{"id":1061,"date":"2012-11-17T15:32:28","date_gmt":"2012-11-17T14:32:28","guid":{"rendered":"http:\/\/dhd-blog.org\/?p=1061"},"modified":"2012-11-17T15:34:22","modified_gmt":"2012-11-17T14:34:22","slug":"anmerkungen-zu-john-heuser-long-le-khac-2011-learning-to-read-data-bringing-out-the-humanistic-in-the-digital-humanities","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dhd-blog.org\/?p=1061","title":{"rendered":"Anmerkungen zu John Heuser, Long Le-Khac (2011): Learning to Read Data: Bringing out the Humanistic in the Digital Humanities."},"content":{"rendered":"<p>Im <a href=\"http:\/\/libreas.wordpress.com\/\">LIBREAS-Weblog<\/a> pflegen wir seit einigen Jahren die Tradition annotierender <a href=\"http:\/\/libreas.wordpress.com\/category\/libreasreferate\/\">Referate<\/a> zu verschiedenen Publikationen, die sich von traditionellen Rezensionen dahingehend unterscheiden, dass sie einerseits eine perspektivische Lekt\u00fcre betonen und andererseits gern auch eher essayistisch ausgerichtet sind. Bisweilen finden sich in diesem Bereich auch Texte, die Themen aus dem Bereich der\u00a0Digital Humanities bzw. Digitalen Geisteswissenschaften ber\u00fchren (hier das <a href=\"http:\/\/libreas.wordpress.com\/tag\/digital-humanities\/\">entsprechende <\/a><em><a href=\"http:\/\/libreas.wordpress.com\/tag\/digital-humanities\/\">Tag<\/a>\u00a0<\/em>im LIBREAS-Weblog).<\/p>\n<p>Nun spricht nat\u00fcrlich nichts dagegen, einschl\u00e4gige Texte dieser Art auch hier zu bloggen, zumal die inhaltliche Perspektive auf die Digital Humanities bei LIBREAS ma\u00dfgeblich von der Wechselwirkung mit dem Bibliothekswesen gepr\u00e4gt ist. Daher m\u00f6chte ich mit der nachfolgenden Betrachtung eine m\u00f6glichst regelm\u00e4\u00dfige Beteiligung auch an diesem Weblog beginnen. &#8211; <a href=\"http:\/\/www.tu-berlin.de\/ztg\/menue\/team\/mitarbeiterinnen\/kaden_ben_ma\/\">Ben Kaden<\/a><span style=\"text-align: right;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Anmerkungen zu: John Heuser, Long Le-Khac (2011): <em>Learning to Read Data: Bringing out the Humanistic in the Digital Humanities<\/em>. In: Victorian Studies Vol. 54, No. 1 (Autumn 2011), S. 79-86 \/ <a href=\"http:\/\/www.jstor.org\/stable\/10.2979\/victorianstudies.54.1.79\">http:\/\/www.jstor.org\/stable\/10.2979\/victorianstudies.54.1.79<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kernfrage: <em>Wie kann das Verfahren der Wortfrequenzanalyse f\u00fcr die Pr\u00fcfung von Hypothesen zum viktorianischen Roman sinnvoll eingesetzt werden?<\/em><\/p>\n<p>Wer sich im Bereich der <em>Digital Humanities<\/em> bewegt, sieht sich im Gespr\u00e4ch mit eher traditionell orientierten Geisteswissenschaftlern erfahrungsgem\u00e4\u00df schnell unter Legitimationsdruck. Wo man nicht mit genereller Ablehnung konfrontiert ist, wird \u2013 durchaus berechtigt \u2013 die Forderung aufgestellt, man solle doch erst einmal aufzeigen, welches Erkenntnisplus die Anwendung beispielsweise quantitativer Verfahren f\u00fcr die Literaturwissenschaft tats\u00e4chlich bringt.<!--more--><\/p>\n<p>Eine Publikation, die man bei der n\u00e4chsten Gelegenheit anf\u00fchren kann und die nach meiner Wahrnehmung in diesem Weblog noch nicht referiert wurde, erschien vor gut einem Jahr in der Zeitschrift <em>Victorian Studies<\/em>. Ryan Heuser und Long Le-Khac, vielleicht etwas befangen als Mitarbeiter an Franco Morettis <a href=\"http:\/\/litlab.stanford.edu\/\">Stanford Literary Lab<\/a>, leisten in ihrem Aufsatz \u201eLearning to Read Data: Bringing out the Humanistic in the Digital Humanities\u201c ausgewogen und souver\u00e4n \u00dcberzeugungsarbeit f\u00fcr den Einsatz quantitativer Verfahren in der Literaturwissenschaft. Ihr Ansatz: Quantitative Verfahren der Literaturanalyse (mitunter nicht ganz gl\u00fccklich als \u201edistant reading\u201c bezeichnet) sind keinesfalls die Abl\u00f6sung qualitativer Methoden. Sie sind jedoch sehr hilfreich, wenn es darum geht, bestimmte damit gewonnene Erkenntnisse aposteriorisch zu verifizieren.<\/p>\n<p>Zum Einstieg benennen die Autoren zun\u00e4chst die bekannte Mischung aus Euphorie und Vorbehalten, die Literaturwissenschaftler gemeinhin bef\u00e4llt, wenn sie dem M\u00f6glichkeitsspektrum quantitativer Textanalysen nicht in sprachwissenschaftlichen Umgebungen, sondern ihrer eigenen Dom\u00e4ne begegnen. Besonders treibt sie die Frage um, wie sich das traditionell geisteswissenschaftliche Forschung auszeichnende Differenzierungsverm\u00f6gen und Gesp\u00fcr f\u00fcr die Zwischent\u00f6ne sowie die zwangsl\u00e4ufige Komplexit\u00e4t ihrer Fragestellungen in solchen Zusammenh\u00e4ngen abbilden lassen. Die Antwort ist nahezu trivial: Indem man diese Aspekte eben m\u00f6glichst ber\u00fccksichtigt und mit den Messverfahren integriert. Beide Aspekte sprechen jeweils einen anderen Bereich der Erkenntnisfindung an. Der Schl\u00fcssel liegt folglich darin, sie ihren St\u00e4rken gem\u00e4\u00df anzuwenden. Der Vorteil der messenden Durchdringung eines Korpus liegt in der vollst\u00e4ndigen Erfassung. Die St\u00e4rke der interpretierten Durchdringung von Texten liegt in der M\u00f6glichkeit, einen in sie eingebetteten Sinn zu verstehen und zu beschreiben. Die Kombination empirischer Parameter mit traditionellen Interpretationsverfahren erf\u00fcllt den Zweck einer wechselseitigen Kontrolle, wobei der Schwerpunkt auf der Pr\u00fcfung der Treffsicherheit einer Hypothese liegt.<\/p>\n<p>Wie sich das konkretisieren l\u00e4sst, illustrieren Heuser und Le-Khac am Beispiel des viktiorianischen Romans. F\u00fcr einen Bestand von 2779 britischen Titeln mit der Erscheinungszeit zwischen 1800-1900 analysieren sie die Entwicklung der Verwendung von Ausdr\u00fccken aus zwei semantischen Feldern in der Zeit. Sie unterscheiden Ausdr\u00fccke mit wertorientierter Bedeutung von solchen mit konkret beschreibender und spezifizierender Semantik. F\u00fcr das Korpus l\u00e4sst sich in der Zeitachse eine Verschiebung der H\u00e4ufigkeit des Auftretens vom ersten Typus zum zweiten feststellen. Der entscheidende Schritt der Analyse liegt nun in der Interpretation dieser Messreihe. Die gelingt nur \u00fcber die Verortung in einem \u00fcbergeordneten Kontext. Dieser aber wiederum wird nur aus einem entsprechenden, traditionell geisteswissenschaftlichen Vorwissen eingrenzbar.<\/p>\n<p>Der Interpretation geht folglich die Kombination verschiedener Parametern voraus. Je mehr Datenebenen kombiniert werden, so die sich erstaunlicherweise \u00fcberrascht zeigenden Autoren, desto enger wird der Spielraum, der f\u00fcr die Interpretation bleibt und desto pr\u00e4ziser kann diese ausfallen. Ob sie tats\u00e4chlich zutrifft ist freilich auch von einem soliden Forschungsdesign abh\u00e4ngig. Aber dies gilt ohnehin in jeder Wissenschaft. Empirisch wird im beschriebenen Beispielverfahren sichtbar, dass bestimmte Ausdr\u00fccke zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten H\u00e4ufigkeit verwendet wurden. \u00dcber das Abtragen auf der Zeitachse l\u00e4sst sich eine Variabilit\u00e4t darstellen, die man bei Bedarf wieder unter diversen Gesichtspunkten exakt ausmessen kann. Die Messung stellt eindeutige Verschiebungen im Wortgebrauch fest. Addiert man dazu die allgemeine kulturhistorische Dimensionalit\u00e4t mit Aspekten wie Landflucht, Verst\u00e4dterung, Industrialisierung und der damit verbundenen Erweiterung individueller Handlungsoptionen und -zw\u00e4nge, l\u00e4sst sich die These, dass der viktorianische Roman die sich im 18. Jahrhundert vollziehenden sozialen Ver\u00e4nderungen im Vereinigten K\u00f6nigreich auch auf der Ebene des Vokabulars spiegelt, sehr einsichtig erh\u00e4rten.<\/p>\n<p>Die Erkenntnis selbst ist vielleicht nicht sonderlich verbl\u00fcffend, sondern entspricht vielmehr dem Eindruck jedes Lesers, der sich diachron durch diese Literatur gearbeitet hat. Das eigentlich Neue ist jedoch, dass man diesen Eindruck nun mithilfe von Wortfrequenzanalysen eindeutig untermauern kann. Die mehrdimensionale Datenanalyse pr\u00fcft empirisch eine Hypothese, die durchaus auch streitbarer sein kann, als die von den Autoren beispielhaft durchgespielte.<\/p>\n<p>Verfahren der Digital Humanities l\u00f6sen, so auch die Argumentation der Autoren, die traditionellen Praxen der Geisteswissenschaft nicht etwa ab. Vielmehr setzen sie diese voraus. Die Anwendung solcher Verfahren erfordert ein breites grundst\u00e4ndiges Wissen auf dem Anwendungsgebiet. Eingebettet in ein korrektes Forschungsdesign erm\u00f6glichen sie jedoch eine empirische und \u00fcbergreifende Pr\u00fcfung von Hypothesen, wie sie ohne diese digitalen Mess- und Visualisierungswerkzeuge kaum m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">(Berlin, 15.11.2011)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im LIBREAS-Weblog pflegen wir seit einigen Jahren die Tradition annotierender Referate zu verschiedenen Publikationen, die sich von traditionellen Rezensionen dahingehend unterscheiden, dass sie einerseits eine perspektivische Lekt\u00fcre betonen und andererseits gern auch eher essayistisch ausgerichtet sind. Bisweilen finden sich in diesem Bereich auch Texte, die Themen aus dem Bereich der\u00a0Digital Humanities bzw. Digitalen Geisteswissenschaften ber\u00fchren [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[146,145,148,144,147],"class_list":["post-1061","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-reflektion","tag-distant-reading","tag-interpretation","tag-literaturgeschichte","tag-literaturwissenschaft","tag-methodologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1061","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1061"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1061\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1065,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1061\/revisions\/1065"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dhd-blog.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}