspx#Gesuch\">Projektf\u00f6rderung<\/a> des SNF, auf der es heisst:<\/p>\n<blockquote style=\"margin-left: 1em;padding: 0.5em;background: #EEF9EE\">\n<ul>\n<li>Kollaborative Gesuche mit mindestens zwei Gesuchstellenden innerhalb eines Forschungsfeldes oder mit einer Hauptdisziplin, die von Hilfsdisziplinen erg\u00e4nzt wird, k\u00f6nnen in der Projektf\u00f6rderung eingereicht werden. [\u2026]<\/li>\n<li>Kollaborative Projekte \u00fcber Disziplinengrenzen hinweg werden mit Sinergia gef\u00f6rdert.<\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.snf.ch\/de\/foerderung\/programme\/sinergia\">Sinergia<\/a> wiederum ist nur f\u00fcr grosse, \u00abbahnbrechende\u00bb, \u00abhigh-risk high-reward\u00bb Projekte gedacht, und es wird von den Gesuchstellern auch eine entsprechende Erfahrung im Projektmanagment gefordert.<\/p>\n<p>Die in der Projektf\u00f6rderung gef\u00f6rderten Projekte, die man in der <a href=\"http:\/\/p3.snf.ch\/\">P3-Datenbank<\/a> findet, spiegeln das wider: Praktisch alle Projekte, die das Stichwort \u00abDigital Humanities\u00bb haben, sind faktisch Projekte in <i>einer<\/i> geisteswissenschaftlichen Disziplin, die eben mehr oder weniger die ber\u00fchmten \u00abdigitalen Methoden\u00bb verwenden. Nach <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.18420\/infdh2018-07\">meiner Definition<\/a> handelt es sich hier um <i>angewandte Digital Humanities<\/i>. Angesichts des oben beschriebenen Umfelds und der klaren disziplin\u00e4ren Zuordnung besteht f\u00fcr die Projektteilnehmer \u00fcberhaupt kein Grund, sich mit den Digital Humanities zu identifizieren, zumal die Nutzung \u00abdigitaler Methoden\u00bb heute in den meisten geisteswissenschaftlichen Disziplinen durchaus akzeptiert und somit publikationsf\u00e4hig ist \u2013 zumindest bis zu einem bestimmten Punkt, der von den wenigsten Projekten \u00fcberschritten wird (was wahrscheinlich auch mit der Begutachtungspraxis des SNF zusammenh\u00e4ngt, die ich hier aber nicht thematisieren m\u00f6chte).<\/p>\n<p>Es findet sich auch eine Handvoll Projekte in der Informatik mit dem Schlagwort Digital Humanities. Diese Projekte k\u00f6nnen nach meiner Definition den <i>theoretischen Digital Humanities<\/i> zugeordnet werden. Hier gilt prinzipiell das Gleiche, zudem ist die Publikationskultur der DH eher geisteswissenschaftlich gepr\u00e4gt und somit f\u00fcr Informatiker weniger interessant.<\/p>\n<p>Schliesslich ist auch noch zu erw\u00e4hnen, dass es in der Schweiz bislang auch keine speziellen F\u00f6rderlinien oder -programme f\u00fcr Digital Humanities gibt. Die einzigen Ausnahmen waren letztes Jahr die einmalige Ausschreibung <a href=\"http:\/\/www.snf.ch\/de\/foerderung\/projekte\/digital-lives\/\">Digital Lives<\/a>, die eigentlich zur Vorbereitung des Nationalen Forschungsprogramms \u00abDigitale Transformation\u00bb (<a href=\"http:\/\/www.nfp77.ch\/de\">NFP 77<\/a>) dienen sollte (das jetzt aber eine deutlich andere Ausrichtung hat) sowie die (ebenfalls einmalige) Ausschreibung \u00abDigitale Transformation\u00bb der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW), deren Zielsetzung im laufenden Verfahren (nachdem man 230 Einreichungen erhalten hatte) auf \u00abpraxisorientierte Wirkungen bei Kinder und Jugendlichen und der Bev\u00f6lkerung\u00bb (sic!) ge\u00e4ndert wurde.<\/p>\n<p>Mein Fazit? Auch wenn ich mit dem Schweizer Wissenschaftssystem gut vertraut bin, erhebe ich selbstverst\u00e4ndlich nicht den Anspruch, die Unterrepr\u00e4sentation der Deutschschweizer Forschung bei den DHd-Tagungen vollumf\u00e4nglich erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Die geringe Institutionalisierung der DH in Lehre und Forschung und die F\u00f6rderpolitik des SNF, die \u00abkleine\u00bb interdisziplin\u00e4re Projekte explizit ausschliesst, tragen jedoch sicherlich strukturell zu einer Unterrepr\u00e4sentation bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahren nun beobachten die statistischen Auswertungen der DHd-Tagung eine Unterrepr\u00e4sentation der Schweiz. Henny-Krahmer und Sahle stellten im Nachgang zur DHd 2018 fest: Auff\u00e4llig ist hier die enorme Unterrepr\u00e4sentanz der Schweiz. Diese war aber auch schon f\u00fcr die Tagung 2016 in Leipzig von Jos\u00e9 Calvo Tello festgestellt worden. 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